Die Tele­fon­kos­ten eines Mari­ne­sol­da­ten

Wäh­rend einer Aus­wärts­tä­tig­keit von min­des­tens einer Woche ent­stan­de­ne Tele­fon­ge­büh­ren kön­nen als Wer­bungs­kos­ten abzugs­fä­hig sein.

Die Tele­fon­kos­ten eines Mari­ne­sol­da­ten

Der Klä­ger des jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Rechts­streits , ein Mari­ne­sol­dat, führ­te wäh­rend eines län­ge­ren Aus­lands­ein­sat­zes an den Wochen­en­den 15 Tele­fon­ge­sprä­che mit sei­ner Lebens­ge­fähr­tin und Ange­hö­ri­gen für ins­ge­samt 252 €. Die Kos­ten mach­te er ver­geb­lich in sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung als Wer­bungs­kos­ten gel­tend. Das Finanz­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Die Revi­si­on des Finanz­amts hat­te kei­nen Erfolg:

Zwar han­delt es sich bei den Auf­wen­dun­gen für Tele­fo­na­te pri­va­ten Inhalts etwa mit Ange­hö­ri­gen und Freun­den regel­mä­ßig um steu­er­lich unbe­acht­li­che Kos­ten der pri­va­ten Lebens­füh­rung. Nach einer min­des­tens ein­wö­chi­gen Aus­wärts­tä­tig­keit las­sen sich die not­wen­di­gen pri­va­ten Din­ge aber aus der Fer­ne nur durch über den nor­ma­len Lebens­be­darf hin­aus­ge­hen­de Mehr­kos­ten regeln. Die dafür anfal­len­den Auf­wen­dun­gen kön­nen des­halb abwei­chend vom Regel­fall als beruf­lich ver­an­lass­ten Mehr­auf­wand der Erwerbs­sphä­re zuzu­ord­nen sein.

Wer­bungs­kos­ten sind Auf­wen­dun­gen zur Erwer­bung, Siche­rung und Erhal­tung der Ein­nah­men (§ 9 Abs. 1 Satz 1 EStG) und lie­gen nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs vor, wenn zwi­schen den Auf­wen­dun­gen und den Ein­nah­men ein objek­ti­ver Zusam­men­hang besteht.

Ob Auf­wen­dun­gen der beruf­li­chen Sphä­re oder der Lebens­füh­rung i.S. von § 12 Nr. 1 Satz 2 EStG zuzu­rech­nen sind, ent­schei­det sich unter Wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls, ohne dass dabei aller­dings schon ein abs­trak­ter Kau­sal­zu­sam­men­hang im Sin­ne einer con­di­tio sine qua non die ein­kom­men­steu­er­recht­li­che Zuord­nung der Auf­wen­dun­gen zur Erwerbs­sphä­re recht­fer­tigt. Auf­wen­dun­gen sind viel­mehr nur dann als durch eine Ein­kunfts­art ver­an­lasst anzu­se­hen, wenn sie hier­zu in einem steu­er­recht­lich anzu­er­ken­nen­den wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hang ste­hen. Maß­ge­bend dafür, ob ein sol­cher Zusam­men­hang besteht, ist zum einen die wer­ten­de Beur­tei­lung des die betref­fen­den Auf­wen­dun­gen aus­lö­sen­den Moments und zum ande­ren die Zuwei­sung die­ses maß­ge­ben­den Besteue­rungs­grun­des zur ein­kom­men­steu­er­recht­lich rele­van­ten Erwerbs­sphä­re 1. Ein Wer­bungs­kos­ten­ab­zug kommt jedoch grund­sätz­lich dann nicht in Betracht, wenn die Auf­wen­dun­gen zwar den Beruf för­dern, dane­ben aber auch der Lebens­füh­rung die­nen, es sei denn, dass der den Beruf för­dern­de Teil der Auf­wen­dun­gen sich nach objek­ti­ven Maß­stä­ben zutref­fend und in leicht nach­prüf­ba­rer Wei­se abgren­zen lässt und nicht nur von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung ist 2.

Neben den Auf­wen­dun­gen z.B. für Woh­nung, Ver­pfle­gung und Beklei­dung sind ins­be­son­de­re auch die Auf­wen­dun­gen für Tele­fo­na­te pri­va­ten Inhalts etwa mit Ange­hö­ri­gen und Freun­den typi­sche unter § 12 Nr. 1 EStG zu sub­su­mie­ren­de Lebens­füh­rungs­kos­ten. Der­ar­ti­ge Auf­wen­dun­gen sind, wenn sie nach den Vor­schrif­ten über das steu­er­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum als Son­der­aus­ga­ben oder als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen zu berück­sich­ti­gen sind, grund­sätz­lich dem Anwen­dungs­be­reich des § 4 Abs. 4 und des § 9 EStG ent­zo­gen, um eine dop­pel­te Berück­sich­ti­gung zu ver­mei­den 3.

Zum tra­di­tio­nel­len Bestand des deut­schen Ein­kom­men­steu­er­rechts gehört es aber auch, Kos­ten, die untrenn­bar sowohl pri­vat als auch beruf­lich ver­an­lasst sind, der steu­er­recht­lich erheb­li­chen Berufs­sphä­re zuzu­ord­nen, wenn die Auf­wen­dun­gen so stark durch die berufliche/​betriebliche Situa­ti­on geprägt sind, dass der pri­va­te Ver­an­las­sungs­bei­trag bei wer­ten­der Betrach­tung unbe­deu­tend ist.

So ord­net das Gesetz Mehr­auf­wen­dun­gen für die Ver­pfle­gung des Steu­er­pflich­ti­gen, die auch bei einer beruf­li­chen Mit­ver­an­las­sung zunächst pri­va­te Lebens­füh­rungs­kos­ten dar­stel­len und des­halb nicht abzieh­ba­re Wer­bungs­kos­ten sind (§ 9 Abs. 5 i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 5 Satz 1 EStG), bei Vor­lie­gen einer Aus­wärts­tä­tig­keit der Erwerbs­sphä­re zu und lässt des­halb nach § 9 Abs. 5 i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 5 Satz 2 EStG kalen­der­täg­lich einen nach Rei­se­dau­er gestaf­fel­ten Pausch­be­trag zum Wer­bungs­kos­ten­ab­zug zu.

Dies gilt glei­cher­ma­ßen für im Schnitt­be­reich von beruf­li­cher Sphä­re und pri­va­ter Lebens­füh­rung lie­gen­de Mobi­li­täts­kos­ten. Sie wer­den eben­falls als Wer­bungs­kos­ten oder Betriebs­aus­ga­ben aner­kannt. Danach gehö­ren –hin­rei­chend fol­ge­rich­tig– vor allem Fahrt­kos­ten zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te (§ 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4, § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 EStG) zu den im Rah­men des objek­ti­ven Net­to­prin­zips abzugs­fä­hi­gen beruf­li­chen Auf­wen­dun­gen, obwohl sol­che Auf­wen­dun­gen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wegen der pri­va­ten Wahl des Wohn­orts zwangs­läu­fig auch pri­vat mit­ver­an­lasst sind (BVerfG, Urteil vom 09.12.2008 – 2 BvL 1/​07, 2 BvL 2/​07, 2 BvL 1/​08, 2 BvL 2/​08, BVerfGE 122, 210; a.A. noch BFH, Vor­la­ge­be­schluss vom 10.01.2008 – VI R 17/​07, BFHE 219, 358, BSt­Bl II 2008, 234, unter B.VI.1.c bb: allein beruf­li­che Ver­an­las­sung der Wege­kos­ten)). Ähn­li­ches gilt etwa für die Kos­ten beruf­lich ver­an­lass­ter aus­wär­ti­ger Über­nach­tun­gen, vor allem aber auch für die beruf­lich begrün­de­te dop­pel­te Haus­halts­füh­rung (§ 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 5, Abs. 3 EStG). Auch wenn die Begrün­dung des zwei­ten Haus­halts am Arbeits­ort im Wesent­li­chen beruf­lich ver­an­lasst sein mag, so ist doch die Ent­schei­dung, zusätz­lich den alten Haus­stand als Wohn­sitz bei­zu­be­hal­ten, aus der Sicht des Steu­er­pflich­ti­gen in aller Regel der Pri­vat­sphä­re zuzu­ord­nen 4.

Gemäß die­ser gesetz­ge­be­ri­schen Grund­ent­schei­dung lässt auch die Recht­spre­chung pri­vat ver­an­lass­te Auf­wen­dun­gen wegen der Über­la­ge­rung durch beruf­li­che Grün­de zum Wer­bungs­kos­ten­ab­zug zu 5, obwohl die Befrie­di­gung die­ser all­ge­mein mensch­li­chen Bedürf­nis­se in ers­ter Linie Aus­fluss der Lebens­füh­rung ist.

Nach die­sen Grund­sät­zen sieht es der Bun­des­fi­nanz­hof als gerecht­fer­tigt an, auch Auf­wen­dun­gen für Tele­fo­na­te pri­va­ten Inhalts, die nach einer min­des­tens ein­wö­chi­gen Aus­wärts­tä­tig­keit ent­ste­hen, als beruf­lich ver­an­lass­ten Mehr­auf­wand der Erwerbs­sphä­re zuzu­ord­nen. In einem sol­chen Fall wer­den die pri­va­ten Grün­de der Kon­takt­auf­nah­me etwa mit Ange­hö­ri­gen oder Freun­den typi­sie­rend betrach­tet durch die beruflich/​betrieblich ver­an­lass­te Aus­wärts­tä­tig­keit über­la­gert. Denn bei einer Abwe­sen­heits­dau­er von min­des­tens einer Woche sind die not­wen­di­gen pri­va­ten Din­ge –eben­so wie bei­spiels­wei­se bei einer dop­pel­ten Haus­halts­füh­rung aus beruflichem/​betrieblichem Anlass– aus der Fer­ne nur durch über den nor­ma­len Lebens­be­darf hin­aus­ge­hen­de Mehr­auf­wen­dun­gen für Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on zu regeln. Die­ser Mehr­auf­wand ist damit ganz über­wie­gend durch den beruf­li­chen Ver­an­las­sungs­zu­sam­men­hang geprägt und mit­hin nur in ganz unter­ge­ord­ne­tem Umfang von Momen­ten der pri­va­ten Lebens­füh­rung beein­flusst. Dem­entspre­chend ist die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt, die dem Klä­ger wäh­rend sei­ner dienst­li­chen Ein­sät­ze ent­stan­de­nen Tele­fon­kos­ten für die 15 jeweils an den Wochen­en­den geführ­ten Tele­fo­na­te in Höhe von 252 EUR als Wer­bungs­kos­ten zu berück­sich­ti­gen, nicht zu bean­stan­den (§ 118 Abs. 2 FGO).

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 5. Juli 2012 – VI R 50/​10

  1. BFH, Urteil vom 06.05.2010 – VI R 25/​09, BFHE 229, 297, BSt­Bl II 2010, 851, m.w.N.[]
  2. BFH, Beschluss vom 21.09.2009 – GrS 1/​06, BFHE 227, 1, BSt­Bl II 2010, 672[]
  3. BFH, Beschluss in BFHE 227, 1, BSt­Bl II 2010, 672[]
  4. BVerfG, Ent­schei­dun­gen in BVerfGE 122, 210; und vom 04.12.2002 – 2 BvR 400/​98, 2 BvR 1735/​00, BVerfGE 107, 27[]
  5. z.B. BFH, Urteil vom 09.03.1979 – VI R 171/​77, BFHE 127, 522, BSt­Bl II 1979, 519 zu den beson­de­ren Umstän­den, die die Berück­sich­ti­gung bür­ger­li­cher Klei­dung als typi­sche Berufs­klei­dung recht­fer­ti­gen; BFH, Urteil vom 28.03.2012 – VI R 48/​11, BFHE 237, 82 zu den Auf­wen­dun­gen eines LKW-Fah­rers für Dusche, Toi­let­te und Rei­ni­gung der Schlaf­ka­bi­ne; BFH, Urteil vom 18.03.1988 – VI R 90/​84, BFHE 153, 526, BSt­Bl II 1988, 988 zu den Kos­ten für ein Fern­ge­spräch wöchent­lich bis zu einer Dau­er von 15 Minu­ten statt einer Fami­li­en­heim­fahrt[]