Beson­de­res Kirch­geld – und die bun­des­land­be­zo­ge­ne Kir­chen­steu­er­be­rech­ti­gung

Die Ver­lei­hung hoheit­li­cher Befug­nis­se wie der Steu­er­be­rech­ti­gung bei der Aner­ken­nung einer Reli­gi­ons­ge­sell­schaft als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts durch ein Bun­des­land wirkt nicht über des­sen Bereich hin­aus.

Beson­de­res Kirch­geld – und die bun­des­land­be­zo­ge­ne Kir­chen­steu­er­be­rech­ti­gung

n glau­bens­ver­schie­de­ner Ehe kann die Kir­chen­steu­er in der Form des beson­de­ren Kirch­gel­des gemäß § 3 Abs. 1 Bstb. b (n. F.: c) Hmb­KiStG, § 5 Abs. 1 Nr. 1 Bstb. c, § 9 KiStO (Kir­chen­steuer­ord­nung des Ver­ban­des der Nord­el­bi­schen Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che jeweils vom 08.10.1978 in der Fas­sung vom 22.11.2008) erho­ben wer­den.

Eine Ehe wird als "glau­bens­ver­schie­den" bezeich­net, wenn nur ein Ehe­gat­te einer steu­er­be­rech­tig­ten (n. F.: steu­er­erhe­ben­den) Kör­per­schaft ange­hört, § 5 Abs. 1 Hmb­KiStG, § 9 Abs. 1 KiStO, im Unter­schied zu der "kon­fes­si­ons­ver­schie­de­nen" Ehe, bei der die Ehe­gat­ten ver­schie­de­nen steu­er­be­rech­tig­ten (n. F.: steu­er­erhe­ben­den) Kör­per­schaf­ten ange­hö­ren, § 5a Hmb­KiStG, § 14 KiStO.

Das beson­de­re Kirch­geld wird von Kir­chen­an­ge­hö­ri­gen erho­ben, deren Ehe­gat­te kei­ner steu­er­be­rech­tig­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft ange­hört (§ 9 Abs. 1 KiStO, § 5 Abs. 1 KiStB).

Gemäß § 9 Abs. 2 Satz 1 KiStO wird das beson­de­re Kirch­geld nach der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit in Anknüp­fung an den Lebens­füh­rungs­auf­wand bemes­sen. Grund­la­ge dafür ist nach § 9 Abs. 2 Satz 2 KiStO das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men bei­der Ehe­gat­ten nach den Bestim­mun­gen des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes. Die Höhe des auf­grund § 9 Abs. 3 KiStO nach gestaf­fel­ten Sät­zen erho­be­nen Kirch­gelds ergibt sich aus § 5 KiStB; und zwar gemäß § 5 Abs. 2 KiStB nach Tabel­len­stu­fen des gemein­sam zu ver­steu­ern­den Ein­kom­mens.

Im hier vom Finanz­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Streit­fall han­delt es sich um eine glau­bens­ver­schie­de­ne Ehe; im Unter­schied zur Ehe­frau gehört ihr Ehe­mann kei­ner auf­grund Geset­zes oder Rechts­ver­ord­nung in Ham­burg steu­er­be­rech­tig­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft an.

Im Sin­ne des § 5 Hmb­KiStG in der Fas­sung des Streit­jahrs "steu­er­be­rech­tigt" sind zunächst die in § 1 Abs. 1 Hmb­KiStG genann­ten Kir­chen (evan­ge­lisch-luthe­ri­sche und römisch-katho­li­sche).

Dar­über hin­aus ist das Finanz­ge­richt der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg gemäß § 1 Abs. 2 Hmb­KiStG ermäch­tigt, durch Rechts­ver­ord­nung die Anwen­dung die­ses Geset­zes oder von Tei­len des­sel­ben auf Antrag auf ande­re Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, die Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts sind, zu erstre­cken.

Erst durch die­se Ver­lei­hung des Rechts zur Kir­chen­steu­er-Erhe­bung wird eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft hier "(kirchen-)steuerberechtigt" 1.

In die­ser Ver­ord­nung über die Erstre­ckung des Rechts zur Erhe­bung von Kir­chen­steu­ern auf Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten (Hmb­KiS­tEr­stre­ckungs­VO) ist die Kir­chen­steu­er­be­rech­ti­gung der Frei­re­li­giö­sen Gemein­de Wies­ba­den bis­her eben­so wenig ver­lie­hen wie der Frei­re­li­giö­sen Lan­des­ge­mein­schaft bzw. Huma­nis­ti­schen Gemein­schaft Hes­sen. Von dort liegt auch kein Antrag im Sin­ne des § 1 Abs. 2 Hmb­KiStG vor.

Im Übri­gen fehlt es jeweils bereits an der vor­aus­zu­set­zen­den hie­si­gen Aner­ken­nung als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts gemäß Ver­ord­nung über die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten und Welt­an­schau­ungs­ver­ei­ni­gun­gen des öffent­li­chen Rechts in Ham­burg (HmbRel­Ges­VO).

Danach kommt es für die Recht­mä­ßig­keit des fest­ge­setz­ten Kirch­gelds nicht mehr dar­auf an, dass nach §§ 5 und 5a Hmb­KiStG in der Fas­sung ab 2014 die glau­bens­ver­schie­de­ne von der kon­fes­si­ons­ver­schie­de­nen Ehe danach abge­grenzt wird, dass nur ein Ehe­gat­te einer "steu­er­erhe­ben­den" Kör­per­schaft ange­hört und es sich dabei nur um eine Klar­stel­lung des vor­he­ri­gen Kri­te­ri­ums der "steu­er­be­rech­tig­ten Kör­per­schaft han­delt 2, weil bereits zuvor die "Steu­er­be­rech­ti­gung" auf lan­des­recht­li­cher Ebe­ne in Ham­burg im erhe­bungs­be­zo­ge­nem Sin­ne ver­stan­den wer­den muss­te 3.

Im Übri­gen ver­sto­ßen die vor­ge­nann­ten Rege­lun­gen, ins­be­son­de­re dass Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten nur auf Antrag in Ham­burg steu­er­be­rech­tigt wer­den kön­nen, nicht gegen Art. 3 oder Art. 4 GG.

Dabei sind Kir­chen­steu­er und Kirch­geld von Mit­glieds­bei­trä­gen zu unter­schei­den, die ohne staat­li­che Mit­wir­kung ein­ge­for­dert wer­den 4.

Über die lan­des­recht­li­che Ver­lei­hung des Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts hin­aus führt die Aner­ken­nung einer Reli­gi­ons­ge­sell­schaft in einem Bun­des­land als steu­er­be­rech­tigt nicht ohne Antrag und ohne Aner­ken­nung in einem ande­ren Bun­des­land zu einer ent­spre­chen­den dor­ti­gen Berech­ti­gung.

Nach Staats­pra­xis, Recht­spre­chung und Lite­ra­tur muss einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, die Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts wer­den will, die­ser Sta­tus in jedem Land in einem geson­der­ten Ver­fah­ren ver­lie­hen wer­den. Auch nach der erst­ma­li­gen Ver­lei­hung des Kör­per­schafts­sta­tus in einem Land kommt der Zweit­ver­lei­hung kon­sti­tu­ti­ve Wir­kung zu; inso­weit wer­den nicht bloß bestehen­de Rech­te der Reli­gi­ons­ge­mein­schaft für das Staats­ge­biet des zweit­ver­lei­hen­den Lan­des bestä­tigt 5.

Zwar ent­fal­tet die Ver­lei­hung des Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts als über­re­gio­na­ler Akt nach all­ge­mei­ner Mei­nung Rechts­wir­kung über das Gebiet des ver­lei­hen­den Lan­des hin­aus, weil und soweit die im Kör­per­schafts­sta­tus ent­hal­te­ne Rechts­fä­hig­keit mit bun­des­wei­ter Ver­bind­lich­keit begrün­det wird 6. Die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft hört mit Erlan­gung des Kör­per­schafts­sta­tus auf, als juris­ti­sche Per­son des Pri­vat­rechts zu exis­tie­ren; sie tauscht das pri­vat­recht­li­che voll­stän­dig gegen das öffent­lich-recht­li­che Gewand ein 7. Soweit ein­fa­ches Bun­des­recht – wie bei­spiels­wei­se § 1 Abs. 6 Nr. 6 Bau­GB – Rechts­fol­gen an den Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts knüpft, kön­nen die­se nach der erst­ma­li­gen Ver­lei­hung des Kör­per­schafts­sta­tus – ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich – eben­falls bun­des­wei­te Wir­kung ent­fal­ten 8.

Jedoch führt die Ver­lei­hung des Kör­per­schafts­sta­tus gemäß Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 5 Satz 2 WRV in einem Land nicht dazu, dass die Kör­per­schaft hoheit­li­che Befug­nis­se und kraft ein­fa­chen Lan­des­rechts zuer­kann­te Pri­vi­le­gi­en über die Gren­zen des ver­lei­hen­den Lan­des hin­aus aus­üben dürf­te. Jeden­falls das Besteue­rungs­recht aus Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 6 WRV, die Dienst­her­ren­fä­hig­keit und die Wid­mungs­be­fug­nis sind in die­sem Sin­ne als hoheit­li­che Befug­nis­se ein­zu­ord­nen 9.

Dass die Rechts­wir­kun­gen der Ver­lei­hung des Sta­tus einer Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts ihre Gren­zen in der Hoheits­ge­walt und Eigen­staat­lich­keit der Län­der fin­den, ent­spricht dem bun­des­staat­li­chen Kom­pe­tenz­ge­fü­ge. Weder die das gesam­te Bun­des­ge­biet in Blick neh­men­de Prü­fung der Ver­lei­hens-Vor­aus­set­zun­gen noch die als Aus­fluss der Pflicht zu bun­des­freund­li­chem Ver­hal­ten anzu­se­hen­de Betei­li­gung der übri­gen Län­der im Erst­ver­lei­hungs­ver­fah­ren las­sen die Erfor­der­lich­keit einer kon­sti­tu­ti­ven Zweit­ver­lei­hung ent­fal­len 10.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 1. Sep­tem­ber 2015 – 3 K 167/​15

  1. FG Ham­burg, Urteil vom 07.02.1996 – II 44/​93, EFG 1996, 492, Kir­chE 34, 35, Fam­RZ 1997, 1155, MDR 1996, 852, nach­ge­hend BFH, Beschluss vom 16.12.1996 – I B 43/​96, BFH/​NV 1997, 529, Kir­chE 34, 475; FG Ham­burg, Urteil vom 08.03.1991 – IV 160/​88 H, EFG 1992, 30, Kir­chE 29, 55[]
  2. vgl. Bür­ger­schaft der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg, Drucks.20/12057, 5[]
  3. vgl. Finanz­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 07.02.1996 – II 44/​93, EFG 1996, 492, Kir­chE 34, 35, m. w. N., nach­ge­hend BFH, Beschluss vom 16.12.1996 – I B 43/​96, BFH/​NV 1997, 529, Kir­chE 34, 475[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 19.08.2002 – 2 BvR 443/​01, HFR 2002, 1129, Kir­chE 41, 62, m. w. N.[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 30.06.2015 – 2 BvR 1282/​11, NVwZ 2015, 1434, EuGRZ 2015, 503, m. w. N.[]
  6. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.11.2012 – 6 C 8/​12, NVwZ 2013, 943, 944[]
  7. vgl. Zacha­ri­as, NVwZ 2007, 1257, 1258[]
  8. vgl. Ehlers in Sachs, GG, 7. Aufl.2014, Art. 140, Art. 137 WRV Rn. 29[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 30.06.2015 – 2 BvR 1282/​11, NVwZ 2015, 1434, EuGRZ 2015, 503; vgl. BVerfG, Urteil vom 19.12.2000 – 2 BvR 1500/​97, BVerfGE 102, 370, 388, Kir­chE 38, 502[]
  10. BVerfG, Beschluss vom 30.06.2015 – 2 BvR 1282/​11, NVwZ 2015, 1434, EuGRZ 2015, 503[]