Der Zivil­dienst­leis­ten­de als Aus­bil­dungs­platz suchen­des Kind

Im Rah­men des Kin­der­gel­des kann ein Zivil­dienst­leis­ten­der als Aus­bil­dungs­platz suchen­des Kind zu berück­sich­ti­gen sein. Der Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stand nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG wird nicht allein des­halb aus­ge­schlos­sen, weil das Kind wäh­rend sei­ner Bemü­hun­gen um einen Aus­bil­dungs­platz den gesetz­li­chen Zivil­dienst ableis­tet.

Der Zivil­dienst­leis­ten­de als Aus­bil­dungs­platz suchen­des Kind

Das einen Aus­bil­dungs­platz suchen­de Kind

Nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG wird ein Kind berück­sich­tigt, das das 18., aber noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat, wenn es eine Berufs­aus­bil­dung man­gels Aus­bil­dungs­plat­zes nicht begin­nen oder fort­set­zen kann. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist hier­für erfor­der­lich, dass ein Aus­bil­dungs­platz fehlt und sich das Kind ernst­haft um einen sol­chen bemüht [1].

Das Kind in der Über­gangs­zeit

Nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b EStG wird ein Kind, das das 18., aber noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat, berück­sich­tigt, wenn es sich in einer Über­gangs­zeit von höchs­tens vier Mona­ten befin­det, die zwi­schen zwei Aus­bil­dungs­ab­schnit­ten oder zwi­schen einem Aus­bil­dungs­ab­schnitt und der Ableis­tung des gesetz­li­chen Wehr- oder Zivil­diens­tes, einer vom Wehr- oder Zivil­dienst befrei­en­den Tätig­keit als Ent­wick­lungs­hel­fer oder als Dienst­leis­ten­der im Aus­land nach § 14b des Zivil­dienst­ge­set­zes oder der Ableis­tung eines frei­wil­li­gen Diens­tes i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG liegt [2]. Nach dem kla­ren Wort­laut der Vor­schrift kommt bei einem Über­schrei­ten der Über­gangs­zeit eine Begüns­ti­gung auch nicht für die ers­ten vier Mona­te in Betracht [3].

Ein Kin­der­geld­an­spruch lässt sich für eine län­ge­re als vier­mo­na­ti­ge Über­gangs­zeit auch nicht auf eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b oder c EStG stüt­zen. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist die gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung der Tat­be­stän­de in § 32 Abs. 4 Satz 1 EStG, wonach ein Kind, das nach Been­di­gung der Schul­zeit –unab­hän­gig davon, ob abseh­bar oder nicht– län­ger als vier Mona­te auf den Beginn des Pflicht­diens­tes (gesetz­li­cher Wehr- oder Zivil­dienst) war­tet, wäh­rend die­ser Über­gangs­zeit nicht berück­sich­tigt wird, weder lücken­haft noch ver­stößt sie gegen das Grund­ge­setz. Zur Begrün­dung wird auf die jüngs­ten BFH-Urtei­len [4] ver­wie­sen, mit wel­chen die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung bestä­tigt wur­de.

Das Kind in der Berufs­aus­bil­dung

Nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG wird ein Kind, das das 18., aber noch nicht das 25. Lebens­jahr voll­endet hat, berück­sich­tigt, wenn es für einen Beruf aus­ge­bil­det wird. Durch die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist bereits geklärt, dass der Zivil­dienst grund­sätz­lich kei­ne Berufs­aus­bil­dung dar­stellt [5].

Aus­bil­dungs­su­che wäh­rend des Zivil­diens­tes

Die Berück­sich­ti­gung eines Kin­des gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG setzt vor­aus, dass ein Aus­bil­dungs­platz fehlt und sich das Kind ernst­haft um einen sol­chen bemüht [6]. Dabei ist im Grund­satz jeder Aus­bil­dungs­wunsch des Kin­des zu berück­sich­ti­gen. Ein ernst­haf­tes Bemü­hen erfor­dert aber zudem, dass der Aus­bil­dungs­platz im Erfolgs­fall ange­tre­ten wer­den kann. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG lie­gen dem­nach nicht vor, wenn das Kind –die Ver­füg­bar­keit des Aus­bil­dungs­plat­zes unter­stellt– die­sen ohne­hin nicht antre­ten könn­te, weil es die objek­ti­ven Anfor­de­run­gen dafür nicht erfüllt oder es aus ande­ren Grün­den am Antritt gehin­dert wäre [7]. Zudem liegt ein ernst­haf­tes Bemü­hen in Fäl­len, in denen eine Aus­bil­dung –wie z.B. ein Stu­di­um– nur zu bestimm­ten Zeit­punk­ten begon­nen wer­den kann, nur dann vor, wenn sich das Kind für den nächst­mög­li­chen Aus­bil­dungs­be­ginn bewirbt [6]. Im Übri­gen ist § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG nicht nur dann erfüllt, wenn das Kind noch kei­nen Aus­bil­dungs­platz gefun­den hat, son­dern auch dann, wenn ihm ein Aus­bil­dungs­platz bereits zuge­sagt wur­de, es die­sen aber aus schul‑, stu­di­en- oder betriebs­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt antre­ten kann [8]. Danach ist ein Kind, dem der begehr­te Stu­di­en­platz auf­grund ernst­haf­ter Bemü­hun­gen bereits zur Ver­fü­gung steht, auch wäh­rend der War­te­zeit bis zum Semes­ter­be­ginn zu berück­sich­ti­gen.

Sind die vor­ste­hend auf­ge­zeig­ten Vor­aus­set­zun­gen gege­ben, wird der Tat­be­stand des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG nicht dadurch aus­ge­schlos­sen, dass das Kind dane­ben den gesetz­li­chen Zivil­dienst ableis­tet.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat zuletzt in sei­nen Ent­schei­dun­gen zur Berück­sich­ti­gung von Kin­dern wäh­rend einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit aus­ge­führt, dass eine typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on kein unge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal der ein­zel­nen Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stän­de ist. Ob ein Kind wegen eige­ner Ein­künf­te typi­scher­wei­se nicht auf Unter­halts­leis­tun­gen der Eltern ange­wie­sen und des­halb nicht als Kind zu berück­sich­ti­gen ist, ist nach der gesetz­li­chen Rege­lung nicht bei der Prü­fung der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 und 2 EStG zu ermit­teln, son­dern erst auf einer zwei­ten Stu­fe bei der Prü­fung nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG, ob die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des den maß­ge­ben­den Grenz­be­trag über­schrei­ten [9].

Dabei ist es nach dem Geset­zes­wort­laut und der Geset­zes­sys­te­ma­tik uner­heb­lich, aus wel­chen Grün­den bei den Eltern kei­ne typi­sche Unter­halts­si­tua­ti­on gege­ben ist. Danach kann weder eine Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit noch die Ableis­tung eines gesetz­li­chen Pflicht­diens­tes den Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stand nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG aus­schlie­ßen. Abwei­chen­des lässt sich ins­be­son­de­re weder aus dem Umstand, dass der Zivil­dienst nicht in den Kata­log der Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stän­de (§ 32 Abs. 4 Satz 1 EStG) auf­ge­nom­men wur­de, noch aus der Vor­schrift des § 32 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 EStG ablei­ten, nach der Kin­der, die den gesetz­li­chen Grund­wehr­dienst oder den Zivil­dienst leis­ten, u.a. in den Fäl­len des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG (Berufs­aus­bil­dung) über die maß­geb­li­che Alters­gren­ze hin­aus für einen der Dau­er die­ser Diens­te ent­spre­chen­den Zeit­raum berück­sich­tigt wer­den (sog. Ver­län­ge­rungs­tat­be­stand). Zwar beru­hen bei­de Rege­lun­gen auf der typi­sie­ren­den Annah­me des Gesetz­ge­bers, dass Eltern von Kin­dern, die den gesetz­li­chen Grund­wehr­dienst oder den Zivil­dienst leis­ten, wirt­schaft­lich nicht belas­tet sind und des­halb –man­gels typi­scher Unter­halts­si­tua­ti­on– auch kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld haben [10]. Hier­aus ergibt sich jedoch nicht, dass die Berück­sich­ti­gung eines Kin­des für Zei­ten des Zivil­diens­tes auch dann aus­ge­schlos­sen ist, wenn es sich –neben dem Zivil­dienst– ernst­haft um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht. Auch in die­sem Fall ist –wie beim Zusam­men­tref­fen ernst­haf­ter Aus­bil­dungs­platz­be­mü­hun­gen mit einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit– die Unter­halts­be­dürf­tig­keit des Kin­des und damit die wirt­schaft­li­che Belas­tung der Eltern nicht durch eine ein­schrän­ken­de Aus­le­gung des Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stan­des, son­dern –ent­spre­chend der gesetz­li­chen Rege­lungs­kon­zep­ti­on– durch die Höhe der Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des typi­sie­rend zu bestim­men. Dem­nach kön­nen Kin­der, die den gesetz­li­chen Zivil­dienst ableis­ten, nicht nur als Kin­der in Berufs­aus­bil­dung (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG) [11], son­dern auch als Aus­bil­dungs­platz suchen­de Kin­der (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG) berück­sich­tigt wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2012 – III R 70/​11

  1. BFH, Urteil vom 26.11.2009 – III R 84/​07, BFH/​NV 2010, 853; Schmidt/​Loschelder, EStG, 31. Aufl., § 32 Rz 31 f.[]
  2. zur Berech­nung der Vier­mo­nats­frist s. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 105/​01, BFHE 203, 102, BStBl II 2003, 847[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 236, 144, BStBl II 2012, 681, m.w.N.[]
  4. BFH, Urteil vom 22.12.2011 – III R 5/​07, BFHE 236, 137, BStBl 2012, 678; und in BFHE 236, 144, BStBl II 2012, 681, vom 09.02.2012 – III R 68/​10, BFHE 236, 421, BStBl II 2012, 686; und vom 24.05.2012 – III R 25/​09, BFH/​NV 2012, 1437[]
  5. s. dazu BFH, Urteil vom 16.03.2004 – VIII R 86/​02, BFH/​NV 2004, 1242[]
  6. BFH, Urteil in BFH/​NV 2010, 853[][]
  7. z.B. BFH, Urteil vom 15.07.2003 – VIII R 79/​99, BFHE 203, 94, BStBl II 2003, 843[]
  8. BFH, Urteil vom 17.06.2010 – III R 34/​09, BFHE 230, 61, BStBl II 2010, 982, m.w.N.[]
  9. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 230, 61, BStBl II 2010, 982; vom 07.04.2011 – III R 50/​10, BFH/​NV 2011, 1329[]
  10. BFH, Urteil in BFHE 199, 210, BStBl II 2002, 807; s. auch BFH, Urteil in BFHE 236, 144, BStBl 2012, 681[]
  11. so bereits BFH, Urteil in BFHE 199, 210, BStBl II 2002, 807[]