Fest­set­zungs­ver­jäh­rung – und die Auf­he­bung von Kin­der­geld­fest­set­zun­gen

Eine Auf­he­bung von Kin­der­geld­fest­set­zun­gen – sowie die Rück­for­de­rung des inso­weit aus­be­zahl­ten Kin­der­gel­des – ist nach Ein­tritt der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung nicht mehr mög­lich.

Fest­set­zungs­ver­jäh­rung – und die Auf­he­bung von Kin­der­geld­fest­set­zun­gen

Gemäß § 70 Abs. 4 EStG a.F. war eine Kin­der­geld­fest­set­zung auf­zu­he­ben oder zu ändern, wenn nach­träg­lich bekannt wur­de, dass die Ein­künf­te und Bezü­ge des Kin­des den Grenz­be­trag nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG a.F. über- oder unter­schrit­ten.

Die­se Ände­rungs­vor­schrift war hin­sicht­lich des Jah­res 2001 noch nicht anwend­bar, weil die Bestim­mung erst am 1.01.2002 in Kraft getre­ten (Art. 1 Nr. 21 i.V.m. Art. 8 Abs. 1 des Zwei­ten Geset­zes zur Fami­li­en­för­de­rung vom 16.08.2001 1) und eine rück­wir­ken­de Anwen­dung nicht zuläs­sig ist 2. Für die übri­gen hier streit­be­fan­ge­nen Zeit­räu­me, die Jah­re 2002 bis 2003, war bereits Fest­set­zungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten:

Die Vor­schrif­ten über die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung nach §§ 169 ff. AO gel­ten auch im Ver­fah­ren über die Auf­he­bung von Beschei­den über die Fest­set­zung von Kin­der­geld, da die­ses nach § 31 Satz 3 EStG als Steu­er­ver­gü­tung gezahlt wird. Auf die Fest­set­zung einer Steu­er­ver­gü­tung sind gemäß § 155 Abs. 4 AO die Vor­schrif­ten über die Steu­er­fest­set­zung ‑also auch die Bestim­mun­gen über die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung (§§ 169 bis 171 AO)- sinn­ge­mäß anzu­wen­den 3.

Nach § 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO beträgt die Fest­set­zungs­frist im Regel­fall vier Jah­re. Die Frist beginnt gemäß § 170 Abs. 1 AO mit Ablauf des Jah­res, in dem die Steu­er ent­stan­den ist.

Bei ent­spre­chen­der Anwen­dung auf die streit­be­fan­ge­nen Kin­der­geld­fest­set­zun­gen war damit für das Streit­jahr 2001 mit Ablauf des Jah­res 2005 Fest­set­zungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten, für das Streit­jahr 2002 mit Ablauf des Jah­res 2006 und für das Streit­jahr 2003 mit Ablauf des Jah­res 2007. Sämt­li­che Auf­he­bungs­be­schei­de sind aber erst am 20.11.2008 ergan­gen, also zu einem Zeit­punkt, als bereits Fest­set­zungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten war.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall haben die Vor­aus­set­zun­gen einer Steu­er­hin­ter­zie­hung oder einer leicht­fer­ti­gen Steu­er­ver­kür­zung nicht vor­ge­le­gen, so dass die Fest­set­zungs­frist auch nicht aus­nahms­wei­se nach § 169 Abs. 2 Satz 2 AO fünf bzw. zehn Jah­re betra­gen hat.

Eine Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zun­gen für die­se Jah­re nach § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO war eben­falls nicht mög­lich.

Steu­er­be­schei­de sind nach § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO zu ändern, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt­wer­den, die zu einer höhe­ren Steu­er füh­ren.

Die­se Vor­schrift gilt für das als Steu­er­ver­gü­tung nach § 31 Satz 3 EStG gewähr­te Kin­der­geld grund­sätz­lich ent­spre­chend 4.

Die Anwen­dung die­ser Vor­schrift schei­det aber im Streit­fall schon des­halb aus, weil eine Auf­he­bung hier­nach nur inner­halb der Fest­set­zungs­frist nach § 169 Abs. 1 Satz 1 AO zuläs­sig ist 5. Im Streit­fall war die Fest­set­zungs­frist zum Zeit­punkt des Erge­hens der Auf­he­bungs­be­schei­de aber ‑wie dar­ge­legt- bereits abge­lau­fen.

Die Auf­he­bung der streit­be­fan­ge­nen Kin­der­geld­fest­set­zun­gen konn­te auch nicht nach Maß­ga­be von § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 i.V.m. § 175 Abs. 2 AO erfol­gen.

Nach § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO ist ein Steu­er­be­scheid auf­zu­he­ben, soweit ein Ereig­nis ein­tritt, das steu­er­li­che Wir­kung für die Ver­gan­gen­heit ent­fal­tet (rück­wir­ken­des Ereig­nis). Auch die­se Kor­rek­tur­norm ist auf das als Steu­er­ver­gü­tung nach § 31 Satz 3 EStG gewähr­te Kin­der­geld grund­sätz­lich ent­spre­chend anzu­wen­den 6.

Auch inso­weit war bereits Fest­set­zungs­ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt führt die in § 175 Abs. 1 Satz 2 AO vor­ge­se­he­ne Anlauf­hem­mung im Streit­fall nicht zu einem abwei­chen­den Ergeb­nis.

Danach beginnt die Fest­set­zungs­frist in den Fäl­len des § 175 Abs. 1 Satz 2 AO mit Ablauf des Kalen­der­jah­res, in dem das Ereig­nis ein­tritt.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zur Ände­rung von Kin­der­geld­fest­set­zun­gen wegen nach­träg­li­cher Kennt­nis vom Über­schrei­ten der Ein­künf­te– und Bezü­ge­gren­ze nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG a.F. gemäß § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO und § 175 Abs. 2 AO ist für das erfor­der­li­che rück­wir­ken­de "Ereig­nis" maß­geb­lich auf das Über­schrei­ten der Ein­künf­te– und Bezü­ge­gren­ze abzu­stel­len 7.

Für die Anwen­dung der Anlauf­hem­mung kommt es danach auf das tat­säch­li­che Über­schrei­ten der Ein­künf­te- und Bezü­ge­gren­zen in den Zeit­räu­men 2001 bis 2003 an. Da die Fami­li­en­kas­se die streit­be­fan­ge­nen Auf­he­bungs­be­schei­de erst im Novem­ber 2008 erlas­sen hat, war zu die­sem Zeit­punkt die vier­jäh­ri­ge Fest­set­zungs­ver­jäh­rungs­frist für die Zeit­räu­me 2001 bis 2003 bereits abge­lau­fen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 9. Sep­tem­ber 2015 – XI R 9/​14

  1. BGBl I 2001, 2074, BSt­Bl I 2001, 533[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 30.11.2004 – VIII R 6/​03, BFH/​NV 2005, 890[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 18.05.2006 – III R 80/​04, BFHE 214, 1, BSt­Bl II 2008, 371, unter II. 1.a; vom 15.07.2010 – III R 32/​08, BFH/​NV 2010, 2237, Rz 10; vom 26.11.2014 – XI R 41/​13, BFH/​NV 2015, 491, Rz 29[]
  4. vgl. z.B. BFH, Urteil in BFH/​NV 2015, 491, Rz 29, m.w.N.[]
  5. vgl. dazu z.B. Loo­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 173 AO Rz 106[]
  6. BFH, Urtei­le vom 28.06.2006 – III R 13/​06, BFHE 214, 287, BSt­Bl II 2007, 714, unter II. 2.c; vom 16.10.2012 – XI R 46/​10, BFH/​NV 2013, 555, Rz 52[]
  7. BFH, Urtei­le vom 16.04.2002 – VIII R 76/​01, BFHE 199, 116, BSt­Bl II 2002, 525, unter II. 1., Rz 9, m.w.N.; in BFH/​NV 2005, 890, unter II. 2.a und b[]