Alters­gren­ze beim Kin­der­geld­be­zug

Die Her­ab­set­zung der Alters­gren­ze für den Kin­der­geld­be­zug für in Aus­bil­dung befind­li­che Kin­der von 27 auf 25 Jah­re gemäß §§ 63 Abs. 1 Satz 2, 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (EStG) in Ver­bin­dung mit der Über­gangs­vor­schrift des § 52 Abs. 40 Satz 7 EStG n.F. ist auch nach einem Urteil des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg nicht ver­fas­sungs­wid­rig.

Alters­gren­ze beim Kin­der­geld­be­zug

Zur Fra­ge, ob der Gesetz­ge­ber die Her­ab­set­zung der Alters­gren­ze für den Kin­der­geld­be­zug gene­rell wie auch hin­sicht­lich der betref­fen­den Über­gangs­vor­schrift in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se nor­miert hat, haben bereits meh­re­re Finanz­ge­rich­te ent­schie­den, und zwar in dem Sin­ne ein­heit­lich, dass bis­lang alle Gerich­te die von der Klä­ge­rin bejah­te Ver­fas­sungs­wid­rig­keit ver­neint haben 1.

Die­ser ein­heit­li­chen Recht­spre­chung der Finanz­ge­rich­te zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit schließt sich auch das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg in vol­lem Umfang an. Das Finanz­ge­richt hält ins­be­son­de­re das Argu­ment für zutref­fend, dass der Gesetz­ge­ber bei der Her­ab­set­zung der Alters­gren­ze von 27 Jah­ren auf 25 Jah­re im Rah­men sei­ner ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Gestal­tungs- und Typi­sie­rungs­be­fug­nis gehan­delt hat.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 2 steht es dem Gesetz­ge­ber näm­lich grund­sätz­lich frei, die kin­des­be­ding­te Min­de­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit ent­we­der im Steu­er­recht zu berück­sich­ti­gen, ihr durch Gewäh­rung von Kin­der­geld Rech­nung zu tra­gen oder bei­de Mög­lich­kei­ten zu kom­bi­nie­ren. Von daher sei für den Fall, dass eine ver­fas­sungs­wid­rig zu nied­ri­ge Berück­sich­ti­gung der Min­de­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit auf­grund von Unter­halts­zah­lun­gen gel­tend gemacht wer­de, das gesam­te betrof­fe­ne Nor­men­ge­flecht in den Blick zu neh­men. Ein iso­lier­ter Blick nur auf das Steu­er­recht oder nur auf den Kin­der­geld­an­spruch ver­bie­te sich, da mit die­sem die tat­säch­li­che Berück­sich­ti­gung der ver­min­der­ten Leis­tungs­fä­hig­keit durch den Gesetz­ge­ber nicht hin­rei­chend gewür­digt wer­den kann. Im kon­kre­ten Fall wies das Bun­des­ver­fas­sugns­ge­richt inso­weit ins­be­son­de­re auf die Vor­schrift des § 33a Abs. 1 EStG und die danach eröff­ne­te Mög­lich­keit einer steu­er­li­chen Berück­sich­ti­gung einer durch Unter­halts­pflicht beding­ten Leis­tungs­fä­hig­keits­min­de­rung als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung hin.

Der Gesetz­ge­ber war bei der Her­ab­set­zung der Alters­gren­ze für den Kin­der­geld­be­zug ins­be­son­de­re auch nicht gehal­ten, alle bereits in Aus­bil­dung befind­li­chen Kin­der in die Über­gangs­re­ge­lung ein­zu­be­zie­hen. So ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die all­ge­mei­ne Erwar­tung des Bür­gers, das gel­ten­de Recht wer­de unver­än­dert fort­be­stehen, ver­fas­sungs­recht­lich nicht geschützt; dies gilt auch im Bereich des Steu­er­rechts 3. Steu­er­pflich­ti­ge kön­nen grund­sätz­lich nicht dar­auf ver­trau­en, dass der Gesetz­ge­ber steu­er­li­che Ver­güns­ti­gun­gen, die er zu sozi­al- oder wirt­schafts­po­li­ti­schen Zwe­cken gewährt, unein­ge­schränkt auch für die Zukunft auf­recht erhält.

Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg sieht im Übri­gen auch kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Begrün­dung dafür, dass der Kin­der­geld­be­zug wäh­rend der Zeit der Aus­bil­dung eines Kin­des bis zum Alter von 27 Jah­ren erhal­ten blei­ben müss­te. Eine sol­che Begrün­dung ergibt sich ins­be­son­de­re nicht aus der Wert­ent­schei­dung des Art. 6 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG. Zwar besteht danach das Gebot zum Aus­gleich fami­li­en­be­ding­ter finan­zi­el­ler Belas­tun­gen. Dem Gesetz­ge­ber steht bei der Ent­schei­dung dar­über, auf wel­che Wei­se er den ihm auf­ge­tra­ge­nen Schutz der Fami­lie ver­wirk­licht, aber der bereits erwähn­te Gestal­tungs­spiel­raum zu 4.

Die indi­vi­du­el­le Situa­ti­on und der kon­kre­te Aus­bil­dungs­ver­lauf beim Sohn der Klä­ge­rin gibt schließ­lich kei­ne Ver­an­las­sung, Hin­wei­se auf eine Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Geset­zes­än­de­rung bezüg­lich der Her­ab­set­zung der Alters­gren­ze aus­zu­ma­chen. Viel­mehr dürf­te ange­sichts des Alters, der Schul­zeit, des Zivil­diens­tes und des nun im 10. Fach­se­mes­ter befind­li­chen Jura­stu­di­ums (ohne Ein­be­zie­hung der bei­den Aus­lands­se­mes­ter) gera­de auch der Fall des Soh­nes ein Beleg dafür sein, dass die gesetz­li­che Alters­gren­ze auch nach ihrer Her­ab­set­zung immer noch zu sach­ge­rech­ten, jeden­falls nicht aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den zu bean­stan­den­den Ergeb­nis­sen führt.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 29. März 2010 – 3 K 1763/​09

  1. FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 11.09.2009 – 3 K 480/​09 Kg, EFG 2010, 153 – Revi­si­on beim BFH anhän­gig: III R 68/​09; und vom 17.02.2009 – 10 K 501/​08 Kg, EFG 2009, 761, Revi­si­on beim BFH anhän­gig: III R 30/​09; FG Mün­chen, Urtei­le vom 17.06.2009 – 1 K 3887/​08, EFG 2009, 1755, Revi­si­on beim BFH anhän­gig: III R 50/​09; vom 22.04.2009 – 9 K 3729/​08, EFG 2009, 1842, Revi­si­on beim BFH anhän­gig: III R 35/​09; und vom 17.02.2009 – 12 K 1075/​08, EFG 2009, 837 sowie 12 K 1462/​08, EFG 2009, 1475, Revi­sio­nen beim BFH anhän­gig: III R 17/​09 und III R 27/​09; Nie­der­säch­si­sches Finanz­ge­richt, Urteil vom 18.11.2008 – 15 K 101/​08, EFG 2009, 359, Zulas­sung der Revi­si­on durch BFH, Beschluss vom 04.12.2009 – III B 271/​08, Beschwer­de­ver­fah­ren wird als Revi­si­ons­ver­fah­ren fort­ge­führt: III R 83/​09[]
  2. vgl. aus jün­ge­rer Zeit: BVerfG, Beschluss vom 07.09.2009 – 2 BvR 1966/​04, Fam­RZ 2009, 2068 m.w.N.[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 05.02.2002 – 2 BvR 305/​93, 2 BvR 348/​93, BVerfGE 105, 17[]
  4. vgl. BFH, Beschluss vom 14.02.2007 – III B 176/​06, BFH/​NV 2007, 904 m.w.N.[]