Güns­ti­ger­prü­fung bei mehr­fa­cher Haus­halts­auf­nah­me eines Kin­des

Nach § 31 EStG wird die steu­er­li­che Frei­stel­lung eines Ein­kom­mens­be­trags in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums eines Kin­des ein­schließ­lich der Bedar­fe für Betreu­ung und Erzie­hung oder Aus­bil­dung im gesam­ten Ver­an­la­gungs­zeit­raum ent­we­der durch die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG oder durch Kin­der­geld nach §§ 62 ff. EStG bewirkt (§ 31 Satz 1 EStG).

Güns­ti­ger­prü­fung bei mehr­fa­cher Haus­halts­auf­nah­me eines Kin­des

Bewirkt der Anspruch auf Kin­der­geld für den gesam­ten Ver­an­la­gungs­zeit­raum die nach § 31 Satz 1 EStG gebo­te­ne steu­er­li­che Frei­stel­lung nicht voll­stän­dig und wer­den des­halb bei der Ver­an­la­gung zur Ein­kom­men­steu­er die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG vom Ein­kom­men abge­zo­gen, erhöht sich die unter Abzug die­ser Frei­be­trä­ge ermit­tel­te tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er um den Anspruch auf Kin­der­geld für den gesam­ten Ver­an­la­gungs­zeit­raum; bei nicht zusam­men­ver­an­lag­ten Eltern wird der Kin­der­geld­an­spruch im Umfang des Kin­der­frei­be­trags ange­setzt (§ 31 Satz 4 EStG).

Sind die Eltern nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­tet und schei­det des­halb nach §§ 26 Abs. 1, 26b EStG die Mög­lich­keit einer Zusam­men­ver­an­la­gung aus, erhält jeder Eltern­teil einen (ein­fa­chen) Kin­der­frei­be­trag (§ 32 Abs. 6 Sät­ze 1 und 2 EStG).

Gemäß § 64 Abs. 1 EStG wird für jedes Kind nur einem Berech­tig­ten Kin­der­geld gezahlt. Bei meh­re­ren Berech­tig­ten wird das Kin­der­geld dem­je­ni­gen gezahlt, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat (§ 64 Abs. 2 Satz 1 EStG). Ist ein Kind getrennt leben­der Eltern ‑wie im Streit­fall vom Finanz­ge­richt fest­ge­stellt- in annä­hernd glei­chem zeit­li­chen Umfang in den Haus­halt bei­der Eltern­tei­le auf­ge­nom­men, ist das Kin­der­geld in ana­lo­ger Anwen­dung des § 64 Abs. 2 Sät­ze 2 bis 4 EStG dem­je­ni­gen zu zah­len, den die Eltern unter­ein­an­der bestimmt haben 1.

Nach der gesetz­li­chen Rege­lung fal­len somit bei nicht ver­hei­ra­te­ten Eltern­tei­len Kin­der­geld und Kin­der­frei­be­trag inso­weit aus­ein­an­der, als ers­te­res nur einem Eltern­teil gewährt wer­den kann, letz­te­rer aber bei­den Eltern­tei­len in glei­cher Höhe zusteht. Da § 31 Satz 4 Halb­satz 2 EStG vor­sieht, dass bei nicht zusam­men­ver­an­lag­ten Eltern "der Kin­der­geld­an­spruch im Umfang des Kin­der­frei­be­trags ange­setzt" wird, folgt dar­aus not­wen­di­ger­wei­se, dass mit der hälf­ti­gen Zuord­nung des gesam­ten für das Kind anzu­set­zen­den Kin­der­frei­be­trags auch eine hälf­ti­ge Zuord­nung des Kin­der­geld­an­spruchs ein­her geht.

Gegen die gesetz­li­che Rege­lung vor­ge­brach­ten, auf die Ver­let­zung von Ver­fas­sungs­recht und der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (EMRK) vom 04.11.1950 2 gestütz­te Ein­wen­dun­gen sind nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht gerecht­fer­tigt.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Vor­gän­ger­vor­schrif­ten des im Streit­jahr gel­ten­den § 31 Satz 4 EStG, die vor­ma­li­gen § 31 Satz 5 EStG i.V.m. § 36 Abs. 2 EStG (in der im Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2001 gel­ten­den Fas­sung), die ‑ent­spre­chend der For­de­rung des Klä­gers- noch eine "Zah­lung" des Kin­der­gel­des an den Steu­er­pflich­ti­gen vor­aus­setz­ten, an dem aus Art. 1 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes (GG) i.V.m. Art.20 Abs. 1, Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 1 GG abzu­lei­ten­den Gebot der steu­er­li­chen Ver­scho­nung des Exis­tenz­mi­ni­mums des Steu­er­pflich­ti­gen und sei­ner unter­halts­be­rech­tig­ten Fami­lie gemes­sen und für ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich befun­den 3. Danach hat der Staat das Ein­kom­men des Bür­gers inso­weit steu­er­frei zu stel­len, als die­ser es zur Schaf­fung der Min­dest­vor­aus­set­zun­gen eines men­schen­wür­di­gen Daseins für sich und sei­ne Fami­lie benö­tigt. Geklärt ist inso­weit auch, dass der Gesetz­ge­ber in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se die gebo­te­ne Ver­scho­nung des kind­be­ding­ten Exis­tenz­mi­ni­mums dadurch bewir­ken kann, dass das Ein­kom­men des Steu­er­pflich­ti­gen um die Frei­be­trä­ge gemäß § 32 Abs. 6 EStG ver­min­dert wird und das Kin­der­geld ‑zur Ver­mei­dung einer dop­pel­ten Berück­sich­ti­gung des Kin­des­exis­tenz­mi­ni­mums- nach Durch­füh­rung der sog. Güns­ti­ger­prü­fung ggf. zurück­ge­währt wird. Inso­weit hat das BVerfG sogar den nach der frü­he­ren Geset­zes­fas­sung erfor­der­li­chen "Zufluss" des Kin­der­gel­des bei dem bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teil bejaht, obwohl die­ser Eltern­teil weder Kin­der­geld­be­rech­tig­ter war noch ihm ein zivil­recht­li­cher Aus­gleichs­an­spruch auf das hälf­ti­ge Kin­der­geld zustand (im Urteils­fall nach § 1612b Abs. 5 BGB a.F. wegen Vor­lie­gens eines Man­gel­fal­les). Aus­rei­chend erschien dem Bun­des­ver­fas­sungse­richt viel­mehr, dass das Kin­der­geld über die zivil­recht­li­che Ver­tei­lung der Unter­halts­las­ten letzt­lich das Kin­des­exis­tenz­mi­ni­mum ange­mes­sen abdeck­te.

Dies zugrun­de gelegt, ist nicht erkenn­bar, wes­halb die nach Wort­laut, his­to­ri­schem Wil­len des Gesetz­ge­bers und Geset­zes­zweck 4 ein­deu­tig nur noch auf den "Kin­der­geld­an­spruch" abstel­len­de Rege­lung des § 31 Satz 4 EStG in der im Streit­jahr 2007 gel­ten­den Fas­sung den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht genü­gen soll­te, weil sie die Ver­rech­nung des hälf­ti­gen Kin­der­gel­des nicht an eine tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­macht hier­über knüpft.

Soweit der mit § 31 Satz 4 EStG ver­folg­te Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chungs­ef­fekt in Zwei­fel gezo­gen und statt der gesetz­li­chen Rege­lung ein Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen Fami­li­en­kas­sen und Finanz­äm­tern ange­mahnt wird, ist zum einen dar­auf hin­zu­wei­sen, dass hier­für bereits eine Abstim­mung vor­ge­se­hen ist (§ 21 Abs. 4 Finanz­ver­wal­tungs­ge­setz und R 31 Abs. 4 EStR 2012). Zum ande­ren ist der vom Gesetz­ge­ber ver­folg­te Ver­ein­fa­chungs­zweck ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Fäl­le, in denen die Eltern des Kin­des getrennt leben, legi­tim, weil dadurch das Besteue­rungs­ver­fah­ren von der im Kin­der­geld­ver­fah­ren häu­fig umstrit­te­nen Fra­ge, wel­chem Eltern­teil das Kin­der­geld zusteht, ent­las­tet wird. Soweit der Klä­ger über­dies vor­trägt, Gesichts­punk­te der Ver­wal­tungs­prak­ti­ka­bi­li­tät könn­ten nach der Recht­spre­chung des BVerfG nur in engen Gren­zen Ungleich­hei­ten im Bereich sozia­ler Leis­tun­gen recht­fer­ti­gen, wird bereits nicht deut­lich, wor­in er in der ange­grif­fe­nen Steu­er­fest­set­zung eine sol­che sozia­le Leis­tung erblickt.

Auch aus der Tat­sa­che, dass ein Eltern­teil zur Ver­mei­dung einer Kin­der­geld­an­rech­nung ohne tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­macht über das Kin­der­geld auf einen zivil­recht­li­chen Aus­gleichs­an­spruch gegen die Kin­des­mut­ter ver­wie­sen wird, sieht der Bun­des­fi­nanz­hof das aus Art. 6 Abs. 1 GG fol­gen­de Eltern­recht nicht ver­letzt. Zum einen hat das BVerfG in BVerfGE 124, 282 kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken gegen den im Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2001 gel­ten­den § 31 Satz 5 EStG erken­nen las­sen, der aus­drück­lich noch eine Ver­rech­nung des im Wege zivil­recht­li­cher Aus­gleichs­an­sprü­che zuste­hen­den Kin­der­gel­des vor­sah. Zum ande­ren kann der Klä­ger im Fal­le der hier vor­lie­gen­den gleich­wer­ti­gen Auf­nah­me in zwei Haus­hal­te eine hälf­ti­ge Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des an sich auch dadurch errei­chen, dass er die Zustim­mung zur Kin­der­geld­be­rech­ti­gung der Kin­des­mut­ter nur dann und solan­ge erteilt, als die­se das Kin­der­geld zur Hälf­te an ihn aus­kehrt, oder dadurch, dass sich die Eltern abwech­selnd zum vor­ran­gig Kin­der­geld­be­rech­tig­ten bestim­men (z.B.01. Halb­jahr: Kin­des­mut­ter, 2. Halb­jahr: Kin­des­va­ter). Alter­na­tiv kann das Kin­der­geld auch auf den im Wech­sel­mo­dell meist not­wen­di­gen Bar­un­ter­halt 5 ange­rech­net wer­den, was im Streit­fall nach der vor­lie­gen­den Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung des Klä­gers mög­li­cher­wei­se bereits dadurch gesche­hen ist, dass die Kin­des­mut­ter aus dem Kin­der­geld die Hort­kos­ten der Kin­der allein getra­gen hat.

Schließ­lich ist auch eine Ver­let­zung der Art. 8 und 14 EMRK nicht ersicht­lich. Der Bun­des­finan­hof sieht kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass der Anspruch auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens (Art. 8 Abs. 1 EMRK) und das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot (Art. 14 EMRK) nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te durch die in § 31 Satz 4 EStG vor­ge­se­he­ne Ver­rech­nung von Kin­der­geld ver­letzt sein könn­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 23. Dezem­ber 2013 – III B 98/​13

  1. BFH, Urteil vom 23.03.2005 – III R 91/​03, BFHE 209, 338, BSt­Bl II 2008, 752[]
  2. BGBl II 1952, 686[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 13.10.2009 2 BvL 3/​05, BVerfGE 124, 282[]
  4. s. hier­zu BT-Drs. 15/​1945, S. 8 f. und BT-Drs. 15/​1798, S. 2[]
  5. s. hier­zu Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 21.12 2005 XII ZR 126/​03, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift 2006, 2258[]