Wesent­li­che Betei­li­gung und das Gesamt­ver­trags­kon­zept bei mehr­ak­ti­ger Anteils­über­tra­gung

Wer­den im Rah­men meh­re­rer zeit­gleich abge­schlos­se­ner, kor­re­spon­die­ren­der Ver­trä­ge GmbH-Antei­le über­tra­gen und deren Höhe durch eine Kapi­tal­erhö­hung auf genau 25 % redu­ziert, so ver­mit­telt die der Kapi­tal­erhö­hung vor­greif­li­che Anteils­über­tra­gung kein wirt­schaft­li­ches Eigen­tum an einer wesent­li­chen Betei­li­gung, wenn nach dem Gesamt­ver­trags­kon­zept die mit der über­tra­ge­nen Betei­li­gung ver­bun­de­nen Rech­te von vor­ne­her­ein nur für eine Betei­li­gung von genau 25 % über­ge­hen soll­ten.

Wesent­li­che Betei­li­gung und das Gesamt­ver­trags­kon­zept bei mehr­ak­ti­ger Anteils­über­tra­gung

Eine wesent­li­che Betei­li­gung ist nach die­ser – noch zu der alten Fas­sung des § 17 EStG ergan­ge­nen – Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs damit dann nicht anzu­neh­men, wenn im Zuge mehr­ak­ti­ger Anteils­über­tra­gun­gen zwar vor­über­ge­hend in der Per­son eines Gesell­schaf­ters die Betei­li­gungs­gren­ze von 25% (nach altem Recht) über­schrit­ten wird, die­ser Gesell­schaf­ter nach dem Gesamt­ver­trags­kon­zepts aber end­gül­tig nur mit 25% betei­ligt wer­den soll und auch wird.

In dem vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ging es um die Betei­li­gung an einer GmbH. Im Rah­men eines Notar­ter­mins waren meh­re­re Anteils­über­tra­gun­gen sowie eine Kapi­tal­erhö­hung ver­ein­bart wor­den, die im Ergeb­nis zu einer Betei­li­gung der Klä­ge­rin von genau 25 % füh­ren soll­ten und auch führ­ten. Ledig­lich aus tech­ni­schen Grün­den hat­te die Klä­ge­rin vor der abschlie­ßen­den Kapi­tal­erhö­hung vor­über­ge­hend die maß­geb­li­che Betei­li­gungs­schwel­le über­schrit­ten. Mit die­ser Betei­li­gung war jedoch nach dem Wil­len aller Ver­trags­be­tei­lig­ten kei­ner­lei wirt­schaft­li­che Ver­fü­gungs­be­fug­nis ver­bun­den. Dar­auf stellt der Bun­des­fi­nanz­hof ab und lässt den bloß tech­ni­schen Durch­gangs­er­werb – ent­ge­gen sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung 1 – nicht mehr aus­rei­chen.
Nach § 17 Abs. 1 Satz 1 EStG gehört zu den Ein­künf­ten aus Gewer­be­be­trieb auch der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung von Antei­len an einer Kapi­tal­ge­sell­schaft, wenn der Ver­äu­ße­rer inner­halb der letz­ten fünf Jah­re am Kapi­tal der Gesell­schaft wesent­lich betei­ligt war und er die Betei­li­gung in sei­nem Pri­vat­ver­mö­gen gehal­ten hat.

Eine sol­che Betei­li­gung ist gege­ben, wenn der Ver­äu­ße­rer an der Gesell­schaft zu mehr als 25 % unmit­tel­bar oder mit­tel­bar betei­ligt war (§ 17 Abs. 1 Satz 4 EStG). Die für die Besteue­rung maß­geb­li­che Anteils­hö­he bestimmt sich nach der im Zeit­punkt der Ver­äu­ße­rung gel­ten­den Geset­zes­la­ge 2.

Eine Ver­äu­ße­rung im Sin­ne von § 17 EStG wird mit der ent­gelt­li­chen Über­tra­gung des Eigen­tums durch den Ver­äu­ße­rer auf den Erwer­ber ver­wirk­licht 3. Not­wen­di­ge und hin­rei­chen­de Vor­aus­set­zung für die Zurech­nung einer (wei­ter­ver­äu­ßer­ten) Betei­li­gung im Sin­ne des § 17 EStG ist das (zumin­dest) wirt­schaft­li­che Eigen­tum 4. Nach § 39 Abs. 2 Nr. 1 Satz 1 AO ist die Rechts­stel­lung des wirt­schaft­li­chen Eigen­tü­mers dadurch gekenn­zeich­net, dass er den zivil­recht­li­chen Eigen­tü­mer im Regel­fall für die gewöhn­li­che Nut­zungs­dau­er von der Ein­wir­kung auf das Wirt­schafts­gut wirt­schaft­lich aus­schlie­ßen kann. Ihm muss also auch der wirt­schaft­li­che Erfolg aus der (Weiter-)Veräußerung gebüh­ren 5.

Das wirt­schaft­li­che Eigen­tum an einem Kapi­tal­ge­sell­schafts­an­teil geht auf einen Erwer­ber über (§ 39 Abs. 2 Nr. 1 AO), wenn der Käu­fer des Anteils

auf­grund eines (bür­ger­lich-recht­li­chen) Rechts­ge­schäfts bereits eine recht­lich geschütz­te, auf den Erwerb des Rechts gerich­te­te Posi­ti­on erwor­ben hat, die ihm gegen sei­nen Wil­len nicht mehr ent­zo­gen wer­den kann, und

die mit dem Anteil ver­bun­de­nen wesent­li­chen (Ver­wal­tungs- und Vermögens-)Rechte (ins­be­son­de­re Gewinn­be­zugs­recht und Stimm­recht) sowie

Risi­ko und Chan­ce von Wert­ver­än­de­run­gen auf ihn über­ge­gan­gen sind 6. Danach erlangt wirt­schaft­li­ches Eigen­tum, wer nach dem Inhalt der getrof­fe­nen Abre­de alle mit der Betei­li­gung ver­bun­de­nen wesent­li­chen Rech­te (Ver­mö­gens- und Ver­wal­tungs­rech­te, ins­be­son­de­re Gewinn­be­zugs- und Stimm­recht) aus­üben und im Kon­flikt­fall effek­tiv durch­set­zen kann 7.

Der Über­gang des wirt­schaft­li­chen Eigen­tums ist nach dem Gesamt­bild der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se im jewei­li­gen Ein­zel­fall zu beur­tei­len. Eine von der zivil­recht­li­chen Inha­ber­stel­lung abwei­chen­de Zuord­nung eines Wirt­schafts­guts kann des­halb auch anzu­neh­men sein, wenn die vor­ste­hend genann­ten Vor­aus­set­zun­gen nicht in vol­lem Umfang erfüllt sind. Dem­ge­mäß ist auch bei der Bestim­mung des wirt­schaft­li­chen Eigen­tums nicht das for­mal Erklär­te oder for­mal­recht­lich Ver­ein­bar­te, son­dern das wirt­schaft­lich Gewoll­te und das tat­säch­lich Bewirk­te aus­schlag­ge­bend 8.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat die Klä­ge­rin vor den Kapi­tal­erhö­hun­gen der streit­be­fan­ge­nen Gesell­schaf­ten kei­ne tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­be­fug­nis über eine Betei­li­gung von über 25 % erwor­ben. Viel­mehr wur­de am 27.12.1994 in Gestalt der Anteils­über­tra­gun­gen und Kapi­tal­erhö­hun­gen betref­fend die R‑GmbH und die O‑GmbH von vor­ne­her­ein ein end­gül­ti­ger Anteils­er­werb der Klä­ge­rin von 25 % ver­ein­bart. Die inso­weit abwei­chen­de Ver­trags­aus­le­gung des Finanz­ge­richt bin­det den BFH nicht (§ 118 Abs. 2 FGO), da sie in ihrer rein for­ma­len Ori­en­tie­rung am Wort­laut der Ver­trä­ge ohne Berück­sich­ti­gung der Gesamt­um­stän­de der Ver­trags­schlüs­se aner­kann­te Regeln der Ver­trags­aus­le­gung (§§ 133, 157 BGB) ver­letzt 9.

Die Klä­ge­rin hat­te zu kei­nem rea­len Zeit­punkt die tat­säch­li­che Mög­lich­keit, aus einer wesent­li­chen Betei­li­gung von über 25 % resul­tie­ren­de Rech­te jen­seits der Mit­wir­kung an der jewei­li­gen Kapi­tal­erhö­hung- aus­zu­üben oder gar im Kon­flikt­fall effek­tiv durch­zu­set­zen. Wäh­rend des Abschlus­ses der Ver­ein­ba­run­gen vom 27.12.1994 bestand die Posi­ti­on der Klä­ge­rin allein in der im Rah­men der ver­trag­li­chen Gesamt­kon­zep­ti­on vor­ge­se­he­nen und inso­weit gebun­de­nen Mit­wir­kung an der Her­stel­lung der vor­weg ver­ein­bar­ten Gesell­schafts­struk­tur unter Redu­zie­rung der eige­nen Betei­li­gungs­quo­te. Die aus ihrer Betei­li­gung im Vor­feld der Kapi­tal­erhö­hun­gen resul­tie­ren­den Ver­wal­tungs­rech­te konn­te die Klä­ge­rin aus­schließ­lich in Gestalt einer ent­spre­chend gebun­de­nen Stimm­rechts­aus­übung wahr­neh­men. Die an den Ver­trä­gen vom 27.12.1994 Betei­lig­ten unter­zeich­ne­ten die­se als Teil­ak­te eines von vorn­her­ein kla­ren Gesamt­ver­trags­kon­zepts, näm­lich jeder Par­tei genau 25 % der Antei­le an den bei­den Gesell­schaf­ten zu ver­schaf­fen. Für die tat­säch­li­che Wahr­neh­mung von ver­mö­gens­recht­li­chen Ansprü­chen aus einer Betei­li­gung von über 25 % ließ die kon­kre­te Ver­trags­ge­stal­tung kei­ner­lei Raum 10.

Dies gilt auch für die Zeit zwi­schen dem 27.12.1994 und der Ein­tra­gung der Kapi­tal­erhö­hun­gen ins Han­dels­re­gis­ter im Janu­ar (R‑GmbH) bzw. März 1995 (O‑GmbH). Auch die Über­tra­gung des jewei­li­gen Gewinn­be­zugs­rechts in den ein­zel­nen Anteils­über­tra­gun­gen ist Bestand­teil des Gesamt­ver­trags­kon­zepts, das durch die Ein­zel­ver­trä­ge am 27.12.1994 ver­wirk­licht wur­de. Danach sind auch die Über­tra­gun­gen – vor dem Hin­ter­grund des wirt­schaft­lich Gewoll­ten – nur so aus­zu­le­gen, dass die Klä­ge­rin ein Gewinn­be­zugs­recht ledig­lich in Höhe von 25 % über­tra­gen bekom­men soll­te. Auf den Zeit­punkt der Ein­tra­gung der Kapi­tal­erhö­hung kommt es danach nicht an. Soweit die frü­he­re Recht­spre­chung 1 in ver­gleich­ba­ren Zusam­men­hän­gen for­mal­recht­li­chen Aspek­ten ein noch stär­ke­res Gewicht bei­gemes­sen hat, hält der Bun­des­fi­nanz­hof dar­an nicht mehr fest 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 5. Okto­ber 2011 – IX R 57/​10

  1. BFH, Urteil vom 14.03.2006 – VIII R 49/​04, BFHE 213, 307, BSt­Bl II 2006, 746[][]
  2. BFH, Beschluss vom 17.11.2004 – VIII B 129/​04, BFH/​NV 2005, 540; BFH, Urteil vom 09.10.2008 – IX R 73/​06, BFHE 223, 145, BSt­Bl II 2009, 140, unter II.02.[]
  3. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urteil in BFHE 223, 145, BSt­Bl II 2009, 140, unter II.02.[]
  4. vgl. BFH, Urtei­le vom 22.07.2008 – IX R 61/​05, BFH/​NV 2008, 2004; vom 17.02.2004 – VIII R 26/​01, BFHE 205, 204, BSt­Bl II 2004, 651, m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Urtei­le vom 07.07.1992 – VIII R 54/​88, BFHE 169, 49, BSt­Bl II 1993, 331, unter 1.; vom 16.05.1995 – VIII R 33/​94, BFHE 178, 197, BSt­Bl II 1995, 870, unter II.01.a ee; vom 18.05.2005 – VIII R 34/​01, BFHE 210, 247, BSt­Bl II 2005, 857, unter II.01.c cc[]
  6. vgl. BFH, Urtei­le vom 11.07.2006 – VIII R 32/​04, BFHE 214, 326, BSt­Bl II 2007, 296, m.w.N.; in BFHE 223, 145, BSt­Bl II 2009, 140, unter II.02.[]
  7. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 210, 247, BSt­Bl II 2005, 857; vom 08.11.2005 – VIII R 11/​02, BFHE 211, 277, BSt­Bl II 2006, 253; in BFH/​NV 2008, 2004[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 214, 326, BSt­Bl II 2007, 296; in BFHE 223, 145, BSt­Bl II 2009, 140, unter II.02., m.w.N.[]
  9. vgl. BFH, Urteil vom 09.12.2009 – X R 41/​07, BFH/​NV 2010, 860, unter II.03.b[]
  10. vgl. BFH, Urteil vom 25.05.2011 – IX R 23/​10, BFH/​NV 2011, 1935[]
  11. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2011, 1935[]