Aus­bil­dungs­en­de im Kin­der­geld­recht

Die Kin­der­geld­ge­wäh­rung auf­grund einer Berufs­aus­bil­dung endet nicht bereits mit der Bekannt­ga­be des Ergeb­nis­ses einer Abschluss­prü­fung, son­dern erst mit dem spä­te­ren Ablauf der gesetz­lich fest­ge­leg­ten Aus­bil­dungs­zeit.

Aus­bil­dungs­en­de im Kin­der­geld­recht

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall absol­vier­te die Toch­ter des Vaters eine Aus­bil­dung zur staat­lich aner­kann­ten Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­rin, die nach der ein­schlä­gi­gen lan­des­recht­li­chen Ver­ord­nung drei Jah­re dau­ert. Der Aus­bil­dungs­ver­trag hat­te dem­entspre­chend eine Lauf­zeit vom 01.09.2012 bis zum 31.08.2015. Die Toch­ter bestand die Abschluss­prü­fung im Juli 2015; in die­sem Monat wur­den ihr die Prü­fungs­no­ten mit­ge­teilt. Die Kin­der­geld­ge­wäh­rung setz­te vor­aus, dass sich die Toch­ter in Berufs­aus­bil­dung befand (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG). Die Fami­li­en­kas­se ging davon aus, dass eine Berufs­aus­bil­dung bereits mit Ablauf des Monats endet, in dem das Prü­fungs­er­geb­nis bekannt­ge­ge­ben wird, so dass es nicht auf das Ende der durch Rechts­vor­schrift fest­ge­leg­ten Aus­bil­dungs­zeit ankommt.

Die Fami­li­en­kas­se hob daher die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des ab August 2015 auf und ver­wies hier­zu auf die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, der zufol­ge eine Aus­bil­dung spä­tes­tens mit der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses endet. Der Vater wand­te sich dage­gen und erstritt vor dem Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg das Kin­der­geld für den Monat August 1. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Fami­li­en­kas­se hat­te vor dem Bun­des­fi­nanz­hof kei­nen Erfolg.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat mit dem neu­en Urteil sei­ne Recht­spre­chung zur Dau­er der Berufs­aus­bil­dung prä­zi­siert. In den bis­lang ent­schie­de­nen Fäl­len war die Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses der spä­tes­te in Betracht kom­men­de Zeit­punkt des Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses. Hier­von unter­schei­det sich der Streit­fall, weil hier das Aus­bil­dungs­en­de durch eine eige­ne Rechts­vor­schrift gere­gelt ist. Nach § 2 Abs. 2 Satz 1 der Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­ver­ord­nung des Lan­des Baden-Würt­tem­berg dau­ert die Fach­schul­aus­bil­dung zur Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­rin drei Jah­re. Die Vor­schrift des § 21 Abs. 2 des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes (BBiG), der zufol­ge eine Berufs­aus­bil­dung vor Ablauf der Aus­bil­dungs­zeit mit der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses endet, war nicht ein­schlä­gig, da die Aus­bil­dung an einer dem Lan­des­recht unter­ste­hen­den berufs­bil­den­den Schu­le absol­viert wur­de, so dass das BBiG nicht anwend­bar war. Damit ende­te die Berufs­aus­bil­dung nicht im Juli 2015, son­dern erst mit Ablauf des Fol­ge­mo­nats.

Nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG wird für ein voll­jäh­ri­ges Kind, das noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat und für einen Beruf aus­ge­bil­det wird, Kin­der­geld gewährt.

In Berufs­aus­bil­dung befin­det sich, wer sein Berufs­ziel noch nicht erreicht hat, sich aber ernst­haft und nach­hal­tig dar­auf vor­be­rei­tet. Der Vor­be­rei­tung die­nen alle Maß­nah­men, bei denen Kennt­nis­se, Fähig­kei­ten und Erfah­run­gen erwor­ben wer­den, die als Grund­la­gen für die Aus­übung des ange­streb­ten Berufs geeig­net sind 2.

Nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 24.05.2000 3 endet eine Berufs­aus­bil­dung spä­tes­tens mit der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses, wenn die Aus­bil­dung mit einer Prü­fung abschließt. Aller­dings war das Finanz­ge­richt zu Recht der Auf­fas­sung, dass der Rechts­satz in die­ser All­ge­mein­heit nicht gilt, wenn das Prü­fungs­er­geb­nis noch vor dem Monat des durch eine Rechts­vor­schrift fest­ge­leg­ten Endes einer Berufs­aus­bil­dung bekannt gege­ben wor­den ist.

In dem Fall, über den der Bun­des­fi­nanz­hof im Urteil in BFHE 191, 557, BSt­Bl II 2000, 473 ent­schie­den hat, war die Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses der spä­tes­te in Betracht kom­men­de Zeit­punkt für den Aus­bil­dungs­ab­schluss. Es ging um die Fra­ge, ob bereits der (erfolg­rei­che) Abschluss einer Prü­fung, die der Auf­nah­me einer Voll­zeit­tä­tig­keit unmit­tel­bar vor­aus­ging, als Ende einer Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung anzu­se­hen war oder erst der Zeit­punkt der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses. Für den Bun­des­fi­nanz­hof war aus­schlag­ge­bend, dass ein Kind, das noch vor Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses eine Voll­zeit­tä­tig­keit auf­nimmt, sich nicht mehr ernst­haft auf ein Berufs­ziel vor­be­rei­tet 4. In den BFH, Urtei­len in BFHE 224, 546, BSt­Bl II 2010, 298; und vom 24.09.2009 – III R 70/​07 5 – jeweils Vor­be­rei­tung auf eine Wie­der­ho­lungs­prü­fung – sowie in den BFH, Beschlüs­sen vom 28.01.2010 – III B 165/​09 6; und vom 26.04.2011 – III B 191/​10 7 wird der Rechts­satz, wonach eine Berufs­aus­bil­dung spä­tes­tens mit der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses endet, wie­der­ge­ge­ben.

Jedoch unter­schei­det sich der Streit­fall in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se von den Sach­ver­hal­ten, die den vor­ste­hend zitier­ten Urtei­len und Beschlüs­sen zugrun­de lagen. Es han­delt sich hier um eine Berufs­aus­bil­dung, die nicht mit der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses endet, son­dern mit dem Ablauf der durch Rechts­vor­schrift fest­ge­leg­ten Aus­bil­dungs­zeit.

Nach § 2 Abs. 2 Satz 1 der Ver­ord­nung des Sozi­al­mi­nis­te­ri­ums des Lan­des Baden-Würt­tem­berg über die Aus­bil­dung und Prü­fung an den Fach­schu­len für Sozi­al­we­sen der Fach­rich­tung Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge (Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­ver­ord­nung) ‑AprO­Hei­lErz­Pfl BW- vom 13.07.2004 8 dau­ert die Fach­schul­aus­bil­dung zum Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger drei Jah­re; sie endet mit einer staat­li­chen Prü­fung. Letz­te­res bedeu­tet aller­dings nicht, dass eine Berufs­aus­bil­dung zum Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger vor­zei­tig endet, wenn das Prü­fungs­er­geb­nis vor dem letz­ten Tag der Aus­bil­dungs­zeit bekannt­ge­ge­ben wird. Im Streit­fall wur­de die Toch­ter im August 2015, dem letz­ten Monat der Aus­bil­dungs­zeit, noch aus­ge­bil­det. Dem­entspre­chend war sie erst ab Sep­tem­ber 2015 berech­tigt, die Berufs­be­zeich­nung "Staat­lich aner­kann­te Hei­ler­zie­hungs­pfle­ge­rin" zu füh­ren (§ 35 Abs. 2 APrO­Hei­lErz­Pfl BW).

Die Vor­schrift des § 21 Abs. 2 des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes (BBiG), die regelt, dass eine Berufs­aus­bil­dung vor Ablauf der Aus­bil­dungs­zeit mit der Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses endet, ist bereits des­halb nicht ein­schlä­gig, weil es sich im Streit­fall um eine dem Lan­des­recht unter­ste­hen­de berufs­bil­den­de Schu­le han­delt; das BBiG ist damit gemäß § 3 Abs. 1 BBiG nicht anwend­bar.

Bei ande­ren Aus­bil­dun­gen ist auch nach Ver­wal­tungs­an­sicht auf das gesetz­lich fest­ge­leg­te Aus­bil­dungs­en­de abzu­stel­len und nicht auf eine vor­he­ri­ge Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses. So endet gemäß A 15.10 Abs. 7 der Dienst­an­wei­sung zum Kin­der­geld nach dem Ein­kom­men­steu­er­ge­setz, Stand 2017 9 die Berufs­aus­bil­dung bei Aus­bil­dun­gen nach dem Gesetz über die Beru­fe in der Kran­ken­pfle­ge (KrPflG) vom 16.07.2003 10, nach dem Gesetz über die Beru­fe in der Alten­pfle­ge (Alt­PflG) vom 25.08.2003 11 und nach dem Gesetz über den Beruf der Heb­am­me und des Ent­bin­dungs­pfle­gers (HebG) vom 04.06.1985 12 nach drei Jah­ren (vgl. § 4 Abs. 1 Satz 1 KrPflG, § 4 Abs. 1 Satz 1 Alt­PflG und § 6 Abs. 1 Satz 1 HebG). Es ist kein Grund ersicht­lich, wes­halb bei der lan­des­recht­lich gere­gel­ten Aus­bil­dung zum Hei­ler­zie­hungs­pfle­ger nicht die durch Rechts­ver­ord­nung vor­ge­se­he­ne Dau­er, son­dern die vor­he­ri­ge Bekannt­ga­be des Prü­fungs­er­geb­nis­ses ent­schei­dend sein soll­te.

Im vor­lie­gen­den Streit­fall bedeu­te­te dies: Die Berufs­aus­bil­dung der Toch­ter an der Fach­schu­le begann im Sep­tem­ber 2012 und ende­te erst im August 2015. Für die­sen Monat steht dem Vater noch Kin­der­geld zu.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 14. Sep­tem­ber 2017 – III R 19/​16

  1. FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19.10.2016 – 7 K 407/​16[]
  2. BFH, Urteil vom 09.06.1999 – VI R 50/​98, BFHE 189, 98, BSt­Bl II 1999, 706; BFH, Urtei­le vom 02.04.2009 – III R 85/​08, BFHE 224, 546, BSt­Bl II 2010, 298; vom 16.09.2015 – III R 6/​15, BFHE 251, 31, BSt­Bl II 2016, 281; und vom 22.02.2017 – III R 20/​15, BFHE 257, 274, BSt­Bl II 2017, 913[]
  3. BFH, Urteil vom 24.05.2000 – VI R 143/​99, BFHE 191, 557, BSt­Bl II 2000, 473[]
  4. eben­so BFH, Urteil vom 16.03.2004 – VIII R 65/​03, BFH/​NV 2004, 1522[]
  5. BFH/​NV 2010, 617[]
  6. BFH/​NV 2010, 876 – vor­ge­zo­ge­ne Abschluss­prü­fung einer Tech­ni­schen Zeich­ne­rin[]
  7. BFH/​NV 2011, 1139 – uni­ver­si­tä­re Prü­fung nach Exma­tri­ku­la­ti­on[]
  8. Gesetz­blatt für Baden-Würt­tem­berg 2004, 616[]
  9. BSt­Bl I 2017, 1006[]
  10. BGBl I 2003, 1442[]
  11. BGBl I 2003, 1690[]
  12. BGBl I 1985, 902[]