Dop­pel­te Haus­halts­füh­rung bei bei­der­seits berufs­tä­ti­gen Lebens­ge­fähr­ten

Ob die außer­halb des Beschäf­ti­gungs­or­tes bele­ge­ne Woh­nung des Arbeit­neh­mers als Mit­tel­punkt sei­ner Lebens­in­ter­es­sen anzu­se­hen ist und des­halb sei­nen Haus­stand dar­stellt, ist anhand einer Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls fest­zu­stel­len. Das gilt auch dann, wenn bei­der­seits berufs­tä­ti­ge Ehe­gat­ten/​Lebens­part­ner/​Lebens­ge­fähr­ten wäh­rend der Woche (und damit den weit­aus über­wie­gen­den Teil des Jah­res) am Beschäf­ti­gungs­ort zusam­men­le­ben. Denn die­ser Umstand allein recht­fer­tigt es nicht, dort den Lebens­mit­tel­punkt des Steu­er­pflich­ti­gen und sei­ner (Haupt-)Bezugsperson zu ver­or­ten. In der Regel ver­la­gert sich indes der Mit­tel­punkt der Lebens­in­ter­es­sen eines Arbeit­neh­mers an den Beschäf­ti­gungs­ort, wenn er dort mit sei­nem Ehegatten/​Lebenspartner/​Lebensgefährten in eine fami­li­en­ge­rech­te Woh­nung ein­zieht, auch wenn die frü­he­re Woh­nung bei­be­hal­ten und zeit­wei­se noch genutzt wird.

Dop­pel­te Haus­halts­füh­rung bei bei­der­seits berufs­tä­ti­gen Lebens­ge­fähr­ten

Gemäß § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 5 EStG sind not­wen­di­ge Mehr­auf­wen­dun­gen, die einem Arbeit­neh­mer wegen einer aus beruf­li­chem Anlass begrün­de­ten dop­pel­ten Haus­halts­füh­rung ent­ste­hen, Wer­bungs­kos­ten. Eine dop­pel­te Haus­halts­füh­rung liegt nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 5 Satz 2 EStG vor, wenn der Arbeit­neh­mer außer­halb des Ortes, in dem er einen eige­nen Haus­stand unter­hält, beschäf­tigt ist und auch am Beschäf­ti­gungs­ort wohnt.

Zwi­schen dem Woh­nen in einer Zweit­woh­nung am Beschäf­ti­gungs­ort und dem Unter­hal­ten eines eige­nen Haus­stan­des außer­halb die­ses Ortes ist zu unter­schei­den. Mit dem „Haus­stand” ist der Erst­haus­halt (Haupt­woh­nung) umschrie­ben, an dem sich der Arbeit­neh­mer ‑abge­se­hen von den Zei­ten der Arbeits­tä­tig­keit und ggf. Urlaubs­fahr­ten- regel­mä­ßig auf­hält, den er fort­wäh­rend nutzt und von dem aus er sein Pri­vat­le­ben führt, also sei­nen Lebens­mit­tel­punkt hat. Das Vor­hal­ten einer Woh­nung außer­halb des Beschäf­ti­gungs­or­tes für gele­gent­li­che Besu­che oder für Feri­en­auf­ent­hal­te ist dage­gen nicht als Unter­hal­ten eines Haus­stan­des zu wer­ten1. Denn eine dop­pel­te Haus­halts­füh­rung ist nicht gege­ben, wenn der Beschäf­ti­gungs­ort der Lebens­mit­tel­punkt ist.

Ob die außer­halb des Beschäf­ti­gungs­or­tes bele­ge­ne Woh­nung des Arbeit­neh­mers als Mit­tel­punkt sei­ner Lebens­in­ter­es­sen anzu­se­hen ist und des­halb sei­nen Haus­stand dar­stellt, ist anhand einer Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls fest­zu­stel­len2.

Das gilt auch, wenn bei­der­seits berufs­tä­ti­ge Ehegatten/​Lebenspartner/​Lebensgefährten wäh­rend der Woche (und damit den weit­aus über­wie­gen­den Teil des Jah­res) am Beschäf­ti­gungs­ort zusam­men­le­ben. Denn die­ser Umstand allein recht­fer­tigt es nicht, dort den Lebens­mit­tel­punkt des Steu­er­pflich­ti­gen und sei­ner (Haupt)Bezugsperson zu ver­or­ten3. Viel­mehr sind auch in einem sol­chen Fall zum Auf­fin­den des Mit­tel­punkts der Lebens­in­ter­es­sen die Gesamt­um­stän­de des Ein­zel­falls in den Blick zu neh­men4.

Die­sen Grund­sät­zen ent­spricht es nicht, wenn der Lebens­mit­tel­punkt allein wegen des Umstands, dass die Steu­er­pflich­ti­ge sich den weit­aus über­wie­gen­den Teil des Jah­res nicht allein, son­dern mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten in der gemein­sa­men Woh­nung am Beschäf­ti­gungs­ort auf­hielt, („zwangs­läu­fig”) dort und nicht in H ver­or­tet wird.

ei einem ver­hei­ra­te­ten Arbeit­neh­mer liegt der Mit­tel­punkt der Lebens­in­ter­es­sen grund­sätz­lich an dem Ort, an dem sein Ehe­part­ner und ‑wenn auch nicht not­wen­di­ger­wei­se- auch sei­ne min­der­jäh­ri­gen Kin­der woh­nen5. Gele­gent­li­che Besu­che des Ehe­part­ners am Beschäf­ti­gungs­ort des Arbeit­neh­mers sowie das Zusam­men­le­ben berufs­tä­ti­ger Ehe­gat­ten an dem Beschäf­ti­gungs­ort wäh­rend der Woche füh­ren dabei für sich genom­men noch nicht zu einer Ver­la­ge­rung des Lebens­mit­tel­punk­tes6. Dage­gen ver­la­gert sich in der Regel der Mit­tel­punkt der Lebens­in­ter­es­sen an den Beschäf­ti­gungs­ort, wenn der Arbeit­neh­mer dort mit sei­nem Ehe­part­ner in eine fami­li­en­ge­rech­te Woh­nung ein­zieht, auch wenn die frü­he­re Fami­li­en­woh­nung bei­be­hal­ten und zeit­wei­se noch genutzt wird7. Die­se Regel­ver­mu­tung ist der Lebens­wirk­lich­keit geschul­det und gilt des­halb nicht nur bei Ehe­leu­ten, son­dern nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs glei­cher­ma­ßen bei ver­part­ner­ten wie nicht­ver­part­ner­ten und unver­hei­ra­te­ten Lebens­ge­fähr­ten.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Okto­ber 2014 – VI R 16/​14

  1. BFH, Urteil vom 16.01.2013 – VI R 46/​12, BFHE 240, 241, BSt­Bl II 2013, 627, m.w.N.
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 22.02.2001 – VI R 192/​97, BFH/​NV 2001, 1111; vom 09.08.2007 – VI R 10/​06, BFHE 218, 380, BSt­Bl II 2007, 820; und vom 28.03.2012 – VI R 87/​10, BFHE 236, 553, BSt­Bl II 2012, 800; jeweils m.w.N.
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 09.07.2008 – VI B 4/​08, BFH/​NV 2008, 2000, m.w.N.
  4. vgl. BFH, Urteil vom 06.10.1994 – VI R 136/​89, BFHE 175, 548, BSt­Bl II 1995, 184
  5. BFH, Urteil vom 29.11.1974 – VI R 77/​73, BFHE 115, 23, BSt­Bl II 1975, 459
  6. BFH, Urtei­le in BFHE 175, 548, BSt­Bl II 1995, 184; und vom 06.10.1994 – VI R 55/​93, BFH/​NV 1995, 585
  7. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 175, 548, BSt­Bl II 1995, 184; vom 02.10.1987 – VI R 149/​84, BFHE 151, 78, BSt­Bl II 1987, 852; vom 21.11.1985 – VI R 121/​83, BFH/​NV 1986, 339; in BFHE 115, 23, BSt­Bl II 1975, 459; vom 21.01.1972 – VI R 95/​71, BFHE 104, 193, BSt­Bl II 1972, 262