Das Arbeits­zim­mer einer Musi­ke­rin

Gemäß § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG kön­nen Auf­wen­dun­gen für ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer sowie die Kos­ten der Aus­stat­tung nicht als Betriebs­aus­ga­ben abge­zo­gen wer­den. Das gilt indes nicht, wenn –wie im Streit­fall unstrei­tig gege­ben– für die betrieb­li­che oder beruf­li­che Tätig­keit kein ande­rer Arbeits­platz zur Ver­fü­gung steht. Gemäß Satz 3 der Rege­lung wird die Höhe der abzieh­ba­ren Auf­wen­dun­gen in die­sem Fal­le auf 1.250 EUR begrenzt; die Beschrän­kung der Höhe nach gilt nur dann nicht, wenn das Arbeits­zim­mer den Mit­tel­punkt der gesam­ten betrieb­li­chen und beruf­li­chen Betä­ti­gung bil­det.

Das Arbeits­zim­mer einer Musi­ke­rin

Der Begriff des häus­li­chen Arbeits­zim­mers ist im Gesetz nicht näher bestimmt; sei­ne Gren­zen sind flie­ßend, und es gibt Über­gangs­for­men 1. Maß­ge­bend ist das sich aus den kon­kre­ten Ver­hält­nis­sen erge­ben­de Gesamt­bild. Ob ein Raum als häus­li­ches Arbeits­zim­mer anzu­se­hen ist, muss daher auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de des Ein­zel­falls, die dem Finanz­ge­richt als Tat­sa­chen­in­stanz obliegt, ent­schie­den wer­den 2.

Im Ein­zel­nen wird unter einem häus­li­chen Arbeits­zim­mer ein Raum ver­stan­den, der sei­ner Lage, Funk­ti­on und Aus­stat­tung nach in die häus­li­che Sphä­re des Steu­er­pflich­ti­gen ein­ge­bun­den ist und vor­wie­gend der Erle­di­gung gedank­li­cher, schrift­li­cher, ver­wal­tungs­tech­ni­scher oder ‑orga­ni­sa­to­ri­scher Arbei­ten dient 3. Ein sol­cher Raum ist typi­scher­wei­se mit Büro­mö­beln ein­ge­rich­tet, wobei der Schreib­tisch regel­mä­ßig das zen­tra­le Möbel­stück ist 4. Die Aus­stat­tung mit einem Schreib­tisch ist indes­sen nicht zwin­gend erfor­der­lich; der Begriff des Arbeits­zim­mers ist auch nicht so zu ver­ste­hen, dass er ledig­lich sol­che Räu­me erfasst, die nach ihrer Funk­ti­on und Aus­stat­tung nur zur büro­mä­ßi­gen Erle­di­gung der vor­ste­hend genann­ten kon­zep­tio­nel­len und orga­ni­sa­to­ri­schen Arbei­ten bestimmt sind 5. Eben­so wenig muss der Raum für die Ver­rich­tung mensch­li­cher Arbeit von einer gewis­sen Dau­er her­ge­rich­tet sein. So kann etwa ein beruf­lich genutz­ter Archiv­raum, in dem Bücher, Akten und Unter­la­gen auf­be­wahrt, gesich­tet und her­aus­ge­sucht wer­den, der vor­be­rei­ten­den und unter­stüt­zen­den Erle­di­gung gedank­li­cher, schrift­li­cher oder ver­wal­tungs­tech­ni­scher Arbei­ten die­nen und dadurch (Teil-)Funktionen erfül­len, die übli­cher­wei­se einem häus­li­chen Arbeits­zim­mer i.S. des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG zukom­men 6.

Indes sind Räum­lich­kei­ten, die ihrer Aus­stat­tung und Funk­ti­on nach nicht einem Büro ent­spre­chen, auch dann nicht in jedem Fall dem Typus des häus­li­chen Arbeits­zim­mers zuzu­ord­nen, wenn sie ihrer Lage nach mit den Wohn­räu­men des Steu­er­pflich­ti­gen ver­bun­den und des­we­gen in des­sen häus­li­che Sphä­re ein­ge­bun­den sind 7. So kön­nen beruf­lich genutz­te Räu­me, die in die häus­li­che Sphä­re des Steu­er­pflich­ti­gen ein­ge­bun­den sind, durch ihre –für eine büro­mä­ßi­ge Nut­zung unty­pi­sche– Aus­stat­tung und eine damit zusam­men­hän­gen­de Funk­ti­ons­zu­wei­sung ein betriebs­stät­ten­ähn­li­ches Geprä­ge erlan­gen. So kön­nen zum Bei­spiel tech­ni­sche Anla­gen und Schall­schutz­maß­nah­men dem betref­fen­den Raum das Geprä­ge eines häus­li­chen Ton­stu­di­os geben 8. Auch eine als Behand­lungs­raum aus­ge­stat­te­te und über einen sepa­ra­ten Ein­gang für Pati­en­ten leicht zugäng­li­che Not­fall­pra­xis im selbst­ge­nutz­ten Ein­fa­mi­li­en­haus ist kein häus­li­ches Arbeits­zim­mer 9, eben­so wenig ein dem Ein­la­gern und Auf­be­wah­ren betrieb­li­cher Bedarfs­ge­gen­stän­de gewid­me­tes und ent­spre­chend ein­ge­rich­te­tes Waren­la­ger 10.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall war – anders als im Regel­fall eines häus­li­chen Arbeits­zim­mers – das in die häus­li­che Sphä­re ein­ge­bun­de­ne Übe­zim­mer der Klägerin,einer Kla­ri­net­tis­tin zwar nicht in der übli­chen Wei­se büro­mä­ßig aus­ge­stat­tet, denn abge­se­hen von dem klei­nen Sekre­tär, den die Klä­ge­rin zur Erstel­lung ihrer Kla­ri­net­ten­blät­ter benö­tig­te, befan­den sich in dem Zim­mer weder ein Com­pu­ter, noch ein Tele­fon, ein Tele­fax­ge­rät oder ande­re büro­ty­pi­sche Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de. Der Annah­me eines häus­li­chen Arbeits­zim­mers steht das aber nicht ent­ge­gen. Ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer setzt nicht zwin­gend vor­aus, dass es mit büro­ty­pi­schen Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den aus­ge­stat­tet ist und nur für Büro­tä­tig­kei­ten genutzt wird 5. Jeden­falls kommt die Nut­zung des Übe­zim­mers durch die Klä­ge­rin der Nut­zung eines "typi­schen" Arbeits­zim­mers durch Ange­hö­ri­ge ande­rer Berufs­grup­pen gleich. Die Nut­zung des Übe­zim­mers zur Lage­rung von Noten, Par­ti­tu­ren, CDs und musik­wis­sen­schaft­li­cher Lite­ra­tur ist mit der Lage­rung von Akten durch Ange­hö­ri­ge büro­ty­pi­scher Beru­fe ver­gleich­bar. Außer­dem erbringt die Klä­ge­rin mit der Nut­zung des Rau­mes für das Prä­pa­rie­ren der Kla­ri­net­ten­mund­stü­cke und das Erar­bei­ten, Ein­stu­die­ren und Pro­ben der von ihr aus­ge­such­ten Musik­stü­cke eine Vor­be­rei­tungs­hand­lung, die eine unver­zicht­ba­re Grund­la­ge für die spä­te­re –außer­halb des Übe­zim­mers– aus­zu­üben­de und ihr Berufs­bild prä­gen­de Tätig­keit dar­stellt, näm­lich das Auf­füh­ren der Musik im Rah­men eines Orches­ters. Die Nut­zung des Übe­zim­mers durch die Klä­ge­rin unter­schei­det sich damit nicht wesent­lich von der Nut­zung von Räu­men durch Ange­hö­ri­ge ande­rer Beru­fe, bei denen die häus­li­che Vor­be­rei­tung –wie zum Bei­spiel bei Hoch­schul­leh­rern, Dozen­ten oder Rechts­an­wäl­ten– im Arbeits­zim­mer geschieht und in der Vor­be­rei­tung und im Abfas­sen von Vor­trä­gen, Vor­le­sun­gen oder Schrift­sät­zen liegt.

Zu gewich­ten ist dabei auch, dass das Ein­üben und Auf­füh­ren von Musik­stü­cken eine geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit der Par­ti­tur sowie der Dar­bie­tung der Stü­cke durch ande­re Künst­ler vor­aus­setzt 11. Die­se geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung ist mit der­je­ni­gen eines Hoch­schul­leh­rers oder Rechts­an­walts, der sich mit einem wis­sen­schaft­li­chen oder rechts­wis­sen­schaft­li­chen Pro­blem beschäf­tigt, im Kern ver­gleich­bar.

Dem­ge­mäß ver­mag der Bun­des­fi­nanz­hof der Auf­fas­sung, das Übe­zim­mer ähne­le bei wer­ten­der Betrach­tungs­wei­se eher einem Ton­stu­dio als einem Arbeits­zim­mer, nicht zu fol­gen. Die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen hin­sicht­lich der Aus­stat­tung des Übe­zim­mers tra­gen die­se Wür­di­gung nicht. Weder ent­hielt das Übe­zim­mer die für die Annah­me eines Ton­stu­di­os erfor­der­li­chen tech­ni­schen Gerä­te noch bewahr­te die Klä­ge­rin in die­sem Raum aus­schließ­lich Gegen­stän­de auf, die büro­un­ty­pisch waren. Die dort auf­ge­stell­ten Rega­le, die Bücher, Noten, Par­ti­tu­ren sowie der Sekre­tär pass­ten viel­mehr eher zu einem Büro als zu einem Ton­stu­dio. Selbst wenn die Klä­ge­rin dort tat­säch­lich nur ihre Kla­ri­net­ten­mund­stü­cke her­ge­stellt hat, wäre der Sekre­tär auch für büro­ty­pi­sche oder für pri­va­te Arbei­ten geeig­net gewe­sen. Damit liegt für den Bun­des­fi­nanz­hof ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer vor.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 10. Okto­ber 2012 – VIII R 44/​10

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 14.12.2004 – XI R 13/​04, BFHE 208, 239, BSt­Bl II 2005, 344; vom 16.12.2004 – IV R 19/​03, BFHE 208, 263, BSt­Bl II 2005, 212; vom 22.11.2006 – X R 1/​05, BFHE 216, 110, BSt­Bl II 2007, 304, jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 216, 110, BSt­Bl II 2007, 304; vom 13.04.2010 – VIII R 27/​08, BFH/​NV 2010, 2038; und vom 09.08.2011 – VIII R 4/​09, BFH/​NV 2012, 200[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le vom 19.09.2002 – VI R 70/​01, BFHE 200, 336, BSt­Bl II 2003, 139; vom 16.10.2002 – XI R 89/​00, BFHE 201, 27, BSt­Bl II 2003, 185; vom 13.11.2002 – VI R 164/​00, BFHE 201, 86, BSt­Bl II 2003, 350, und in BFHE 201, 269, BSt­Bl II 2004, 43[]
  4. BFH, Urtei­le vom 28.08.2003 – IV R 53/​01, BFHE 203, 324, BSt­Bl II 2004, 55, und vom 20.11.2003 – IV R 3/​02, BFHE 205, 46, BSt­Bl II 2005, 203[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 216, 110, BSt­Bl II 2007, 304[][]
  6. BFH, Urteil in BFHE 200, 336, 342, BSt­Bl II 2003, 139, 142[]
  7. BFH, Urteil in BFHE 200, 336, BSt­Bl II 2003, 139[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 201, 27, BSt­Bl II 2003, 185; in BFHE 203, 324, BSt­Bl II 2004, 55; BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 200[]
  9. vgl. BFH, Urtei­le vom 05.12.2002 – IV R 7/​01, BFHE 201, 166, BSt­Bl II 2003, 463; in BFHE 205, 46, BSt­Bl II 2005, 203; vgl. auch BFH, Urteil in BFH/​NV 2010, 2038 zum häus­li­chen Arbeits­zim­mer eines Rechts­an­walts[]
  10. vgl. BFH, Urteil in BFHE 216, 110, BSt­Bl II 2007, 304[]
  11. vgl. dazu BMF, Schrei­ben vom 02.03.2011 – IV C 6‑S 2145/​07/​10002, BSt­Bl I 2011, 195 Rz 5 zum häus­li­chen Musik­zim­mer einer frei­be­ruf­lich täti­gen Kon­zert­pia­nis­tin, die Musik­un­ter­richt erteilt[]