Anrech­nung und Erstat­tung von Kapi­tal­ertrag­steu­er im Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­ren

Eine nach der Insol­venz­eröff­nung ent­ste­hen­de Steu­er­schuld für Ein­künf­te, die wäh­rend der Nach­lass­ver­wal­tung auf­grund der Anla­ge von Mit­teln des Nach­las­ses erzielt wer­den, ist eine Mas­se­ver­bind­lich­keit i.S. des § 55 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 324 Abs. 1 InsO, da sie durch Hand­lun­gen des Insol­venz­ver­wal­ters oder in ande­rer Wei­se durch die Ver­wal­tung, Ver­wer­tung und Ver­tei­lung der Insol­venz­mas­se begrün­det wird, ohne zu den Kos­ten des Insol­venz­ver­fah­rens zu gehö­ren und der ein­zel­ne (unselb­stän­di­ge) Besteue­rungs­tat­be­stand ‑ins­be­son­de­re die Ein­künf­te­er­zie­lung nach § 2 Abs. 1 EStG- erst nach der Insol­venz­eröff­nung ver­wirk­licht wird 1.

Anrech­nung und Erstat­tung von Kapi­tal­ertrag­steu­er im Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­ren

In der Recht­spre­chung des BFH ist zudem geklärt, dass nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens aus der Insol­venz­mas­se (hier: den Mit­teln des Nach­las­ses) an das Finanz­amt ent­rich­te­te Steu­er­ab­zugs­be­trä­ge gemäß § 36 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 EStG nur auf Steu­er­schul­den ange­rech­net wer­den kön­nen, die zu den Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten i.S. des § 55 Abs. 1 InsO (hier: i.V.m. § 324 Abs. 1 InsO) gehö­ren. Nur in Höhe eines nach Anrech­nung der Zah­lun­gen auf nach­in­sol­venz­lich begrün­de­te Steu­er­schul­den (hier: die jewei­li­ge Jah­res­steu­er­schuld der Streit­jah­re) ver­blie­be­nen Über­schus­ses kann ein Erstat­tungs­an­spruch zuguns­ten der Mas­se ent­ste­hen 2.

Der Tod des Schuld­ners nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens bewirkt ohne wei­te­res eine Über­lei­tung des bis­he­ri­gen Insol­venz­ver­fah­rens in das Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­ren, wobei dies sowohl für ein Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren als auch für ein Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren gilt. Das bis­he­ri­ge Insol­venz­ver­fah­ren nimmt daher ohne Unter­bre­chung sei­nen Fort­gang mit dem Erben als neu­em Schuld­ner 3.

Hier­nach kommt eine Erstat­tung der Steu­er­ab­zugs­be­trä­ge an die Mas­se nur auf der Grund­la­ge einer Ver­an­la­gung des Erben und jet­zi­gen Schuld­ners des Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­rens in Betracht, in der die ein­be­hal­te­nen Steu­er­ab­zugs­be­trä­ge gemäß § 36 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 EStG anzu­rech­nen sind. Da es sich bei der Jah­res­steu­er­schuld und einem sich hier­aus even­tu­ell erge­ben­den Erstat­tungs­an­spruch um Mas­se­for­de­run­gen und ‑ver­bind­lich­kei­ten han­delt, sind die ent­spre­chen­den Steu­er­be­schei­de für die Streit­jah­re an den Nach­lassin­sol­venz­ver­wal­ter zu rich­ten 4.

Bestün­den auch Strei­tig­kei­ten über die Anre­chen­bar­keit der Steu­er­ab­zugs­be­trä­ge dem Grun­de und der Höhe nach, wären die­se ver­fah­rens­recht­lich nicht im Rah­men der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung zur Fest­set­zung einer Mas­se­ver­bind­lich­keit oder ‑for­de­rung, son­dern auf der Grund­la­ge eines Abrech­nungs­be­scheids gemäß § 218 Abs. 2 der Abga­ben­ord­nung zu klä­ren, weil der Abrech­nungs­be­scheid gegen­über einer Anrech­nungs­ver­fü­gung vor­ran­gig ist 5.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 12. Okto­ber 2015 – VIII B 143/​14

  1. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 16.05.2013 – IV R 23/​11, BFHE 241, 233, BSt­Bl II 2013, 759, Rz 18, 19; vom 18.12 2014 – X B 89/​14, BFH/​NV 2015, 470; vom 24.02.2015 – VII R 27/​14, BFHE 248, 518, unter Rz 13; Sieg­mann in Mün­che­ner Kom­men­tar zur Insol­venz­ord­nung, Band 3, InsO § 325 Rz 7[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 248, 518[]
  3. vgl. BGH, Ent­schei­dun­gen vom 22.01.2004 – IX ZR 39/​03, BGHZ 157, 350; vom 21.02.2008 – IX ZB 62/​05, BGHZ 175, 307; vom 13.01.2011 – IX ZR 53/​09, Zeit­schrift für das gesam­te Insol­venz­recht 2011, 389; vom 26.09.2013 – IX ZR 3/​13; NJW 2014, 389, unter Rz 12[]
  4. s. BFH, Urteil vom 24.08.2011 – V R 53/​09, BFHE 235, 5, BSt­Bl II 2012, 256; Klein/​Werth, AO, 12. Aufl., § 251 Rz 21[]
  5. s. BFH, Urtei­le vom 28.04.1993 – I R 100/​92, BFHE 171, 397, BSt­Bl II 1993, 836; – I R 123/​91, BFHE 170, 573, BSt­Bl II 1994, 147; vom 15.01.2015 – I R 69/​12, BFHE 249, 99, BFH/​NV 2015, 1037[]