Behin­de­rungs­be­ding­te Umbau­kos­ten einer Motor­yacht

Auf­wen­dun­gen für den behin­der­ten­ge­rech­ten Umbau einer Motor­yacht erwach­sen dem Steu­er­pflich­ti­gen nicht zwangs­läu­fig und sind des­halb nicht als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung i.S. des § 33 EStG zu berück­sich­ti­gen.

Behin­de­rungs­be­ding­te Umbau­kos­ten einer Motor­yacht

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall ist der Steu­er­pflich­ti­ge auf­grund eines Auto­un­falls quer­schnitts­ge­lähmt und auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen (Grad der Behin­de­rung 100). Im Jahr 2008 erwarb er eine Motor­yacht, die er im Streit­jahr 2011 roll­stuhl­ge­recht umbau­en ließ. Hier­für ent­stan­den ihm Kos­ten in Höhe von ca. 37.000 €, die er in sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung ver­geb­lich als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung gemäß § 33 EStG gel­tend mach­te. Die Kla­ge blieb erst­in­stanz­lich vor dem Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richt eben­so erfolg­los 1 wie jetzt auch die Revi­si­on vor dem Bun­des­fi­nanz­hof:

Nach § 33 EStG sei­en nur zwangs­läu­fi­ge Mehr­auf­wen­dun­gen für den exis­tenz­not­wen­di­gen Grund­be­darf abzugs­fä­hig. Auf­wen­dun­gen für die Anschaf­fung und den Unter­halt einer Motor­yacht zähl­ten hier­zu nicht. Der Steu­er­pflich­ti­ge sei nicht ver­pflich­tet, der­ar­ti­ge Kon­sum­auf­wen­dun­gen zu tra­gen. Sie stün­den viel­mehr in sei­nem Belie­ben. Das gel­te auch für Mehr­auf­wen­dun­gen, die erfor­der­lich sei­en, ein sol­ches Boot behin­der­ten­ge­recht umzu­ge­stal­ten. Die­se Auf­wen­dun­gen sei­en nicht vor­nehm­lich der Krank­heit oder Behin­de­rung geschul­det, son­dern ‑anders als die krank­heits- oder behin­der­ten­ge­rech­te Aus­ge­stal­tung des indi­vi­du­el­len (exis­ten­zi­ell wich­ti­gen) Wohn­um­felds- in ers­ter Linie Fol­ge eines frei gewähl­ten Kon­sum­ver­hal­tens.

Erwach­sen einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens, glei­cher Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stands (außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung), so wird auf Antrag die Ein­kom­men­steu­er dadurch ermä­ßigt, dass der Teil der Auf­wen­dun­gen, der die dem Steu­er­pflich­ti­gen zumut­ba­re Belas­tung über­steigt; vom Gesamt­be­trag der Ein­künf­te abge­zo­gen wird (§ 33 Abs. 1 EStG). Auf­wen­dun­gen sind in die­sem Sin­ne zwangs­läu­fig, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sich ihnen aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den nicht ent­zie­hen kann und soweit sie den Umstän­den nach not­wen­dig sind und einen ange­mes­se­nen Betrag nicht über­stei­gen (§ 33 Abs. 2 Satz 1 EStG).

Ziel des § 33 EStG ist es, zwangs­läu­fi­ge Mehr­auf­wen­dun­gen für den exis­tenz­not­wen­di­gen Grund­be­darf zu berück­sich­ti­gen, die sich wegen ihrer Außer­ge­wöhn­lich­keit einer pau­scha­len Erfas­sung in all­ge­mei­nen Ent­las­tungs­be­trä­gen ent­zie­hen. Aus dem Anwen­dungs­be­reich der außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen aus­ge­schlos­sen sind daher die übli­chen Auf­wen­dun­gen der Lebens­füh­rung, die in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums durch den Grund­frei­be­trag abge­gol­ten sind 2, sowie pri­va­te Auf­wen­dun­gen, die über die Schaf­fung der Min­dest­vor­aus­set­zun­gen für ein men­schen­wür­di­ges Dasein hin­aus­ge­hen. Des­halb stel­len die §§ 33, 33a und 33b EStG auch nur außer­ge­wöhn­li­che ‑ins­be­son­de­re exis­ten­ti­ell not­wen­di­ge oder der Siche­rung der Exis­tenz die­nen­de- aty­pi­sche Auf­wen­dun­gen steu­er­frei 3.

Anders als bei­spiels­wei­se Auf­wen­dun­gen, die geleis­tet wer­den, um den exis­ten­ti­el­len Wohn­be­darf zu befrie­di­gen 4, exis­tenz­not­wen­di­ge Gegen­stän­de wie­der zu beschaf­fen 5 oder gesund­heits­ge­fähr­den­de Gegen­stän­de des exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarfs aus­zu­tau­schen 6 bzw. von die­sen aus­ge­hen­de Gesund­heits­ge­fah­ren zu besei­ti­gen 7, gehö­ren Auf­wen­dun­gen für eine Motor­yacht hier­zu nicht.

Auf­wen­dun­gen für die Anschaf­fung und den Unter­halt einer Motor­yacht ent­ste­hen daher nicht zwangs­läu­fig. Der Steu­er­pflich­ti­ge ist weder aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den ver­pflich­tet, der­ar­ti­ge Kon­sum­auf­wen­dun­gen zu tra­gen. Sie ste­hen viel­mehr in sei­nem Belie­ben. Das gilt auch für Mehr­auf­wen­dun­gen, die erfor­der­lich sind, ein sol­ches Boot behin­der­ten­ge­recht umzu­ge­stal­ten. Die­se Auf­wen­dun­gen sind nicht vor­nehm­lich der Krank­heit oder Behin­de­rung geschul­det, son­dern ‑anders als die krank­heits- oder behin­der­ten­ge­rech­te Aus­ge­stal­tung des indi­vi­du­el­len 8 Wohn­um­felds 9- in ers­ter Linie Fol­ge eines frei gewähl­ten Kon­sum­ver­hal­tens. Ob es sich dabei um ein "sozi­al gebil­lig­tes Ver­hal­ten" han­delt, ist für den Abzug von Auf­wen­dun­gen als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung uner­heb­lich 10. Denn § 33 EStG unter­schei­det tat­be­stand­lich in § 33 Abs. 2 Satz 1 EStG ledig­lich zwi­schen steu­er­erheb­li­cher (aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den) zwangs­läu­fi­ger und steue­ru­ner­heb­li­cher belie­bi­ger Ein­kom­mens­ver­wen­dung. Ein Wert­ur­teil ist damit nicht ver­bun­den.

Nach die­sen Grund­sät­zen sind die Auf­wen­dun­gen für den behin­der­ten­ge­rech­ten Umbau der Motor­yacht nicht als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung i.S. des § 33 EStG abzieh­bar. Denn bei einer wie der vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung kann kei­ne Rede davon sein, dass Grün­de der­art von außen auf die Ent­schlie­ßung des Steu­er­pflich­ti­gen ein­wir­ken, dass er ihnen – auf­grund ihrer Exis­tenz­not­wen­dig­keit – nicht aus­wei­chen kann, er also tat­säch­lich kei­ne Ent­schei­dungs­frei­heit hat, bestimm­te Auf­wen­dun­gen (hier: die Kos­ten für den Umbau des Boo­tes) vor­zu­neh­men oder zu unter­las­sen. Viel­mehr liegt eine maß­geb­lich vom mensch­li­chen Wil­len beein­fluss­te Situa­ti­on vor, die eine nach § 33 EStG erfor­der­li­che Zwangs­la­ge nicht begrün­den kann 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 2. Juni 2015 – VI R 30/​14

  1. Nds. FG, Urteil vom 02.12.2013 – 2 K 176/​13[]
  2. z.B. BFH, Urteil vom 26.06.2014 – VI R 51/​13, BFHE 246, 326, BSt­Bl II 2015, 9, m.w.N.[]
  3. Arndt, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 33 Rz A 6, B 44; Hufeld, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 33a Rz A 2; Schmidt/​Loschelder, EStG, 34. Aufl., § 33 Rz 14; Kanz­ler in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 33 EStG Rz 7; Nacke in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 33 Rz 1; Mel­ling­hoff in Kirch­hof, EStG, 14. Aufl., § 33 Rz 1[]
  4. BFH, Urteil vom 21.04.2010 – VI R 62/​08, BFHE 230, 1, BSt­Bl II 2010, 965, m.w.N.[]
  5. z.B. BFH, Urteil vom 29.03.2012 – VI R 21/​11, BFHE 237, 93, BSt­Bl II 2012, 574, m.w.N.[]
  6. z.B. BFH, Urteil vom 29.03.2012 – VI R 70/​10, BFHE 237, 90, BSt­Bl II 2012, 572, m.w.N.[]
  7. BFH, Urteil vom 29.03.2012 – VI R 47/​10, BFHE 237, 85, BSt­Bl II 2012, 570, m.w.N.[]
  8. exis­ten­zi­ell wich­ti­gen[]
  9. vgl. BFH, Urteil in BFHE 237, 90, BSt­Bl II 2012, 572, sowie Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 06.05.1994 – III R 27/​92, BFHE 175, 332, BSt­Bl II 1995, 104[]
  10. a.A. FG Ber­lin, Urteil vom 01.11.1994 – VII 369/​91, EFG 1995, 264[]
  11. vgl. BFH, Urteil vom 17.07.2014 – VI R 42/​13, BFHE 246, 360, BSt­Bl II 2014, 931[]