Fest­set­zungs­ver­jäh­rung, Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung – und die Ablauf­hem­mung

Nach § 171 Abs. 3 AO läuft eine Fest­set­zungs­frist, soweit vor ihrem Ablauf ein Antrag auf Steu­er­fest­set­zung oder auf Auf­he­bung oder Ände­rung einer Steu­er­fest­set­zung gestellt wird, nicht vor der unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dung über die­sen Antrag ab.

Fest­set­zungs­ver­jäh­rung, Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung – und die Ablauf­hem­mung

Als "Antrag" i.S. des § 171 Abs. 3 AO sind nur sol­che Wil­lens­be­kun­dun­gen zu ver­ste­hen, die ein Tätig­wer­den der Finanz­be­hör­den außer­halb des in Fol­ge der Amts­ma­xi­me ohne­hin gebo­te­nen Ver­wal­tungs­han­delns aus­lö­sen sol­len. Die Abga­be gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ner Steu­er­erklä­run­gen gehört zur all­ge­mei­nen Mit­wir­kungs­pflicht des Steu­er­pflich­ti­gen und ist kein Antrag, selbst wenn die Ver­an­la­gung zu einer Steu­er­erstat­tung führt 1. Dage­gen ist die Abga­be einer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG ein Antrag i.S. des § 171 Abs. 3 AO 2. Denn lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 46 Abs. 2 Nrn. 1 bis 7 EStG für eine Ver­an­la­gung von Amts wegen nicht vor, sind die Finanz­be­hör­den auf­grund der Abgel­tungs­wir­kung des Lohn­steu­er­ab­zugs (§ 46 Abs. 4 Satz 1 EStG) an der Steu­er­fest­set­zung gehin­dert. In einem sol­chen Fall ist der Steu­er­pflich­ti­ge nicht ver­pflich­tet (§ 25 Abs. 3 EStG i.V.m. § 56 ESt­DV), son­dern ledig­lich berech­tigt, eine Steu­er­erklä­rung ein­zu­rei­chen 3.

"Gestellt" ist ein Antrag, wenn er bei der zustän­di­gen Behör­de ein­geht. Für den Zugang des Antrags gel­ten die bür­ger­lich-recht­li­chen Rege­lun­gen über den Zugang emp­fangs­be­dürf­ti­ger Wil­lens­er­klä­run­gen ent­spre­chend 4.

Die Ablauf­hem­mung, die ein Antrag auf Ver­an­la­gung gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG aus­löst 5, wird ins­be­son­de­re nicht dadurch aus­ge­schlos­sen, dass der Steu­er­pflich­ti­ge zur Abga­be der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung ver­pflich­tet war 6.

Kommt trotz der Ver­pflich­tung zur Abga­be einer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung nur eine Antrags­ver­an­la­gung gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG in Betracht, besitzt die Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung einen dop­pel­ten Zweck. Mit ihr erfüllt der Steu­er­pflich­ti­ge einer­seits sei­ne Erklä­rungs­pflicht nach § 56 Satz 2 ESt­DV. Ande­rer­seits stellt er mit der Abga­be der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung gleich­zei­tig einen Antrag i.S. des § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG, wenn die Ver­an­la­gung nicht gemäß § 46 Abs. 2 Nrn. 1 bis 7 EStG von Amts wegen durch­zu­füh­ren ist. Da der Antrag nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG, der (nur) durch Abga­be einer (wirk­sa­men) Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung gestellt wer­den kann 7, die Ablauf­hem­mung des § 171 Abs. 3 AO aus­löst, ist das Finanz­amt dem Grun­de nach ver­pflich­tet, den Steu­er­pflich­ti­gen zur Ein­kom­men­steu­er zu ver­an­la­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 30. März 2017 – VI R 43/​15

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urteil vom 20.01.2016 – VI R 14/​15, BFHE 252, 396, BSt­Bl II 2016, 380; BFH, Urteil vom 28.08.2014 – V R 8/​14, BFHE 247, 21, BSt­Bl II 2015, 3, m.w.N.[]
  2. Ban­ni­za in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 171 AO Rz 25; Paetsch, a.a.O., AO § 171 Rz 27[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 233, 311, BSt­Bl II 2011, 746[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 252, 396, BSt­Bl II 2016, 380, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 252, 396, BSt­Bl II 2016, 380; eben­so Ban­ni­za in HHSp, § 171 AO Rz 25; Paetsch, a.a.O., § 171 AO Rz 27[]
  6. inso­weit im Ergeb­nis a.A. Paetsch, a.a.O., § 171 AO Rz 27[]
  7. dazu BFH, Urteil vom 22.05.2006 – VI R 15/​02, BFHE 214, 137, BSt­Bl II 2007, 2[]