Der ableh­nen­de Kin­der­geld­be­scheid – und die Gren­zen sei­ner Bin­dungs­wir­kung

Es ent­spricht der mitt­ler­wei­le stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hof (BFH), dass sich die Bin­dungs­wir­kung eines bestands­kräf­ti­gen, die Gewäh­rung von Kin­der­geld ableh­nen­den Bescheids auf die Zeit bis zum Ende des Monats sei­ner Bekannt­ga­be erstreckt. Dem­entspre­chend kann auf einen danach gestell­ten wei­te­ren Antrag Kin­der­geld rück­wir­kend nur ab dem auf die Bekannt­ga­be des Ableh­nungs­be­scheids fol­gen­den Monat bewil­ligt wer­den [1].

Der ableh­nen­de Kin­der­geld­be­scheid – und die Gren­zen sei­ner Bin­dungs­wir­kung

Die Auf­fas­sung, dass sich die Bin­dungs­wir­kung eines Kin­der­geld ableh­nen­den oder auf­he­ben­den Bescheids bis zum Ende des Monats sei­ner Bekannt­ga­be erstreckt, ent­spricht der ganz über­wie­gen­den Kom­men­tar­li­te­ra­tur [2].

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die­se Auf­fas­sung in sei­ner Recht­spre­chung [3] ins­be­son­de­re auf den Rege­lungs­ge­halt des Ableh­nungs­be­scheids gestützt. Der Ver­wal­tungs­akt trifft eine Rege­lung auf Grund­la­ge der Sach- und Rechts­la­ge zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung über die Beschei­der­tei­lung. Dar­aus schloss der Bun­des­fi­nanz­hof und nach­fol­gend die seit­dem stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, dass sich der Ver­wal­tungs­akt in der Rege­lung des Anspruchs auf Kin­der­geld für den bis dahin abge­lau­fe­nen Zeit­raum erschöpft und dem­entspre­chend die Bin­dungs­wir­kung des Bescheids sich auf die Zeit bis zum Ende des Monats, in dem er bekannt gege­ben wur­de, beschränkt.

Die Beschrän­kung auf die Zeit bis zum Ende des Monats, in dem ein Ableh­nungs­be­scheid bekannt gege­ben wird, bedeu­tet zugleich, dass die Bin­dungs­wir­kung des Bescheids auch bis zum Ende des Monats reicht. Denn die Fest­set­zung von Kin­der­geld ist ein teil­ba­rer Ver­wal­tungs­akt. Dies ergibt sich aus dem nach § 66 Abs. 2 EStG gel­ten­den Monats­prin­zip, nach dem Kin­der­geld für jeden Monat gezahlt wird, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Die Fest­set­zung umfasst somit einen Anspruch für jeden Monat; daher kann sie für ein­zel­ne Mona­te auf­ge­ho­ben oder geän­dert wer­den und für ande­re Mona­te unver­än­dert bestehen blei­ben; das ent­spricht eben­falls der stän­di­gen Recht­spre­chung [4].

Die­ses Monats­prin­zip ist Teil der Rege­lung des Ableh­nungs­be­scheids (Rege­lungs­ge­halt), das aus der mate­ri­ell-recht­li­chen Grund­la­ge des Kin­der­geld­an­spruchs folgt. Denn Kin­der­geld wird nicht tage­wei­se, nicht wochen­wei­se, son­dern monats­wei­se gezahlt, näm­lich nach § 66 Abs. 2 EStG monat­lich vom Beginn des Monats an, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, und bis zu dem Ende des Monats, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen weg­fal­len. Zah­lungs­zeit­raum und Anspruchs­zeit­raum stim­men über­ein, der Leis­tungs­zeit­raum ist der Monat [5]. Auf Grund­la­ge die­ses durch das mate­ri­el­le Recht vor­ge­ge­be­nen Monats­prin­zips ent­schei­det des­halb der ableh­nen­de Bescheid über das Kin­der­geld dahin­ge­hend, dass bis ein­schließ­lich dem Monat, in dem der Ableh­nungs­be­scheid bekannt gege­ben wird, kein Kin­der­geld­an­spruch besteht.

An die­ser Rechts­auf­fas­sung hält der Bun­des­fi­nanz­hof fest.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf [6] spricht dage­gen nicht, dass ‑wie etwa im Streit­fall- im wei­te­ren Ver­lauf des Monats, gege­be­nen­falls sogar am letz­ten Tag, ein Kin­der­geld­tat­be­stand neu hät­te ver­wirk­licht und damit ein erneu­ter Kin­der­geld­an­spruch hät­te begrün­det wer­den kön­nen. Denn es ist gera­de die Rechts­fol­ge des Monats­prin­zips, dass jeden­falls bezo­gen auf den Monat, auf den sich der bestands­kräf­ti­ge Ableh­nungs­be­scheid noch erstreckt, die Ver­wirk­li­chung eines neu­en Kin­der­geld­an­spruchs uner­heb­lich ist. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt ent­spricht dies auch dem Rege­lungs­ge­halt eines Ableh­nungs­be­scheids. Denn der Bescheid ver­neint einen Kin­der­geld­an­spruch nicht nur bis zum Tage der Zeich­nung des Bescheids, son­dern ‑ent­spre­chend dem Monats­prin­zip- für den gan­zen Monat.

Der Ein­wand des Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf [7], dass unter Umstän­den das Kind am letz­ten Tag einer mög­li­chen Ein­spruchs­frist einen Kin­der­geld­tat­be­stand ver­wirk­li­chen könn­te und dann der Kin­der­geld­be­rech­tig­te im Ergeb­nis kaum noch Zeit habe, die­sen Umstand zu erfah­ren und durch Ein­spruch gegen­über der Fami­li­en­kas­se gel­tend zu machen, ist nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht geeig­net, das gegen­tei­li­ge Ergeb­nis zu begrün­den. Sol­che einen Kin­der­geld­an­spruch begrün­den­den Umstän­de sind regel­mä­ßig vor­her­seh­bar, weil sie typi­scher­wei­se von den Wil­lens­ent­schei­dun­gen der Betei­lig­ten abhän­gen.

Schließ­lich ver­kennt die tages­be­zo­ge­ne Betrach­tungs­wei­se, die eine Bin­dungs­wir­kung eines bestands­kräf­ti­gen Ableh­nungs­be­scheids grund­sätz­lich nur bis zum Tag sei­ner Bekannt­ga­be annimmt, die ambi­va­len­te Wir­kung des Monats­prin­zips. Denn nach § 66 Abs. 2 EStG wird Kin­der­geld von Beginn des Monats an gezahlt, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Dies bedeu­tet, dass das Kin­der­geld sowohl im ers­ten Monat als auch im letz­ten Monat sei­nes Bezugs mit dem vol­len Monats­be­trag gezahlt wird, selbst wenn jeweils an nur einem ein­zi­gen Tag die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für das Kin­der­geld vor­lie­gen. Fol­ge der tages­ge­nau­en Betrach­tungs­wei­se wäre dann gege­be­nen­falls, dass auch in sol­chen Fäl­len das Kin­der­geld nur antei­lig, näm­lich tag­ge­nau, gezahlt wird.

Schließ­lich lässt sich auch nicht mit dem Hin­weis, dass der Wort­laut des § 70 Abs. 2 EStG es gestat­te, einen neu­en kin­der­geld­recht­lich erheb­li­chen Sach­ver­halt zu berück­sich­ti­gen, die Kin­der­geld­ge­wäh­rung für den Monat Febru­ar 2013 recht­fer­ti­gen. Denn § 70 Abs. 2 EStG gilt nicht für Beschei­de, mit denen ‑wie im hier gege­be­nen Streit­fall- eine Kin­der­geld­fest­set­zung abge­lehnt oder auf­ge­ho­ben wird. Dies ent­nimmt die stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH in Über­ein­stim­mung mit der Kom­men­tar­li­te­ra­tur dem Rege­lungs­zweck des § 70 EStG, der aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung ver­hin­dern soll, die Fami­li­en­kas­se an eine feh­ler­haft erkann­te Kin­der­geld­fest­set­zung zu bin­den [8].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 21. Okto­ber 2015 – VI R 35/​14

  1. BFH, Urtei­le vom 25.07.2001 – VI R 164/​98, BFHE 196, 257, BStBl II 2002, 89; – VI R 78/​98, BFHE 196, 253, BStBl II 2002, 88; BFH, Urtei­le vom 04.08.2011 – III R 71/​10, BFHE 235, 203, BStBl II 2013, 380; vom 12.03.2015 – III R 14/​14, BFHE 249, 292, BStBl II 2015, 850; jeweils m.w.N.[]
  2. Blümich/​Trei­ber, § 70 EStG Rz 11; Wendl in Herrmann/​Heuer/​Raupach ‑HHR‑, § 70 EStG Rz 6; Schmid­t/­We­ber-Grel­let, EStG, 34. Aufl., § 70 Rz 4; Felix in Kirch­hof, EStG, 14. Aufl., § 70 Rz 2[]
  3. BFH, Urtei­le in BFHE 196, 253, BStBl II 2002, 88 und in BFHE 196, 257, BStBl II 2002, 89[]
  4. so BFH, Urteil vom 26.07.2001 – VI R 163/​00, BFHE 196, 274, BStBl II 2002, 174[]
  5. HHR/​Wendl, § 66 EStG Rz 16, § 70 EStG Rz 6; Blümich/​Treiber, § 66 EStG Rz 19[]
  6. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 06.03.2014 – 16 K 3732/​13 Kg[]
  7. FG Düs­sel­dorf, aaO[]
  8. vgl. BFH, Urteil in BFHE 196, 257, BStBl II 2002, 89; BFH, Urtei­le vom 21.01.2004 – VIII R 15/​02, BFH/​NV 2004, 910; vom 28.06.2006 – III R 13/​06, BFHE 214, 287, BStBl II 2007, 714; jeweils m.w.N.[]