Aus­gleichs­zah­lun­gen für zu viel geleis­te­ten Dienst

Aus­gleichs­zah­lun­gen des Dienst­herrn an Berufs­feu­er­wehr­leu­te für uni­ons­rechts­wid­rig zu viel geleis­te­ten Dienst unter­lie­gen der Ein­kom­men­steu­er. Sie sind nicht als Scha­dens­er­satz steu­er­frei.

Aus­gleichs­zah­lun­gen für zu viel geleis­te­ten Dienst

Zu den ‑der Ein­kom­men­steu­er unter­lie­gen­den- Ein­nah­men aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit gehö­ren gemäß § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 8 Abs. 1 EStG alle Güter, die in Geld oder Gel­des­wert bestehen und die dem Arbeit­neh­mer für eine Beschäf­ti­gung im öffent­li­chen oder pri­va­ten Dienst zuflie­ßen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs 1 wer­den Bezü­ge oder Vor­tei­le für eine Beschäf­ti­gung gewährt, wenn sie durch das indi­vi­du­el­le Dienst­ver­hält­nis ver­an­lasst sind und sich bei objek­ti­ver Betrach­tung als ein Ent­gelt "für" eine Leis­tung dar­stel­len, die der Arbeit­neh­mer im Rah­men des Dienst­ver­hält­nis­ses erbringt, erbracht hat oder erbrin­gen soll. Das ist der Fall, wenn der Vor­teil mit Rück­sicht auf das Dienst­ver­hält­nis ein­ge­räumt wird und sich die Leis­tung im wei­tes­ten Sin­ne als Gegen­leis­tung für das Zur­ver­fü­gung­stel­len der indi­vi­du­el­len Arbeits­kraft des Arbeit­neh­mers erweist 2. Die Zuwen­dung muss also einen Ent­loh­nungs­cha­rak­ter auf­wei­sen 3, d.h. eine Erfül­lungs­leis­tung im Rah­men des bis­he­ri­gen Rechts­ver­hält­nis­ses zwi­schen dem Arbeit­neh­mer und sei­nem Dienst­herrn dar­stel­len.

Dage­gen liegt Arbeits­lohn nicht vor, wenn der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer einen Scha­den ersetzt, den die­ser infol­ge einer Ver­let­zung arbeits­recht­li­cher (Fürsorge-)Pflichten oder einer uner­laub­ten Hand­lung des Arbeit­ge­bers z.B. an einem mate­ri­el­len oder imma­te­ri­el­len Wirt­schafts­gut erlit­ten hat. Denn damit wer­den nicht die Diens­te des Arbeit­neh­mers ver­gü­tet, son­dern ein vom Arbeit­ge­ber ver­ur­sach­ter Scha­den aus­ge­gli­chen 4.

Gemäß Art. 6 Buchst. b Richt­li­nie 2003/​88/​EG bzw. der gleich­lau­ten­den Vor­gän­ger­be­stim­mung des Art. 6 Nr. 2 Richt­li­nie 93/​104/​EG darf für den Feu­er­wehr­be­am­ten die durch­schnitt­li­che Arbeits­zeit pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum 48 Stun­den ein­schließ­lich der Über­stun­den nicht über­schrei­ten. Für die von ihm über die zuläs­si­ge Höchst­ar­beits­zeit hin­aus geleis­te­te Mehr­ar­beit kann er nach dem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 25.11.2010 5 einen uni­ons­recht­li­chen Staats­haf­tungs­an­spruch gel­tend machen und Ersatz des durch den Ver­stoß gegen die uni­ons­recht­li­che Vor­schrift ent­stan­de­nen Scha­dens ver­lan­gen. Der Scha­dens­er­satz darf nach den Aus­füh­run­gen des EuGH unter Beach­tung des Äqui­va­lenz- und des Effek­ti­vi­täts­grund­sat­zes in Form von Frei­zeit­aus­gleich oder in Form einer finan­zi­el­len Ent­schä­di­gung gewährt wer­den 6.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts wird die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts sicher­ge­stellt, indem die rechts­wid­rig zuviel geleis­te­ten Arbeits­stun­den in vol­lem Umfang aus­ge­gli­chen wer­den. Der Bereit­schafts­dienst darf dabei nicht gerin­ger gewich­tet wer­den als sons­ti­ge Dienst­zei­ten, um einen Wer­tungs­wi­der­spruch zu den Norm­zie­len des euro­päi­schen Arbeits­zeit­rechts zu ver­mei­den 7.

Für einen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach deut­schem Recht fehlt es im Hin­blick auf rechts­wid­rig zuviel geleis­te­te Arbeit an einem zu erset­zen­den Scha­den. Zusätz­li­cher Dienst eines Beam­ten ist kein Scha­den i.S. des all­ge­mei­nen Scha­dens­er­satz­rechts. Für beam­ten­recht­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ist der Scha­dens­be­griff maß­ge­bend, der auch den §§ 249 ff. BGB zugrun­de liegt 8. Danach ist man­gels beson­de­rer Vor­schrif­ten Geld­ersatz nur bei einem Ver­mö­gens­scha­den, nicht bei einem imma­te­ri­el­len Scha­den zu leis­ten. Der Auf­wand von Zeit und Arbeits­kraft zur Leis­tung des zusätz­li­chen Diens­tes und der damit ver­bun­de­ne Ver­lust von Frei­zeit als sol­che sind kein durch Geld zu erset­zen­der mate­ri­el­ler Scha­den 9. Der nach dem Urteil des EuGH zu leis­ten­de "Ersatz des ent­stan­de­nen Scha­dens" ist dem­nach als Aus­gleichs­zah­lung für rechts­wid­rig zuviel geleis­te­te Arbeit zu sehen. Die Zah­lung ist Gegen­leis­tung für die in der Ver­gan­gen­heit zu viel geleis­te­ten Diens­te des Arbeit­neh­mers und damit ‑wenn die Leis­tun­gen über meh­re­re Jah­re hin­weg erbracht wur­den- ermä­ßigt zu besteu­ern­der Arbeits­lohn i.S. des § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 34 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 4 EStG 10. Die Ver­jäh­rung des Anspruchs steht dem Ent­loh­nungs­cha­rak­ter und der Erfül­lungs­wir­kung der Zah­lung nicht ent­ge­gen (s. auch § 214 Abs. 2 BGB).

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 26. August 2016 – VI B 95/​15

  1. vgl. zuletzt BFH, Urteil vom 28.02.2013 – VI R 58/​11, BFHE 240, 345, BSt­Bl II 2013, 642, m.w.N.[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, z.B. BFH, Urtei­le vom 19.11.2015 – VI R 47/​14, BFHE 252, 124, BSt­Bl II 2016, 301; und vom 23.04.2009 – VI R 39/​08, BFHE 224, 571, BSt­Bl II 2009, 668, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil vom 17.07.2014 – VI R 69/​13, BFHE 246, 363, BSt­Bl II 2015, 41[]
  4. BFH, Urtei­le vom 20.09.1996 – VI R 57/​95, BFHE 181, 298, BSt­Bl II 1997, 144; vom 24.05.2000 – VI R 17/​96, BFHE 192, 293, BSt­Bl II 2000, 584[]
  5. EuGH, Urteil "Fuß" vom 25.11.2010 – C‑429/​09, EU:C:2010:717, Rz 35, 49 ff., 62, 72, 93 ff.[]
  6. s. hier­zu auch BVerwG, Urteil des vom 26.07.2012 – 2 C 70/​11, NVwZ 2012, 1472[]
  7. BVerwG, Urteil vom 29.09.2011 – 2 C 32/​10, BVerw­GE 140, 351, m.w.N.[]
  8. stän­di­ge Recht­spre­chung, s. z.B. BVerwG, Urteil vom 28.05.2003 2 C 28/​02, DVBl. 2003, 1552, Rz 17, m.w.N.[]
  9. eben­so BGH, Urtei­le vom 29.04.1977 – V ZR 236/​74, BGHZ 69, 34; und vom 22.11.1988 – VI ZR 126/​88, BGHZ 106, 28[]
  10. so auch BFH, Urteil vom 14.06.2016 – IX R 2/​16, zur amt­li­chen Ver­öf­fent­li­chung bestimmt[]