Gro­bes Ver­schul­den – einer Steu­er­fach­an­ge­stell­ten

Für die Beur­tei­lung des gro­ben Ver­schul­dens i.S. des § 173 Abs. 1 Nr. 2 AO kommt es auf die per­sön­li­chen Umstän­de, Fähig­kei­ten und Kennt­nis­se des Steu­er­pflich­ti­gen und die beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­fal­les an, so dass das Ver­hal­ten des weni­ger gewand­ten Steu­er­pflich­ti­gen anders beur­teilt wird als das des gewand­ten und erfah­re­nen.

Gro­bes Ver­schul­den – einer Steu­er­fach­an­ge­stell­ten

Ob ein Betei­lig­ter in die­sem Sin­ne grob fahr­läs­sig gehan­delt hat, ist im Wesent­li­chen eine Tat­fra­ge. Die hier­zu getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt dür­fen ‑abge­se­hen von den zuläs­si­gen und begrün­de­ten Ver­fah­rens­rügen sowie einer den Denk- oder Erfah­rungs­sät­zen wider­spre­chen­den Wür­di­gung der Umstän­de- von der Revi­si­ons­in­stanz nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob der Rechts­be­griff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit und die aus ihm abzu­lei­ten­den Sorg­falts­pflich­ten rich­tig erkannt wor­den sind 1.

Von fach­kun­di­gen Steu­er­pflich­ti­gen und auch von steu­er­lich bera­ten­den Per­so­nen wird ein höhe­rer Grad an Sorg­falt hin­sicht­lich der von ihnen zu erwar­ten­den Kennt­nis und sach­ge­mä­ßen Anwen­dung der steu­er­recht­li­chen Vor­schrif­ten ver­langt 2.

Hier­von ist das Finanz­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall aus­ge­gan­gen. Wenn es dar­auf abstellt, dass auf­grund der steu­er­recht­li­chen Aus­bil­dung der Klä­ge­rin und auf­grund ihrer täg­li­chen Arbeit als Steu­er­fach­an­ge­stell­te im Streit­fall gro­bes Ver­schul­den vor­lie­ge, da die­se nicht nur über ober­fläch­li­che steu­er­recht­li­che Kennt­nis­se ver­fü­ge und in den Streit­jah­ren 2011 und 2012 Zugriff auf das in Anhang 17b des Ein­kom­men­steu­er-Hand­bu­ches 2010 abge­druck­te Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen vom 15.02.2010 ‑Anwen­dungs­schrei­ben zu § 35a EStG- 3 gehabt habe, ist dies nicht greif­bar gesetz­wid­rig. Ob die ent­spre­chen­de Wür­di­gung einer revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung stand­hal­ten wür­de, ist dage­gen nicht ent­schei­dend, da eine bloß feh­ler­haf­te Wür­di­gung kei­nen schwe­ren Rechts­an­wen­dungs­feh­ler begrün­det.

Es liegt zudem auf der Hand, dass ein aus­ge­bil­de­ter und als sol­cher täti­ger Steu­er­fach­an­ge­stell­ter nicht als steu­er­li­cher Laie im Sin­ne einer nicht auf dem Gebiet des Steu­er­rechts täti­gen oder hier­für vor­ge­bil­de­ten Per­son ange­se­hen wer­den kann. Wann einem Steu­er­fach­an­ge­stell­ten dann ein ent­schuld­ba­rer Rechts­irr­tum zuge­stan­den wer­den kann oder ob er sich den Vor­wurf der gro­ben Fahr­läs­sig­keit ent­ge­gen­hal­ten las­sen muss, ist eine Fra­ge der Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. Febru­ar 2017 – VI B 58/​16

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 31.01.2005 – VIII B 18/​02, BFH/​NV 2005, 1212, m.w.N.[]
  2. von Wedel­städt in Beermann/​Gosch, AO § 173 Rz 86[]
  3. BSt­Bl I 2010, 140[]