Els­ter­For­mu­lar und die bro­be Fahr­läs­sig­keit beim Aus­fül­len der Steu­er­erklä­rung

Allein der Umstand, dass die mit Els­ter­For­mu­lar abge­ge­be­ne elek­tro­ni­sche Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung kei­nen voll­stän­di­gen Aus­druck der Steu­er­erklä­rungs­for­mu­la­re lie­fert, lässt eine ansons­ten gege­be­ne gro­be Fahr­läs­sig­keit nicht ent­fal­len.

Els­ter­For­mu­lar und die bro­be Fahr­läs­sig­keit beim Aus­fül­len der Steu­er­erklä­rung

Nach § 173 Abs. 1 Nr. 2 AO sind Steu­er­be­schei­de auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel bekannt wer­den, die zu einer nied­ri­ge­ren Steu­er füh­ren, und den Steu­er­pflich­ti­gen kein gro­bes Ver­schul­den dar­an trifft, dass die Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel erst nach­träg­lich bekannt wer­den. Als gro­bes Ver­schul­den hat der Steu­er­pflich­ti­ge Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit zu ver­tre­ten. Gro­be Fahr­läs­sig­keit ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs anzu­neh­men, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die ihm nach sei­nen per­sön­li­chen Fähig­kei­ten und Ver­hält­nis­sen zumut­ba­re Sorg­falt in unge­wöhn­li­chem Maße und in nicht ent­schuld­ba­rer Wei­se ver­letzt hat 1.

Ob der Betei­lig­te im jewei­li­gen Ein­zel­fall grob fahr­läs­sig gehan­delt hat, ist im Wesent­li­chen Tat­fra­ge. Die dazu getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und dar­aus fol­gen­den Wür­di­gun­gen des Finanz­ge­richt kön­nen –abge­se­hen von zuläs­si­gen und begrün­de­ten Ver­fah­rens­rügen– von der Revi­si­ons­in­stanz nur dar­auf über­prüft wer­den, ob der Rechts­be­griff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit und die aus ihm abzu­lei­ten­den Sorg­falts­pflich­ten rich­tig erkannt wor­den sind und ob die Wür­di­gung der Umstän­de hin­sicht­lich des indi­vi­du­el­len Ver­schul­dens den Denk­ge­set­zen und Erfah­rungs­sät­zen ent­spricht 2.

Damit ist für den Bun­des­fi­nanz­hof in dem hier ent­schie­de­nen Fall die Wür­di­gung des Finanz­ge­richt, ange­sichts der Aus­ge­stal­tung des Els­ter­For­mu­lars für die Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung 2006 und der Anlei­tung dazu tref­fe den Klä­ger ein gro­bes Ver­schul­den dar­an, dass die Unter­halts­leis­tun­gen erst nach­träg­lich bekannt wur­den, revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Das Finanz­ge­richt hat im Fall des Klä­gers den Rechts­be­griff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit zutref­fend aus­ge­legt und die dar­aus abzu­lei­ten­den Sorg­falts­pflich­ten rich­tig erkannt. Von einem gro­ben Ver­schul­den ist aus­zu­ge­hen, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sei­ner Erklä­rungs­pflicht nur unzu­rei­chend nach­kommt, indem er eine unvoll­stän­di­ge Steu­er­erklä­rung abgibt. Es ent­spricht aller­dings stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH, dass kein gro­bes Ver­schul­den vor­liegt, wenn die unvoll­stän­di­ge Steu­er­erklä­rung auf einem sub­jek­tiv ent­schuld­ba­ren Rechts­irr­tum beruht. Aber auch der Steu­er­pflich­ti­ge, dem ein­schlä­gi­ge steu­er­recht­li­che Kennt­nis­se feh­len, muss im Steu­er­erklä­rungs­for­mu­lar aus­drück­lich gestell­te Fra­gen beant­wor­ten und dem Steu­er­erklä­rungs­for­mu­lar bei­gefüg­te Erläu­te­run­gen mit der von ihm zu erwar­ten­den Sorg­falt lesen und beach­ten. Dies gilt jeden­falls dann, wenn sol­che Fra­gen und Hin­wei­se aus­rei­chend ver­ständ­lich sowie klar und ein­deu­tig sind 2.

Das Finanz­ge­richt hat nach Maß­ga­be die­ser Grund­sät­ze in revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se ein grob fahr­läs­si­ges Han­deln des Klä­gers ange­nom­men. Es hat das gro­be Ver­schul­den ins­be­son­de­re dar­in gese­hen, dass der Klä­ger die mit "Unter­halt für bedürf­ti­ge Per­so­nen" über­schrie­be­ne Zei­le 102 unbe­ant­wor­tet ließ und er nicht nur die in der Anlei­tung zur Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung auf­ge­führ­ten zwei auf ihn zutref­fen­den Sach­ver­hal­te, son­dern auch den dort ange­führ­ten Hin­weis nicht beach­te­te, dass eine Unter­halts­pflicht gegen­über der Mut­ter eines gemein­sa­men Kin­des bestehen kann. Dazu hat das Finanz­ge­richt auch die Ein­las­sung des Klä­gers, er habe eine elek­tro­ni­sche Steu­er­erklä­rung abge­ge­ben und des­halb deren schrift­li­che Anlei­tung nicht zur Ver­fü­gung gehabt, in sei­ne Wür­di­gung ein­be­zo­gen und im Ergeb­nis als unbe­acht­lich beur­teilt. Denn es hat fest­ge­stellt, dass die­se Anga­ben auch in dem vom Klä­ger ver­wen­de­ten elek­tro­ni­schen Els­ter­For­mu­lar der Finanz­ver­wal­tung ent­hal­ten waren. Auch für die­se Hin­wei­se gilt –nicht anders als für sol­che in Papier­form – , dass es regel­mä­ßig grob fahr­läs­sig ist, die­se unbe­ach­tet zu las­sen, sofern sie aus­rei­chend ver­ständ­lich sowie klar und ein­deu­tig sind. Davon war im Streit­fall nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt für das Els­ter­For­mu­lar 2006 aus­zu­ge­hen.

Der hier zu ent­schei­den­de Streit­fall unter­schei­det sich von dem heu­te durch den Bun­des­fi­nanz­hof eben­falls ent­schie­de­nen Fall zum Els­ter­For­mu­lar des Ver­an­la­gungs­zeit­raums 2008 3, indem auf­schei­nen­de Hilfs­tex­te die Sach­ver­hal­te nur unvoll­stän­dig erläu­ter­ten und den Steu­er­pflich­ti­gen ange­sichts unüber­sicht­li­cher Vor­druck­ge­stal­tun­gen gera­de nicht dazu ver­an­lass­ten, zur Ver­fü­gung gestell­te wei­te­re Anla­gen zu ver­wen­den. Das Finanz­ge­richt hat dage­gen für die im Streit­fall erfor­der­li­chen Ein­ga­ben in die Mas­ke des Steuer­for­mu­lars kei­ne im Rah­men der Gesamt­wür­di­gung zu berück­sich­ti­gen­den Beson­der­hei­ten in der Pro­gramm­füh­rung des Els­ter­For­mu­lars fest­ge­stellt. Inso­weit unter­schei­det sich der hier zu beur­tei­len­de Fall auch von dem des Finanz­ge­richt Rhein­land-Pfalz 4; dort hat­ten die Anwen­dungs­mo­da­li­tä­ten des Pro­gramms den Anwen­der ver­an­lasst, in eine ande­re Ein­ga­be­mas­ke zu wech­seln, ohne nach der Ein­ga­be dort zur ursprüng­li­chen Mas­ke zurück­zu­keh­ren.

Der Steu­er­pflich­ti­ge kann sich schließ­lich nicht dar­auf beru­fen, dass im Gegen­satz zur Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung in Papier­form das Els­ter­For­mu­lar kei­nen voll­stän­di­gen Aus­druck der Steu­er­erklä­rung lie­fert, son­dern letzt­lich nur die Wer­te und Kenn­zif­fern auf­führt, zu denen der Steu­er­pflich­ti­ge Ein­tra­gun­gen vor­ge­nom­men hat. Denn dies mag zwar einen Nach­teil der elek­tro­ni­schen Steu­er­erklä­rung dar­stel­len, betrifft aber nicht den Grund für die Annah­me der gro­ben Fahr­läs­sig­keit, näm­lich die feh­len­de An- und Ein­ga­be im Els­ter­For­mu­lar selbst.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 20. März 2013 – VI R 5/​11

  1. BFH, Urtei­le vom 09.11.2011 – X R 53/​09, BFH/​NV 2012, 545; vom 19.12.2006 – VI R 59/​02, BFH/​NV 2007, 866; vom 09.08.1991 – III R 24/​87, BFHE 165, 454, BSt­Bl II 1992, 65; jeweils m.w.N.[]
  2. BFH, Urteil in BFH/​NV 2012, 545, m.w.N.[][]
  3. BFH, Urteil vom 20.03.2013 – VI R 9/​12[]
  4. FG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 13.12.2010 – 5 K 2099/​09, EFG 2011, 685, Revi­si­ons­ver­fah­ren beim BFH – X R 8/​11[]