Der Motor­scha­den am Behin­der­ten-Fahr­zeug

Die Auf­wen­dun­gen für Kfz-Motor­scha­den eines Behin­der­ten kön­nen nicht als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung berück­sich­tigt wer­den.

Der Motor­scha­den am Behin­der­ten-Fahr­zeug

Außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen gemäß § 33 Abs. 1, Abs. 3 EStG sind anzu­neh­men, wenn dem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen erwach­sen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, glei­cher Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stands. Die­se Auf­wen­dun­gen sind, soweit sie die zumut­ba­re Belas­tung über­stei­gen, auf Antrag vom Gesamt­be­trag der Ein­künf­te abzu­zie­hen. Auf­wen­dun­gen erwach­sen dem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig, wenn er sich ihnen aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den nicht ent­zie­hen kann und soweit die Auf­wen­dun­gen den Umstän­den nach not­wen­dig sind und einen ange­mes­se­nen Betrag nicht über­stei­gen (§ 33 Abs. 2 Satz 1 EStG).

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung kön­nen außer­ge­wöhn­lich geh­be­hin­der­te (Merk­zei­chen aG) Steu­er­pflich­ti­ge neben den Pausch­be­trä­gen für Behin­der­te auch die Kfz-Auf­wen­dun­gen für Pri­vat­fahr­ten in ange­mes­se­nem Rah­men als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung gel­tend machen. Ange­mes­sen i.S. des § 33 Abs. 2 Satz 1 EStG sind Auf­wen­dun­gen für Fahr­ten bis zu 15 000 km im Jahr und nur bis zur Höhe der Kilo­me­ter­pausch­be­trä­ge, die in den Ein­kom­men­steu­er-Richt­li­ni­en und Lohn­steu­er-Richt­li­ni­en für den Abzug von Kfz-Kos­ten als Wer­bungs­kos­ten oder Betriebs­aus­ga­ben fest­ge­legt sind 1. Damit sind sämt­li­che Mehr­auf­wen­dun­gen eines Behin­der­ten für Fahr­ten, die der all­ge­mei­nen Lebens­füh­rung ein­schließ­lich Frei­zeit- und Erho­lungs­zwe­cken die­nen, abge­gol­ten 2.

Etwai­ge Repa­ra­tur­kos­ten für das Fahr­zeug eines Behin­der­ten sind dem­nach bereits mit die­sem zusätz­li­chen Pausch­be­trag im Rah­men der ange­mes­se­nen Auf­wen­dun­gen abge­gol­ten.

Hier­nach sind Repa­ra­tur­kos­ten für das Fahr­zeug eines Behin­der­ten nicht zusätz­lich neben den Kilo­me­ter­pausch­be­trä­gen abzieh­bar. Sie sind viel­mehr in den Kilo­me­ter­pausch­be­trä­gen ent­hal­ten. Zwar hat die Recht­spre­chung in "kras­sen Aus­nah­me­fäl­len" 3 einen höhe­ren Abzug erwo­gen. Der­ar­ti­ge außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de hat die Recht­spre­chung in Betracht gezo­gen, wenn der Behin­der­te wegen der Art sei­ner Behin­de­rung auf ein beson­de­res Fahr­zeug ange­wie­sen ist, für das über­durch­schnitt­lich hohe Auf­wen­dun­gen erfor­der­lich sind, oder er sein Kfz in außer­ge­wöhn­lich gerin­gem Umfang nutzt und des­halb pro gefah­re­nem Kilo­me­ter rela­tiv hohe Auf­wen­dun­gen zu tra­gen hat 4. In einer älte­ren Ent­schei­dung hat der BFH auch Unfall­kos­ten als i.S. von § 33 EStG berück­sich­ti­gungs­fä­hig ange­se­hen, wenn die Unfall­fahrt an sich ange­mes­sen war 5. Repa­ra­tur­kos­ten auch grö­ße­rer Art sind jedoch grund­sätz­lich nicht so außer­ge­wöhn­lich, dass sie eine abwei­chen­de Schät­zung der ange­mes­se­nen behin­de­rungs­be­ding­ten Kfz-Kos­ten für pri­va­te Fahr­ten erfor­dern.

Über­dies haben sich, wor­auf bereits das BFH, Urteil in BFHE 205, 74, BSt­Bl II 2004, 453 hin­ge­wie­sen hat, die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se seit Begrün­dung der Recht­spre­chung zum Abzug von Kfz-Auf­wen­dun­gen im BFH, Urteil vom 17.12 1965 – VI 297/​656 gewan­delt. Wäh­rend im Jahr 1965 nur 9 267 000 PKW ange­mel­det waren, waren dies zum 1.01.2016 45, 1 Mio. Mitt­ler­wei­le hal­ten dem­nach die meis­ten Ein­kom­mens­be­zie­her, auch die weni­ger ver­die­nen­den, ein pri­va­tes Kfz und tra­gen die Auf­wen­dun­gen dafür aus ver­steu­er­tem Ein­kom­men. Da bei außer­ge­wöhn­lich Geh­be­hin­der­ten sämt­li­che Kfz-Kos­ten bis zu einer Fahr­leis­tung von 15 000 km, soweit sie nicht Wer­bungs­kos­ten oder Betriebs­aus­ga­ben dar­stel­len, als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung anzu­er­ken­nen sind, wer­den bei die­sem Per­so­nen­kreis Fahrt­auf­wen­dun­gen steu­er­min­dernd berück­sich­tigt, die Nicht­be­hin­der­ten eben­falls ent­ste­hen, ohne sich aber steu­er­lich aus­zu­wir­ken. Ange­sichts des­sen ist über­dies nicht ersicht­lich, dass im Streit­fall die als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung berück­sich­tig­ten Kfz-Kos­ten den an sich nur anzu behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­auf­wand des Behin­der­ten nicht zutref­fend erfas­sen. Ein kras­ser Aus­nah­me­fall im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Recht­spre­chung liegt bei Repa­ra­tur­auf­wen­dun­gen als Fol­ge eines ver­schleiß­be­ding­ten Motor­scha­dens nicht vor.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 19. Janu­ar 2017 – VI R 60/​14

  1. BFH, Urtei­le vom 22.10.1996 – III R 203/​94, BFHE 182, 44, BSt­Bl II 1997, 384; vom 13.12 2001 – III R 40/​99, BFHE 197, 462, BSt­Bl II 2002, 224; vom 18.12 2003 – III R 31/​03, BFHE 205, 74, BSt­Bl II 2004, 453; und vom 21.02.2008 – III R 105/​06, BFH/​NV 2008, 1141; BFH, Beschluss vom 26.10.2010 – VI B 52/​10, BFH/​NV 2011, 253, m.w.N.; vgl. auch H 33.1 bis 33.4 des Ein­kom­men­steu­er-Hand­buchs 2012, Fahrt­kos­ten behin­der­ter Men­schen[]
  2. BFH, Urteil vom 24.08.2004 – VIII R 59/​01, BFHE 207, 237, BSt­Bl II 2010, 1048, und BFH, Beschluss vom 21.05.2004 – III B 171/​03, BFH/​NV 2004, 1404[]
  3. BFH, Urteil vom 13.12 2001 – III R 6/​99, BFHE 197, 455, BSt­Bl II 2002, 198[]
  4. BFH, Urtei­le in BFHE 182, 44, BSt­Bl II 1997, 384; vom 14.10.1997 – III R 95/​96, BFH/​NV 1998, 1072; in BFHE 205, 74, BSt­Bl II 2004, 453; in BFHE 197, 462, BSt­Bl II 2002, 224[]
  5. BFH, Urteil vom 15.11.1991 – III R 30/​88, BFHE 166, 159, BSt­Bl II 1992, 179; s.a. BFH, Beschluss vom 24.04.2006 – III B 164/​05, BFH/​NV 2006, 1468[]
  6. BFHE 84, 574, BSt­Bl III 1966, 208[]