Frei­wil­li­ges sozia­les Jahr – und das Kin­der­geld

Anders als beim Zivil­dienst führt die Leis­tung eines frei­wil­li­gen sozia­len Jah­res nicht zu einer Ver­län­ge­rung des Kin­der­geld­an­spruchs.

Frei­wil­li­ges sozia­les Jahr – und das Kin­der­geld

Die in § 32 Abs. 5 EStG auf­ge­führ­ten Ver­län­ge­rungs­tat­be­stän­de sind abschlie­ßend [1]. Das frei­wil­li­ge sozia­le Jahr wird im Gesetz nicht genannt.

§ 32 Abs. 5 EStG ist auch nicht ana­log anzu­wen­den. Eine sol­che ana­lo­ge Anwen­dung setzt das Bestehen einer plan­wid­ri­gen gesetz­li­chen Rege­lungs­lü­cke vor­aus. Die für eine Ana­lo­gie erfor­der­li­che „plan­wid­ri­ge Unvoll­stän­dig­keit des posi­ti­ven Rechts“ ist (nur) dort gege­ben, wo das Gesetz, gemes­sen an sei­ner eige­nen Absicht und der ihm imma­nen­ten Teleo­lo­gie, unvoll­stän­dig, also ergän­zungs­be­dürf­tig ist und wo sei­ne Ergän­zung nicht etwa einer gesetz­lich gewoll­ten Beschrän­kung auf bestimm­te Tat­be­stän­de wider­spricht [2]. Rechts­po­li­ti­sche Unvoll­stän­dig­kei­ten, d.h. Lücken, die nicht dem Geset­zes­plan wider­spre­chen, son­dern ledig­lich vom Rechts­an­wen­der als rechts­po­li­tisch uner­wünscht emp­fun­den wer­den, kön­nen ent­spre­chend dem Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung hin­ge­gen nicht von den Gerich­ten geschlos­sen wer­den. Sie zu schlie­ßen, bleibt Auf­ga­be des Gesetz­ge­bers [3].

Nach die­sen Grund­sät­zen liegt im Streit­fall kei­ne Rege­lungs­lü­cke vor. Mit dem in § 32 Abs. 5 EStG genann­ten Ver­län­ge­rungs­tat­be­stand woll­te der Gesetz­ge­ber einen Aus­gleich dafür schaf­fen, dass Kin­der wäh­rend der Ableis­tung ihres Wehr- oder Zivil­diens­tes steu­er­lich nicht berück­sich­tigt wer­den [4]. In dem Zeit­raum, in dem der Sohn sein frei­wil­li­ges Jahr absol­vier­te (2005/​2006), wur­de ein Kind nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG für die Gewäh­rung von Kin­der­geld berück­sich­tigt, wenn es ein frei­wil­li­ges sozia­les Jahr im Sin­ne des Geset­zes zur För­de­rung eines frei­wil­li­gen sozia­len Jah­res in der Bekannt­ma­chung der Neu­fas­sung vom 15.07.2002 [5], ein frei­wil­li­ges öko­lo­gi­sches Jahr im Sin­ne des Geset­zes zur För­de­rung eines frei­wil­li­gen öko­lo­gi­schen Jah­res in der Bekannt­ma­chung der Neu­fas­sung vom 15.07.2002 [6], einen Frei­wil­li­gen­dienst im Sin­ne des Beschlus­ses Nr. 1031/​2000/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.04.2000 [7] oder einen ande­ren Dienst im Aus­land i.S. von § 14b ZDG ableis­te­te. Der Gesetz­ge­ber hat sich damit aus­drück­lich und bewusst für eine För­de­rung wäh­rend der Ableis­tung des frei­wil­li­gen sozia­len Jah­res und gegen eine Ver­län­ge­rung der Kin­der­geld­be­zugs­dau­er ent­schie­den. Er sah die­se Diens­te als ‑an Lern­zie­len aus­ge­rich­te­te- Bil­dungs­diens­te an [8] und ord­ne­te sie des­halb den in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 EStG gere­gel­ten Tat­be­stän­den der Aus­bil­dung des Kin­des zu [9]. Für die Auf­nah­me die­ser in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d EStG gere­gel­ten Tätig­kei­ten in den Ver­län­ge­rungs­tat­be­stand nach § 32 Abs. 5 EStG bestand offen­sicht­lich kein Grund, da eine sol­che Auf­nah­me zwangs­läu­fig eine unge­recht­fer­tig­te Dop­pel­be­rück­sich­ti­gung nach sich gezo­gen hät­te. Der Gesetz­ge­ber hat daher bewusst in die Rege­lung des § 32 Abs. 5 EStG nicht alle Diens­te sol­cher aner­kann­ter Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer auf­ge­nom­men, die nicht der Erfül­lung der Wehr­pflicht die­nen, son­dern ledig­lich zur Fol­ge haben (§ 14c ZDG), dass der aner­kann­te Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer nicht zum Zivil­dienst her­an­ge­zo­gen wird.

Die­se Auf­fas­sung steht im Ein­klang mit dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 05.09.2013 [10]. In die­ser Ent­schei­dung hat der XI. Bun­des­fi­nanz­hof des Bun­des­fi­nanz­hofs in Über­ein­stim­mung mit der Rechts­auf­fas­sung des III. Bun­des­fi­nanz­hofs [11] ent­schie­den, dass eine Beschrän­kung der Ver­län­ge­rung auf Dienst­mo­na­te, in denen kein Kin­der­geld gewährt wur­de, dem Geset­zes­wort­laut des § 32 Abs. 5 EStG eben­so wenig zu ent­neh­men sei wie eine der „Dop­pel­be­rück­sich­ti­gung“ von Dienst­mo­na­ten ent­ge­gen­ste­hen­de, in Mona­ten bemes­se­ne maxi­ma­le Bezugs­dau­er. Soweit Kin­der­geld­be­rech­tig­te, deren Kin­der Wehr- oder Zivil­dienst geleis­tet haben und wäh­rend der Dienst­zeit zugleich für einen Beruf aus­ge­bil­det wur­den, im Ver­hält­nis zu ande­ren Kin­der­geld­be­rech­tig­ten, deren Kin­der ihre Berufs­aus­bil­dung bei Voll­endung des 25. Lebens­jah­res eben­falls aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den noch nicht abge­schlos­sen haben, bevor­zugt wer­den, ver­stößt dies nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes [12]. Das gilt nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs auch für die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, das frei­wil­li­ge sozia­le Jahr als Berück­sich­ti­gungs­tat­be­stand aus­zu­for­men und nicht dem Ver­län­ge­rungs­tat­be­stand zuzu­rech­nen. Die unter­schied­li­che Behand­lung des Zivil­diens­tes im Ver­gleich zum frei­wil­li­gen Jahr ist sach­lich gerecht­fer­tigt. In der Regel besteht für die Zeit des Zivil­diens­tes, anders als im Fal­le des frei­wil­li­gen sozia­len Jah­res, kein Kin­der­geld­an­spruch. Dass es zu einer Dop­pel­be­rück­sich­ti­gung kom­men kann, liegt in der Typi­sie­rungs­be­fug­nis und dem inso­weit bestehen­den Typi­sie­rungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers begrün­det. Die­ser darf Mas­sen­er­schei­nun­gen typi­sie­rend regeln, wenn er sich ‑wie hier- am Regel­fall ori­en­tiert und die dadurch ent­ste­hen­den Här­ten nicht beson­ders schwer wie­gen und nur unter Schwie­rig­kei­ten ver­meid­bar gewe­sen wären [13].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 31. März 2014 – III B 147/​13

  1. BFH, Urteil vom 14.10.2002 – VIII R 68/​01, BFH/​NV 2003, 460[]
  2. BFH, Urtei­le vom 22.12 2011 – III R 5/​07, BFHE 236, 137, BStBl II 2012, 678; vom 14.09.1994 – I R 136/​93, BFHE 175, 406, BStBl II 1995, 382[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 236, 137, BStBl II 2012, 678[]
  4. BT-Drs. 13/​1558, S. 155 f.[]
  5. BGBl I 2002, 2596[]
  6. BGBl I 2002, 2600[]
  7. ABl.EG 2000 Nr. L 117, 1[]
  8. vgl. BT-Drs. 16/​6519, S. 1, 12 ff.[]
  9. BFH, Urteil vom 18.03.2009 – III R 33/​07, BFHE 224, 508, BStBl II 2009, 1010, m.w.N.[]
  10. BFH, Urteil vom 05.09.2013 – XI R 12/​12, BFHE 242, 404, BStBl II 2014, 39[]
  11. BFH, Urteil vom 20.05.2010 – III R 4/​10, BFHE 229, 337, BStBl II 2010, 827[]
  12. BFH, Urteil in BFHE 229, 337, BStBl II 2010, 827[]
  13. BFH, Urteil vom 17.06.2010 – III R 35/​09, BFHE 230, 523, BStBl II 2011, 176, unter Hin­weis auf BVerfG, Beschluss vom 23.06.2004 – 1 BvL 3/​98, 1 BvL 9/​02, 1 BvL 2/​03, BVerfGE 111, 115, m.w.N.[]