Son­der­be­triebs­ein­nah­men durch Sti­pen­di­en­ge­wäh­rung an die Mit­un­ter­neh­mer einer GbR

Das einem Mit­un­ter­neh­mer gewähr­te Sti­pen­di­um ist als Son­der­be­triebs­ein­nah­me i.S. des. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 i.V.m. § 18 Abs. 4 Satz 2 EStG zu erfas­sen, wenn die durch das Sti­pen­di­um geför­der­te Tätig­keit des Mit­un­ter­neh­mers im Rah­men der Mit­un­ter­neh­mer­schaft mit deren Mit­teln betrie­ben wird.

Son­der­be­triebs­ein­nah­men durch Sti­pen­di­en­ge­wäh­rung an die Mit­un­ter­neh­mer einer GbR

Der Grund­satz von Treu und Glau­ben hin­dert das Finanz­amt nicht dar­an, Sti­pen­di­en­zah­lun­gen, die es bei der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung eines Mit­un­ter­neh­mers (rechts­ir­rig) als steu­er­freie Ein­nah­men i.S. des § 3 Nr. 44 EStG ange­se­hen hat, spä­ter in einem gemäß § 181 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 173 Abs. 1 AO geän­der­ten Fest­stel­lungs­be­scheid als Son­der­be­triebs­ein­nah­men des Mit­un­ter­neh­mers zu erfassen.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall waren die bei­den GbR-Gesell­schaf­ter jeweils zur Hälf­te an einer GbR betei­ligt. Die GbR, die im Jahr 2008 gegrün­det wor­den war und sich mit Soft­ware­ent­wick­lung befass­te, ermit­tel­te ihren Gewinn im Jahr 2010 (Streit­jahr) durch Ein­nah­men-Über­schuss-Rech­nung. Sie wur­de im Jahr 2012 rück­wir­kend zum 01.01.2012 in die 2011 neu gegrün­de­te B‑GmbH ein­ge­bracht. Die GbR-Gesell­schaf­ter hat­ten am 30.03.2010 mit der Uni­ver­si­tät C (Uni­ver­si­tät) jeweils Sti­pen­dia­ten­ver­trä­ge geschlos­sen, nach denen sie als Teil des Pro­gramms „Exis­tenz­grün­dun­gen aus der Wis­sen­schaft (EXIST)“ für die Zeit vom 01.04.2010 bis zum 31.03.2011 ein Sti­pen­di­um erhiel­ten. Die Sti­pen­di­en soll­ten der Ent­wick­lung und Rea­li­sie­rung eines Grün­dungs­vor­ha­bens die­nen, in des­sen Fokus die Ent­wick­lung einer Soft­ware stand. Dazu soll­te ‑wie es in den jewei­li­gen Sti­pen­dia­ten­ver­trä­gen hieß- ein For­schungs­pro­to­typ der Uni­ver­si­tät von den Grün­dern ‑den GbR-Gesell­schaf­tern- basie­rend auf aktu­el­ler Inter­net-Tech­no­lo­gie zu einem markt­rei­fen Pro­dukt aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Die Sti­pen­di­en soll­ten den Exis­tenz­grün­dern ermög­li­chen, sich ganz der Ver­fol­gung und Rea­li­sie­rung der Grün­dungs­idee zu wid­men. Die Sti­pen­di­en stell­ten ‑so die Sti­pen­dia­ten­ver­trä­ge- weder Ver­gü­tun­gen i.S. des § 611 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs noch Arbeits­ent­gelt i.S. des § 14 des Vier­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch dar, son­dern dien­ten ledig­lich der Siche­rung des Lebens­un­ter­halts und einer ange­mes­se­nen Absi­che­rung gegen das finan­zi­el­le Risi­ko von Krank­heit des Exis­tenz­grün­ders wäh­rend der Pha­se der Wei­ter­ver­fol­gung und Rea­li­sie­rung der Grün­dungs­idee (§ 2 der Ver­trä­ge). Gemäß § 3 der Sti­pen­dia­ten­ver­trä­ge obla­gen den Exis­tenz­grün­dern ver­schie­de­ne Pflich­ten, deren Erfül­lung Vor­aus­set­zung für die Aus­zah­lung der Sti­pen­di­en war (§ 5 der Ver­trä­ge). Die Grün­dung und Auf­nah­me der geplan­ten Geschäfts­tä­tig­keit wäh­rend der För­de­rung war zuläs­sig, aller­dings durf­te die­se bei Beginn des Sti­pen­di­ums noch nicht erfolgt sein.

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Die den GbR-Gesell­schaf­tern gewähr­ten Sti­pen­di­en kamen im Streit­jahr (GbR-Gesell­schaf­ter zu 1.: 18.000 €/GbR-Gesell­schaf­ter zu 2.: 16.800 €) sowie im Jahr 2011 (je 6.000 €) zur Aus­zah­lung. In der Erklä­rung zur geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung für das Streit­jahr, die die GbR im Okto­ber 2011 ein­reich­te, wur­den die an die GbR-Gesell­schaf­ter erfolg­ten Sti­pen­di­en­zah­lun­gen nicht ange­ge­ben. Dem­entspre­chend waren die Zah­lun­gen in dem Bescheid über die geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung von Besteue­rungs­grund­la­gen (Fest­stel­lungs­be­scheid) für das Streit­jahr vom 18.11.2011, den das Finanz­amt A erlas­sen hat­te, nicht berück­sich­tigt wor­den. Die­ser Bescheid wur­de bestands­kräf­tig. Aller­dings erklär­ten die GbR-Gesell­schaf­ter die Ein­künf­te aus den Sti­pen­di­en in ihren Ein­kom­men­steu­er­erklä­run­gen für das Streit­jahr. Das zustän­di­ge Finanz­amt A behan­del­te die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen in den Ein­kom­men­steu­er­be­schei­den 2010 vom 15.02.2012 bzw. 08.03.2012 als steu­er­freie Einnahme.

In einer aus Anlass der Betriebs­auf­ga­be bei der GbR durch das Finanz­amt A durch­ge­führ­ten Außen­prü­fung gelang­te die Prü­fe­rin zu der Auf­fas­sung, die Sti­pen­di­en sei­en als Son­der­be­triebs­ein­nah­men der GbR-Gesell­schaf­ter zu erfas­sen. Der bestands­kräf­ti­ge Fest­stel­lungs­be­scheid 2010 sei gemäß § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO zu ändern. Das Finanz­amt A folg­te die­ser Auf­fas­sung und erließ einen ent­spre­chend geän­der­ten Fest­stel­lungs­be­scheid für das Streit­jahr, in dem es dem GbR-Gesell­schaf­ter zu 1. Son­der­be­triebs­ein­nah­men in Höhe von 18.000 € und dem GbR-Gesell­schaf­ter zu 2. Son­der­be­triebs­ein­nah­men in Höhe von 16.800 € zurech­ne­te. Das erst­in­stanz­lich Finanz­ge­richt mit der hier­ge­gen gerich­te­ten Anfech­tungs­kla­ge befass­te Finanz­ge­richt Müns­ter hat den neu­en Fest­stel­lungs­be­scheid auf­ge­ho­ben1. Auf die Revi­si­on des Finanz­am­tes hob der Bun­des­fi­nanz­hof nun das finanz­ge­richt­li­che Urteil auf und wies die Kla­ge ab; das Finanz­ge­richt sei, so der Bun­des­fi­nanz­hof, bei der Prü­fung der Fra­ge, ob die strei­ti­gen Sti­pen­di­en­zah­lun­gen Son­der­be­triebs­ein­nah­men der GbR-Gesell­schaf­ter dar­stel­len, von einem unzu­tref­fen­den recht­li­chen Maß­stab aus­ge­gan­gen. Da der Bun­des­fi­nanz­hof man­gels hin­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt nicht abschlie­ßend beur­tei­len konn­te, ob die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen Son­der­be­triebs­ein­nah­men dar­stel­len, war die Sache zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Finanz­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FGO); das Finanz­ge­richt habe rechts­feh­ler­haft ange­nom­men, die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen sei­en nicht als Son­der­be­triebs­ein­nah­men i.S. des § 18 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG anzusehen:

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Das Finanz­ge­richt hat zwar zutref­fend erkannt, dass die strei­ti­gen Sti­pen­di­en­zah­lun­gen kei­ne Son­der­ver­gü­tun­gen i.S. des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG dar­stel­len, weil die Uni­ver­si­tät als Sti­pen­di­en­ge­be­rin nicht im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs2 in einen Leis­tungs­aus­tausch zwi­schen den GbR-Gesell­schaf­tern einer­seits und der GbR ande­rer­seits ein­ge­schal­tet war. Es hat jedoch unter Anwen­dung eines unzu­tref­fen­den recht­li­chen Maß­sta­bes ange­nom­men, die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen könn­ten man­gels Ver­an­las­sung durch das Gesell­schafts­ver­hält­nis auch kei­ne (sons­ti­gen) Son­der­be­triebs­ein­nah­men i.S. des § 18 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG sein.

Zu den mit­un­ter­neh­me­ri­schen Ein­künf­ten des Gesell­schaf­ters einer Per­so­nen­ge­sell­schaft i.S. des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG gehö­ren alle Ein­nah­men und Betriebs­aus­ga­ben, die ihre Ver­an­las­sung in der Betei­li­gung des Steu­er­pflich­ti­gen an der unter­neh­me­risch täti­gen Per­so­nen­ge­sell­schaft haben3. Als Son­der­be­triebs­ein­nah­men in die­sem Sin­ne sind auch Ein­nah­men zu qua­li­fi­zie­ren, die ein Mit­un­ter­neh­mer zwar im eige­nen Namen, aber mit Unter­stüt­zung der Mit­un­ter­neh­mer­schaft erzielt4.

Dem­entspre­chend ist auch das einem Mit­un­ter­neh­mer gewähr­te Sti­pen­di­um als Son­der­be­triebs­ein­nah­me zu erfas­sen, wenn die durch das Sti­pen­di­um geför­der­te Tätig­keit des Mit­un­ter­neh­mers im Rah­men der Mit­un­ter­neh­mer­schaft mit deren Mit­teln betrie­ben wird. Sti­pen­di­en die­nen regel­mä­ßig dazu, den Geför­der­ten bei der Umset­zung eines bestimm­ten For­schungs, Aus­bil­dungs- oder Grün­dungs­vor­ha­bens finan­zi­ell zu unter­stüt­zen. Sie stei­gern ‑auch soweit hier­von der Lebens­un­ter­halt bestrit­ten wird- die wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit des Sti­pen­dia­ten. Bedient sich der so Geför­der­te als Mit­un­ter­neh­mer der Mit­un­ter­neh­mer­schaft, um das geför­der­te Vor­ha­ben vor­an­zu­trei­ben, ist die Sti­pen­di­en­zah­lung durch das Gesell­schafts­ver­hält­nis veranlasst.

Das Finanz­ge­richt ist bei sei­ner Ent­schei­dung von ande­ren Grund­sät­zen aus­ge­gan­gen. Es hat maß­geb­lich dar­auf abge­stellt, dass die GbR nicht selbst Par­tei der Sti­pen­dia­ten­ver­trä­ge war und sich die GbR-Gesell­schaf­ter nicht (för­der­schäd­lich) als Mit­un­ter­neh­mer der GbR ver­pflich­tet hat­ten, das Pro­jekt in der bei Sti­pen­dien­be­ginn bereits bestehen­den GbR wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und zur Markt­rei­fe zu brin­gen. Hier­aus folgt indes nicht, dass kei­ne Son­der­be­triebs­ein­nah­men gege­ben sein könn­ten. Denn die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen wären als Son­der­be­triebs­ein­nah­men zu qua­li­fi­zie­ren, wenn die GbR-Gesell­schaf­ter die Ent­wick­lung des geför­der­ten Pro­jek­tes zwar in eige­nem Namen, jedoch mit Mit­teln ‑ins­be­son­de­re der tech­ni­schen Aus­stat­tung- der GbR betrie­ben hät­ten5. Dass dies der Fall war, kann auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Zu dem Zeit­punkt, zu dem sich die GbR-Gesell­schaf­ter ver­trag­lich ver­pflich­tet hat­ten, den For­schungs­pro­to­ty­pen der Uni­ver­si­tät gemein­sam zu einem markt­rei­fen Pro­dukt aus­zu­ar­bei­ten, waren sie allei­ni­ge Gesell­schaf­ter der bereits erfolg­reich im Bereich der Soft­ware­ent­wick­lung täti­gen GbR. Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint es ‑unge­ach­tet einer etwai­gen För­der­schäd­lich­keit- kei­nes­falls aus­ge­schlos­sen, dass sie das geför­der­te Pro­jekt in der GbR wei­ter­ent­wi­ckelt und sich hier­zu der Res­sour­cen der GbR bedient haben.

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Die vor­lie­gen­de Sache war jedoch noch nicht spruch­reif. Der Bun­des­fi­nanz­hof kann man­gels hin­rei­chen­der Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt nicht ent­schei­den, ob die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen als Son­der­be­triebs­ein­nah­men zu qua­li­fi­zie­ren sind. Das Finanz­ge­richt wird im zwei­ten Rechts­gang die tat­säch­li­chen Umstän­de der Umset­zung des geför­der­ten Grün­dungs­vor­ha­bens durch die GbR-Gesell­schaf­ter näher auf­zu­klä­ren haben.

Zudem weist der Bun­des­fi­nanz­hof dar­auf hin, dass die Auf­he­bung des Fest­stel­lungs­be­schei­des vom 17.05.2013 nicht schon aus ver­fah­rens­recht­li­chen Grün­den gebo­ten ist.

Die Erfas­sung von Son­der­be­triebs­ein­nah­men der GbR-Gesell­schaf­ter war nicht in einem Ergän­zungs­be­scheid gemäß § 179 Abs. 3 AO nach­zu­ho­len, denn in dem Fest­stel­lungs­be­scheid vom 18.11.2011 ist kei­ne not­wen­di­ge Fest­stel­lung von Son­der­be­triebs­ein­nah­men unter­blie­ben. Aus der inso­weit maß­geb­li­chen Sicht der GbR-Gesell­schaf­ter, die kei­ne ent­spre­chen­den Son­der­be­triebs­ein­nah­men erklärt hat­ten, war der in die­sem Punkt erklä­rungs­ge­mä­ße Bescheid nicht lücken­haft6.

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Ände­rung des Fest­stel­lungs­be­schei­des vom 18.11.2011 gemäß § 181 Abs. 1 Satz 1, § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO lagen vor.

Gemäß § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO sind Steu­er­be­schei­de auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt wer­den, die zu einer höhe­ren Steu­er füh­ren. § 173 Abs. 1 AO gilt nach § 181 Abs. 1 Satz 1 AO sinn­ge­mäß auch für Fest­stel­lungs­be­schei­de. Für die Fra­ge, ob eine nach­träg­lich bekannt gewor­de­ne Tat­sa­che zu einer höhe­ren (§ 173 Abs. 1 Nr. 1 AO) oder nied­ri­ge­ren (§ 173 Abs. 1 Nr. 2 AO) „Steu­er“ führt, kommt es bei der geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung von ertrag­steu­er­recht­li­chen Besteue­rungs­grund­la­gen einer Per­so­nen­ge­sell­schaft nach § 180 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a AO (Gewinn­fest­stel­lung) dar­auf an, ob und wie sich die Besteue­rungs­grund­la­gen für jeden ein­zel­nen Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten erhö­hen oder ver­rin­gern. Die steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen in den Fol­ge­be­schei­den sind dem­ge­gen­über für eine Ände­rung der Gewinn­fest­stel­lung (Grund­la­gen­be­scheid i.S. von § 171 Abs. 10, § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, § 182 Abs. 1 Satz 1 AO) nach § 173 Abs. 1 AO nicht maß­geb­lich. Danach ist nach § 181 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO ein Gewinn­fest­stel­lungs­be­scheid auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt wer­den, die zu einer Erhö­hung der Besteue­rungs­grund­la­gen bei jeden­falls einem Fest­stel­lungs­be­tei­lig­ten füh­ren7.

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Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind ‑stell­ten die Sti­pen­di­en­zah­lun­gen Son­der­be­triebs­ein­nah­men dar- erfüllt. Dem Finanz­amt A ist erst­mals mit der Abga­be der Ein­kom­men­steu­er­erklä­run­gen 2010 durch die GbR-Gesell­schaf­ter im Febru­ar 2012 ‑und damit nach dem Erlass des Fest­stel­lungs­be­schei­des vom 18.11.2011- bekannt gewor­den, dass die GbR-Gesell­schaf­ter Sti­pen­di­en bezo­gen haben. Die­se nach­träg­lich bekannt gewor­de­ne Tat­sa­che führt zu einer Erhö­hung der Besteue­rungs­grund­la­gen, denn die Sti­pen­di­en sind nicht als steu­er­freie Ein­nah­men zu qua­li­fi­zie­ren. Die Steu­er­be­frei­ung des § 3 Nr. 44 EStG greift nicht ein, da der Zweck eines EXIST-Grün­dersti­pen­di­ums nicht unter die dort genann­ten begüns­tig­ten För­de­rungs­zwe­cke fällt (vgl. BFH, Beschluss vom 01.10.2012 – III B 128/​11, BFH/​NV 2013, 29)).

Die Ände­rung des ursprüng­li­chen Fest­stel­lungs­be­schei­des ist auch nicht nach dem Grund­satz von Treu und Glau­ben ausgeschlossen.

Wird dem Finanz­amt eine Tat­sa­che nach­träg­lich bekannt, so ist eine Ände­rung eines bestands­kräf­ti­gen Beschei­des gemäß § 173 Abs. 1 AO nach Treu und Glau­ben aus­ge­schlos­sen, wenn die Tat­sa­che dem Finanz­amt bei ord­nungs­ge­mä­ßer Erfül­lung sei­ner Ermitt­lungs­pflicht (§ 88 AO) nicht ver­bor­gen geblie­ben wäre. Ein­deu­ti­gen Steu­er­erklä­run­gen muss das Finanz­amt aller­dings nicht mit Miss­trau­en begeg­nen; es kann regel­mä­ßig von deren Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit aus­ge­hen. Nur wenn sich Unklar­hei­ten oder Zwei­fels­fra­gen auf­drän­gen, ist das Finanz­amt zu Ermitt­lun­gen ver­pflich­tet. Ande­rer­seits muss auch der Steu­er­pflich­ti­ge sei­ne Mit­wir­kungs­pflich­ten (§ 90 AO) erfüllt haben8.

Eine der­ar­ti­ge Ver­let­zung der Ermitt­lungs­pflicht des Finanz­amt A liegt nicht vor. Für das Finanz­amt A bestand auf­grund der von der GbR ein­ge­reich­ten Fest­stel­lungs­er­klä­rung für das Streit­jahr, die kei­ne Anga­ben zu den Sti­pen­di­en ent­hielt, kein Anlass, den Sach­ver­halt in Bezug auf etwai­ge Son­der­be­triebs­ein­nah­men der Gesell­schaf­ter wei­ter aufzuklären.

Der Umstand, dass die Sti­pen­di­en bei der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung der GbR-Gesell­schaf­ter (rechts­ir­rig) als steu­er­freie Ein­nah­men beur­teilt wor­den sind, steht der Ände­rung des Fest­stel­lungs­be­schei­des vom 18.11.2011 eben­falls nicht entgegen.

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Der Grund­satz von Treu und Glau­ben kann ein bestehen­des kon­kre­tes Steu­er­rechts­ver­hält­nis dahin­ge­hend modi­fi­zie­ren, dass eine For­de­rung nicht mehr gel­tend gemacht bzw. ein Recht nicht mehr aus­ge­übt wer­den kann9. Die Ver­drän­gung gesetz­ten Rechts durch den Grund­satz von Treu und Glau­ben kommt aller­dings nur in beson­ders gela­ger­ten Fäl­len in Betracht, in denen das Ver­trau­en des Steu­er­pflich­ti­gen in ein bestimm­tes Ver­hal­ten der Ver­wal­tung nach dem all­ge­mei­nen Rechts­ge­fühl in einem so hohen Maße schutz­wür­dig ist, dass dem­ge­gen­über die Grund­sät­ze der Gesetz­mä­ßig­keit der Ver­wal­tung zurück­tre­ten müs­sen10.

Hier­an fehlt es im Streit­fall. Die Behand­lung der Sti­pen­di­en­zah­lun­gen im Rah­men ihrer Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gun­gen durch das Finanz­amt A ist nicht geeig­net, bei den GbR-Gesell­schaf­tern ein der­ar­ti­ges, beson­ders schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en zu begrün­den, wel­ches es recht­fer­tigt, die Zah­lun­gen auch im Rah­men der geson­der­ten und ein­heit­li­chen Fest­stel­lung der Besteue­rungs­grund­la­gen der GbR außer Acht zu lassen.

Dies folgt bereits aus dem gesetz­li­chen Ver­hält­nis von Grund­la­gen- und Fol­ge­be­scheid. In dem Fest­stel­lungs­be­scheid (als Grund­la­gen­be­scheid) sind (u.a.) die ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen Ein­künf­te mit Bin­dungs­wir­kung für den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid (als Fol­ge­be­scheid) fest­zu­stel­len (vgl. § 180 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a, § 182 Abs. 1 AO). Auch über die Fra­ge, ob die strei­ti­gen Sti­pen­di­en­zah­lun­gen als Son­der­be­triebs­ein­nah­men der GbR-Gesell­schaf­ter zu qua­li­fi­zie­ren sind, ist allein im Fest­stel­lungs­be­scheid zu ent­schei­den, und zwar mit bin­den­der Wir­kung für den Ein­kom­men­steu­er­be­scheid. Die (rechts­ir­ri­ge) Ein­ord­nung der Sti­pen­di­en als steu­er­freie Ein­nah­men der GbR-Gesell­schaf­ter im Rah­men der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung kann hier­an auch unter Berück­sich­ti­gung des Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben nichts ändern, zumal im Streit­fall im Rah­men der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung allein die Fra­ge einer etwai­gen Steu­er­frei­heit der Sti­pen­di­en, nicht hin­ge­gen eine Zuord­nung der Zah­lun­gen zu den Son­der­be­triebs­ein­nah­men der GbR-Gesell­schaf­ter geprüft wurde.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. März 2021 – VIII R 47/​18

  1. FG Müns­ter, Urteil vom 13.04.2018 – 14 K 3906/​14 F, EFG 2018, 1089[]
  2. z.B. BFH, Urtei­le vom 14.02.2006 – VIII R 40/​03, BFHE 212, 270, BStBl II 2008, 182; vom 07.12.2004 – VIII R 58/​02, BFHE 208, 541, BStBl II 2005, 390; vom 14.03.2012 – X R 24/​10, BFHE 236, 528, BStBl II 2012, 498[]
  3. z.B. BFH, Urteil vom 22.06.2006 – IV R 56/​04, BFHE 214, 226, BStBl II 2006, 838, m.w.N.; vgl. auch Kanz­ler in Herrmann/​Heuer/​Raupach ‑HHR‑, § 4 EStG Rz 565; Bod­den in Korn, § 15 EStG Rz 709; Krumm in Kirch­hof, EStG, 19. Aufl., § 15 Rz 340[]
  4. vgl. z.B. HHR/​Kanzler, § 4 EStG Rz 565, und Blümich/​Bode, § 15 EStG Rz 530, jeweils unter Ver­weis auf BFH, Urteil vom 11.07.1985 – IV R 61/​83, BFHE 144, 151, BStBl II 1985, 577[]
  5. im Ergeb­nis Son­der­be­triebs­ein­nah­men beja­hend: Krumm in Kirch­hof, a.a.O., § 15 Rz 340; Schmidt/​Wacker, EStG, 39. Aufl., § 15 Rz 648; ande­rer Ansicht Bod­den in Korn, § 15 EStG Rz 713; Rie­del, Deut­sche Steu­er-Zei­tung 2018, 628[]
  6. vgl. im Ein­zel­nen z.B. BFH, Urtei­le vom 03.03.2011 – IV R 8/​08, BFH/​NV 2011, 1649; vom 23.08.2011 – IX R 8/​11, BFH/​NV 2012, 2; vgl. zum Fall der Nicht­er­klä­rung und Nicht­er­fas­sung von Son­der­be­triebs­aus­ga­ben bzw. ‑wer­bungs­kos­ten BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2012, 2; vom 26.04.2012 – IV R 19/​09, BFH/​NV 2012, 1569; vom 25.02.2009 – IX R 43/​07, BFH/​NV 2009, 1235; vgl. auch Anwen­dungs­er­lass zur Abga­ben­ord­nung ‑AEAO- zu § 179 Rz 2 für zu Unrecht unter­blie­be­ne Berück­sich­ti­gung von Son­der­be­triebs­ein­nah­men und ‑aus­ga­ben; unklar inso­weit AEAO zu § 180 Rz 1; vgl. auch v. Wedel­städt, Der AO-Steu­er-Bera­ter 2012, 83, 85; ande­rer Ansicht wohl Kunz in Gosch, § 179 AO Rz 61[]
  7. vgl. BFH, Urteil in BFHE 270, 87, BStBl II 2021, 197, m.w.N.[]
  8. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 05.12.2002 – IV R 58/​01, BFH/​NV 2003, 588, m.w.N.; vom 12.07.2001 – VII R 68/​00, BFHE 196, 317, BStBl II 2002, 44[]
  9. z.B. BFH, Urteil vom 01.12.2015 – VII R 44/​14, BFH/​NV 2016, 881, m.w.N.[]
  10. vgl. hier­zu im Ein­zel­nen z.B. BFH, Urtei­le vom 06.07.2016 – X R 57/​13, BFHE 256, 1, BStBl II 2017, 334; vom 25.06.2014 – X R 16/​13, BFHE 246, 172, BStBl II 2014, 889[]

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Die Insolvenz eines GbR-Gesellschafters im laufenden Zivilprozess