Die nicht außer­ge­wöhn­lich belas­ten­de Adop­ti­on

Adop­ti­ons­kos­ten sind kei­ne außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen, auch nicht unter dem Gesichts­punkt eines angeb­li­chen Makels der Kin­der­lo­sig­keit.

Die nicht außer­ge­wöhn­lich belas­ten­de Adop­ti­on

In einem jetzt vom Finanz­ge­richt Rhein­land-Pfalz ent­schie­de­nen Rechts­streit war strei­tig, ob Adop­ti­ons­kos­ten steu­er­lich bei den außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen gel­tend gemacht wer­den kön­nen. Die Klä­ger hat­ten im Rah­men ihrer Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung für das Jahr 2002 für die Adop­ti­on ihres Soh­nes Kos­ten in Höhe von über 18.000.- € bei den außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen gel­tend gemacht. Das Finanz­amt lehnt dage­gen die Berück­sich­ti­gung die­ser Kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung mit der Begrün­dung ab, dass Adop­ti­ons­kos­ten nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs kei­ne außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen dar­stel­len wür­den.

Mit der hier­ge­gen gerich­te­ten Kla­ge mach­ten die Klä­ger gel­tend, ihnen sei bekannt, dass der BFH die Berück­sich­ti­gung von Kos­ten einer Adop­ti­on als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen unter Hin­weis auf die feh­len­de Zwangs­läu­fig­keit der Auf­wen­dun­gen abge­lehnt habe, da es im Regel­fall an der recht­li­chen, sitt­li­chen oder tat­säch­li­chen Ver­pflich­tung für eine Adop­ti­on feh­le.

Aller­dings sei die­se Auf­fas­sung im Lich­te der jün­ge­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Pfleg­ver­si­che­rung, der Dis­kus­si­on um kin­der­lo­se Ehe­paa­re und von ver­schie­de­nen Geset­zes­in­itia­ti­ven zur Fami­li­en­be­steue­rung nicht halt­bar und müs­se neu über­dacht wer­den. Seit Ende der 1990er Jah­re gel­te das Lebens­bild des kin­der­lo­sen Sin­gle oder des kin­der­lo­sen Ehe­paars als anstö­ßig, ego­is­tisch und unso­li­da­risch. Der Bun­des­fi­nanz­hof habe nicht vor­her­se­hen kön­nen, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den Kin­der­lo­sen in sei­ner Ent­schei­dung vom April 2001 attes­tie­ren wür­de, sie wür­den sich in den sozia­len Siche­rungs­sys­te­men, zumin­dest in der Pfle­ge­ver­si­che­rung, auf Kos­ten der Kin­der­er­zie­hen­den berei­chern und kämen ihrer Ver­pflich­tung der Her­an­zie­hung der nächs­ten Bei­trags­zah­l­er­ge­nera­ti­on nicht nach. Das Bild, wel­ches das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit sei­ner Ent­schei­dung von den Kin­der­lo­sen auf­ge­zeigt habe, spie­ge­le die Wert­ur­tei­le der Gesell­schaft wie­der; der Gesetz­ge­ber sei die­sen Vor­ga­ben nach­ge­kom­men und erhe­be in der Pfle­ge­ver­si­che­rung nun­mehr einen Kin­der­zu­schlag für Ver­si­cher­te ohne Kin­der. Daher wür­den sich auch unge­wollt Kin­der­lo­se dem gesell­schaft­li­chen Makel der Kin­der­lo­sig­keit aus­ge­setzt sehen. Die­sem laten­ten Vor­wurf könn­ten sich unge­wollt Kin­der­lo­se nur durch Adop­ti­on ent­zie­hen, was die Berück­sich­ti­gung der Auf­wen­dun­gen als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen recht­fer­ti­ge.

Die Kla­ge hat­te aller­dings auch mit die­ser Argu­men­ta­ti­on kei­nen Erfolg. Das Finanz­ge­richt Rhein­land-Pfalz ver­trat viel­mehr die Linie des Bun­des­fi­nanz­hofs aus des­sen älte­rer Recht­spre­chung, und danach sei die zur Aner­ken­nung von außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen füh­ren­de Zwangs­läu­fig­keit der Auf­wen­dun­gen nicht gege­ben. Es gäbe einer­seits kei­ne Rechts­pflicht, Kin­der zu haben, ande­rer­seits wür­de eine gesetz­li­che Ver­pflich­tung, Kin­der zu haben, in unzu­läs­si­ger Wei­se in das höchst­per­sön­li­che Recht des Ein­zel­nen, dem allein die Ent­schei­dung hier­über zuste­he, ein­grei­fen.

Eine Zwangs­läu­fig­keit aus sitt­li­chen Grün­den sei, so die Finanz­rich­ter von der Wein­stra­ße, nicht gege­ben. Sitt­li­che Moti­ve müss­ten so stark sein, dass eine ande­re Ent­schei­dung kaum mög­lich sei, der Steu­er­pflich­ti­ge müs­se also bei Unter­las­sung der Leis­tung – hier der Adop­ti­on – vor ande­ren als „unsitt­lich” oder „unan­stän­dig” gel­ten. Im Streit­fall feh­le es an einer sol­chen sitt­li­chen Ver­pflich­tung der Klä­ger. Es bestehe kein Gebot zur Adop­ti­on hilfs­be­dürf­ti­ger Kin­der.

Das Finanz­ge­richt kön­ne eine gesell­schaft­li­che Hal­tung, die Kin­der­lo­sig­keit ohne wei­te­res als Aus­druck einer ego­is­ti­schen und unso­li­da­ri­schen Grund­hal­tung eines Kin­der­lo­sen ver­ste­he, nicht erken­nen. Mit sei­nen Aus­füh­run­gen zur Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht nur durch Bei­trags­zah­lung, son­dern auch durch Betreu­ung und Erzie­hung von Kin­dern habe das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kei­nen sitt­lich-mora­li­schen Vor­wurf gegen­über Kin­der­lo­sen erho­ben und weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar die For­de­rung auf­ge­stellt, Kin­der­lo­se müss­ten durch das Adop­tie­ren von Kin­dern zum Funk­tio­nie­ren des Sozi­al­sys­tems bei­tra­gen. Dem­nach sei die Adop­ti­on für die Klä­ger nicht aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den unaus­weich­lich gewe­sen, son­dern habe auf ihrem frei­en, nicht von außen bestimm­ten Wil­len beruht. Das kön­ne kei­ne Berück­sich­ti­gung von außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen begrün­den.

Finanz­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 15. Sep­tem­ber 2009 – 3 K 1841/​06