Ermitt­lungs­pflicht der Fami­li­en­kas­se bei Kin­der­geld­an­sprü­chen im Aus­land

Nach §§ 88, 90 Abs. 2 AO ermit­telt die Finanz­be­hör­de –und damit auch die Fami­li­en­kas­se– den Sach­ver­halt von Amts wegen und bestimmt Art und Umfang der Ermitt­lun­gen. Der kin­der­geld­be­rech­tig­te Antrag­stel­ler ist zur Mit­wir­kung ver­pflich­tet, wobei ihn bei Aus­lands­sach­ver­hal­ten eine erhöh­te Mit­wir­kungs­pflicht trifft (§ 90 Abs. 2 AO).

Ermitt­lungs­pflicht der Fami­li­en­kas­se bei Kin­der­geld­an­sprü­chen im Aus­land

Von eige­nen Ermitt­lun­gen und Fest­stel­lun­gen kann die Fami­li­en­kas­se nur inso­weit abse­hen, als die Tat­be­stands­wir­kung der Ent­schei­dung einer aus­län­di­schen Behör­de reicht. Nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 13. August 2002 1 ist geklärt, dass die Ent­schei­dung einer aus­län­di­schen Behör­de dann kei­ne Tat­be­stands­wir­kung für die deut­schen Behör­den und Gerich­te ent­fal­tet, wenn die Ent­schei­dung auf einer recht­lich unzu­tref­fen­den Aus­le­gung des Gemein­schafts­rechts beruht. Hat dage­gen –wie im Streit­fall– die aus­län­di­sche Behör­de kei­ne der­ar­ti­ge Ent­schei­dung mit Ver­wal­tungs­akt­qua­li­tät getrof­fen, son­dern im For­mu­lar E 411 ledig­lich mit­ge­teilt, dass kein Antrag auf Kin­der­geld­leis­tun­gen gestellt wur­de, wird die Ermitt­lungs- und Fest­stel­lungs­pflicht der Behör­de dadurch nicht ein­ge­schränkt.

Dies ent­spricht der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten im Urteil vom 26. Janu­ar 2006 2, wonach die gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. a der Ver­ord­nung Nr. 574/​72 aus­ge­stell­te Beschei­ni­gung E 101 (Ent­sen­de­be­schei­ni­gung) den zustän­di­gen Trä­ger und die Gerich­te des Mit­glied­staats, in den die Arbeit­neh­mer ent­sandt wor­den sind, solan­ge bin­det, wie sie nicht von den Behör­den des Aus­stel­lungs­staats zurück­ge­zo­gen oder für ungül­tig erklärt wird.

Im Unter­schied zu dem vom Uni­ons­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall betrifft der hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­ne Streit­fall zwar eine sog. E 400-Beschei­ni­gung (Leis­tungs­an­sprü­che auf Fami­li­en­zu­la­gen). Der vom Uni­ons­ge­richts­hof zur Begrün­dung der Bin­dungs­wir­kung her­an­ge­zo­ge­ne Grund­satz der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit nach Art. 10 EG mit der Ver­pflich­tung des zustän­di­gen Trä­gers, den Sach­ver­halt ord­nungs­ge­mäß zu beur­tei­len und damit die Rich­tig­keit der in der Beschei­ni­gung auf­ge­führ­ten Anga­ben zu gewähr­leis­ten, gilt jedoch auch für die das For­mu­lar E 411 betref­fen­den Anga­ben.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 8. April 2013 – V B 122/​11

  1. BFH-Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 54/​00, BFHE 200, 204, BSt­Bl II 2002, 869[]
  2. EuGH, Urteil vom 26.01.2006 – C‑2/​05 [Her­bosch Kie­re], Slg. 2006, I‑01079[]