Beginn der Über­gangs­zeit beim Kin­der­geld

Die Über­gangs­zeit gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG beginnt mit Abschluss des unmit­tel­bar vor­an­ge­gan­ge­nen Aus­bil­dungs­ab­schnit­tes oder Diens­tes, auch wenn das Kind zu die­sem Zeit­punkt das 18. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat.

Beginn der Über­gangs­zeit beim Kin­der­geld

Ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, wird nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG berück­sich­tigt, wenn es sich in einer Über­gangs­zeit von höchs­tens vier Mona­ten befin­det, die zwi­schen zwei Aus­bil­dungs­ab­schnit­ten oder zwi­schen einem Aus­bil­dungs­ab­schnitt und der Ableis­tung des gesetz­li­chen Wehr- oder Zivil­diens­tes, einer vom Wehr- oder Zivil­dienst befrei­en­den Tätig­keit als Ent­wick­lungs­hel­fer oder als Dienst­leis­ten­der im Aus­land nach § 14b des Zivil­dienst­ge­set­zes oder der Ableis­tung eines frei­wil­li­gen Diens­tes i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG liegt.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall ist der Sohn nicht wegen einer Über­gangs­zeit gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG zu berück­sich­ti­gen ist. Bei Über­schrei­ten der Über­gangs­zeit kommt eine Begüns­ti­gung auch nicht für die ers­ten vier Mona­te in Betracht 1. Die Über­gangs­zeit beginnt mit Abschluss des unmit­tel­bar vor­an­ge­gan­ge­nen Aus­bil­dungs­ab­schnit­tes oder Diens­tes, auch wenn das Kind zu die­sem Zeit­punkt das 18. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat.

Dies legt schon der Wort­laut der Vor­schrift nahe 2. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ent­hält weder aus­drück­lich noch dem Sinn nach eine Beschrän­kung auf Über­gangs­zei­ten nach Voll­endung des 18. Lebens­jah­res. Die Norm setzt zwar vor­aus, dass die Über­gangs­zeit nach Voll­endung des 18. Lebens­jah­res andau­ert, schließt aber gera­de nicht aus, dass sie bereits davor begon­nen hat. Sie geht von einer ein­heit­li­chen Über­gangs­zeit aus und ent­hält kei­ne Hin­wei­se auf eine Auf­tei­lung in eine Zeit vor und eine Zeit nach Voll­endung des 18. Lebens­jah­res.

Es ent­spricht auch dem Zweck der Rege­lung, die Zeit vor Voll­endung des 18. Lebens­jah­res zur Über­gangs­zeit zu zäh­len. Die Geset­zes­sys­te­ma­tik steht dem nicht ent­ge­gen 3.

Die Rege­lung in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG stellt gegen­über § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG eine ver­ein­fa­chen­de Auf­fang­vor­schrift dar. Bei einer Über­gangs­zeit zwi­schen zwei Aus­bil­dungs­ab­schnit­ten von nicht mehr als vier Mona­ten geht der Gesetz­ge­ber typi­sie­rend davon aus, dass ein Kind gehin­dert ist, sei­ne Aus­bil­dung zu einem frü­he­ren Zeit­punkt fort­zu­set­zen 4. Für die Mög­lich­keit zur Neu­ori­en­tie­rung bzw. Fort­set­zung der Aus­bil­dung ist es regel­mä­ßig uner­heb­lich, ob das Kind bei Abschluss des der Über­gangs­zeit unmit­tel­bar vor­aus­ge­hen­den Aus­bil­dungs­ab­schnit­tes oder Diens­tes das 18. Lebens­jahr schon voll­endet hat oder dem­nächst voll­enden wird.

Die Beschrän­kung der Über­gangs­zeit gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG wird gerecht­fer­tigt durch die typi­sie­ren­de Annah­me, dass voll­jäh­ri­ge gesun­de Kin­der, die län­ge­re Über­gangs­zei­ten zu über­brü­cken haben, wäh­rend die­ser Zeit eine Erwerbs­tä­tig­keit (ggf. Aus­hilfs­tä­tig­keit) auf­neh­men und sich gegen­über ihren Eltern nicht mehr in einer Unter­halts­si­tua­ti­on befin­den 5. Bis zur Voll­endung des 18. Lebens­jah­res wer­den Kin­der auch in Über­gangs­zei­ten unab­hän­gig von § 32 Abs. 4 EStG schon gemäß § 32 Abs. 3 EStG berück­sich­tigt. Von Kin­dern, die wäh­rend der Über­gangs­zeit das 18. Lebens­jahr voll­enden, kann nach Ablauf der Über­gangs­zeit die Auf­nah­me einer Erwerbs­tä­tig­keit in glei­cher Wei­se erwar­tet wer­den wie von einem von Anfang an voll­jäh­ri­gen Kind.

Der Sohn ist auch nicht nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG zu berück­sich­ti­gen. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des BFH ist dafür erfor­der­lich, dass das Kind sich ernst­haft um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht 6. Ein ernst­haf­tes Bemü­hen um einen Aus­bil­dungs­platz inner­halb der Bun­des­wehr ist nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zu ver­nei­nen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. April 2015 – III R 54/​13

  1. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 78/​99, BFHE 203, 90, BSt­Bl II 2003, 841, unter II. 4.a; BFH, Urtei­le vom 22.12 2011 – III R 5/​07, BFHE 236, 137, BSt­Bl II 2012, 678, Rz 15, und – III R 41/​07, BFHE 236, 144, BSt­Bl II 2012, 681, Rz 21[]
  2. a.A. Schmidt/​Loschelder, EStG, 34. Aufl., § 32 Rz 30[]
  3. a.A. Schmidt/​Loschelder, a.a.O.[]
  4. BFH, Urteil vom 27.01.2011 – III R 57/​10, BFH/​NV 2011, 1316, Rz 12[]
  5. BFH, Urtei­le in BFHE 236, 137, BSt­Bl II 2012, 678, Rz 29, und in BFHE 236, 144, BSt­Bl II 2012, 681, Rz 33[]
  6. BFH, Urteil vom 09.02.2012 – III R 68/​10, BFHE 236, 421, BSt­Bl II 2012, 686, Rz 20, m.w.N.[]