Teil­wert­ab­schrei­bung einer unver­zins­li­chen For­de­rung

Die auf der Unver­zins­lich­keit einer im Anla­ge­ver­mö­gen gehal­te­nen For­de­rung (hier: Dar­le­hens­for­de­rung gegen eine Toch­ter­ge­sell­schaft) beru­hen­de Teil­wert­min­de­rung ist kei­ne vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Wert­min­de­rung und recht­fer­tigt des­halb kei­ne Teil­wert­ab­schrei­bung.

Teil­wert­ab­schrei­bung einer unver­zins­li­chen For­de­rung

Nach § 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 EStG 2002 sind die nicht in § 6 Abs. 1 Nr. 1 EStG 2002 genann­ten Wirt­schafts­gü­ter –u.a. nicht der Abnut­zung unter­lie­gen­de Wirt­schafts­gü­ter des Anla­ge­ver­mö­gens wie die streit­ge­gen­ständ­li­che Dar­le­hens­for­de­rung– grund­sätz­lich mit den Anschaf­fungs- oder Her­stel­lungs­kos­ten anzu­set­zen. Die­se ent­spre­chen bei einer For­de­rung auch dann deren Nomi­nal­be­trag, wenn das Dar­le­hen unver­zins­lich ist 1. Jedoch kann an Stel­le jener Kos­ten der Teil­wert i.S. des § 6 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 EStG 2002 ange­setzt wer­den, wenn er auf­grund einer vor­aus­sicht­lich dau­ern­den Wert­min­de­rung nied­ri­ger ist (§ 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 2 EStG 2002). Eine sol­che Teil­wert­ab­schrei­bung macht die Klä­ge­rin im Streit­fall gel­tend.

Der Teil­wert ent­spricht dem Betrag, den ein Erwer­ber des gan­zen Betriebs im Rah­men des Gesamt­kauf­prei­ses für das ein­zel­ne Wirt­schafts­gut anset­zen wür­de (§ 6 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 EStG 2002). Der Teil­wert einer unver­zins­li­chen oder nied­rig ver­zins­ten For­de­rung, mit deren Befrie­di­gung erst in gerau­mer Zeit gerech­net wer­den kann, liegt in der Regel unter­halb ihres Nomi­nal­werts. Sie ist weni­ger wert als eine nomi­nal gleich hohe For­de­rung, die kurz­fris­tig ein­ge­zo­gen wer­den kann. Das gilt nicht nur aus Sicht des Erwer­bers einer Ein­zel­for­de­rung, son­dern in glei­cher Wei­se auch aus der des Erwer­bers eines gesam­ten Unter­neh­mens, zu des­sen Ver­mö­gen die For­de­rung gehört. Der Teil­wert unver­zins­li­cher Dar­le­hen ist des­halb grund­sätz­lich durch Abzin­sung der künf­ti­gen Rück­zah­lung zu ermit­teln 2.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten aller­dings nicht aus­nahms­los. So kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs im Fall der Betriebs­auf­spal­tung die Teil­wert­ab­schrei­bung eines eigen­ka­pi­ta­ler­set­zen­den Dar­le­hens, das der Betriebs­ka­pi­tal­ge­sell­schaft vom Gesell­schaf­ter des Besitz­un­ter­neh­mens gewährt wur­de, nicht auf die Unver­zins­lich­keit der Dar­le­hens­for­de­rung gestützt wer­den 3. Die­se Recht­spre­chung hat die Vor­in­stanz dahin fort­ent­wi­ckelt, dass auch die Unver­zins­lich­keit des Gesell­schaf­ter­dar­le­hens eines Allein­ge­sell­schaf­ters einer Kapi­tal­ge­sell­schaft grund­sätz­lich nicht zu einer Min­de­rung des Teil­werts der Dar­le­hens­for­de­rung füh­ren kön­ne, und zwar unab­hän­gig davon, ob die For­de­rung eigen­ka­pi­ta­ler­set­zen­den Cha­rak­ter habe oder nicht 4.

Ob dem zu fol­gen ist, bedarf für den Bun­des­fi­nanz­hof im Streit­fall kei­ner Ent­schei­dung. Denn selbst wenn die Unver­zins­lich­keit des Gesell­schaf­ter­dar­le­hens eines Allein­ge­sell­schaf­ters zu einer Min­de­rung des Teil­werts der Dar­le­hens­for­de­rung füh­ren könn­te, wäre eine sol­che Wert­min­de­rung jeden­falls nicht "vor­aus­sicht­lich dau­ernd" i.S. von § 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 2 EStG 2002 und dürf­te des­halb nicht berück­sich­tigt wer­den.

Der Begriff "vor­aus­sicht­lich dau­ern­de Wert­min­de­rung" ist weder im Han­dels­ge­setz­buch noch im Steu­er­recht defi­niert. Er bezeich­net im Grund­satz eine Min­de­rung des Teil­werts (han­dels­recht­lich: des bei­zu­le­gen­den Werts), die einer­seits nicht end­gül­tig sein muss, ande­rer­seits aber nicht nur vor­über­ge­hend sein darf. Ob eine Wert­min­de­rung "vor­aus­sicht­lich dau­ernd" ist, muss unter Berück­sich­ti­gung der Eigen­art des jeweils in Rede ste­hen­den Wirt­schafts­guts beur­teilt wer­den 5.

In Bezug auf gesun­ke­ne Wech­sel­kur­se von fest­ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren hat der Bun­des­fi­nanz­hof die Dau­er­haf­tig­keit der Wert­min­de­rung mit der Begrün­dung ver­neint, dass der Inha­ber eines sol­chen Papiers unab­hän­gig vom Ver­lauf des Wech­sel­kur­ses das gesi­cher­te Recht hat, am Ende der Lauf­zeit des Wert­pa­piers des­sen Nomi­nal­wert zu erhal­ten 6. Die­se Über­le­gung ist auf eine Wert­min­de­rung, die auf der Unver­zins­lich­keit einer noch nicht fäl­li­gen For­de­rung beruht, zu über­tra­gen: Auch in die­sem Fall ist zwar der aktu­el­le Wert der For­de­rung zu den Bilanz­stich­ta­gen, die vor dem Fäl­lig­keits­zeit­punkt lie­gen, gemin­dert. Jedoch steigt der Wert in der Fol­ge zwangs­läu­fig suk­zes­si­ve an und erreicht im Fäl­lig­keits­zeit­punkt den Nomi­nal­be­trag der For­de­rung. Der For­de­rungs­in­ha­ber hat mit­hin auch in die­sem Fall die gesi­cher­te Aus­sicht, zum Fäl­lig­keits­zeit­punkt den Nomi­nal­wert der For­de­rung zu erhal­ten. Die mit dem Feh­len der Fäl­lig­keit einer unver­zins­li­chen For­de­rung ver­bun­de­ne Wert­min­de­rung erweist sich somit unter dem zeit­li­chen Blick­win­kel jeden­falls dann, wenn sich dar­in nicht ein Risi­ko hin­sicht­lich der Rück­zah­lung wider­spie­gelt, als nur vor­über­ge­hend und folg­lich als nicht dau­er­haft 7.

Aller­dings besteht der Unter­schied, dass sowohl die aktu­el­le Min­de­rung als auch der zu pro­gnos­ti­zie­ren­de Anstieg des Teil­werts im Fal­le der unver­zins­li­chen Dar­le­hens­for­de­rung nicht –wie bei den fest­ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren– auf Ver­än­de­run­gen des all­ge­mei­nen Markt­ge­sche­hens beru­hen, son­dern bere­chen­bar sind und dass der suk­zes­si­ve Anstieg des Teil­werts line­ar ver­läuft. Dies recht­fer­tigt jedoch kei­ne unter­schied­li­che Beur­tei­lung der Dau­er­haf­tig­keit der Wert­min­de­rung. Ins­be­son­de­re bedeu­tet die Über­tra­gung der zu den fest­ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren ent­wi­ckel­ten Über­le­gun­gen auf unver­zins­li­che For­de­run­gen kei­ne Abkehr von dem Grund­satz, nach dem die Dau­er­haf­tig­keit der Wert­min­de­rung kei­ne end­gül­ti­ge Wert­min­de­rung vor­aus­setzt 8. Denn die Dau­er­haf­tig­keit der Wert­min­de­rung wird danach nur aus­ge­schlos­sen, wenn fest­steht, dass die Wert­min­de­rung kei­nen Bestand haben wird und nicht schon dann, wenn nur die Mög­lich­keit einer voll­stän­di­gen Wert­auf­ho­lung besteht.

Nichts Gegen­tei­li­ges ergibt sich aus dem Umstand, dass mit Abschluss des Dar­le­hens­ver­tra­ges bereits end­gül­tig fest­ge­stan­den hat, dass das Dar­le­hens­ge­schäft im Streit­fall jeden­falls iso­liert betrach­tet für sie ein Ver­lust­ge­schäft sein wür­de. Denn das Erfor­der­nis der Dau­er­haf­tig­keit der Wert­min­de­rung nach § 6 Abs. 1 Nr. 2 Satz 2 EStG 2002 bezieht sich nur auf den Teil­wert des betref­fen­den Wirt­schafts­guts –hier der For­de­rung auf Rück­zah­lung der Dar­le­hens­sum­me– und nicht dar­auf, ob das der Anschaf­fung des Wirt­schafts­guts zugrun­de lie­gen­de Rechts­ge­schäft wirt­schaft­lich vor­teil­haft oder nach­tei­lig für den Bilan­zie­ren­den ist. Dass die Aus­rei­chung des unver­zins­li­chen Dar­le­hens für die Klä­ge­rin wirt­schaft­lich nach­tei­lig gewe­sen sein mag, ändert nichts dar­an, dass zum Bilanz­stich­tag davon aus­zu­ge­hen war, der Teil­wert der Rück­zah­lungs­for­de­rung wer­de zum Fäl­lig­keits­zeit­punkt ihrem Nomi­nal­wert ent­spre­chen und die momen­ta­ne Wert­min­de­rung wer­de mit­hin nicht von Dau­er sein.

Auch die Tat­sa­che, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs die B‑GmbH als Dar­le­hens­neh­me­rin in ihrer Bilanz die Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung nach Maß­ga­be des § 6 Abs. 1 Nr. 3 Satz 1 EStG 2002 unge­ach­tet des­sen abzu­zin­sen hat, dass es sich um ein Gesell­schaf­ter­dar­le­hen han­delt, lässt den Aus­schluss einer Teil­wert­ab­schrei­bung hin­sicht­lich der Rück­zah­lungs­for­de­rung nicht ent­fal­len. Die sich dar­aus erge­ben­de Asym­me­trie, die z.T. als "umge­kehr­te Impa­ri­tät" bezeich­net wird 9, ist den gesetz­li­chen Rege­lun­gen imma­nent. Ein über­ge­ord­ne­tes Kor­re­spon­denz­prin­zip, durch das sich ein der­ar­ti­ges Ergeb­nis ver­hin­dern lie­ße, exis­tiert nicht 10.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Okto­ber 2012 – I R 43/​11

  1. BFH, Urteil vom 24.10.2006 – I R 2/​06, BFHE 215, 230, BSt­Bl II 2007, 469[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 215, 230, BSt­Bl II 2007, 469[]
  3. BFH, Urtei­le vom 10.11.2005 – IV R 13/​04, BFHE 211, 294, BSt­Bl II 2006, 618; vom 14.10.2009 – X R 45/​06, BFHE 227, 50, BSt­Bl II 2010, 274[]
  4. eben­so FG Mün­chen, Urteil vom 10.10.2006 – 2 K 667/​06 [nach­fol­gend BFH, Beschluss vom 28.08.2007 – IV B 120/​06, BFH/​NV 2008, 204]; für kapi­ta­ler­set­zen­de Dar­le­hen auch Nds. FG, Urteil vom 17.11.2011 – 6 K 320/​09; vgl. auch Was­ser­mey­er, DB 2006, 296, 297[]
  5. BFH, Urtei­le vom 27.11.1974 – I R 123/​73, BFHE 114, 415, BSt­Bl II 1975, 294; vom 08.06.2011 – I R 98/​10, BFHE 234, 137, BSt­Bl II 2012, 716[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 234, 137, BSt­Bl II 2012, 716[]
  7. eben­so Hoff­mann, DB 2009, 2757, 2758; Hoffmann/​Lüdenbach, NWB Kom­men­tar Bilan­zie­rung, 3. Aufl., § 255 Rz 155; a.M. für lang­fris­ti­ge For­de­run­gen Schmidt/​Kulosa, Ein­kom­men­steu­er­ge­setz, 31. Aufl., § 6 Rz 296; Kleinle/​Dreixler in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 6 EStG Rz 913[]
  8. so aber Tie­de, Steu­er- und Bilanz­pra­xis 2012, 506, 507 f.[]
  9. Hoff­mann, DB 2009, 2757, 2758; Buciek, Finanz-Rund­schau 2010, 341, 342[]
  10. vgl. Gosch, BFH/​PR 2010, 46[]