Ver­lust­fest­stel­lung in der Kom­man­dit­ge­sell­schaft

Der Bescheid über die geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung der Ein­künf­te i.S. der §§ 179 Abs. 1 und Abs. 2, 180 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a AO ist Grund­la­gen­be­scheid i.S. der §§ 171 Abs. 10 Satz 1, 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO für die Fest­stel­lung i.S. des § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG, soweit er den Anteil eines Gesell­schaf­ters am Steu­er­bi­lanz­ge­winn der Gesell­schaft und das etwai­ge Ergeb­nis aus Ergän­zungs­bi­lan­zen fest­stellt, die zusam­men den Gewinn­an­teil i.S. des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Halb­satz 1 EStG aus­ma­chen1.

Ver­lust­fest­stel­lung in der Kom­man­dit­ge­sell­schaft

Eben­so ist aber auch der Bescheid über die Fest­stel­lung des ver­re­chen­ba­ren Ver­lusts i.S. des § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG Grund­la­gen­be­scheid für die Fest­stel­lung der bei der Ver­an­la­gung der Gesell­schaf­ter anzu­set­zen­den steu­er­pflich­ti­gen Ein­künf­te gemäß §§ 179 Abs. 1 und Abs. 2, 180 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a AO, da er Bin­dungs­wir­kung hin­sicht­lich der Aus­gleichs­fä­hig­keit des Ver­lusts ent­fal­tet. Denn ein Ver­lust kann nicht gleich­zei­tig nur ver­re­chen­bar und beim sel­ben Kom­man­di­tis­ten aus­gleichs­fä­hig sein2.

Im Fest­stel­lungs­be­scheid nach § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG sind des­halb die Fest­stel­lun­gen dar­über zu tref­fen, inwie­weit der nach § 15a Abs. 1 EStG nicht aus­gleichs- oder abzugs­fä­hi­ge Ver­lust eines Kom­man­di­tis­ten, ver­min­dert um die nach § 15a Abs. 2 EStG abzu­zie­hen­den Beträ­ge und ver­mehrt um die nach § 15a Abs. 3 EStG hin­zu­zu­rech­nen­den Beträ­ge, ver­re­chen­bar ist.

Die­se im Fest­stel­lungs­be­scheid nach § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG ermit­tel­ten Beträ­ge nach § 15a Abs. 1 bis 3 EStG flie­ßen wie­der­um in die geson­der­te und ein­heit­li­che Fest­stel­lung des Gewinns bzw. des aus­gleichs- und abzugs­fä­hi­gen Ver­lusts des Kom­man­di­tis­ten gemäß § 180 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a AO ein3.

Das Finanz­amt durf­te daher im Rah­men der Fest­stel­lun­gen der den Gesell­schaf­tern zuzu­wei­sen­den aus­gleichs­fä­hi­gen Ver­lus­te nicht inzi­dent über das Vor­lie­gen ver­re­chen­ba­rer Ver­lus­te ent­schei­den.

Eine Ent­schei­dung ohne ent­spre­chen­den Grund­la­gen­be­scheid gemäß § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG war auch nicht gemäß § 155 Abs. 2 AO mög­lich. Danach kann das Finanz­amt einen Fol­ge­be­scheid erlas­sen, wenn ein Grund­la­gen­be­scheid noch nicht ergan­gen ist. Der Anwen­dungs­be­reich des § 155 Abs. 2 AO ist aber nur eröff­net, wenn das Finanz­amt im Hin­blick auf die in einem Grund­la­gen­be­scheid zu tref­fen­de Fest­stel­lung nur eine vor­läu­fi­ge Maß­nah­me tref­fen woll­te4. Zudem darf das Finanz­amt von einer gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen geson­der­ten Fest­stel­lung nur abse­hen, wenn es den Grund­la­gen­be­scheid nicht ohne Wei­te­res erlas­sen könn­te5. Bei­de Vor­aus­set­zun­gen lagen im Streit­fall nicht vor. Es war dem Finanz­amt ohne Wei­te­res mög­lich, einen (ord­nungs­ge­mä­ßen) Fest­stel­lungs­be­scheid gemäß § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG zu erlas­sen. Das Finanz­amt woll­te auch ersicht­lich kei­ne vor­läu­fi­ge Rege­lung tref­fen, da es irri­ger­wei­se davon aus­ge­gan­gen ist, dass es eine ent­spre­chen­de Fest­stel­lung bereits getrof­fen hat­te.

Das Finanz­ge­richt hät­te daher das vor­lie­gen­de Kla­ge­ver­fah­ren gemäß § 74 FGO aus­set­zen müs­sen, bis das Finanz­amt mit Fest­stel­lungs­be­scheid nach § 15a Abs. 4 Satz 1 EStG über die Höhe der auf die ein­zel­nen Gesell­schaf­ter ent­fal­len­den ver­re­chen­ba­ren Ver­lus­te ent­schie­den hat. Die­ser Ver­fah­rens­feh­ler ist von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. August 2015 – IV R 41/​12

  1. BFH, Urteil vom 22.06.2006 – IV R 31, 32/​05, BFHE 214, 239, BSt­Bl II 2007, 687, m.w.N.
  2. BFH, Urteil in BFHE 214, 239, BSt­Bl II 2007, 687, mit umfang­rei­chen Nach­wei­sen
  3. BFH, Urteil in BFHE 214, 239, BSt­Bl II 2007, 687
  4. BFH, Urteil vom 09.02.2005 – X R 52/​03, BFH/​NV 2005, 1235, m.w.N.
  5. BFH, Urteil vom 08.10.1986 – I R 155/​84, BFH/​NV 1987, 564
  6. vgl. BFH, Urteil vom 14.02.2008 – IV R 44/​05, BFH/​NV 2008, 1156, m.w.N.