Deut­sches Kin­der­geld­recht und euro­päi­sche Sozi­al­vor­schrif­ten

Hier arbei­ten­den pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, deren Kin­der zusam­men mit der Kin­des­mut­ter in Polen leben, steht in Deutsch­land kein Kin­der­geld zu, ent­schied jetzt das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf und wies zwei bei ihm anhän­gi­ge Kla­ge unter Hin­weis auf das gel­ten­de EU-Recht ab.

Deut­sches Kin­der­geld­recht und euro­päi­sche Sozi­al­vor­schrif­ten

Die Klä­ger, ent­schied das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, sei­en in Polen sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig und hät­ten dort auch einen Anspruch auf Kin­der­geld. Dies schlie­ße einen Anspruch auf Kin­der­geld nach deut­schem Recht aus.

Der von einem pol­ni­schen Arbeit­ge­ber ent­sand­te Arbeit­neh­mer[↑]

In dem ers­ten Ver­fah­ren ging das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf geht davon aus, dass der Klä­ger für die Zeit­räu­me, in denen er in Deutsch­land nicht­selb­stän­dig tätig war, auf­grund der Rege­lun­gen der VO (EWG) 1408/​71 nur nach pol­ni­schem und nicht nach deut­schem Recht Anspruch auf Kin­der­geld hat­te.

Ab dem Bei­tritt Polens zur EU am 01.05.2004 sind die gemein­schafts­recht­li­chen Vor­schrif­ten auf den Klä­ger anwend­bar. Zu die­sen Vor­schrif­ten zählt die seit 1971 gül­ti­ge VO (EWG) 1408/​71. Die­se Ver­ord­nung ist aller­dings durch die Ver­ord­nung (EG) 883/​2004 vom 29. April 2004 1 auf­ge­ho­ben wor­den, und zwar nach Art. 90 Abs. 1 VO (EG) 883/​2004 mit dem Beginn der Anwen­dung der VO (EG) 883/​2004. Nach Art. 91 Satz 1 VO (EG) 883/​2004 tritt die­se Ver­ord­nung am zwan­zigs­ten Tag nach ihrer Ver­öf­fent­li­chung im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on in Kraft; sie gilt aber nach Art. 90 Satz 2 VO (EG) 883/​2004 erst ab dem Tag des Inkraft­tre­tens der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung. Die Durch­füh­rungs­ver­ord­nung zu VO (EG) 883/​2004 – die Ver­ord­nung (EG) 987/​2009 vom 16. Sep­tem­ber 2009 – trat nach ihrem Art. 97 am 10. Mai 2010 in Kraft. Damit hat die VO (EG) 883/​2004 eben­falls erst Gel­tung ab dem 10.5.2010.

Das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf konn­te jedoch offen las­sen, ob die VO (EG) 883/​2004 und VO (EG) 987/​2004, die zum Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung gel­ten­des Gemein­schafts­recht sind, auch auf die hier strei­ti­gen Zeit­räu­me und damit auf Zei­ten vor dem 10.5.2010 ange­wandt wer­den kön­nen. Sowohl die VO (EWG) 1408/​71 als auch die VO (EG) 883/​2004 füh­ren vor­lie­gend näm­lich nicht zu einem inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruch des Klä­gers.

Für den Fall der Anwen­dung der VO (EWG) 1408/​71 gilt Fol­gen­des:

Beim Klä­ger han­delt es sich um einen Arbeit­neh­mer im Sin­ne von Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71, der den pol­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten über sozia­le Sicher­heit unter­liegt, weil er dort sozi­al­ver­si­chert ist. Er ging auch wäh­rend des Streit­zeit­raums in einem ande­ren Mit­glied­staat, näm­lich Deutsch­land, einer nicht selb­stän­di­gen Tätig­keit nach. Damit han­delt es sich aus Sicht der VO (EWG) 1408/​71 um einen inner­halb der Gemein­schaft zuge­wan­der­ten Arbeit­neh­mer. Ein sog. rei­ner Inlands­sach­ver­halt, d. h. ein Sach­ver­halt ohne jeg­li­ches grenz­über­schrei­ten­des Merk­mal 2, ist folg­lich nicht gege­ben.

Ob der Klä­ger der Rege­lung in Anhang I Teil I E (im Streit­zeit­raum: Anhang I Teil I D) nicht unter­fällt, weil er in Deutsch­land nicht gegen Arbeits­lo­sig­keit pflicht­ver­si­chert ist, kann dahin­ste­hen. Denn selbst bei Nicht­an­wend­bar­keit des Anhangs I Teil I E ist damit kei­ne Ein­schrän­kung des all­ge­mei­nen per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reichs der VO (EWG) 1408/​71 ver­bun­den, son­dern ledig­lich eine Ein­schrän­kung ihres per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reichs hin­sicht­lich der Fami­li­en­leis­tun­gen. Zwar "ver­drängt" die Defi­ni­ti­on in Anhang I Teil I E die Defi­ni­ti­on in Art. 1 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71, jedoch nicht mit Wir­kung für die Bestim­mung der anzu­wen­den­den Rechts­vor­schrif­ten 3, son­dern nur für die Bestim­mung des Per­so­nen­krei­ses, der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen hat 4. Auch nach dem Ein­lei­tungs­satz des Anhangs I Teil I E gilt die Defi­ni­ti­on aus­drück­lich nur "für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen gemäß Titel III Kapi­tel 7 der Ver­ord­nung". Die Rege­lung in Anhang I Teil I E soll folg­lich nicht über die Anwend­bar­keit eines gesam­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tems eines Mit­glied­staats, d. h. über den gesam­ten sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO (EWG) 1408/​71 i. S. ihres Art. 4 ent­schei­den, son­dern nur über den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich hin­sicht­lich der Leis­tungs­art "Fami­li­en­leis­tung" i. S. von Art. 4 Abs. 1 Buch­sta­be h VO (EWG) 1408/​71. Damit ist die Fra­ge, wel­che Rechts­vor­schrif­ten nach den Art. 13 ff. VO (EWG) 1408/​71 anzu­wen­den sind, d. h. in die Zustän­dig­keit wel­ches Mit­glied­staats der Sach­ver­halt fällt, vor­ran­gig zu prü­fen.

Der Klä­ger unter­liegt gemäß Art. 14 Nr. 1 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71 den Rechts­vor­schrif­ten Polens über sozia­le Sicher­heit und damit nach Art. 4 Abs. 1 Buch­sta­be h VO (EWG) 1408/​71 auch den pol­ni­schen Vor­schrif­ten über Fami­li­en­leis­tun­gen, zu denen das Kin­der­geld bzw. eine ver­gleich­ba­re aus­län­di­sche Leis­tung gehört 5.

Nach Art. 14 Nr. 1 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71, der eine von Art. 13 Abs. 2 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71 abwei­chen­de Rege­lung trifft, unter­liegt eine Per­son, die im Gebiet eines Mit­glied­staats von einem Unter­neh­men, dem sie gewöhn­lich ange­hört, im Lohn- oder Gehalts­ver­hält­nis beschäf­tigt wird und die von die­sem Unter­neh­men zur Aus­füh­rung einer Arbeit für des­sen Rech­nung in das Gebiet eines ande­ren Mit­glied­staats ent­sandt wird, wei­ter­hin den Rechts­vor­schrif­ten des ers­ten Mit­glied­staats, sofern die vor­aus­sicht­li­che Dau­er die­ser Arbeit zwölf Mona­te nicht über­schrei­tet und sie nicht eine ande­re Per­son ablöst, für wel­che die Ent­sen­dungs­zeit abge­lau­fen ist. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen im Streit­zeit­raum vor.

Der Klä­ger ist im Streit­zeit­raum aus­weis­lich der Beschei­ni­gung vom 29. Juli 2008 von sei­nem pol­ni­schen Arbeit­ge­ber "C" zur Arbeits­leis­tung nach Deutsch­land ent­sandt wor­den. Die Dau­er der vom Klä­ger jeweils erbrach­ten Arbeits­leis­tun­gen über­schritt nicht den Zeit­raum von zwölf Mona­ten, denn er war im Jahr 2006 nur für die Dau­er von 6 Mona­ten und im Jahr 2007 für die Dau­er von 1 1/​2 Mona­ten in Deutsch­land als ent­sand­ter Arbeit­neh­mer tätig. Wenn­gleich die "C" dem Klä­ger eine Ent­sen­dungs­zeit vom 21. April 2006 bis 10. April 2007 beschei­nigt hat, geht das Gericht ent­spre­chend den vor­ge­leg­ten Lohn­steu­er­be­schei­ni­gun­gen davon aus, dass der Klä­ger ledig­lich in der Zeit vom 1. Juni 2006 bis zum 31. Dezem­ber 2006 und vom 14. Febru­ar 2007 bis 1. April 2007 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gear­bei­tet hat.

Auf die Fra­ge der unbe­schränk­ten Ein­kom­men­steu­er­pflicht des Klä­gers nach § 1 Abs. 3 EStG kommt es an die­ser Stel­le nicht an, denn für die Zei­ten als ent­sand­ter Arbeit­neh­mer und damit für die Anwen­dung von Art. 14 Nr. 1 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71 ist nicht das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 3 EStG erheb­lich, son­dern die tat­säch­li­che Arbeits­leis­tung als nach Deutsch­land ent­sand­ter Arbeit­neh­mer. Es ist auch nicht ersicht­lich, dass der Klä­ger wäh­rend sei­ner Arbeits­tä­tig­keit in Deutsch­land eine ande­re Per­son abge­löst hat, deren Ent­sen­dungs­zeit abge­lau­fen war. Damit liegt ein Ent­sen­dungs­fall im Sin­ne des Art. 14 Nr. 1 Buch­sta­be a VO (EWG) 1408/​71 vor.

Nach Ansicht des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf sind die Rege­lun­gen der VO (EWG) 1408/​71 auch abschlie­ßend d.h. dass deut­sches Kin­der­geld­recht auch nicht sub­si­di­är anwend­bar ist, wenn nach der VO (EWG) 1408/​71 das Recht eines ande­ren Mit­glied­staats anwend­bar ist.

Nach Art. 13 Abs. 1 Satz 1 VO (EWG) 1408/​71 unter­lie­gen Per­so­nen, für die die­se Ver­ord­nung gilt, den Rechts­vor­schrif­ten nur eines Mit­glied­staats. Die Bestim­mun­gen des Titels II der VO (EWG) 1408/​71 bezwe­cken nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, dass die Betrof­fe­nen dem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit nur eines ein­zi­gen Mit­glied­staats unter­lie­gen, so dass die Kumu­lie­rung anwend­ba­rer natio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten und die Schwie­rig­kei­ten, die sich dar­aus erge­ben kön­nen, ver­mie­den wer­den 6. Davon ist auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 7 aus­ge­gan­gen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat zwar im Urteil vom 20. Mai 2008 8 ent­schie­den, dass dem Wohn­sitz­staat, auch wenn der Kin­der­geld­prä­ten­dent nach der VO (EWG) 1408/​71 nicht des­sen Rechts­vor­schrif­ten unter­liegt, "nicht die Befug­nis abge­spro­chen wer­den kann, den in sei­nem Gebiet wohn­haf­ten Per­so­nen Fami­li­en­bei­hil­fen zu gewäh­ren". Der Wohn­sitz­staat sol­le durch die VO (EWG) 1408/​71 nicht dar­an gehin­dert wer­den, die­ser Per­son nach sei­nem Recht Fami­li­en­bei­hil­fen zu gewäh­ren. Ob nach deut­schem Recht für die­sen Fall ein Anspruch besteht, hat­te der EuGH nicht zu ent­schei­den. Die­se Prü­fung ist nach sei­ner Ansicht Sache der natio­na­len Gerich­te.

Den §§ 62 ff. EStG ist nicht zu ent­neh­men, dass deut­sches Kin­der­geld­recht auch dann anwend­bar ist, wenn nach dem Wort­laut der VO (EWG) 1408/​71 die Rechts­vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staats Anwen­dung fin­den. Ein Anwen­dungs­be­fehl zuguns­ten des natio­na­len Rechts wäre aber zu erwar­ten, weil die VO (EWG) 1408/​71 als über­staat­li­ches Recht den natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten vor­geht und deren Anwen­dungs­be­reich begrenzt. Dass der Gesetz­ge­ber von einem Anwen­dungs­vor­rang des über­staat­li­chen Rechts aus­geht, zeigt § 1 Abs. 7 BErz­GG 9. Durch die­se Vor­schrift wur­de die Anspruchs­be­rech­ti­gung von Ehe­gat­ten von EU-Bür­gern mit Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat als Deutsch­land hin­sicht­lich des Erzie­hungs­gel­des für den Fall neu gere­gelt, dass nur der EU-Bür­ger in Deutsch­land erwerbs­tä­tig ist, nicht aber sein im Wohn­sitz­staat leben­der Ehe­gat­te. Der Gesetz­ge­ber woll­te damit als Reak­ti­on auf das "Hoever und Zachow"-Urteil des Gerichts­hofs der Euroo­päi­schen Gemein­schaf­ten 10 das natio­na­le Recht der Rege­lung der VO (EWG) 1408/​71 anpas­sen 11. Die­ses bestimmt aus sei­ner Sicht dar­über, ob und in wel­chem Umfang natio­na­les Recht in Zu- und Abwan­de­rungs­fäl­len anwend­bar ist.

Soll­te die VO (EG) 883/​2004 anwend­bar sein, ergä­ben sich gegen­über der auf der VO (EWG) 1408/​71 beru­hen­den Rechts­la­ge bezüg­lich der Zei­ten, in denen der Klä­ger in Deutsch­land gear­bei­tet hat, kei­ne Abwei­chun­gen.

Art. 12 VO (EG) 883/​2004 regelt, dass eine Per­son, die in einem Mit­glied­staat für Rech­nung eines Arbeit­ge­bers, der gewöhn­lich dort tätig ist, eine Beschäf­ti­gung aus­übt und die von die­sem Arbeit­ge­ber in einen ande­ren Mit­glied­staat ent­sandt wird, um dort eine Arbeit für des­sen Rech­nung aus­zu­füh­ren, wei­ter­hin den Rechts­vor­schrif­ten des ers­ten Mit­glied­staa­tes unter­liegt, sofern die vor­aus­sicht­li­che Dau­er die­ser Arbeit 24 Mona­te nicht über­steigt und die­se Per­son kei­ne ande­re Per­son ablöst. Damit gel­ten für den Klä­ger als ent­sand­ten Arbeit­neh­mer auch nach Art. 12 VO (EG) 883/​2004 allein die pol­ni­schen Vor­schrif­ten über die Gewäh­rung von Kin­der­geld. Im Ergeb­nis unter­schei­det sich Art. 12 VO (EG) 883/​2004 in sei­nem mate­ri­el­len Gehalt – bis auf die zeit­li­che Höchst­gren­ze der Aus­lands­tä­tig­keit – nicht von Art. 14 VO (EWG) 1408/​71.

Dar­über hin­aus steht dem Klä­ger auch für die Zei­ten, in denen er nicht in Deutsch­land gear­bei­tet hat (Janu­ar bis Mai 2006 sowie für den Monat Janu­ar 2007 und von April 2007 bis Dezem­ber 2007), kein Kin­der­geld nach inlän­di­schem deut­schem Recht zu.

Soweit der Klä­ger wäh­rend der Zeit von Janu­ar 2006 bis Mai 2006 bzw. im Janu­ar 2007 und ab April 2007 als Arbeit­neh­mer in Polen (oder in einem ande­ren Mit­glied­staat der EU) tätig war, gilt nach Art. 13 Abs. 2 Buch­sta­be a) VO (EWG) 1408/​71 das Recht des Beschäf­ti­gungs­staa­tes; damit schei­det inlän­di­sches deut­sches Recht aus. Auf eine unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG kommt es in die­sem Zusam­men­hang nicht an 12.

Auch wenn der Klä­ger in den vor­ge­nann­ten Zei­ten über­haupt nicht tätig gewe­sen ist und des­we­gen nicht die VO (EWG) 1408/​71, son­dern gege­be­nen­falls nur inlän­di­sches deut­sches Recht zur Anwen­dung kommt, besteht kein Kin­der­geld­an­spruch.

Der Klä­ger gehört näm­lich bei die­ser Sach­ver­halts­va­ri­an­te nicht zu den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten i.S.d. § 62 Abs. 1 EStG.

Nach die­ser Vor­schrift hat Anspruch auf Kin­der­geld, wer im Inland einen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat oder ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland nach § 1 Abs. 2 EStG unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig ist oder nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird.

Der Klä­ger erfüllt kei­ne die­ser Vor­aus­set­zun­gen.

Anhalts­punk­te dafür, dass er in den hier inter­es­sie­ren­den Zeit­räu­men in Deutsch­land gewohnt oder sich hier auf­ge­hal­ten hat und des­halb in Deutsch­land sei­nen Wohn­sitz oder sei­ne gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat­te, gibt es nicht.

Eine unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 2 EStG besteht eben­so wenig, da der Klä­ger nicht in einem Dienst­ver­hält­nis zu einer inlän­di­schen juris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts gestan­den hat.

Auch eine unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG – auf die sich der Klä­ger beruft – ver­mag in Ver­bin­dung mit § 62 Abs. 1 Nr. 2 b) EStG kei­nen Kin­der­geld­an­spruch aus­zu­lö­sen.

Eine unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG kann näm­lich nur für die Zeit­räu­me eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung begrün­den, in denen der Steu­er­pflich­ti­ge die für die fik­ti­ve Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG erfor­der­li­chen inlän­di­schen Ein­künf­te im Sin­ne des § 49 EStG erzielt. Die unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht ent­steht näm­lich nach § 1 Abs. 3 Satz 1 2. Halb­satz EStG nur soweit inlän­di­sche Ein­künf­te im Sin­ne des § 49 EStG vor­lie­gen. Der Kon­junk­ti­on "soweit" hat nicht nur kon­di­tio­na­le Bedeu­tung ("sofern"), son­dern beinhal­tet auch ein zeit­li­ches Moment mit der Fol­ge, dass die Ein­künf­te im Sin­ne des § 49 EStG den Beginn und das Ende der unbe­schränk­ten Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG mar­kie­ren 13. Die­se Sicht­wei­se kor­re­spon­diert mit der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zum Kin­der­frei­be­trag, wonach bei einer nur für einen Teil des Kalen­der­jah­res bestehen­den unbe­schränk­ten Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 1 Satz 1 EStG der Kin­der­frei­be­trag nur für die­je­ni­gen Mona­te zu berück­sich­ti­gen ist, in denen die unbe­schränk­te Steu­er­pflicht bestand hat 14.

Die Rechts­la­ge beim Kin­der­geld ist iden­tisch mit der des Kin­der­frei­be­tra­ges. Bei­de Rechts­in­sti­tu­te sol­len (alter­na­tiv) die durch Kin­der beding­ten finan­zi­el­len Belas­tun­gen von der Besteue­rung frei­stel­len, wobei sowohl für den Kin­der­frei­be­trag (§ 32 Abs. 6 Satz 1 und Satz 5 EStG) als auch für das Kin­der­geld (§ 66 Abs. 1 EStG) das Monats­prin­zip gilt, d.h. Kin­der­frei­be­trag bzw. Kin­der­geld wer­den nur für die Mona­te gewährt, in denen die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen (§ 32 Abs. 1 – Abs. 5 EStG für den Kin­der­frei­be­trag; §§ 62 ff. EStG für das Kin­der­geld) erfüllt sind. Die­ses Monats­prin­zip gebie­tet es, die unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG, auch wenn sie sich steu­er­lich in einem Jah­res-Ein­kom­men­steu­er­be­scheid nie­der­schlägt, unter zeit­li­chen Gesichts­punk­ten zu begren­zen und exakt ihren Beginn und ihr Ende fest­zu­stel­len.

Damit besteht für die Zei­ten, in denen der Klä­ger kei­ne Ein­künf­te i.S.d. § 49 EStG erzielt hat, also die Zei­ten, in den er sich nicht in Deutsch­land auf­hielt, auch kei­ne unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG und damit auch kei­ne Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 b) EStG.

Soll­te der Klä­ger auf­grund sei­ner monats­wei­sen Ent­sen­dung nach Deutsch­land aus­schließ­lich Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Tätig­keit erzielt und in den übri­gen Mona­ten in Polen oder in einem ande­ren EU-Staat gear­bei­tet haben, ergibt sich aus dem Vor­ste­hen­den, dass dem Anspruch auf Kin­der­geld für die Mona­te der Tätig­keit in Deutsch­land nach Ansicht des Senats Art. 14 VO (EWG) 1408/​71 und in den rest­li­chen Mona­ten Art. 13 der VO (EWG) 1408/​71 ent­ge­gen ste­hen. Auf die Rege­lung des § 1 Abs. 3 EStG kommt es in die­sen Kon­stel­la­tio­nen nicht an.

Dass der Klä­ger in den Zeit­räu­men, in denen er weder einen Wohn­sitz noch sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land hat­te, bei­spiels­wei­se inlän­di­sche Kapi­tal­ein­künf­te i.S.d. § 49 Abs. 1 Nr. 5 EStG erzielt hät­te, die die Annah­me einer fik­ti­ven Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG für wei­te­re Mona­te gerecht­fer­tigt hät­te, hat der Klä­ger nicht nach­ge­wie­sen. Die Fest­stel­lungs­last für der­art anspruchs­be­grün­den­de Tat­sa­chen obliegt jedoch dem Klä­ger.

Der bis 12 Mona­te bei einem deut­schen Arbeit­ge­ber täti­ge Arbeit­neh­mer[↑]

Arbei­tet ein pol­ni­scher Staats­bür­ger nur für drei Mona­te bei einem deut­schen Arbeit­ge­ber, wäh­rend sei­ne Kin­der zusam­men mit der Mut­ter wei­ter­hin in Polen leben, ist der gemäß §§ 62 ff. EStG tat­be­stands­mä­ßig vor­lie­gen­de Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld durch das euro­päi­sche Gemein­schafts­recht aus­ge­schlos­sen, weil der Klä­ger auch in die­ser Zeit in der pol­ni­schen Sozi­al­ver­si­che­rung ZUS sozi­al­ver­si­chert ist.

Das deut­sche Kin­der­geld fällt in den sach­li­chen Gel­tungs­be­reich der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates vom 14. Juni 1971 zur Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer, Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern 15. Es ist eine Fami­li­en­leis­tung im Sin­ne des Art. 4 Abs. 1 Buchst. h die­ser Ver­ord­nung 16.

Soweit der Klä­ger im Streit­zeit­raum in Polen nicht­selb­stän­dig bei der Fir­ma "F" tätig war, unter­fällt er auf Grund die­ser unselb­stän­di­gen Tätig­keit in Polen gemäß Art. 13 Abs. 2 Buchst. a VO Nr. 1408/​71 dem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71. Ohne Bedeu­tung ist, dass der Klä­ger für ca. drei Mona­te eine unselb­stän­di­ge Tätig­keit in Deutsch­land aus­üb­te. Denn wie sich aus Art. 14 Nr. 1 Buchst. a und Art. 14 a Nr. 1 Buchst. a VO Nr. 1408/​71 ergibt, führt eine kurz­fris­ti­ge Tätig­keit (unter zwölf Mona­ten) auf dem Gebiet eines ande­ren Mit­glied­staats nicht zu einer Ände­rung der Ein­glie­de­rung in ein Sozi­al­sys­tem.

Im Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 ist die Fra­ge, ob dem Klä­ger ein Anspruch auf Kin­der­geld zusteht, nach den Bestim­mun­gen des Titels II der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 zu ent­schei­den. Die anzu­wen­den­de VO Nr. 1408/​71 geht in Art. 13 Abs. 1 Satz 1 von dem Aus­schließ­lich­keits-Grund­satz aus, näm­lich dass alle Per­so­nen, die von der Ver­ord­nung erfasst wer­den, den Rechts­vor­schrif­ten aus­schließ­lich eines Mit­glieds­staa­tes unter­lie­gen sol­len 17. Wer zu einem bestimm­ten Zeit­punkt dem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit eines Lan­des unter­liegt, soll auch nur nach die­sem Sys­tem Kin­der­geld erhal­ten. Die­se Rege­lung dient der Gleich­be­hand­lung aller in einem Mit­glieds­staat erwerbs­tä­ti­gen Arbeit­neh­mer und der Ein­fach­heit der Rechts­an­wen­dung, sie ver­hin­dert Anspruchs­ku­mu­la­tio­nen und Mit­nah­me­ef­fek­te.

Die Anwen­dung des pol­ni­schen Rechts auf Fami­li­en­leis­tun­gen ist im Streit­fall auch inter­es­sen­ge­recht. Der Klä­ger hat in Polen sei­nen Fami­li­en­wohn­sitz, er ist dort in die pol­ni­sche Sozi­al­ver­si­che­rung ein­ge­glie­dert, er hat Bei­trä­ge ent­rich­tet und Leis­tun­gen zu erwar­ten, und sei­ne Kin­der leben in Polen; dage­gen ent­rich­tet der Klä­ger kei­ne Bei­trä­ge in die deut­sche Sozi­al­ver­si­che­rung.

Aus der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten vom 20. Mai 2008 18 ergibt sich nichts ande­res. Der EuGH hat aus­ge­führt, dem Wohn­sitz­mit­glied­staat kön­ne nicht die Befug­nis abge­spro­chen wer­den, den in sei­nem Gebiet wohn­haf­ten Per­so­nen Fami­li­en­bei­hil­fen zu gewäh­ren, selbst wenn eine Per­son nach Art. 13 der VO Nr. 1408/​71 den Rechts­vor­schrif­ten eines ande­ren Staa­tes unter­fal­le. Der Wohn­sitz­staat sol­le durch die VO Nr. 1408/​71 nicht dar­an gehin­dert wer­den, die­ser Per­son nach sei­nem Recht Fami­li­en­bei­hil­fen zu gewäh­ren. Ob aller­dings nach deut­schem Recht für die­sen Fall ein Anspruch besteht, hat­te der EuGH nicht zu ent­schei­den, denn die­se Prü­fung ist Sache der natio­na­len Gerich­te.

Hier­nach hält der erken­nen­de Senat die Anwen­dung des deut­schen Kin­der­geld­rechts für aus­ge­schlos­sen, wenn nach der VO Nr. 1408/​71 nur die Rechts­vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staats Anwen­dung fin­den, selbst wenn die­se Fami­li­en­leis­tun­gen nur in gerin­ge­rer Höhe vor­se­hen bzw. aus­schlie­ßen 19. Den §§ 62 ff. EStG ist nicht zu ent­neh­men, dass deut­sches Kin­der­geld­recht auch dann anwend­bar ist, wenn nach dem Wort­laut der VO Nr. 1408/​71 die Rechts­vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staats Anwen­dung fin­den 20. Ein Anwen­dungs­be­fehl zuguns­ten des natio­na­len Rechts wäre aber zu erwar­ten, weil die VO Nr. 1408/​71 als über­staat­li­ches Recht den natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten vor­geht und deren Anwen­dungs­be­reich begrenzt. Dass der Gesetz­ge­ber von einem Anwen­dungs­vor­rang des über­staat­li­chen Rechts aus­geht, zeigt § 1 Abs. 7 BErz­GG 9. Durch die­se Vor­schrift wur­de die Anspruchs­be­rech­ti­gung von Ehe­gat­ten von EU-Bür­gern mit Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat als Deutsch­land hin­sicht­lich des Erzie­hungs­gel­des für den Fall neu gere­gelt, dass nur der EU-Bür­ger in Deutsch­land erwerbs­tä­tig ist, nicht aber sein im Wohn­sitz­staat leben­der Ehe­gat­te. Der Gesetz­ge­ber woll­te damit als Reak­ti­on auf das EuGH-Urteil vom 10. Okto­ber 1996 10 das natio­na­le Recht der Rege­lung der VO Nr. 1408/​71 anpas­sen 11. Die­ses bestimmt aus sei­ner Sicht dar­über, ob und in wel­chem Umfang natio­na­les Recht in Zu- und Abwan­de­rungs­fäl­len anwend­bar ist. Nach alle­dem hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof der Fami­li­en­kas­se nicht die Befug­nis abge­spro­chen, Kin­der­geld nur im Rah­men der euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben zu gewäh­ren, also neben den Rege­lun­gen der §§ 31 f., 62 ff. EStG auch die der VO Nr. 1408/​71, unter ande­rem Art. 13 ff., als unmit­tel­bar gel­ten­des Recht anzu­wen­den.

Unter die­sen Umstän­den kann dahin­ste­hen, ob ein etwai­ger deut­scher Kin­der­geld­an­spruch gemäß § 65 Abs. 1 Nr. 2 EStG wegen des tat­säch­li­chen Bezugs pol­ni­scher Fami­li­en­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wäre.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 2. Novem­ber 2010 – 10 K 1301/​10 Kg;
Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 24. Sep­tem­ber 2010 – 16 K 4953/​08 Kg

  1. zum Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung in der Fas­sung der (Ände­rungs-) Ver­ord­nung (EG) 988/​2009 vom 16.09.2009[]
  2. Helm­ke in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Fach D, I. Kom­men­tie­rung Euro­pa­recht, Art. 73 Rz. 5[]
  3. vgl. die Über­schrift des Titels II[]
  4. vgl. EuGH, Urteil vom 05.03.1998 – C‑194/​96 [Kul­zer], Slg. I 1998, 895[]
  5. BFH, Urtei­le vom 13.08.2002 – VIII R 54/​00, BFH/​NV 2002, 1581; VIII R 61/​00, BFH/​NV 2002, 1584, und VIII R 97/​01, BFH/​NV 2002, 1588[]
  6. EuGH, Urteil vom 10.07.1986 – C – 60/​85, Luij­ten, Slg. 1986, 2365[]
  7. in BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412[]
  8. EuGH, Urteil vom 20.05.2008 – C‑352/​06 [Bos­mann], HFR 2008, 877[]
  9. i. d. F. des Geset­zes vom 12. Okto­ber 2000[][]
  10. EuGH, Urteil vom 10.10.1996 – C‑245/​94 und C‑312/​94 [Hoever und Zachow], Slg. I 1996, 4895[][]
  11. BT-Drucks. 14/​3118, 10[][]
  12. vgl. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 16.03.2010 – 10 K 1829/​09 Kg[]
  13. Herrmann/​Heuer/​Rau­pach, EStG, § 1, Anm. 297 a.E: "Beginn und Ende der erwei­ter­ten unbe­schränk­ten Steu­er­pflicht rich­ten sich nach der Ver­wirk­li­chung des Tat­be­stan­des des Abs. 3"[]
  14. BFH, Urteil vom 14.10.2003 – VIII R 111/​01, BFH/​NV 2004, 331[]
  15. kon­so­li­dier­te Fas­sung, ABlEG – Nr. L 28 vom 30.01.1997, S. 1[]
  16. BVerfG, Urteil vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, HFR 2004, 1139[]
  17. BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004, a. a. O.; BFH, Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 97/​01, BFH/​NV 2002, 1588; EuGH, Urteil vom 20.05.2008 – C – 352/​06 [Bos­mann], HFR 2008, 877, Rn. 17, 19[]
  18. EuGH, Urteil vom 20.05.2008 – C – 352/​06, Slg. I 2008, 3827, HFR 2008, 877[]
  19. eben­so FG Düs­sel­dorf Urtei­le vom 16.04.2010 – 3 K 1401/​09 Kg, EFG 2010, 1140; und vom 27.04.2010 – 10 K 3402/​08 Kg[]
  20. vgl. auch Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs –DAFa­mEStG vom 30.09.2009 – St II 2 – S 2280 – 170/​09, BSt­Bl I 2009, 1030, die einen Kin­der­geld­an­spruch nur dann als gege­ben ansieht, wenn weder ein Aus­schluss­tat­be­stand nach § 65 EStG "noch nach über- bzw. zwi­schen­staat­li­chem Recht vor­liegt", DA 62.1 Abs. 1 Satz 2[]