Abzug von Bei­trä­gen zur Kran­ken­ver­si­che­rung und zur Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung

Die durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt1 mit Wir­kung bis zum 31. Dezem­ber 2009 aus­ge­spro­che­ne Anord­nung der Wei­ter­gel­tung der für mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar erklär­ten Rege­lun­gen über die Abzieh­bar­keit von Bei­trä­gen zur Kran­ken­ver­si­che­rung ist weder ver­fas­sungs­wid­rig noch liegt dar­in ein Ver­stoß gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Es besteht kein ver­fas­sungs­recht­li­cher Anspruch dar­auf, die Bei­trä­ge zur Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung ein­kom­men­steu­er­lich in vol­ler Höhe oder zumin­dest im Wege eines nega­ti­ven Pro­gres­si­ons­vor­be­halts zu berück­sich­ti­gen.

Abzug von Bei­trä­gen zur Kran­ken­ver­si­che­rung und zur Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung

Bei­trä­ge zur Kran­ken­ver­si­che­rung

Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen hin­sicht­lich der begrenz­ten Abzieh­bar­keit von Bei­trä­gen zu Kran­ken­ver­si­che­run­gen sind durch den Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in BVerfGE 120, 125 geklärt. Danach war der Gesetz­ge­ber ver­pflich­tet, mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 2010 eine Neu­re­ge­lung zu schaf­fen. Bis zu die­sem Zeit­punkt blie­ben sowohl die für das sei­ner­zei­ti­ge Streit­jahr 1997 bean­stan­de­te Fas­sung des § 10 Abs. 3 EStG als auch sämt­li­che Nach­fol­ge­re­ge­lun­gen wei­ter anwend­bar2. In spä­te­ren Ent­schei­dun­gen haben sowohl das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt3 als auch der Bun­des­fi­nanz­hof4 hin­sicht­lich der Bei­trä­ge zur Kran­ken­ver­si­che­rung die wei­te­re Anwend­bar­keit des § 10 Abs. 3 EStG in sei­nen bis ein­schließ­lich des Ver­an­la­gungs­zeit­raums 2009 gel­ten­den Fas­sun­gen bestä­tigt.

Die­se Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung ist für den Bun­des­fi­nanz­hof bin­dend, weil sie mit Geset­zes­kraft ver­se­hen ist (§ 31 Abs. 2 BVerfGG)5; sie ist ihrer­seits weder ver­fas­sungs­wid­rig noch ver­stößt sie gegen Rege­lun­gen der EMRK.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat als Ver­fas­sungs­or­gan des Bun­des hin­sicht­lich der zeit­li­chen Gel­tung sei­ner Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung eine Abwä­gung getrof­fen zwi­schen dem Anspruch des Recht­su­chen­den auf Gewäh­rung von Indi­vi­du­al­rechts­schutz, sei­nen Auf­ga­ben zur Gewähr­leis­tung einer auch objek­ti­ven Rechts­kon­trol­le, den Grund­sät­zen einer geord­ne­ten Haus­halts­pla­nung (vgl. zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­an­ke­rung die­ses Gesichts­punkts Art. 104a ff., Art. 109 GG), der Erwä­gung, nicht für weit zurück­lie­gen­de Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me Ver­zer­run­gen her­bei­zu­füh­ren zwi­schen den­je­ni­gen Steu­er­pflich­ti­gen, deren Ver­an­la­gun­gen bereits bestands­kräf­tig waren und den­je­ni­gen, die ihre Ver­an­la­gun­gen offen­ge­hal­ten haben, sowie der Vor­her­seh­bar­keit norm­ver­wer­fen­der Ent­schei­dun­gen, die sol­che Vor­schrif­ten betref­fen, die zuvor jahr­zehn­te­lang ange­wen­det und durch die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung in ihrer Wirk­sam­keit bestä­tigt wor­den waren6 und erheb­li­che Brei­ten­wir­kung haben. Der­ar­ti­ge Abwä­gun­gen ste­hen dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kraft sei­ner Stel­lung als Ver­fas­sungs­or­gan zu; die befris­te­te Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung kann ver­fas­sungs­ge­richts­ver­fah­rens­recht­lich auf § 35 BVerfGG gestützt wer­den7.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt getrof­fe­ne Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung hin­sicht­lich der gesetz­li­chen Rege­lun­gen zum Abzug der Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge für ver­fas­sungs­ge­mäß.

Selbst wenn der Bun­des­fi­nanz­hof von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der mit Geset­zes­kraft ver­se­he­nen Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung über­zeugt wäre, wäre er infol­ge sei­ner Geset­zes­bin­dung ver­fah­rens­recht­lich auf die kon­kre­te Nor­men­kon­trol­le nach Art. 100 Abs. 1 GG ver­wie­sen. Eine durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt selbst getrof­fe­ne Anord­nung der befris­te­ten Wei­ter­gel­tung eines Geset­zes, das für mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar erklärt wor­den ist, kann jedoch nicht taug­li­cher Gegen­stand einer Rich­ter­vor­la­ge sein8.

Die Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung ver­stößt nicht gegen Vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on.

Soweit sich die gegen­tei­le Ansicht auf das „Recht auf Frei­heit und Sicher­heit” (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 EMRK) beruft, ist nicht ersicht­lich, inwie­weit die­ses Recht durch die Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung des BVerfG ver­letzt sein soll. Ohne­hin ver­steht Art. 5 Abs. 1 EMRK unter der per­sön­li­chen Frei­heit nur die kör­per­li­che Bewe­gungs­frei­heit, nicht aber die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit9. Die kör­per­li­che Bewe­gungs­frei­heit wird aber weder durch die Besteue­rung noch durch die Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung berührt.

Art. 6 Abs. 1 EMRK (Anspruch auf recht­li­ches Gehör vor einem unab­hän­gi­gen Gericht inner­halb einer ange­mes­se­nen Frist) gilt nach sei­nem kla­ren Wort­laut nur für gericht­li­che Ver­fah­ren über zivil­recht­li­che Ansprü­che oder straf­recht­li­che Ankla­gen. Im Bereich des – öffent­lich­recht­li­chen – Steu­er­rechts ist die­se Norm von vorn­her­ein nicht anwend­bar10.

Dem steht das von den Klä­gern ange­führ­te Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te11 nicht ent­ge­gen. Zwar hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te dort in Bezug auf ein Ver­fah­ren, das Ansprü­che gegen die gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung betraf, eine Ver­let­zung des Art. 6 Abs. 1 EMRK bejaht. Er hat zugleich aber fest­ge­stellt, dass es sich bei den Leis­tungs­an­sprü­chen von Arbeit­neh­mern gegen die gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung um „zivil­recht­li­che Ansprü­che” im Sin­ne der genann­ten Kon­ven­ti­ons­vor­schrift han­delt12. Dies ist bei Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis indes nicht der Fall.

Der Anspruch auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens (Art. 8 Abs. 1 EMRK) ist nicht ver­letzt. Der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des EGMR ist nicht ein­mal ansatz­wei­se zu ent­neh­men, dass die beschränk­te ein­kom­men­steu­er­recht­li­che Abzieh­bar­keit von Bei­trä­gen zur Kran­ken­ver­si­che­rung bei gleich­zei­ti­ger Steu­er­frei­heit der bezo­ge­nen Leis­tun­gen (vgl. § 3 Nr. 1 Buchst. a EStG) eine Men­schen­rechts­ver­let­zung dar­stel­len könn­te.

Wes­halb die Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung eine – nach Art. 14 EMRK ver­bo­te­ne – Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Geschlechts, der Ras­se, Haut­far­be, Spra­che, Reli­gi­on, poli­ti­schen oder sons­ti­gen Anschau­un­gen, natio­na­ler oder sozia­ler Her­kunft, Zuge­hö­rig­keit zu einer natio­na­len Min­der­heit, des Ver­mö­gens, der Geburt oder des sons­ti­gen Sta­tus dar­stel­len soll, ist nicht ersicht­lich.

Die Gegen­an­sicht beruft sich zwar dar­auf, dass die­se Kon­ven­ti­ons­norm auch eine Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des „Ver­mö­gens” ver­bie­tet. Art. 14 EMRK dient in sei­ner Gesamt­aus­rich­tung jedoch erkenn­bar dem Min­der­hei­ten­schutz. Die Fra­ge der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Abzieh­bar­keit von Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen betrifft jedoch nicht ledig­lich eine Min­der­heit, son­dern nahe­zu die Gesamt­heit aller Steu­er­pflich­ti­gen.

Ergän­zend ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Ein­kom­men­steu­er­ge­setz nicht an das Ver­mö­gen, son­dern an das Ein­kom­men anknüpft. Der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te ist nicht zu ent­neh­men, dass der Euro­päi­sche Gerichts­hof natio­na­le gesetz­li­che Rege­lun­gen über die Ein­kom­men­steu­er als Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ver­mö­gens anse­hen könn­te.

Das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 28. Novem­ber 198413 betrifft die Vater­schafts­fest­stel­lung und -anfech­tung; der­ar­ti­ge Sach­ver­hal­te sind schon im Aus­gangs­punkt nicht mit der von den Klä­gern ange­grif­fe­nen Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung ver­gleich­bar.

Bei­trä­ge zur Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung

Hin­sicht­lich der Bei­trä­ge an die Bun­des­an­stalt für Arbeit (heu­te: Bei­trä­ge zu Ver­si­che­run­gen gegen Arbeits­lo­sig­keit) ist weder ein Son­der­aus­ga­ben­ab­zug in vol­ler Höhe noch eine Berück­sich­ti­gung im Wege des nega­ti­ven Pro­gres­si­ons­vor­be­halts ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten.

Der Gesetz­ge­ber ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht ver­pflich­tet, Bei­trä­ge an die Bun­des­an­stalt für Arbeit bzw. zu Ver­si­che­run­gen gegen Arbeits­lo­sig­keit ein­kom­men­steu­er­lich in vol­lem Umfang zum Abzug zuzu­las­sen14.

In sei­ner Ent­schei­dung zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der im Jahr 1997 gel­ten­den Rege­lun­gen zur Abzieh­bar­keit von Bei­trä­gen zu pri­va­ten Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­run­gen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt „streng auf das sozi­al­hil­fe­recht­lich gewähr­leis­te­te Leis­tungs­ni­veau als eine das Exis­tenz­mi­ni­mum quan­ti­fi­zie­ren­de Ver­gleichs­ebe­ne” abge­stellt. Es hat ent­ge­gen eine ver­fas­sungs­recht­li­che Pflicht, unter dem Gesichts­punkt der „Zwangs­läu­fig­keit” Aus­ga­ben bis zur Höhe der Pflicht­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge zum Abzug von der ein­kom­men­steu­er­li­chen Bemes­sungs­grund­la­ge zuzu­las­sen, aus­drück­lich ver­neint. Denn das Prin­zip der Steu­er­frei­heit des Exis­tenz­mi­ni­mums gewähr­leis­te dem Steu­er­pflich­ti­gen ledig­lich den Schutz des Lebens­stan­dards auf Sozi­al­hil­fe­ni­veau, nicht aber auf dem Niveau, das durch die Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung erreicht wer­den kön­ne15.

Der gesetz­li­che Leis­tungs­ka­ta­log der Sozi­al­hil­fe ent­hielt aber weder im Jahr 1997 eine Ver­pflich­tung der Sozi­al­hil­fe­trä­ger zur Über­nah­me von Bei­trä­gen an die Bun­des­an­stalt für Arbeit noch ist im gegen­wär­ti­gen Sozi­al­hil­fe­recht nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch eine Ver­pflich­tung zur Über­nah­me von Bei­trä­gen zu Arbeits­lo­sen­ver­si­che­run­gen vor­ge­se­hen. Viel­mehr wird das Risi­ko der Arbeits­lo­sig­keit und des damit ver­bun­de­nen Weg­falls des Erwerbs­ein­kom­mens bereits durch die Sozi­al­hil­fe­Re­gel­sät­ze berück­sich­tigt. Das dadurch quan­ti­fi­zier­te Exis­tenz­mi­ni­mum wird ein­kom­men­steu­er­recht­lich indes in ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­li­cher Wei­se16- durch den Grund­frei­be­trag steu­er­frei gestellt. Damit unter­schei­det sich die sozi­al­hil­fe­recht­li­che Rechts­la­ge hin­sicht­lich der Bei­trä­ge zu Arbeits­lo­sen­ver­si­che­run­gen grund­le­gend von den inso­weit gel­ten­den Rege­lun­gen zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­sor­gung, nach denen sozi­al­hil­fe­recht­lich ent­we­der die Über­nah­me der zu zah­len­den Bei­trä­ge oder aber die Gewähr­leis­tung von Kran­ken- und Pfle­ge­ver­sor­gung zusätz­lich zum Sozi­al­hil­fe­Re­gel­satz vor­ge­se­hen war und ist (vgl. für das Jahr 1997 §§ 13, 36 ff., 68 ff. BSHG; heu­te §§ 32, 47 ff., 61 ff. SGB XII).

Unzu­tref­fend ist die Auf­fas­sung, aus dem ohne­hin erst nach den Streit­jah­ren in Kraft getre­te­nen- Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch fol­ge, dass mit den Bei­trä­gen an die Bun­des­an­stalt bzw. Bun­des­agen­tur für Arbeit aus­schließ­lich Leis­tun­gen finan­ziert wür­den, die das Niveau der Exis­tenz­si­che­rung nicht über­schrit­ten. Die­se Auf­fas­sung bezieht sich inso­weit auf die Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de nach dem SGB II („Hartz IV”). Dabei ver­ken­nen sie, dass die­se Leis­tun­gen gera­de nicht aus Bei­trags­mit­teln, son­dern – eben­so wie die Sozi­al­hil­fe und die frü­he­re Arbeits­lo­sen­hil­fe – vom Bund finan­ziert wer­den (§ 46 Abs. 1 SGB II)17. Nichts ande­res folgt aus dem Hin­weis auf die Vor­schrift des § 46 Abs. 4 SGB II. Denn der dort genann­te Finan­zie­rungs­an­teil der Bun­des­agen­tur für Arbeit betrifft ledig­lich Leis­tun­gen zur Ein­glie­de­rung in Arbeit sowie ent­spre­chen­de Ver­wal­tungs­kos­ten. Dabei han­delt es sich aber nicht um exis­tenz­si­chern­de Geld­leis­tun­gen, son­dern um arbeits­markt­po­li­ti­sche Maß­nah­men.

Die Klä­ger haben kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch dar­auf, dass ihre Bei­trä­ge an die Bun­des­an­stalt für Arbeit im Wege des nega­ti­ven Pro­gres­si­ons­vor­be­halts zu einer zusätz­li­chen ein­kom­men­steu­er­li­chen Ent­las­tung füh­ren.

Anders als das Finanz­ge­richt offen­bar meint, kennt das Ein­kom­men­steu­er­recht auch einen nega­ti­ven Pro­gres­si­ons­vor­be­halt18.

Die­ser beschränkt sich indes auf den Bereich der Betriebs­aus­ga­ben und Wer­bungs­kos­ten sowie der nega­ti­ven Ein­nah­men. Dies folgt aus § 32b EStG. Denn in § 32b Abs. 1 Nr. 2 EStG 1990 (ab 1996 § 32b Abs. 1 Nr. 2 und 3 EStG; heu­te § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 bis 5 EStG) ist aus­drück­lich der Begriff der „Ein­künf­te” ver­wen­det, auf deren Höhe sich Son­der­aus­ga­ben gemäß § 2 Abs. 4 EStG nicht aus­wir­ken. In § 32b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG fin­det sich die­ser Begriff zwar nicht unmit­tel­bar; dort sind aber aus­schließ­lich Lohn- und Ein­kom­mens­er­satz­leis­tun­gen19 enu­me­ra­tiv auf­ge­führt, die ihrem Wesen nach grund­sätz­lich zu den steu­er­ba­ren Ein­nah­men gehö­ren (vgl. auch § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG). Dies zeigt, dass neben nega­ti­ven Ein­nah­men- nur Auf­wen­dun­gen im Bereich der Ein­kunfts­er­zie­lung einen nega­ti­ven Pro­gres­si­ons­vor­be­halt aus­lö­sen kön­nen20.

Die von den Klä­gern gezahl­ten Bei­trä­ge stel­len jedoch weder nega­ti­ve Ein­nah­men dies ist unstrei­tig- noch Wer­bungs­kos­ten dar. Denn der Gesetz­ge­ber hat die Vor­sor­ge­auf­wen­dun­gen mit kon­sti­tu­ti­ver Wir­kung und Vor­rang gegen­über der all­ge­mei­nen Rege­lung des Ein­lei­tungs­sat­zes des § 10 Abs. 1 EStG- den Son­der­aus­ga­ben zuge­wie­sen und ihren Abzug nur in den Gren­zen der in § 10 Abs. 3 EStG 1990/​1997 bestimm­ten Höchst­be­trä­ge zuge­las­sen. Zur nähe­ren Begrün­dung ver­weist der Bun­des­fi­nanz­hof auf sei­ne zu Alters­vor­sor­ge­auf­wen­dun­gen ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen vom 1. Febru­ar 2006((BFH, Beschluss vom 01.02.2006 – X B 166/​05, BFHE 212, 242, BSt­Bl II 2006, 420, unter II.05; und in BFHE 227, 137, BSt­Bl II 2010, 282, unter B.I.02.b bb)). Die­se auch hin­sicht­lich der Bei­trä­ge zur Bun­des­an­stalt für Arbeit gel­ten­de und ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­de gesetz­ge­be­ri­sche Zuord­nungs­ent­schei­dung lie­fe leer, wenn den­je­ni­gen Steu­er­pflich­ti­gen, bei denen der Abzug die­ser Bei­trä­ge durch § 10 Abs. 3 EStG 1990/​1997 begrenzt ist, ersatz­wei­se ein Wahl­recht auf Anwen­dung des nega­ti­ven Pro­gres­si­ons­vor­be­halts zuste­hen wür­de.

Im Übri­gen folgt aus der Sys­te­ma­tik des § 32b EStG, dass ein nega­ti­ver Pro­gres­si­ons­vor­be­halt über­haupt nur dann in Betracht kom­men kann, wenn ein Abzug der ent­spre­chen­den Auf­wen­dun­gen zum Regel­ta­rif bereits dem Grun­de nach nicht mög­lich ist. Das ist hin­sicht­lich der von den Klä­gern gezahl­ten Bei­trä­ge nicht der Fall. Auch stellt § 32b EStG kei­nen Auf­fang­tat­be­stand für den Abzug sol­cher Auf­wen­dun­gen dar, die bei Ermitt­lung der tarif­li­chen Ein­kom­men­steu­er zwar dem Grun­de nach abzieh­bar sind, deren Berück­sich­ti­gung im Ein­zel­fall jedoch dar­an schei­tert, dass ein im Gesetz bestimm­ter Höchst­be­trag über­schrit­ten ist.

Der Hin­weis auf die neue­re Recht­spre­chung des VI. Senats des Bun­des­fi­nanz­hofs, wonach im Bereich der Berufs­aus­bil­dungs­kos­ten (§ 10 Abs. 1 Nr. 7 EStG) auf­grund des Ein­lei­tungs­sat­zes des § 10 Abs. 1 EStG der Wer­bungs­kos­ten­ab­zug vor­ran­gig vor dem Abzug als Son­der­aus­ga­ben sei21, steht dem nicht ent­ge­gen. Denn der Vor­schrift des § 10 Abs. 1 Nr. 7 EStG ver­bleibt auch bei Zugrun­de­le­gung der Aus­le­gung des VI. Senats noch ein gewis­ser eige­ner Anwen­dungs­be­reich, weil von ihr auch sol­che Aus­bil­dungs­kos­ten erfasst wer­den, die der Steu­er­pflich­ti­ge ohne die Absicht, hier­aus spä­ter steu­er­pflich­ti­ge Ein­nah­men zu erzie­len, trägt. So weist der VI. Semat aus­drück­lich dar­auf hin, dass der Gesetz­ge­ber durch die Ein­fü­gung des § 10 Abs. 1 Nr. 7 EStG Abzugs­mög­lich­kei­ten habe schaf­fen wol­len, die nach der sei­ner­zei­ti­gen Rechts­la­ge im Bereich der Betriebs­aus­ga­ben bzw. Wer­bungs­kos­ten nicht bestan­den hät­ten22. Dem­ge­gen­über ver­blie­be für den vom Gesetz­ge­ber für die Bei­trä­ge zur Bun­des­an­stalt für Arbeit aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Son­der­aus­ga­ben­tat­be­stand kei­ner­lei Anwen­dungs­be­reich mehr, wenn die­se Bei­trä­ge den Wer­bungs­kos­ten zuzu­ord­nen wären. Eine sol­che Aus­le­gung wür­de aber den kla­ren Wil­len des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers miss­ach­ten23. Auch der VI. Senat hat die Recht­spre­chung zu den Vor­sor­ge­auf­wen­dun­gen unbe­rührt las­sen wol­len, was sich schon dar­an zeigt, dass die Recht­spre­chung zu den Aus­bil­dungs­kos­ten ohne Diver­genz­an­fra­ge ergan­gen ist.

Mit dem Argu­ment, der Bun­des­fi­nanz­hof wei­che von der Recht­spre­chung sei­nes IX. Senats zu Ver­sor­gungs­aus­gleichs­zah­lun­gen zwi­schen Ehe­gat­ten ab24, hat sich der Bun­des­fi­nanz­hof bereits25 aus­ein­an­der­ge­setzt.

Kei­ne Aaus­set­zung des Ver­fah­rens

Ein Ruhen oder Aus­set­zen des Ver­fah­rens kommt nicht in Betracht.

Für das von den Klä­gern bean­trag­te Ruhen des Ver­fah­rens gilt dies schon des­halb, weil hier­für gemäß § 251 ZPO i.V.m. § 155 FGO ein über­ein­stim­men­der Antrag bei­der Betei­lig­ten erfor­der­lich wäre, an dem es jedoch fehlt.

Eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens in ana­lo­ger Anwen­dung des § 74 FGO im Hin­blick auf die von den Klä­gern ange­führ­ten Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ist eben­falls nicht ange­bracht. Die­se Ver­fah­ren betref­fen ledig­lich Teil­as­pek­te des vor­lie­gend zu beur­tei­len­den Streit­stoffs. Allein der Umstand, dass gegen bestimm­te Ent­schei­dun­gen des Bun­des­fi­nanz­hofs Ver­fas­sungs­be­schwer­den ein­ge­legt wor­den sind, begrün­det noch kein über­wie­gen­des Inter­es­se ande­rer Rechts­mit­tel­füh­rer an der Aus­set­zung26. Glei­ches gilt für den Umstand, dass gegen eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts eine Beschwer­de beim Euro­päi­schen Gerichs­hof für Men­schen­rech­te ein­ge­legt wor­den ist.

In Bezug auf das beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te anhän­gi­ge Ver­fah­ren weist der Bun­des­fi­nanz­hof zudem dar­auf hin, dass die Ent­schei­dungs­be­fug­nis des EGMR nicht so weit reicht wie die des BVerfG. Das BVerfG kann auch im Ver­fah­ren der Urteils­ver­fas­sungs­be­schwer­de ein Gesetz, auf dem die mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung beruht, für nich­tig erklä­ren (§ 95 Abs. 3 Satz 2 BVerfGG). Die­se Nich­tig­keits­er­klä­rung hat Geset­zes­kraft (§ 31 Abs. 2 BVerfGG) und wirkt damit unmit­tel­bar für und gegen alle. Dem­ge­gen­über kann der EGMR im Fal­le einer Ver­let­zung der EMRK ledig­lich dem Beschwer­de­füh­rer im anhän­gi­gen Ein­zel­fall eine „gerech­te Ent­schä­di­gung” zuspre­chen (Art. 41 EMRK); eine Ver­wer­fung von Nor­men des natio­na­len Rechts mit Wir­kung für und gegen alle ist dem EGMR nicht mög­lich. Die ana­lo­ge Anwen­dung des § 74 FGO in Fäl­len anhän­gi­ger Mus­ter­ver­fah­ren vor dem BVerfG ist damit begrün­det wor­den, dass allein das BVerfG „ver­bind­lich über die umstrit­te­ne Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der gesetz­li­chen Rege­lung ent­schei­den kann„27. Die­se Begrün­dung hebt ersicht­lich auf die nega­ti­ve Gesetz­kom­pe­tenz des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ab. Fehlt den Ent­schei­dun­gen eines Ober­ge­richts hin­ge­gen die­se „Inter­om­nes-Wir­kung”, kommt eine auf eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 74 FGO gestütz­te Aus­set­zung des Ver­fah­rens nicht in Betracht28.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Novem­ber 2011 – X R 15/​09

  1. BVerfG, Beschluss vom 13.02.2008 – 2 BvL 1/​06, BVerfGE 120, 125, unter E.II.2.
  2. vgl. BVerfG, Beschluss in BVerfGE 120, 125, unter Nr. 2 des Tenors sowie unter E.II.02. der Grün­de
  3. BVerfG, Beschluss vom 13.02.2008 2 BvR 1220/​04, 410/​05, BVerfGE 120, 169, unter B.II.
  4. BFH, Beschluss vom 26.11.2008 – X R 20/​04, BFH/​NV 2009, 382, Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 09.07.2009 – 2 BvR 92/​09; BFH, Beschluss vom 11.12.2008 – X B 179/​08, BFH/​NV 2009, 573, unter 2.b bb, Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 14.09.2010 – 2 BvR 329/​09
  5. vgl. hier­zu aus­führ­lich BFH, Beschluss vom 24.11.2010 – II B 9/​10, BFH/​NV 2011, 441, unter 1.a, mit zahl­rei­chen wei­te­ren Nach­wei­sen
  6. z.B. BFH, Urteil vom 16.10.2002 – XI R 41/​99, BFHE 200, 529, BSt­Bl II 2003, 179
  7. BVerfG, Beschluss vom 11.10.1994 2 BvR 633/​86, BVerfGE 91, 186, unter C.III.01.
  8. vgl. aus­führ­lich BFH, Urteil vom 21.07.2004 – X R 72/​01, BFH/​NV 2005, 513, unter II.03., Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men durch BVerfG, Beschluss vom 25.09.2009 – 2 BvR 2299/​04
  9. Ren­zi­kow­ski in Inter­na­tio­na­ler Kom­men­tar zur EMRK, Art. 5 Rz 1, 15 f., Stand Juni 2004
  10. vgl. aus­führ­lich EGMR, Urteil vom 12.07.2001 – 44759/​98, NJW 2002, 3453; fer­ner BFH, Urtei­le vom 13.12.1995 – XI R 4345/​89, BFHE 179, 353, BSt­Bl II 1996, 232, unter I.; und vom 21.03.1996 – XI R 82/​94, BFHE 180, 316, BSt­Bl II 1996, 518, unter II.B.04.; BFH, Beschlüs­se vom 27.02.2002 – VII B 294/​01, BFH/​NV 2002, 942, und vom 31.07.2003 – IX E 6/​03, BFH/​NV 2003, 1603
  11. EGMR, Urteil vom 29.05.1986 – 9÷1984÷81÷128, NJW 1989, 652
  12. EGMR, Urteil in NJW 1989, 652, Rz 71 ff.: Unfall­ren­te als Ver­län­ge­rung des dem Arbeit­neh­mer ent­ge­hen­den zivil­recht­li­chen Anspruchs auf Ver­gü­tung
  13. EGMR, Urteil vom 28.11.1984 – 9÷1983÷65÷100, EGRZ 1985, 511
  14. eben­so im Ergeb­nis bereits BFH, Urteil vom 18.11.2009 – X R 6/​08, BFHE 227, 137, BSt­Bl II 2010, 282, unter B.II.03.b cc
  15. zum Gan­zen BVerfG, Beschluss in BVerfGE 120, 125, unter D.II.03.
  16. BFH, Urteil vom 18.11.2009 – X R 34/​07, BFHE 227, 99, BSt­Bl II 2010, 414, unter B.III.
  17. vgl. hier­zu auch BVerfG, Beschluss vom 08.11.2011 1 BvR 2007/​11, Die Sozi­al­ge­richts­bar­keit 2012, 25
  18. vgl. u.a. BFH, Beschluss vom 13.11.2002 – I R 13/​02, BFHE 201, 73, BSt­Bl II 2003, 795; zuletzt BFH, Urteil vom 09.06.2010 – I R 107/​09, BFHE 230, 35, unter B.I.04.
  19. so zutref­fend Probst in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 32b EStG Rz 60, Stand Janu­ar 2005
  20. eben­so BFH, Urteil vom 03.11.2010 – I R 73/​09, BFH/​NV 2011, 773, unter II.03.
  21. BFH, Urteil vom 28.07.2011 – VI R 38/​10, NJW 2011, 2909, unter II.01.c; vgl. aber § 4 Abs. 9 und § 9 Abs. 6 EStG in der Fas­sung des Geset­zes zur Umset­zung der Bei­trei­bungs­richt­li­nie sowie zur Ände­rung steu­er­li­cher Vor­schrif­ten, BGBl – I 2011, 2592
  22. BFH, Urteil vom 17.12.2002 – VI R 137/​01, BFHE 201, 211, BSt­Bl II 2003, 407, unter II.03.c
  23. so bereits BFH, Beschluss in BFHE 212, 242, BSt­Bl II 2006, 420, unter II.05.b
  24. z.B. BFH, Urteil vom 08.03.2006 – IX R 107/​00, BFHE 212, 511, BSt­Bl II 2006, 446
  25. BFH, Urteil in BFHE 227, 99, BSt­Bl II 2010, 414
  26. vgl. BFH, Beschluss vom 08.11.2007 – VIII B 170/​06, BFH/​NV 2008, 580, unter II.02., m.w.N.
  27. BFH, Beschluss vom 07.02.1992 – III B 24, 25/​91, BFHE 166, 418, BSt­Bl II 1992, 408, unter 2.b
  28. vgl. zur Beru­fung auf Mus­ter­ver­fah­ren, die vor dem BFH anhän­gig sind: BFH, Ent­schei­dun­gen vom 18.09.2002 – XI B 126/​01, BFH/​NV 2003, 189; und vom 23.07.2003 – I R 80/​02, BFHE 203, 114, BSt­Bl II 2003, 926, unter II.01.