Die ver­ges­se­nen außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen

Einem Steu­er­be­ra­ter kann ein gro­bes Ver­schul­den am nach­träg­li­chen Bekannt­wer­den von Zahn­be­hand­lungs­kos­ten zur Last fal­len, wenn er es unter­lässt, sei­nen Man­dan­ten nach sol­chen Auf­wen­dun­gen zu fra­gen. Die Ver­pflich­tung nach­zu­fra­gen ent­fällt auch nicht dadurch, dass ein Drit­ter Anga­ben und Unter­la­gen für den Steu­er­pflich­ti­gen bei­bringt.

Die ver­ges­se­nen außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen

Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof die nach­träg­li­che Ände­rung eines bestands­kräf­ti­gen Ein­kom­men­steu­er­be­schei­des abge­lehnt – und gleich­zei­tig die Begrün­dung für eine Haf­tung des Steu­er­be­ra­ters gelie­fert, der nach Ansicht der Mün­che­ner Finanz­rich­ter nicht aus­rei­chend bei sei­nem Man­dan­ten nach­ge­fragt hat­te.

Nach § 173 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO sind Steu­er­be­schei­de auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt wer­den, die zu einer nied­ri­ge­ren Steu­er füh­ren, und den Steu­er­pflich­ti­gen kein gro­bes Ver­schul­den dar­an trifft, dass die Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel erst nach­träg­lich bekannt wer­den.

Als gro­bes Ver­schul­den hat der Steu­er­pflich­ti­ge Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit zu ver­tre­ten. Gro­be Fahr­läs­sig­keit ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH anzu­neh­men, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die ihm nach sei­nen per­sön­li­chen Fähig­kei­ten und Ver­hält­nis­sen zumut­ba­re Sorg­falt in unge­wöhn­li­chem Maße und in nicht ent­schuld­ba­rer Wei­se ver­letzt hat [1]. Grob fahr­läs­si­ges Han­deln liegt ins­be­son­de­re vor, wenn ein Steu­er­pflich­ti­ger sei­ner Erklä­rungs­pflicht nur unzu­rei­chend nach­kommt, indem er unvoll­stän­di­ge Steu­er­erklä­run­gen abgibt [2]. Beruht die unvoll­stän­di­ge Steu­er­erklä­rung auf einem Rechts­irr­tum wegen man­geln­der Kennt­nis steu­er­recht­li­cher Vor­schrif­ten, ist dies dem Steu­er­pflich­ti­gen in der Regel nicht als gro­bes Ver­schul­den anzu­las­ten [3].

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH hat der Steu­er­pflich­ti­ge auch ein Ver­schul­den sei­nes steu­er­li­chen Bera­ters bei der Anfer­ti­gung der Steu­er­erklä­rung zu ver­tre­ten [4]. Die Zurech­nung des Ver­schul­dens des steu­er­li­chen Bera­ters bei der Anfer­ti­gung der Steu­er­erklä­rung ergibt sich aus der Ver­ant­wor­tung des Steu­er­pflich­ti­gen für die Rich­tig­keit sei­ner Anga­ben in der Steu­er­erklä­rung (§ 150 Abs. 2 Satz 1 AO). Die­ser Ver­ant­wor­tung kann er sich nicht dadurch ent­zie­hen, dass er die Aus­ar­bei­tung der Steu­er­erklä­rung sei­nem steu­er­li­chen Bera­ter über­trägt.

Bei Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze auf den Streit­fall kann es, so der Bun­des­fi­nanz­hof, offen blei­ben, ob sich die Klä­ge­rin auf einen die gro­be Fahr­läs­sig­keit aus­schlie­ßen­den, ent­schuld­ba­ren Rechts­irr­tum in ihrer Per­son beru­fen kann. Die Klä­ge­rin muss sich aber das Ver­schul­den ihres steu­er­li­chen Bera­ters im Streit­fall zurech­nen las­sen.

Von Ange­hö­ri­gen der steu­er­be­ra­ten­den Beru­fe muss ver­langt wer­den, dass sie den Inhalt der Merk­blät­ter ken­nen und die übli­chen Vor­dru­cke beherr­schen. Der steu­er­li­che Bera­ter durf­te wei­ter gera­de bei einem steu­er­li­chen Lai­en, wie der Klä­ge­rin, nicht ohne Nach­fra­ge davon aus­ge­hen, dass auf­grund der bestehen­den Kran­ken­ver­si­che­rung und der hohen zumut­ba­ren Belas­tung der Klä­ge­rin kei­ne steu­er­lich rele­van­ten Krank­heits­kos­ten vor­la­gen. Viel­mehr muss­te er die von ihm bera­te­ne Steu­er­pflich­ti­ge im Bereich der außer­ge­wöhn­li­chen Belas­tun­gen nach Auf­wen­dun­gen fra­gen, die steu­er­lich zu berück­sich­ti­gen waren.

Denn ein Steu­er­be­ra­ter hat sei­nen Man­dan­ten, von des­sen Beleh­rungs­be­dürf­tig­keit er grund­sätz­lich aus­zu­ge­hen hat, umfas­send zu bera­ten. Im Rah­men die­ser Ver­pflich­tung hat er den für die Abga­be einer voll­stän­di­gen Steu­er­erklä­rung maß­ge­ben­den Sach­ver­halt zu ermit­teln. Er darf sich ins­be­son­de­re nicht –wie im Streit­fall– dar­auf ver­las­sen, dass die steu­er­lich rele­van­ten Anga­ben und Unter­la­gen durch Drit­te der­art auf­be­rei­tet wer­den, dass Nach­fra­gen beim Steu­er­pflich­ti­gen selbst ent­behr­lich wer­den. Der steu­er­li­che Bera­ter han­del­te daher im Streit­fall grob fahr­läs­sig.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 3. Dezem­ber 2009 – VI R 58/​07

  1. z.B. BFH, Urteil vom 19.12.2006 – VI R 59/​02, BFH/​NV 2007, 866, m.w.N.[]
  2. BFH, Urtei­le vom 30.10.1986 – III R 163/​82, BFHE 148, 208, BStBl II 1987, 161; vom 01.10.1993 – III R 58/​92, BFHE 172, 397, BStBl II 1994, 346; vom 16.09.2004 – IV R 62/​02, BFHE 207, 269, BStBl II 2005, 75; in BFH/​NV 2007, 866[]
  3. BFH, Urtei­le vom 10.08.1988 – IX R 219/​84, BFHE 154, 481, BStBl II 1989, 131; vom 23.02.2000 – VIII R 80/​98, BFH/​NV 2000, 978; BFH, Beschluss vom 31.01.2005 – VIII B 18/​02, BFH/​NV 2005, 1212[]
  4. z.B. BFH, Urteil in BFHE 211, 401, BStBl II 2006, 412, m.w.N.[]