Der Arzt als Frei­be­ruf­ler – und sei­ne ange­stell­ten Ärz­te

Selb­stän­di­ge Ärz­te üben ihren Beruf grund­sätz­lich auch dann lei­tend und eigen­ver­ant­wort­lich aus, wenn sie ärzt­li­che Leis­tun­gen von ange­stell­ten Ärz­ten erbrin­gen las­sen.

Der Arzt als Frei­be­ruf­ler – und sei­ne ange­stell­ten Ärz­te

Vor­aus­set­zung dafür ist, dass sie auf­grund ihrer Fach­kennt­nis­se durch regel­mä­ßi­ge und ein­ge­hen­de Kon­trol­le maß­geb­lich auf die Tätig­keit ihres ange­stell­ten Fach­per­so­nals ‑pati­en­ten­be­zo­gen- Ein­fluss neh­men, so dass die Leis­tung den "Stem­pel der Per­sön­lich­keit" des Steu­er­pflich­ti­gen trägt 1.

Führt ein selb­stän­di­ger Arzt die jeweils anste­hen­den Vor­un­ter­su­chun­gen bei den Pati­en­ten durch, legt er für den Ein­zel­fall die Behand­lungs­me­tho­de fest und behält er sich die Behand­lung "pro­ble­ma­ti­scher Fäl­le" vor, ist die Erbrin­gung der ärzt­li­chen Leis­tung durch ange­stell­te Ärz­te regel­mä­ßig als Aus­übung lei­ten­der eigen­ver­ant­wort­li­cher frei­be­ruf­li­cher Tätig­keit im Rah­men des § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 EStG anzu­se­hen.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall betrei­ben die Gesell­schaf­ter eine Gemein­schafts­pra­xis für Anäs­the­sie in der Rechts­form einer GbR. Ihre Berufs­tä­tig­keit üben sie als mobi­ler Anäs­the­sie­be­trieb in der Pra­xis von Ärz­ten aus, die Ope­ra­tio­nen unter Nar­ko­se durch­füh­ren wol­len. Jeweils einer der Gesell­schaf­ter führt eine Vor­un­ter­su­chung durch und schlägt eine Behand­lungs­me­tho­de vor. Die eigent­li­che Anäs­the­sie führt sodann ein ande­rer Arzt aus. In den Streit­jah­ren beschäf­tig­te die GbR eine ange­stell­te Ärz­tin, die sol­che Anäs­the­si­en nach den Vor­un­ter­su­chun­gen der Gesell­schaf­ter in ein­fach gela­ger­ten Fäl­len vor­nahm. Pro­ble­ma­ti­sche Fäl­le blie­ben nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richts (FG) den Gesell­schaf­tern der GbR vor­be­hal­ten.

Das Finanz­amt sah die Tätig­keit der GbR wegen Beschäf­ti­gung der ange­stell­ten Ärz­tin nicht als frei­be­ruf­li­che Tätig­keit der Gesell­schaf­ter an und ging des­halb von einer gewerb­li­chen Tätig­keit aus. Wie in der Vor­in­stanz bereits das Finanz­ge­richt ist der Bun­des­fi­nanz­hof die­ser Rechts­auf­fas­sung nicht gefolgt:

Die Mit­hil­fe qua­li­fi­zier­ten Per­so­nals ist für die Frei­be­ruf­lich­keit des Berufs­trä­gers auch im Bereich der ärzt­li­chen Tätig­keit unschäd­lich, wenn die­ser bei der Erle­di­gung der ein­zel­nen Auf­trä­ge auf­grund eige­ner Fach­kennt­nis­se lei­tend und eigen­ver­ant­wort­lich tätig wird. Die­sen Anfor­de­run­gen genügt schon eine pati­en­ten­be­zo­ge­ne regel­mä­ßi­ge und ein­ge­hen­de Kon­trol­le der Tätig­keit des ange­stell­ten Fach­per­so­nals. Die Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt, die­se not­wen­di­ge ‑pati­en­ten­be­zo­ge­ne- lei­ten­de Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der Gesell­schaf­ter sei wegen der aus­schließ­lich von ihnen geführ­ten Vor­un­ter­su­chun­gen bei den Pati­en­ten, der Fest­le­gung der Behand­lungs­me­tho­de sowie des Vor­be­halts der Selbst­be­hand­lung "pro­ble­ma­ti­scher Fäl­le" gege­ben, hat der Bun­des­fi­nanz­hof bestä­tigt. Wür­de man dar­über hin­aus die unmit­tel­ba­re Aus­füh­rung der Anäs­the­sie­tä­tig­keit durch die Gesell­schaf­ter ver­lan­gen ‑so aber die Finanz­ver­wal­tung, wür­de man den Ein­satz fach­lich vor­ge­bil­de­ten Per­so­nals im Bereich der Heil­be­ru­fe fak­tisch aus­schlie­ßen und damit die Anfor­de­run­gen des Geset­zes über­deh­nen.

Wie der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung, ins­be­son­de­re zu Heil­be­ru­fen oder heil­be­rufs­na­hen Berufs­tä­tig­kei­ten, ent­schie­den hat, ist die Mit­hil­fe qua­li­fi­zier­ten Per­so­nals für die Frei­be­ruf­lich­keit des Berufs­trä­gers unschäd­lich, wenn er bei der Erle­di­gung der ein­zel­nen Auf­trä­ge auf­grund eige­ner Fach­kennt­nis­se lei­tend und eigen­ver­ant­wort­lich tätig wird.

Dabei ist für einen Arzt eben­so wie für Kran­ken­pfle­ger zu berück­sich­ti­gen, dass sie eine höchst­per­sön­li­che, indi­vi­du­el­le Arbeits­leis­tung am Pati­en­ten schul­den und des­halb einen wesent­li­chen Teil der Dienst­leis­tun­gen selbst über­neh­men müs­sen. Dafür reicht es aber aus, dass sie auf­grund ihrer Fach­kennt­nis­se durch regel­mä­ßi­ge und ein­ge­hen­de Kon­trol­le maß­geb­lich auf die Tätig­keit ihres ange­stell­ten Fach­per­so­nals ‑pati­en­ten­be­zo­gen- Ein­fluss neh­men, so dass die Leis­tung den "Stem­pel der Per­sön­lich­keit" des Steu­er­pflich­ti­gen trägt 2.

Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen im Ein­zel­fall gege­ben sind, obliegt der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung, die vom Revi­si­ons­ge­richt nur dar­auf­hin zu prü­fen ist, ob sie gesetz­li­che Aus­le­gungs­re­geln oder all­ge­mein aner­kann­te Aus­le­gungs­grund­sät­ze miss­ach­tet 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist die tat­säch­li­che Wür­di­gung des Finanz­ge­richt ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­amt aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den. Die Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt, die not­wen­di­ge ‑pati­en­ten­be­zo­ge­ne- lei­ten­de Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der Gesell­schaf­ter der Klä­ge­rin sei wegen der aus­schließ­lich von ihnen geführ­ten Vor­un­ter­su­chun­gen bei den Pati­en­ten, der Fest­le­gung der Behand­lungs­me­tho­de sowie des Vor­be­halts der Selbst­be­hand­lung "pro­ble­ma­ti­scher Fäl­le" gege­ben, ist auf der Grund­la­ge sei­ner umfang­rei­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen durch Ver­neh­mung der tätig gewor­de­nen Ärz­te in jeder Hin­sicht nach­voll­zieh­bar und des­halb als nach den Denk­ge­set­zen und all­ge­mei­nen Erfah­rungs­sät­zen mög­li­che Wür­di­gung nach § 118 Abs. 2 FGO bin­dend.

Soweit das Finanz­amt im Ergeb­nis die unmit­tel­ba­re Aus­füh­rung der Anäs­the­sie­tä­tig­keit durch die Gesell­schaf­ter als unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung für die Annah­me einer eigen­ver­ant­wort­li­chen und lei­ten­den ärzt­li­chen Tätig­keit ansieht, über­dehnt es die Anfor­de­run­gen des § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 3 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (EStG) und wür­de damit den Ein­satz fach­lich vor­ge­bil­de­ten Per­so­nals im Bereich der Heil­be­ru­fe im Ergeb­nis aus­schlie­ßen, obwohl der Gesetz­ge­ber kei­nen Bereich der frei­en Beru­fe i.S. des § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG nach Wort­laut und Zweck der Vor­schrift von die­ser Mög­lich­keit des Ein­sat­zes fach­lich vor­ge­bil­de­ter Mit­ar­bei­ter hat aus­schlie­ßen wol­len.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Juli 2014 – VIII R 41/​12

  1. Anschluss an BFH, Urteil vom 22.01.2004 – IV R 51/​01, BFHE 205, 151, BSt­Bl II 2004, 509[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 22.01.2004 – IV R 51/​01, BFHE 205, 151, BSt­Bl II 2004, 509, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 14.03.2007 – XI R 59/​05, BFH/​NV 2007, 1319, m.w.N., zur Tätig­keit eines Kran­ken­gym­nas­ten mit einer Viel­zahl von Mit­ar­bei­tern[]