Akti­en­op­ti­on für den Auf­sichts­rat

Nimmt ein Auf­sichts­rat einer nicht bör­sen­no­tier­ten Akti­en­ge­sell­schaft an einer Maß­nah­me zum Bezug neu­er Akti­en teil, die nur Mit­ar­bei­tern und Auf­sichts­rats­mit­glie­dern der Gesell­schaft eröff­net ist, und hat er die Opti­on, die von ihm gezeich­ne­ten Akti­en inner­halb einer bestimm­ten Frist zum Aus­ga­be­kurs an die Gesell­schaft zurück­zu­ge­ben, so erzielt er Ein­künf­te aus selb­stän­di­ger Arbeit, wenn er die unter dem Aus­ga­be­preis notie­ren­den Akti­en inner­halb der ver­ein­bar­ten Frist zum Aus­ga­be­preis an die Gesell­schaft zurück­gibt. Die Höhe der Ein­künf­te bemisst sich nach der Dif­fe­renz zwi­schen Aus­ga­be­preis und dem tat­säch­li­chen Wert der Akti­en im Zeit­punkt der Aus­übung der Opti­on. Der Zufluss erfolgt im Zeit­punkt der Aus­übung der Opti­on.

Akti­en­op­ti­on für den Auf­sichts­rat

Nach § 18 Abs. 1 Nr. 3 EStG zäh­len Ver­gü­tun­gen für die Tätig­keit als Auf­sichts­rats­mit­glied zu den Ein­künf­ten aus selb­stän­di­ger Arbeit. Dar­un­ter kön­nen auch geld­wer­te Vor­tei­le fal­len, wie z.B. Sach­zu­wen­dun­gen, sofern die­se durch die Tätig­keit des Klä­gers als Auf­sichts­rats­mit­glied der F‑AG ver­an­lasst sind. Zutref­fend geht das Finanz­ge­richt inso­weit davon aus, dass hin­sicht­lich des Umfangs der sach­li­chen Steu­er­pflicht von Zuwen­dun­gen zwi­schen den Ein­künf­ten aus selb­stän­di­ger Arbeit und denen aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit kein Unter­schied besteht. Zwi­schen steu­er­pflich­ti­gen Ein­nah­men bei den Über­schus­s­ein­künf­ten (§ 2 Abs. 2 Nr. 2 EStG) und den gesetz­lich nicht defi­nier­ten Betriebs­ein­nah­men 1 besteht jeden­falls Über­ein­stim­mung dar­in, dass die Zuwen­dung von geld­wer­ten Gütern steu­er­pflich­tig ist, sofern zwi­schen der Zuwen­dung und der Ein­kunfts­art ein kon­kre­ter sach­li­cher und wirt­schaft­li­cher Ver­an­las­sungs­zu­sam­men­hang gege­ben ist 2.

Für die Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit hat der BFH mehr­fach ent­schie­den, dass zu den Ein­nah­men aus die­ser Ein­kunfts­art alle Güter zu rech­nen sind, die in Geld oder Gel­des­wert bestehen und die dem Arbeit­neh­mer aus dem Dienst­ver­hält­nis für das Zur­ver­fü­gung­stel­len sei­ner indi­vi­du­el­len Arbeit zuflie­ßen; d.h. der Vor­teil muss mit Rück­sicht auf das Dienst­ver­hält­nis ein­ge­räumt wer­den und die Leis­tung muss sich im wei­tes­ten Sinn als Gegen­leis­tung für das Zur­ver­fü­gung­stel­len der indi­vi­du­el­len Arbeits­kraft erwei­sen 3. Ob die Ein­nah­men auf einem Leis­tungs­aus­tausch zwi­schen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer beru­hen, sie also zu den Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit zäh­len, oder ob sie auf­grund einer Son­der­rechts­be­zie­hung einer ande­ren Ein­kunfts­art oder dem nicht­steu­er­ba­ren Bereich zuzu­rech­nen sind, ist auf­grund einer tat­säch­li­chen Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de des Ein­zel­fal­les zu ent­schei­den, die dem Finanz­ge­richt als Tat­sa­chen­in­stanz obliegt 4. Näm­li­ches gilt für die kapi­tal­mä­ßi­ge Betei­li­gung eines Arbeit­neh­mers am Unter­neh­men sei­nes Arbeit­ge­bers; die Betei­li­gung kann eine eigen­stän­di­ge Erwerbs­grund­la­ge dar­stel­len, so dass die damit im Zusam­men­hang ste­hen­den Ein­nah­men und Auf­wen­dun­gen kei­nen Ver­an­las­sungs­zu­sam­men­hang zum Arbeits­ver­hält­nis auf­wei­sen.

Für die ver­bil­lig­te Über­las­sung von Akti­en ist bereits höchst­rich­ter­lich ent­schie­den, dass die Über­las­sung einen geld­wer­ten Vor­teil dar­stel­len und zu Arbeits­lohn füh­ren kann, sofern der Vor­teil dem Arbeit­neh­mer "für" sei­ne Arbeits­leis­tung gewährt wird, d.h. wenn der Vor­teil ent­spre­chend den vor­ste­hend genann­ten Grund­sät­zen durch das indi­vi­du­el­le Dienst­ver­hält­nis ver­an­lasst ist 5.

Da es kei­ne sach­li­che Recht­fer­ti­gung gibt, inso­weit zu unter­schei­den, ob Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit oder aus selb­stän­di­ger Tätig­keit gege­ben sind, gel­ten die näm­li­chen Grund­sät­ze auch dann, wenn Vor­tei­le im Bereich der Ein­künf­te aus selb­stän­di­ger Tätig­keit gewährt wer­den.

Nach der ver­trag­li­chen Gestal­tung hat­ten ledig­lich Mit­ar­bei­ter der F‑AG sowie Auf­sichts­rats­mit­glie­der die Mög­lich­keit, sich mit­tels Akti­en­er­werbs an der F‑AG zu betei­li­gen; frem­de Drit­te hat­ten die­se Mög­lich­keit nicht, weil das Betei­li­gungs­pro­gramm allein dazu die­nen soll­te, Mit­ar­bei­ter und Auf­sichts­rä­te an das Unter­neh­men zu bin­den. Ent­spre­chen­des gilt für die Mög­lich­keit, die erwor­be­nen Akti­en bis zum 31.12.2002 zum Ein­stands­preis an die F‑AG zurück­zu­ge­ben; auch die­se Mög­lich­keit stand nur Mit­ar­bei­tern und Auf­sichts­rats­mit­glie­dern der F‑AG offen. Die­se Mög­lich­keit der Rück­über­tra­gung ist –wie vom Finanz­ge­richt zutref­fend fest­ge­stellt– letzt­lich untrenn­bar mit der Tätig­keit des Klä­gers als Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­rats der F‑AG ver­knüpft und damit Ertrag aus einer Tätig­keit i.S. des § 18 Abs. 1 Nr. 3 EStG und nicht Ertrag einer Betei­li­gung.

Dem­nach hat das Auf­sichts­rats­mit­glied mit der Rück­ga­be der Akti­en zum Aus­ga­be­preis von 11,50 EUR, obwohl deren tat­säch­li­cher Wert im Zeit­punkt der Rück­ga­be ledig­lich 6 EUR betrug, einen –der Höhe nach zwi­schen den Betei­lig­ten unstrei­ti­gen– geld­wer­ten Vor­teil i.S. des § 18 Abs. 1 Nr. 3 EStG von 5,50 EUR je Aktie erlangt. Im Aus­gleich des zwi­schen­zeit­lich ein­ge­tre­te­nen Wert­ver­lusts der Akti­en liegt der geld­wer­te Vor­teil i.S. des § 18 Abs. 1 Nr. 3 EStG, denn ein frem­der Drit­ter, dem die Mög­lich­keit der Rück­ga­be der Akti­en zum Aus­ga­be­preis nicht eröff­net gewe­sen wäre, hät­te je Aktie einen Ver­lust von 5,50 EUR erlit­ten.

Zuge­flos­sen ist die­ser Vor­teil dem Auf­sichts­rats­mit­glied im Streit­jahr, d.h. im Zeit­punkt der Aus­übung der Opti­on 6. Wenn das Finanz­ge­richt davon aus­geht, der für den Zufluss beim Klä­ger im Streit­fall maß­geb­li­che Vor­teil von 5,50 EUR pro Aktie sei die­sem im Zeit­punkt der Rück­über­tra­gung gewährt wor­den, d.h. im Jahr 2002, ist das revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Zum einen han­delt es sich beim An- und Ver­kauf der Akti­en um unter­schied­li­che Rechts­ge­schäf­te, die eige­ne steu­er­recht­li­che Fol­gen aus­lö­sen. Zum ande­ren ist dem Auf­sichts­rats­mit­glied der bei den Akti­en ein­ge­tre­te­ne tat­säch­li­che Wert­ver­lust auf­grund der mit der F‑AG ver­ein­bar­ten Wert­si­che­rungs­klau­sel im Streit­jahr erstat­tet wor­den.

Auf die Gewäh­rung des steu­er­pflich­ti­gen geld­wer­ten Vor­teils des Auf­sichts­rats­mit­glieds fin­det das Halb­ein­künf­te­ver­fah­ren gemäß § 20 Abs. 2 EStG a.F. i.V.m. § 3 Nr. 40 Buchst. f EStG a.F. kei­ne Anwen­dung. Gemäß § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 EStG a.F. gehö­ren zu den Ein­künf­ten aus Kapi­tal­ver­mö­gen auch beson­de­re Ent­gel­te oder Vor­tei­le, die neben den in den Abs. 1 und 2 bezeich­ne­ten Ein­nah­men oder an deren Stel­le gewährt wer­den. § 3 Nr. 40 Buchst. f EStG a.F. regelt die Steu­er­frei­heit der Hälf­te der beson­de­ren Ent­gel­te oder Vor­tei­le i.S. des § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 EStG a.F., die neben den in § 20 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG a.F. bezeich­ne­ten Ein­nah­men oder an deren Stel­le gewährt wer­den. Zwar ist § 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 EStG a.F. weit aus­zu­le­gen und erfasst alle Ver­mö­gens­meh­run­gen, die bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung ein Ent­gelt für die Kapi­tal­über­las­sung dar­stel­len 7. Der hier dem Klä­ger erstat­te­te Wert­ver­lust ist indes kein Ent­gelt, das für eine Kapi­tal­über­las­sung im wei­tes­ten Sin­ne zuge­flos­sen ist. Der Klä­ger hat die­sen Vor­teil nicht erhal­ten, weil er Akti­en der F‑AG gegen Ent­gelt erwor­ben hat, son­dern weil ihm als Mit­glied des Auf­sichts­rats der F‑AG die Mög­lich­keit eröff­net wer­den soll­te, Akti­en der F‑AG ohne jedes wirt­schaft­li­che Risi­ko zu zeich­nen. Auch wenn der Vor­teil an den Erwerb neu­er Akti­en geknüpft ist, steht doch im Vor­der­grund, dass die­ser Vor­teil untrenn­bar mit der per­sön­li­chen Eigen­schaft des Klä­gers als Vor­stand des Auf­sichts­rats der F‑AG ver­knüpft war.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. April 2013 – VIII R 19/​11

  1. vgl. dazu BFH, Urteil vom 27.05.1998 – X R 17/​95, BFHE 186, 256, BSt­Bl II 1998, 618[]
  2. BFH, Urtei­le in BFHE 186, 256, BSt­Bl II 1998, 618; vom 22.07.1988 – III R 175/​85, BFHE 154, 218, BSt­Bl II 1988, 995; in die­sem Sinn auch BFH, Urteil vom 18.09.2012 – VI R 90/​10, BFHE 239, 221, BSt­Bl II 2013, 289[]
  3. vgl. nur BFH, Urteil vom 19.06.2008 – VI R 4/​05, BFHE 222, 353, BSt­Bl II 2008, 826[]
  4. BFH, Urtei­le in BFHE 222, 353, BSt­Bl II 2008, 826; vom 20.11.2008 – VI R 25/​05, BFHE 223, 419, BSt­Bl II 2009, 382[]
  5. BFH, Urteil vom 01.02.2007 – VI R 72/​05, BFH/​NV 2007, 898[]
  6. vgl. BFH, Urteil in BFHE 223, 419, BSt­Bl II 2009, 382 zum Zufluss­zeit­punkt bei han­del­ba­ren Opti­ons­rech­ten sowie BFH, Urteil in BFHE 239, 221, BSt­Bl II 2013, 289 zum Zufluss­zeit­punkt von Akti­en­op­ti­ons­rech­ten für Arbeit­neh­mer erst bei Aus­übung der Opti­on[]
  7. BFH, Urteil vom 21.10.1997 – VIII R 18/​96, BFH/​NV 1998, 582, m.w.N.; vgl. dazu auch BFH, Urtei­le vom 06.04.1993 – VIII R 68/​90, BFHE 172, 25, BSt­Bl II 1993, 825; vom 16.03.2010 – VIII R 4/​07, BFHE 229, 141, BFH/​NV 2010, 1527[]