Satteldach statt Flachdachrenovierung – und fertig ist die steuerliche Gebäudeerweiterung

Unter dem Gesichtspunkt der Erweiterung sind (nachträgliche) Herstellungskosten –neben Anbau und Aufstockung– auch gegeben, wenn nach Fertigstellung des Gebäudes seine nutzbare Fläche –wenn auch nur geringfügig– vergrößert wird (hier: Satteldach statt Flachdach). Auf die tatsächliche Nutzung sowie auf den etwa noch erforderlichen finanziellen Aufwand für eine Fertigstellung zu Wohnzwecken kommt es nicht an.

Satteldach statt Flachdachrenovierung – und fertig ist die steuerliche Gebäudeerweiterung

Die „nutzbare Fläche“ umfasst nicht nur die (reine) Wohnfläche (einer Wohnung/eines Gebäudes) i.S. des § 2 Abs. 1, Abs. 2, § 4 WoFlV, sondern auch die zur Wohnung/zum Gebäude gehörenden Grundflächen der Zubehörräume sowie die den Anforderungen des Bauordnungsrechts nicht genügenden Räume (§ 2 Abs. 3 Nrn. 1, 2 WoFlV).

Aufwendungen, die durch die Absicht veranlasst sind, Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung zu erzielen (§ 21 Abs. 1 EStG), sind dann nicht als Werbungskosten (§ 9 Abs. 1 EStG) sofort abziehbar, wenn es sich um Herstellungskosten handelt. Welche Aufwendungen zu den Herstellungskosten zählen, bestimmt sich nach § 255 Abs. 2 Satz 1 HGB1. Danach sind Herstellungskosten Aufwendungen, die durch den Verbrauch von Gütern und die Inanspruchnahme von Diensten für die Herstellung eines Vermögensgegenstandes, seine Erweiterung oder für eine über seinen ursprünglichen Zustand hinausgehende wesentliche Verbesserung entstehen. Dabei sind Aufwendungen für die Erweiterung eines Gebäudes stets als Herstellungskosten zu beurteilen, auch wenn die Erweiterung nur geringfügig ist2.

Unter dem Gesichtspunkt der Erweiterung sind (nachträgliche) Herstellungskosten –neben Anbau und Aufstockung auch– gegeben, wenn nach Fertigstellung bisher nicht vorhandene Bestandteile in das Gebäude eingefügt (Substanzmehrung) werden bzw. seine nutzbare Fläche vergrößert wird und dies eine „Erweiterung der Nutzungsmöglichkeit des Gebäudes“ zur Folge hat3; auf die tatsächliche (Nicht-)Nutzung kommt es nicht an.

Dabei umfasst die „nutzbare Fläche“ i.S. der vorgenannten Rechtsprechung nicht nur die (reine) Wohnfläche (einer Wohnung/eines Gebäudes) i.S. des § 2 Abs. 1, Abs. 2, § 4 der Wohnflächenverordnung (WoFlV), sondern auch die zur Wohnung/zum Gebäude gehörenden Grundflächen der Zubehörräume sowie die den Anforderungen des Bauordnungsrechts nicht genügenden Räume (i.S. des § 2 Abs. 3 Nrn. 1 und 2 WoFlV). Denn die für die Berechnung der Wohnfläche anzuwendende WoFlV ist für die Auslegung des § 255 Abs. 2 Satz 1 HGB nicht maßgebend, ebenso nicht eine Vergrößerung des umbauten Raums4.

So wurde eine Erweiterung u.a. angenommen5, wenn ein Flachdach durch ein Satteldach6 oder durch ein Spitzgiebeldach ersetzt7, wenn ein Kelleranbau unter der vergrößerten Terrasse errichtet8, wenn auf einer Dachterrasse ein ganzjährig nutzbarer Wintergarten errichtet wurde9, oder wenn durch Einbau einer Dachgaube10 oder durch ein neues Treppenhaus als Vorbau11 die nutzbare Fläche vergrößert wurde oder wenn an dem Gebäude Balkone angebaut und das Dachgeschoss mit neuen Gauben ausgebaut wurde12.

Ob die Kosten der (jeweiligen) Baumaßnahmen als (nachträgliche) Herstellungskosten oder Erhaltungsaufwendungen zu beurteilen sind, hat das FG als Tatsacheninstanz anhand der gesamten Umstände des Einzelfalls zu prüfen13.

So wertete der Bundesfinanzhof auch im vorliegend entschiedenen Fall die entstandenen Aufwendungen für die Dacherneuerung als (nicht sofort abziehbare) Herstellungskosten, weil die Baumaßnahmen zu einer Erweiterung des Wohngebäudes i.S. des § 255 Abs. 2 Satz 1 2. Alt. HGB geführt haben. So kann für den Bundesfinanzhof dahinstehen, ob auch eine wesentliche Verbesserung i.S. des § 255 Abs. 2 Satz 1 3. Alt. HGB gegeben ist.

Trotz der insoweit bestehenden statischen Unwägbarkeiten (Standsicherheit mit Lastenaufnahme und Lastenabtragung) sei durch den Dachumbau eine Erweiterung des Gebäudes eingetreten ist. Zwar seien die Anforderungen an die Nutzung des Dachgeschosses als Wohn- und Aufenthaltsraum zwar nicht erfüllt, eine Nutzung als Speicher/Abstellraum sei aber wegen geringerer Traglasten denkbar und möglich. Der vorhandene Mauerdurchbruch reiche als Zugang für diese Nutzung aus. Damit sei auch die Nutzungsmöglichkeit des Gebäudes erweitert worden, zumal das Haus nicht unterkellert sei und die (bisherige) Wohnfläche lediglich 70 qm betrage. Auch komme es weder darauf an, warum das Satteldach (statt des nicht genehmigten Pultdachs) errichtet wurde, noch darauf, mit welchem finanziellen Aufwand die Nutzung zu Wohnzwecken erreicht werden könnte, noch darauf, dass eine mögliche Dachnutzung seit der Baumaßnahme nicht erfolgt sei.

Hinzu kommt für den Streitfall, dass die „nutzbare Fläche“ i.S. der BFH-Rechtsprechung14 auch die zum Gebäude gehörenden Grundflächen der Abstell- und Bodenräume (§ 2 Abs. 3 Nrn. 1b und 1d WoFlV) wie auch solcher Räume umfasst, die den baurechtlichen Anforderungen –wie hier– nicht genügen (§ 2 Abs. 3 Nr. 2 WoFlV).

Bundesfinanzhof, Urteil vom 15.5.2013, IX R 36/12

  1. z.B. BFH, Urteile vom 22.09.2009 – IX R 21/08, BFH/NV 2010, 846; vom 14.07.2004 – IX R 52/02, BFHE 206, 441, BStBl II 2004, 949, m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urteile vom 13.10.1998 – IX R 80/95, BFH/NV 1999, 605; vom 09.05.1995 – IX R 88/90, BFHE 178, 32, BStBl II 1996, 628; und IX R 2/94, BFHE 178, 42, BStBl II 1996, 637[]
  3. vgl. BFH, Urteile vom 17.06.1997 IX R 30/95, BFHE 183, 470, BStBl II 1997, 802; vom 27.09.2001 X R 55/98, BFH/NV 2002, 627, unter II.1.b; in BFHE 206, 441, BStBl II 2004, 949, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Urteile vom 13.12.1984 – VIII R 273/81, BFHE 143, 238, BStBl II 1985, 394; vom 19.07.1985 – III R 170/80, BFH/NV 1986, 24; vom 03.12.2002 – IX R 64/99, BFHE 201, 148, BStBl II 2003, 590[]
  5. s.a. Blümich/Ehmcke, § 6 EStG Rz 390 „Einzelfälle“[]
  6. BFH, Urteil vom 19.06.1991 – IX R 1/87, BFHE 165, 355, BStBl II 1992, 73[]
  7. BFH, Urteil vom 19.12.1995 – IX R 88/93, BFH/NV 1996, 537[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 178, 32, BStBl II 1996, 628[]
  9. BFH, Urteil in BFH/NV 1999, 605[]
  10. BFH, Urteil in BFHE 201, 148, BStBl II 2003, 590[]
  11. BFH, Beschluss vom 24.09.2009 IV B 126/08, BFH/NV 2010, 37[]
  12. BFH, Urteil vom 22.12.2011 – III R 37/09, BFHE 236, 179, BStBl II 2013, 182[]
  13. vgl. BFH, Urteil in BFH/NV 2010, 846, unter II.1.c[]
  14. BFH, Urteile in BFHE 165, 355, BStBl II 1992, 73, und in BFHE 178, 32, BStBl II 1996, 628[]
  15. vom 26.11.2008, BGBl. I S. 2242[]