Rück­wir­ken­des Ereig­nis – und der maß­geb­li­che Zeit­punkt

Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für den Ein­tritt des rück­wir­ken­den Ereig­nis­ses ist nicht der Erlass des Beschei­des, mit dem die Bilanz­po­si­tio­nen erst­ma­lig kor­ri­giert wur­den, son­dern der Zeit­punkt in dem die Ände­run­gen Wirk­sam­keit erlan­gen. Wird der Bescheid gericht­lich ange­foch­ten, tritt die Wirk­sam­keit erst mit Rechts­kraft des Urteils ein.

Rück­wir­ken­des Ereig­nis – und der maß­geb­li­che Zeit­punkt

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­ho­fes ist die zur Grund­la­ge einer Steu­er-fest­set­zung oder geson­der­ten Gewinn­fest­stel­lung gewor­de­ne Kor­rek­tur des Wert­an­sat­zes für ein Wirt­schafts­gut, das Teil des Betriebs­ver­mö­gens am Schluss des Wirt­schafts­jah­res ist, ein rück­wir­ken­des Ereig­nis i. S. d. § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO für die Steu­er­fest­set­zung oder Gewinn­fest­stel­lung eines Fol­ge­jah­res, bei der sich der Wert­an­satz gewinn­er­hö­hend oder ‑min­dernd aus­wirkt 1. Bei Ein­tritt eines rück­wir­ken­den Ereig­nis­ses beginnt die Fest­set­zungs­frist neu zu lau­fen (§ 175 Abs.1 Satz 2 AO). Maß­ge­ben­der Zeit­punkt für den Beginn der Fest­set­zungs­frist für eine Ände­rung nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO ist der Erlass des Ver­an­la­gungs­be­schei­des, in dem die Kor­rek­tur des Betriebs­ver­mö­gens erst­ma­lig berück­sich­tigt wur­de 2.

Im vor­lie­gen­den Fall kommt es daher dar­auf an, wann die jetzt vor­ge­nom­me­ne Kor­rek­tur der Wert­an­sät­ze erst­ma­lig in einem Bescheid des Finanz­amts berück­sich­tigt wur­de. Das Finanz­ge­richt folgt nicht der Auf­fas­sung der Steu­er­schuld­ne­rin, dass auf den Erlass der (erst­ma­li­gen) Ände­rungs­be­schei­de nach der Betriebs­prü­fung am 08.03.2000 abge­stellt wer­den müs­se. Zwar hat das Finanz­amt in den geän­der­ten Beschei­den vom 08.03.2000 bereits ein­zel­ne Bilanz­po­si­tio­nen kor­ri­giert; die­se Beschei­de sind indes – wor­auf das Finanz­amt hin­ge­wie­sen hat – nicht bestands­kräf­tig gewor­den; die vom Finanz­amt vor­ge­nom­men Bilanz­kor­rek­tu­ren konn­ten daher zu die­sem Zeit­punkt noch kei­ne Wirk­sam­keit erlan­gen und damit auch noch kein rück­wir­ken­des Ereig­nis dar­stel­len. Dies unter­schei­det den vor­lie­gen­den Fall von der Ent­schei­dung des BFH 3, auf den sich die Steu­er­schuld­ne­rin zur Begrün­dung ihres Antra­ges stüt­zen will. Im vor­lie­gen­den Fall hat das Finanz­ge­richt im Urteil vom 14.06.2012 ver­bind­lich vor­ge­ge­ben, wie bestimm­te Grund­stü­cke zu bewer­ten und dass für ein­zel­ne Kom­man­di­tis­ten Ergän­zungs­bi­lan­zen zu bil­den sind. Die­se Kor­rek­tu­ren hat das Finanz­amt sodann in den Ände­rungs­be­schei­den vom 04.04.2013 vor­ge­nom­men. Dies ergibt sich aus­drück­lich aus den Erläu­te­run­gen zum Bescheid. Erst zu die­sem Zeit­punkt stan­den damit die end­gül­ti­gen Bilanz­kor­rek­tu­ren fest. Es han­delt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Steu­er­schuld­ne­rin nicht um zwei Kor­rek­tur­vor­gän­ge, son­dern ledig­lich um einen ein­heit­li­chen, wenn auch zeit­lich gestreck­ten. Erst durch den Bescheid vom 04.04.2013 für das Jahr 1995 – soweit der Zeit­raum bis zum 30.06.1995 betrof­fen war – konn­ten die vom Gericht ange­ord­ne­ten Bilanz­kor­rek­tu­ren Wirk­sam­keit erlan­gen. Anhalts­punk­te dafür, dass in die streit­ge­gen­ständ­li­chen Beschei­de wei­te­re, nicht in Umset­zung des Urteils vor­ge­nom­me­ne Ände­run­gen ein­ge­flos­sen sind, sind für das Gericht nicht ersicht­lich; sol­che hat die Steu­er­schuld­ne­rin auch nicht vor­ge­tra­gen.

Das Finanz­amt durf­te den Fest­stel­lungs­be­scheid 1995 gemäß § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO im Jahr 2015 ändern. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Steu­er­schuld­ne­rin hat­te der Antrags-geg­ner die Ände­rungs­mög­lich­keit noch nicht "ver­braucht", indem er den Bescheid am 04.04.2013 geän­dert hat. Die Ände­rung im Jahr 2013 betraf ledig­lich den Zeit­raum bis zum 30.06.1995; nur für die­sen Zeit­raum galt die gericht­lich ange­ord­ne­te Kor­rek­tur der Bilanz­an­sät­ze. Die­se Kor­rek­tur war sodann das rück­wir­ken­de Ereig­nis, um auch für den Zeit­raum 01.07. – 31.12.1995 die erfor­der­li­chen Ände­run­gen vor­neh­men zu kön­nen.

Somit begann die vier­jäh­ri­ge Fest­stel­lungs­frist bei Erlass des Ände­rungs­be­schei­des für das Jahr 1995 vom 04.04.2013 erneut zu lau­fen und war bei Erlass der streit­ge­gen­ständ­li­chen Ände­rungs­be­schei­de am 16.10.2015 noch nicht abge­lau­fen.

Finanz­ge­richt Meck­len­burg ‑Vor­pom­mern, Beschluss vom 20. Juni 2016 – 2 V 19/​16

  1. vgl. BFH, Urteil vom 19.08.1999 – IV R 73/​98, BFHE 190, 5, BSt­Bl II 2000, 18[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 30.06.2005 – IV R 11/​04, BFHE 210, 196, BSt­Bl II 2005, 808[]
  3. Urteil vom 30.06.2005 – IV R 11/​04, BFHE 210, 196, BSt­Bl II 2005, 809[]