Geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Spen­den­vor­trags

Ein ver­blei­ben­der Spen­den­vor­trag für eine Ver­mö­gens­stockspen­de nach § 10b Abs. 1a EStG ist erst­mals zum Schluss des Ver­an­la­gungs­zeit­raums des Zuwen­dungs­jah­res geson­dert fest­zu­stel­len (§ 10b Abs. 1a Satz 4 EStG i.V.m. § 10d Abs. 4 EStG). Die­ser Bescheid hat für die nach­fol­gen­den Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de hin­sicht­lich der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 10b Abs. 1a EStG Bin­dungs­wir­kung.

Geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Spen­den­vor­trags

Das Kla­ge­ver­fah­ren über die Recht­mä­ßig­keit des Fol­ge­be­scheids ist gemäß § 74 FGO regel­mä­ßig aus­zu­set­zen, wenn ein Grund­la­gen­be­scheid über die geson­der­te Fest­stel­lung des Spen­den­vor­trags nach § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG i.V.m. § 10d Abs. 4 EStG erst noch erlas­sen wer­den muss.

Nach § 10b Abs. 1a Satz 1 EStG kön­nen Zuwen­dun­gen i.S. des § 10b Abs. 1 EStG, die anläss­lich der Neu­grün­dung in den Ver­mö­gens­stock einer Stif­tung des öffent­li­chen Rechts oder einer nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes steu­er­be­frei­ten Stif­tung des pri­va­ten Rechts geleis­tet wer­den, im Jahr der Zuwen­dung und in den fol­gen­den neun Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men nach Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen bis zu einem Betrag von 307.000 EUR neben den als Son­der­aus­ga­ben i.S. des § 10b Abs. 1 EStG zu berück­sich­ti­gen­den Zuwen­dun­gen und über den nach § 10b Abs. 1 EStG zuläs­si­gen Umfang hin­aus abge­zo­gen wer­den.

Über die Ver­wei­sung in § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG auf § 10d Abs. 4 EStG ergibt sich, dass ein noch nicht ver­brauch­ter Spen­den­vor­trag zum Ende des Ver­an­la­gungs­zeit­raums geson­dert fest­zu­stel­len ist. So wie der Bescheid über die geson­der­te Fest­stel­lung eines vor­trags­fä­hi­gen Ver­lus­tes nach § 10d EStG als Grund­la­gen­be­scheid (§ 171 Abs. 10 der Abga­ben­ord­nung ‑AO-) Bin­dungs­wir­kung für Ver­lust­ab­zü­ge im Rah­men spä­te­rer Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zun­gen hat 1, bin­det ein Bescheid über die geson­der­te Fest­stel­lung des vor­trags­fä­hi­gen Spen­den­ab­zugs nach § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG hin­sicht­lich des Grun­des und der Höhe der steu­er­li­chen Berück­sich­ti­gung einer Ver­mö­gens­stockspen­de inner­halb des gesetz­li­chen Ver­tei­lungs­zeit­raums von maxi­mal zehn Jah­ren. Hier­von unbe­rührt bleibt ‑anders als beim Ver­lust­vor­trag nach § 10d Abs. 2 EStG- das Wahl­recht des Steu­er­pflich­ti­gen, inner­halb die­ses Ver­tei­lungs­zeit­raums jeweils über das Ob und die Höhe sei­nes Son­der­aus­ga­ben­ab­zugs zu ent­schei­den.

Sofern der Steu­er­pflich­ti­ge einer­seits von sei­nem Wahl­recht Gebrauch machen will, eine Spen­de in den Ver­mö­gens­stock einer Stif­tung nicht nach der all­ge­mein für Spen­den gel­ten­den Norm des § 10b Abs. 1 EStG, son­dern nach den spe­zi­el­le­ren Rege­lun­gen gemäß § 10b Abs. 1a EStG als Son­der­aus­ga­be zu berück­sich­ti­gen, sich ande­rer­seits aber ent­schei­det, jene Spen­de nicht bzw. nicht in vol­lem Umfang im Zuwen­dungs­jahr in Abzug zu brin­gen, muss bereits auf Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen auf den Schluss des Ver­an­la­gungs­zeit­raums des Zuwen­dungs­jah­res ‑und nicht erst spä­ter- eine geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Spen­den­vor­trags nach § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG i.V.m. § 10d Abs. 4 EStG durch­ge­führt wer­den. In die­sem Ver­fah­ren ‑und nicht erst im Fest­set­zungs­ver­fah­ren spä­te­rer Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me- ist ver­bind­lich zu klä­ren, ob die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Ver­mö­gens­stockspen­de i.S. von § 10b Abs. 1a EStG gege­ben sind. Die­se geson­der­te Fest­stel­lung ist inner­halb des zehn­jäh­ri­gen Ver­tei­lungs­zeit­raums fort­zu­füh­ren, solan­ge und soweit ein Spen­den­vor­trag ver­bleibt.

Nach dem Inhalt der dem Bun­des­fi­nanz­hof vor­lie­gen­den Akten ist im Streit­fall eine geson­der­te Fest­stel­lung des Spen­den­vor­trags ‑unab­hän­gig vom mate­ri­ell-recht­li­chen Streit­punkt der Betei­lig­ten über den Zeit­punkt der Zuwen­dung- nicht durch­ge­führt wor­den. Das Finanz­ge­richt hat den­noch den Spen­den­ab­zug für die Streit­jah­re 2005 bis 2007 gewährt.

Bis zum Erlass von Fest­stel­lun­gen nach § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG i.V.m. § 10d Abs. 4 EStG hät­te das Finanz­ge­richt das Kla­ge­ver­fah­ren nach § 74 FGO aus­set­zen müs­sen.

Ein Ver­fah­ren kann gemäß § 74 FGO vom Gericht aus­ge­setzt wer­den, wenn die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt, das den Gegen­stand eines ande­ren Rechts­streits bil­det oder von einer Ver­wal­tungs­be­hör­de fest­zu­stel­len ist. Nach der Recht­spre­chung des BFH ist es regel­mä­ßig gebo­ten und zweck­mä­ßig, dass das Finanz­ge­richt den Streit über die Recht­mä­ßig­keit des Fol­ge­be­scheids aus­setzt, wenn ein Grund­la­gen­be­scheid erst noch erge­hen muss 2. Die­se Ent­schei­dung obliegt dem Finanz­ge­richt.

Eine sol­che fehlt im Streit­fall. Das Finanz­ge­richt hat der die Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zun­gen der Streit­jah­re 2005 bis 2007 betref­fen­den Kla­ge statt­ge­ge­ben, ohne über die Aus­set­zung des Ver­fah­rens bis zum Erge­hen eines Fest­stel­lungs­be­scheids gemäß § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG i.V.m. § 10d Abs. 4 EStG zu befin­den. Die­ser Ver­fah­rens­feh­ler berührt die Grund­ord­nung des Ver­fah­rens und ist des­halb ohne Ver­fah­rens­rüge zu beach­ten 3. Die Sache ist daher an das Finanz­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen mit der Maß­ga­be, das Ver­fah­ren gemäß § 74 FGO aus­zu­set­zen, um dem Finanz­amt die Gele­gen­heit zu geben, über eine geson­der­te Fest­stel­lung des ver­blei­ben­den Spen­den­vor­trags nach § 10b Abs. 1a Satz 4 EStG i.V.m. § 10d Abs. 4 EStG ‑erst­mals zum Ende des Zuwen­dungs­jah­res- zu ent­schei­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Dezem­ber 2018 – X R 11/​17

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 17.09.2008 – IX R 72/​06, BFHE 222, 571, BSt­Bl II 2009, 639, unter II. 2.b aa, a.E., sowie vom 24.02.2010 – IX R 57/​09, BFHE 228, 429, BSt­Bl II 2011, 405, Rz 9[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 11.06.2008 – II R 58/​06, BFHE 222, 87, BSt­Bl II 2008, 879, unter II. 2.a, m.w.N.; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 74 FGO Rz 12[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 11.11.2008 – IX R 53/​07, BFH/​NV 2009, 364, unter II. 2.a[]