Der Lebens­mit­tel­punkt eines Arbeit­neh­mers – und sei­ne Erfor­schung durch das Finanz­ge­richt

Nach § 76 Abs. 1 Satz 1 FGO hat das Finanz­ge­richt den Sach­ver­halt von Amts wegen zu erfor­schen und gemäß § 81 Abs. 1 Satz 2 FGO die erfor­der­li­chen Bewei­se zu erhe­ben. Dabei hat es den ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt so voll­stän­dig wie mög­lich und bis zur Gren­ze des Zumut­ba­ren, d.h. unter Aus­nut­zung aller ver­füg­ba­ren Beweis­mit­tel auf­zu­klä­ren.

Der Lebens­mit­tel­punkt eines Arbeit­neh­mers – und sei­ne Erfor­schung durch das Finanz­ge­richt

Von den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ange­bo­te­ne Bewei­se muss das Finanz­ge­richt grund­sätz­lich erhe­ben, wenn es einen Ver­fah­rens­man­gel ver­mei­den will [1].

Auf die bean­trag­te Beweis­erhe­bung kann es im Regel­fall nur ver­zich­ten, wenn das Beweis­mit­tel für die zu tref­fen­de Ent­schei­dung uner­heb­lich ist, wenn die in Fra­ge ste­hen­de Tat­sa­che zuguns­ten des Beweis­füh­ren­den als wahr unter­stellt wer­den kann, wenn das Beweis­mit­tel uner­reich­bar ist oder wenn das Beweis­mit­tel unzu­läs­sig oder abso­lut untaug­lich ist [2].

Fer­ner ist das Finanz­ge­richt nicht ver­pflich­tet, unsub­stan­ti­ier­ten Beweis­an­trä­gen nach­zu­ge­hen [3].

Nach die­sem Rechts­maß­stab hät­te das Finanz­ge­richt den schon schrift­sätz­lich ange­bo­te­nen und in der münd­li­chen Ver­hand­lung erneut bean­trag­ten Zeu­gen­be­weis zu der Fra­ge erhe­ben müs­sen, ob der Klä­ger sei­nen Lebens­mit­tel­punkt noch in B gehabt habe und dazu den als Zeu­gen benann­ten Vater des Klä­gers hören müs­sen.

Eine dop­pel­te Haus­halts­füh­rung liegt nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 5 Satz 2 EStG vor, wenn der Arbeit­neh­mer außer­halb des Ortes, in dem er einen eige­nen Haus­stand unter­hält, beschäf­tigt ist und auch am Beschäf­ti­gungs­ort wohnt. Zwi­schen dem Woh­nen in einer Zweit­woh­nung am Beschäf­ti­gungs­ort und dem Unter­hal­ten eines eige­nen Haus­stan­des außer­halb die­ses Ortes ist zu unter­schei­den. Mit dem „Haus­stand“ ist der Erst­haus­halt (Haupt­woh­nung) umschrie­ben, an dem sich der Arbeit­neh­mer ‑abge­se­hen von den Zei­ten der Arbeits­tä­tig­keit und ggf. Urlaubs­fahr­ten- regel­mä­ßig auf­hält, den er fort­wäh­rend nutzt und von dem aus er sein Pri­vat­le­ben führt, also sei­nen Lebens­mit­tel­punkt hat. Das Vor­hal­ten einer Woh­nung außer­halb des Beschäf­ti­gungs­or­tes für gele­gent­li­che Besu­che oder für Feri­en­auf­ent­hal­te ist dage­gen nicht als Unter­hal­ten eines Haus­stan­des zu wer­ten.

Ob die außer­halb des Beschäf­ti­gungs­or­tes lie­gen­de Woh­nung des Arbeit­neh­mers als des­sen Lebens­mit­tel­punkt anzu­se­hen ist und des­halb des­sen Haus­stand dar­stellt, ist anhand einer Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les fest­zu­stel­len [4]. Dem­entspre­chend erfor­dert die Ent­schei­dung über den Lebens­mit­tel­punkt eine tatrich­ter­li­che Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les, die sich aus einer Zusam­men­schau meh­re­rer Ein­zel­tat­sa­chen ergibt [5]. Eine Pflicht zur Anga­be aller die­ser Ein­zel­tat­sa­chen in einem Beweis­an­trag wür­de eine über­spitz­te Anfor­de­rung an die Zuläs­sig­keit des Beweis­an­trags dar­stel­len [6]. Die Anga­ben des Klä­gers waren mit­hin ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt auch hin­rei­chend sub­stan­ti­iert und aus­rei­chend bestimmt, um dem Gericht eine Grund­la­ge für sei­ne Beweis­erhe­bung zu geben, näm­lich den „Gegen­stand der Ver­neh­mung“ (§ 377 Abs. 2 Nr. 2 ZPO).

Der vom Klä­ger gestell­te Beweis­an­trag war auch ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Finanz­ge­richt bei ord­nungs­ge­mä­ßer Behand­lung des Beweis­an­trags zu einem ande­ren Ergeb­nis in der Sache gelangt wäre. Der Bun­des­fi­nanz­hof hält es für ange­zeigt, im Rah­men des vor­lie­gen­den Beschwer­de­ver­fah­rens gemäß § 116 Abs. 6 FGO zu ver­fah­ren. Er hebt des­halb das Urteil der Vor­in­stanz auf und ver­weist die Sache an das Finanz­ge­richt zurück, damit die­ses die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen nach­ho­len kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 6. August 2014 – VI B 38/​14

  1. vgl. auch BFH, Beschluss vom 21.12 2005 – I B 249/​04, BFH/​NV 2006, 780[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH-Ent­schei­dun­gen vom 13.11.2007 – VI B 100/​07, BFH/​NV 2008, 219; vom 01.02.2007 – VI B 124/​06, BFH/​NV 2007, 956; vom 16.11.2005 – VI R 71/​99, BFH/​NV 2006, 753; jeweils m.w.N.[]
  3. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 02.08.2006 – IX B 58/​06, BFH/​NV 2006, 2117; vom 02.03.2006 – XI B 79/​05, BFH/​NV 2006, 1132; vom 10.03.2005 – X B 66/​04, BFH/​NV 2005, 1339; BFH, Urteil vom 21.06.1988 – VII R 135/​85, BFHE 153, 393, BStBl II 1988, 841[]
  4. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 22.02.2001 – VI R 192/​97, BFH/​NV 2001, 1111; vom 09.08.2007 – VI R 10/​06, BFHE 218, 380, BStBl II 2007, 820; jeweils m.w.N.[]
  5. u.a. Ver­hält­nis­se des Steu­er­pflich­ti­gen, Art und Inten­si­tät der sozia­len Kon­tak­te, Ver­eins­zu­ge­hö­rig­kei­ten und ande­re Akti­vi­tä­ten[]
  6. vgl. hier­zu aus­führ­lich zuletzt BFH, Beschluss vom 01.02.2007 – VI B 118/​04, BFHE 216, 409, BStBl II 2007, 538, m.w.N.[]