Ein­kom­men­steu­er­ta­rif und bestands­kräf­tig abge­lehn­te Kin­der­geld­an­sprü­che

Ab dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2004 ist bei der Prü­fung der Fra­ge, ob der Abzug der Kin­der­frei­be­trä­ge für den Steu­er­pflich­ti­gen vor­teil­haf­ter ist als das Kin­der­geld, nicht auf das (tat­säch­lich) gezahl­te Kin­der­geld, son­dern auf den Anspruch auf Kin­der­geld abzu­stel­len. Das gilt auch dann, wenn ein Kin­der­geld­an­trag trotz des mate­ri­ell-recht­li­chen Bestehens des Anspruchs bestands­kräf­tig abge­lehnt wor­den ist. Ein Kin­der­geld-Ableh­nungs­be­scheid ent­fal­tet für das Besteue­rungs­ver­fah­ren kei­ne Tat­be­stands­wir­kung.

Ein­kom­men­steu­er­ta­rif und bestands­kräf­tig abge­lehn­te Kin­der­geld­an­sprü­che

Nach § 31 Satz 1 EStG wird die steu­er­li­che Frei­stel­lung eines Ein­kom­mens­be­trags in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums eines Kin­des ein­schließ­lich des Bedarfs für Betreu­ung und Erzie­hung oder Aus­bil­dung ent­we­der durch die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG oder durch das Kin­der­geld nach den §§ 62 ff. EStG bewirkt. Ist der Abzug der Frei­be­trä­ge für Kin­der güns­ti­ger als der Anspruch auf Kin­der­geld, erhöht sich die unter Berück­sich­ti­gung des Abzugs der Frei­be­trä­ge für Kin­der ermit­tel­te tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er um den Anspruch auf Kin­der­geld (§ 31 Satz 4 EStG).

Die für das Streit­jahr 2004 gel­ten­de Fas­sung des § 31 Satz 4 EStG geht zurück auf das Steu­er­än­de­rungs­ge­setz 2003 vom 15. Dezem­ber 2003 (BGBl I 2003, 2645, BSt­Bl I 2003, 710). Bis ein­schließ­lich des Ver­an­la­gungs­zeit­raums 2003 waren nach § 31 Satz 4 EStG a.F. die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG abzu­zie­hen, wenn die gebo­te­ne steu­er­li­che Frei­stel­lung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Kin­des durch das Kin­der­geld nicht in vol­lem Umfang bewirkt wur­de; in die­sem Fall war das gezahl­te Kin­der­geld nach § 36 Abs. 2 Satz 1 EStG a.F. der tarif­li­chen Ein­kom­men­steu­er hin­zu­zu­rech­nen. Auf­grund der Geset­zes­än­de­rung ist seit dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2004 bei der Prü­fung der Fra­ge, ob der Abzug der Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG für den Steu­er­pflich­ti­gen vor­teil­haf­ter ist als das Kin­der­geld, nicht auf das tat­säch­lich gezahl­te, son­dern auf den Anspruch auf Kin­der­geld abzu­stel­len. Für die Ände­rung des § 31 EStG waren Gesichts­punk­te der Ver­fah­rens­ver­ein­fa­chung maß­ge­bend. Nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers soll­ten ins­be­son­de­re Ände­run­gen der Steu­er­fest­set­zung auf­grund einer nach­träg­li­chen Gewäh­rung von Kin­der­geld ver­mie­den wer­den 1. Für die Hin­zu­rech­nung von Kin­der­geld ist somit der ursprüng­li­che, vor Erlö­schen (z.B. durch Erfül­lung) bestehen­de mate­ri­ell-recht­li­che Kin­der­geld­an­spruch maß­ge­bend. Wegen der vom Gesetz­ge­ber aus­drück­lich gewoll­ten Abkop­pe­lung der Steu­er- von der Kin­der­geld­fest­set­zung ist nicht ent­schei­dend, ob der Anspruch tat­säch­lich durch Zah­lung erfüllt wor­den ist. Der Kin­der­geld­an­spruch ist seit dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2004 unab­hän­gig von der kin­der­geld­recht­li­chen Beur­tei­lung durch die Fami­li­en­kas­se hin­zu­zu­rech­nen, wenn die Berück­sich­ti­gung von Frei­be­trä­gen nach § 32 Abs. 6 EStG rech­ne­risch güns­ti­ger ist als der Kin­der­geld­an­spruch.

Der Bescheid der Fami­li­en­kas­se über die Fest­set­zung von Kin­der­geld oder die Ableh­nung einer Kin­der­geld­ge­wäh­rung ent­fal­tet für die Steu­er­fest­set­zung kei­ne Tat­be­stands­wir­kung mit der Fol­ge, dass das FA die nega­ti­ve Ent­schei­dung über einen Kin­der­geld­an­spruch durch die Fami­li­en­kas­se im Besteue­rungs­ver­fah­ren zu über­neh­men hät­te 2. Die Tat­be­stands­wir­kung eines Ver­wal­tungs­ak­tes führt dazu, dass die­ser in einem res­sort­frem­den Ver­wal­tungs­ver­fah­ren als gege­ben hin­zu­neh­men und nicht etwa dar­auf hin zu über­prü­fen ist, ob er dem mate­ri­el­len Recht ent­spricht 3. Die Fami­li­en­kas­sen sind im Ver­hält­nis zu den Finanz­äm­tern jedoch kei­ne res­sort­frem­den Behör­den. Die Bun­des­agen­tur für Arbeit stellt dem Bun­des­zen­tral­amt für Steu­ern ihre Dienst­stel­len als Fami­li­en­kas­sen für die Durch­füh­rung des ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs zur Ver­fü­gung (§ 5 Abs. 1 Nr. 11 Satz 2 FVG). Gehört ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter dem öffent­li­chen Dienst an, so fun­giert der ent­spre­chen­de öffent­lich-recht­li­che Arbeit­ge­ber als Fami­li­en­kas­se (§ 72 Abs. 1 Satz 2 EStG). Gemäß § 6 Abs. 2 Nr. 6 AO gehö­ren zu den Finanz­be­hör­den im Sin­ne der AO auch die Fami­li­en­kas­sen. Die Finanz­äm­ter und Fami­li­en­kas­sen sind glei­cher­ma­ßen in die Durch­füh­rung des steu­er­li­chen Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs ein­ge­bun­den und koope­rie­ren hier­bei durch Infor­ma­ti­ons­aus­tausch (§ 21 Abs. 4 FVG) 4. Ein von der Fami­li­en­kas­se erlas­se­ner Kin­der­geld-Ableh­nungs­be­scheid ist somit für die Finanz­äm­ter kein res­sort­frem­der Ver­wal­tungs­akt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 15. März 2012 – III R 82/​09

  1. BT-Drucks 15/​1798, S. 2[]
  2. s. BFH, Urteil vom 27.01.2007 – III R 90/​07, BFHE 232, 485, BSt­Bl II 2011, 543; Kanz­ler in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 31 EStG Rz 33; a.A. Pust in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 31 EStG Rz 246[]
  3. s. BFH, Urteil vom 21.01.2010 – VI R 52/​08, BFHE 228, 295, BSt­Bl II 2010, 703, m.w.N.[]
  4. s.a. Abschn. 68.3 der Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs nach dem X. Abschnitt des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes, BSt­Bl I 2009, 1030, sowie R 31 Abs. 4 EStR 2011[]