Dif­fe­renz­kin­der­geld – bei einem aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­lös­tem Kin­der­geld­an­spruch

Ist ein ande­rer Mit­glied­staat nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 auf­grund einer von einem Eltern­teil dort aus­ge­üb­ten Erwerbs­tä­tig­keit vor­ran­gig zur Erbrin­gung von Fami­li­en­leis­tun­gen ver­pflich­tet, muss Deutsch­land nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 kei­nen Unter­schieds­be­trag gewäh­ren, wenn der Anspruch­stel­ler in Deutsch­land zwar einen Wohn­sitz hat oder nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt steu­er­pflich­tig behan­delt wird, jedoch der inlän­di­sche Kin­der­geld­an­spruch aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­löst wird, weil der Anspruch­stel­ler in Deutsch­land kei­ne Beschäf­ti­gung und kei­ne selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit aus­übt und auch kei­ne Ren­te bezieht.

Dif­fe­renz­kin­der­geld – bei einem aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­lös­tem Kin­der­geld­an­spruch

Anders als im Fal­le der Anwend­bar­keit der Kon­kur­renz­re­ge­lung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG 1 bedarf es im Anwen­dungs­be­reich des Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 regel­mä­ßig kei­ner eige­nen Fest­stel­lun­gen zum Inhalt des aus­län­di­schen Rechts. Denn inso­weit ist vor­ran­gig das auf dem Prin­zip der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit der Mit­glied­staa­ten basie­ren­de Koor­di­nie­rungs­ver­fah­ren (dazu ins­be­son­de­re Art. 60 Abs. 3 der VO Nr. 883/​2004 und Art. 59 f. der Ver­ord­nung (EG) Nr. 987/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.09.2009 zur Fest­le­gung der Moda­li­tä­ten für die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 über die Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit 2 in der für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Fas­sung ‑VO Nr. 987/​2009 (Durch­füh­rungs­ver­ord­nung)-) zwi­schen den jeweils zustän­di­gen Behör­den der Mit­glied­staa­ten durch­zu­füh­ren 3. Dies bedeu­tet, dass mit­tels eines Aus­kunfts­er­su­chens gegen­über der zustän­di­gen Behör­de des Mit­glied­staats (hier: Groß­bri­tan­ni­en) zu klä­ren ist, ob und in wel­chem Umfang dort ein Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen für die Kin­der des Vaters bestand. Dabei wäre auch einer recht­li­chen Bewer­tung der zustän­di­gen aus­län­di­schen Stel­le über das Ver­hält­nis zwi­schen der Besteue­rung der Fami­li­en­leis­tung ("Hig­her Inco­me Child Bene­fit Char­ge …") und dem Anspruch auf die Fami­li­en­leis­tung ("… has no effect on UK Child Bene­fit Ent­it­le­ment"), wie sie in dem von der Fami­li­en­kas­se im Revi­si­ons­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Schrei­ben des HM Reve­nue & Customs vom 20.02.2013 zum Aus­druck kommt, zu fol­gen.

Ergibt sich danach ein kon­kur­rie­ren­der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen in Groß­bri­tan­ni­en, ist die­ser Anspruch nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 vor­ran­gig. Besteht hin­ge­gen kein kon­kur­rie­ren­der Anspruch in Groß­bri­tan­ni­en, ist Deutsch­land als allein zustän­di­ger Mit­glied­staat zur Zah­lung von Kin­der­geld in Höhe der vol­len in § 66 Abs. 1 EStG vor­ge­se­he­nen Beträ­ge ver­pflich­tet.

Besteht ein vor­ran­gi­ger Anspruch in Groß­bri­tan­ni­en, wür­de die­ser im Streit­fall nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 auch einen Anspruch auf die Zah­lung eines Unter­schieds­be­trags in Deutsch­land aus­schlie­ßen.

Nach Art. 68 Abs. 1 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 wer­den die Fami­li­en­leis­tun­gen bei Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen nach den Rechts­vor­schrif­ten gewährt, die nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 Vor­rang haben. Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach ande­ren wider­strei­ten­den Rechts­vor­schrif­ten wer­den bis zur Höhe des nach den vor­ran­gig gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Betrags aus­ge­setzt; erfor­der­li­chen­falls ist ein Unter­schieds­be­trag in Höhe des dar­über hin­aus­ge­hen­den Betrags der Leis­tun­gen zu gewäh­ren (Art. 68 Abs. 2 Satz 2 der VO Nr. 883/​2004). Ein der­ar­ti­ger Unter­schieds­be­trag muss jedoch nicht für Kin­der gewährt wer­den, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, wenn der ent­spre­chen­de Leis­tungs­an­spruch aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­löst wird (Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004).

Im Streit­fall wären die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 erfüllt; inso­weit schließt sich der Bun­des­fi­nanz­hof der Recht­spre­chung meh­re­rer Finanz­ge­rich­te an 4. Denn die Kin­der woh­nen in dem ande­ren (vor­ran­gi­gen) Mit­glied­staat Groß­bri­tan­ni­en. Zudem wird der (nach­ran­gi­ge) Leis­tungs­an­spruch in Deutsch­land durch den Wohn­ort aus­ge­löst.

Letz­te­rem steht nicht ent­ge­gen, dass die Anspruchs­be­rech­ti­gung nicht auf § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG, son­dern auf § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG gestützt wird. Denn zum einen ersetzt die fik­ti­ve unbe­schränk­te Steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG in natio­nal­recht­li­cher Hin­sicht nur das Kri­te­ri­um des Wohn­sit­zes, an dem sich die grund­sätz­li­che Aus­rich­tung der Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach dem Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zip wider­spie­gelt. Zum ande­ren unter­schei­det auch das EU-Recht in Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 nur zwi­schen den vier Anknüp­fungs­punk­ten Beschäf­ti­gung, selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit, Ren­te und Wohn­sitz. Da der Vater in Deutsch­land kei­ner Beschäf­ti­gung oder selb­stän­di­gen Erwerbs­tä­tig­keit nach­ging und er auch kei­ne Ren­te bezog, kommt auch in uni­ons­recht­li­cher Hin­sicht nur eine Zuord­nung zur Anspruchs­aus­lö­sung durch den Wohn­ort in Betracht.

Soweit das Finanz­ge­richt einen Anspruch auf Kin­der­geld in vol­ler Höhe dar­aus ablei­ten will, dass die Fami­li­en­kas­se eine Ver­pflich­tung zur Wei­ter­lei­tung des Antrags an die für Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­ge Behör­de in Groß­bri­tan­ni­en ver­letzt hat, wäre Fol­gen­des zu beach­ten:

Abs. 3 der VO Nr. 883/​2004 ent­hält eine Bestim­mung für den Fall, dass nach Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 beim zustän­di­gen Trä­ger eines Mit­glied­staats, des­sen Rechts­vor­schrif­ten gel­ten, aber nach den Prio­ri­täts­re­geln des Art. 68 Abs. 1 und 2 der VO Nr. 883/​2004 des vor­lie­gen­den Arti­kels nach­ran­gig sind, ein Antrag auf Fami­li­en­leis­tun­gen gestellt wird. Danach lei­tet der nach­ran­gig zustän­di­ge Trä­ger den Antrag unver­züg­lich an den vor­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger des Mit­glied­staats wei­ter, teilt dies der betrof­fe­nen Per­son mit und zahlt unbe­scha­det der Bestim­mun­gen der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung über die vor­läu­fi­ge Gewäh­rung von Leis­tun­gen erfor­der­li­chen­falls den in Art. 68 Abs. 2 der VO Nr. 883/​2004 genann­ten Unter­schieds­be­trag. Der zustän­di­ge Trä­ger des vor­ran­gi­gen Mit­glied­staats bear­bei­tet den Antrag, als ob er direkt bei ihm gestellt wor­den wäre; der Tag der Ein­rei­chung des Antrags beim ers­ten Trä­ger gilt als der Tag der Ein­rei­chung bei dem Trä­ger, der vor­ran­gig zustän­dig ist.

Nähe­res hin­sicht­lich des Ver­fah­rens bei der Anwen­dung von Art. 68 der Grund­ver­ord­nung ent­hält Art. 60 der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung. Danach wer­den die Fami­li­en­leis­tun­gen bei dem zustän­di­gen Trä­ger bean­tragt (Art. 60 Abs. 1 Satz 1 der VO Nr. 987/​2009). Der nach Art. 60 Abs. 1 der VO Nr. 987/​2009 in Anspruch genom­me­ne Trä­ger prüft den Antrag anhand der detail­lier­ten Anga­ben des Antrag­stel­lers und berück­sich­tigt dabei die gesam­ten tat­säch­li­chen und recht­li­chen Umstän­de, die die fami­liä­re Situa­ti­on des Antrag­stel­lers aus­ma­chen (Art. 60 Abs. 2 Satz 1 der VO Nr. 987/​2009). Kommt die­ser Trä­ger zu dem Schluss, dass sei­ne Rechts­vor­schrif­ten nach Art. 68 Abs. 1 und 2 der Grund­ver­ord­nung prio­ri­tär anzu­wen­den sind, so zahlt er die Fami­li­en­leis­tun­gen nach den von ihm ange­wand­ten Rechts­vor­schrif­ten (Art. 60 Abs. 2 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009). Ist die­ser Trä­ger der Mei­nung, dass auf­grund der Rechts­vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staats ein Anspruch auf einen Unter­schieds­be­trag nach Art. 68 Abs. 2 der Grund­ver­ord­nung bestehen könn­te, so über­mit­telt er den Antrag unver­züg­lich dem zustän­di­gen Trä­ger des ande­ren Mit­glied­staats und infor­miert die betref­fen­de Per­son; außer­dem unter­rich­tet er den Trä­ger des ande­ren Mit­glied­staats dar­über, wie er über den Antrag ent­schie­den hat und in wel­cher Höhe Fami­li­en­leis­tun­gen gezahlt wur­den (Art. 60 Abs. 1 Satz 3 der VO Nr. 987/​2009).

Aus der Gesamt­schau die­ser Rege­lun­gen ergibt sich, dass die in Art. 68 Abs. 3 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004 bestimm­te Ver­pflich­tung des nach­ran­gig zustän­di­gen Trä­gers zur Wei­ter­lei­tung des Antrags an den Trä­ger des vor­ran­gig zustän­di­gen Mit­glied­staats auf den Fall aus­ge­rich­tet ist, dass der Anspruch­stel­ler den Antrag nur beim nach­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger, nicht hin­ge­gen beim vor­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger gestellt hat. Hat der Anspruch­stel­ler den Antrag beim nach­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger dage­gen zu einem Zeit­punkt gestellt, zu dem er bereits einen Antrag beim vor­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger gestellt hat, bedarf es der Antrags­wei­ter­lei­tung weder im Hin­blick dar­auf, dass dem vor­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger die Antrags­be­ar­bei­tung ermög­licht wird, noch im Hin­blick dar­auf, dass ein Antrags­ein­gang beim vor­ran­gig zustän­di­gen Trä­ger und der Ein­gangs­zeit­punkt gemäß Art. 68 Abs. 3 Buchst. b der VO Nr. 883/​2004 fin­giert wer­den. Denn der Zweck der Rege­lung über die Antrags­wei­ter­lei­tung durch den nach­ran­gi­gen Trä­ger besteht dar­in, den Antrag­stel­ler davor zu bewah­ren, dass ihm durch die Antrag­stel­lung bei der nur nach­ran­gig zustän­di­gen Stel­le und durch die sich aus der Wei­ter­lei­tung erge­ben­de zeit­li­che Ver­zö­ge­rung des Antrags­ein­gangs bei der vor­ran­gig zustän­di­gen Behör­de mate­ri­el­le Nach­tei­le ent­ste­hen. Das Koor­di­nie­rungs­ver­fah­ren erfor­dert in die­ser Kon­stel­la­ti­on viel­mehr nur für den Fall eines mög­li­chen Dif­fe­renz­an­spruchs eine Mit­tei­lung des vor­ran­gig zustän­di­gen Trä­gers an den nach­ran­gi­gen Trä­ger, wie er über den Antrag ent­schie­den hat und in wel­cher Höhe Fami­li­en­leis­tun­gen gezahlt wur­den (Art. 60 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 987/​2009).

Nichts ande­res ergibt sich in die­sem Zusam­men­hang aus der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on und des Bun­des­fi­nanz­hofs. Der EuGH hat zwar im Urteil "Schwem­mer" vom 14.10.2010 5 ent­schie­den, dass eine Kumu­lie­rung von Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen nicht schon dann vor­liegt, wenn der­ar­ti­ge Leis­tun­gen in dem Mit­glied­staat, in dem das Kind wohnt, geschul­det wer­den und zugleich in einem ande­ren Mit­glied­staat, in dem ein Eltern­teil die­ses Kin­des arbei­tet, ledig­lich geschul­det wer­den kön­nen. Er begrün­de­te dies damit, dass Fami­li­en­leis­tun­gen nur dann als nach den Rechts­vor­schrif­ten eines Mit­glied­staats geschul­det gel­ten kön­nen, wenn das Recht die­ses Staats dem Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, der dort arbei­tet, einen Anspruch auf Gewäh­rung von Leis­tun­gen ver­leiht. Der Betrof­fe­ne muss folg­lich alle in den inter­nen Rechts­vor­schrif­ten die­ses Staats auf­ge­stell­ten ‑for­mel­len und mate­ri­el­len- Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfül­len, zu denen gege­be­nen­falls auch die Vor­aus­set­zung gehö­ren kann, dass ein Antrag auf Gewäh­rung die­ser Leis­tun­gen gestellt wird 6.

Zum einen betraf die­se Ent­schei­dung aber nicht den Fall, dass der Antrag­stel­ler in bei­den Mit­glied­staa­ten einen Antrag auf Fami­li­en­leis­tun­gen gestellt hat. Zum ande­ren erging die­se Ent­schei­dung noch zur Rege­lung des Art. 10 der VO (EWG) Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der VO (EWG) Nr. 1408/​71 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern. Im zeit­li­chen Anwen­dungs­be­reich die­ser Rege­lung galt aber noch nicht eine Rege­lung wie die des Art. 68 Abs. 3 Buchst. b der VO Nr. 883/​2004, die dazu führt, dass ohne­hin bereits die Antrag­stel­lung in einem Mit­glied­staat die ent­spre­chen­de for­mel­le Anspruchs­vor­aus­set­zung im ande­ren Mit­glied­staat wahrt. Ent­spre­chen­des gilt für den Hin­weis des Bun­des­fi­nanz­hofs in den Urtei­len vom 05.09.2013 7 und vom 18.07.2013 8. Soweit der EuGH im Urteil "Trap­kow­ski" vom 22.10.2015 9 eben­falls auf die­se Aus­sa­ge aus dem Urteil Schwem­mer Bezug nimmt, betraf dies hin­ge­gen ‑wie sich aus dem Vor­la­ge­be­schluss des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 08.05.2014 10 ergibt- nicht den Fall einer feh­len­den for­mel­len, son­dern den Fall einer ‑in Form der Über­schrei­tung der Ein­kom­mens­gren­ze- feh­len­den mate­ri­el­len Vor­aus­set­zung des Anspruchs auf Fami­li­en­leis­tun­gen.

Über­tra­gen auf die Ver­hält­nis­se des Streit­falls bedeu­tet dies, dass die deut­sche Fami­li­en­kas­se nicht zu einer Antrags­wei­ter­lei­tung an die Fami­li­en­kas­se in Groß­bri­tan­ni­en ver­pflich­tet ist, wenn sie davon aus­ge­hen kann, dass bereits ein Antrag auf Fami­li­en­leis­tun­gen im vor­ran­gig zustän­di­gen Mit­glied­staat gestellt wur­de. Hier­für könn­ten nach Akten­la­ge die ent­spre­chen­den Anga­ben des Vaters zum Vor­lie­gen eines Ver­fah­rens auf Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen in Groß­bri­tan­ni­en in den Kin­der­geld­an­trä­gen vom 25.08.2011 und 6.03.2012, das Schrei­ben der HM Reve­nue vom 05.12 2012 und die Anga­ben des Vaters im Fra­ge­bo­gen vom 02.05.2013 spre­chen.

Im Übri­gen könn­te sich der Bun­des­fi­nanz­hof auch nicht der Auf­fas­sung anschlie­ßen, dass die Ver­let­zung einer Ver­fah­rens­vor­schrift zur Begrün­dung eines mate­ri­el­len Anspruchs füh­ren kann. Denn dies lie­fe auf die Aner­ken­nung eines sozi­al­recht­li­chen Her­stel­lungs­an­spruchs hin­aus, des­sen Gel­tung der Bun­des­fi­nanz­hof für das Kin­der­geld­recht nach den §§ 62 ff. EStG in stän­di­ger Recht­spre­chung abge­lehnt hat 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 22. Febru­ar 2018 – III R 10/​17

  1. dazu BFH, Urtei­le vom 13.06.2013 – III R 63/​11, BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 17 ff.; und vom 13.06.2013 – III R 10/​11, BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 22 ff.[]
  2. ABl.EU 2009 Nr. L 284, S. 1[]
  3. im Ein­zel­nen BFH, Urteil vom 26.07.2017 – III R 18/​16, BFHE 259, 98, BSt­Bl II 2017, 1237, Rz 18 ff.[]
  4. Nie­der­säch­si­sches FG, Urteil vom 15.12 2011 – 3 K 154/​11, EFG 2012, 1071, Rz 29; FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 16.05.2012 – 12 K 12134/​11 Rz 20; FG Köln, Urteil vom 30.01.2013 – 15 K 3230/​11, EFG 2013, 795, Rz 24; Schles­wig-Hol­stei­ni­sches FG, Urteil vom 21.06.2017 – 5 K 179/​16, Rz 38[]
  5. EuGH, Urteil Schwem­mer vom 14.10.2010 – C‑16/​09, EU:C:2010:605, Rz 52[]
  6. EuGH, Urteil Schwem­mer, EU:C:2010:605, Rz 53[]
  7. BFH, Urteil vom 05.09.2013 – XI R 52/​10, BFH/​NV 2014, 33, Rz 43[]
  8. BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 51/​09, BFHE 242, 222, BSt­Bl II 2016, 947, Rz 24[]
  9. EuGH, Urteil Trap­kow­ski vom 22.10.2015 – C‑378/​14, EU:C:2015:720, Rz 32[]
  10. BFH, Beschluss vom 08.05.2014 – III R 17/​13, BFHE 245, 522, BSt­Bl II 2015, 329, Rz 1[]
  11. BFH, Urteil vom 09.02.2012 – III R 68/​10, BFHE 236, 421, BSt­Bl II 2012, 686, Rz 14 f., m.w.N.[]