Haus­halts­ge­mein­schaft von Vater und voll­jäh­ri­gem Sohn,

Eine Haus­halts­ge­mein­schaft kann auch zwi­schen Vater und voll­jäh­ri­gem Sohn bestehen, obwohl der Sohn nicht zu den Kos­ten der Haus­halts­füh­rung bei­trägt. Ein gemein­sa­mes Wirt­schaf­ten i.S. von § 24b Abs. 2 Satz 2 EStG kann sowohl dar­in bestehen, dass die ande­re voll­jäh­ri­ge Per­son zu den Kos­ten des gemein­sa­men Haus­halts bei­trägt, als auch in einer Ent­las­tung durch tat­säch­li­che Hil­fe und Zusam­men­ar­beit.

Haus­halts­ge­mein­schaft von Vater und voll­jäh­ri­gem Sohn,

Der Ent­las­tungs­be­trag für Allein­er­zie­hen­de wird allein­ste­hen­den Steu­er­pflich­ti­gen gewährt, zu deren Haus­halt min­des­tens ein Kind gehört, für das ihnen ein Frei­be­trag nach § 32 Abs. 6 EStG oder Kin­der­geld zusteht (§ 24b Abs. 1 Satz 1 EStG). Steu­er­pflich­ti­ge, die eine Haus­halts­ge­mein­schaft mit einer ande­ren voll­jäh­ri­gen Per­son bil­den, sind nicht allein­ste­hend, es sei denn, dass ihnen für die voll­jäh­ri­ge Per­son ein Frei­be­trag nach § 32 Abs. 6 EStG oder Kin­der­geld zusteht oder es sich um ein Kind i.S. des § 63 Abs. 1 Satz 1 EStG han­delt, das einen Dienst nach § 32 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 EStG leis­tet oder eine Tätig­keit nach § 32 Abs. 5 Satz 1 Nr. 3 EStG aus­übt (§ 24b Abs. 2 Satz 1 EStG).

Eine Haus­halts­ge­mein­schaft liegt nach der gesetz­li­chen Defi­ni­ti­on in § 24b Abs. 2 Satz 2 EStG vor, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge mit einer ande­ren voll­jäh­ri­gen Per­son in einer Woh­nung gemein­sam wirt­schaf­tet; sie wird bei über­ein­stim­men­den Mel­de­ver­hält­nis­sen wider­leg­lich ver­mu­tet (§ 24b Abs. 2 Sät­ze 2 und 3 EStG). Der Aus­schluss des Ent­las­tungs­be­trags für Steu­er­pflich­ti­ge, die eine Haus­halts­ge­mein­schaft mit einer ande­ren voll­jäh­ri­gen Per­son bil­den, begeg­net kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken; dies gilt auch, wenn es sich bei die­ser Per­son –wie im Streit­fall– um das voll­jäh­ri­ge Kind des Steu­er­pflich­ti­gen han­delt [1].

Im hier ent­schie­de­nen Fall sah der Bun­des­fi­nanz­hof die gesetz­li­che Ver­mu­tung, dass der Klä­ger mit sei­nem voll­jäh­ri­gen Sohn A eine Haus­halts­ge­mein­schaft bil­det, als nicht wider­legt an:

Der mit Wir­kung ab 2004 ein­ge­führ­te Ent­las­tungs­be­trag für Allein­er­zie­hen­de hat den Haus­halts­frei­be­trag (§ 32 Abs. 7 EStG a.F.) abge­löst, der nach dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 10. NOvem­ber 1998 [2] ver­fas­sungs­wid­rig war, weil er zusam­men­le­ben­den unver­hei­ra­te­ten Eltern gewährt, ehe­li­chen Erzie­hungs­ge­mein­schaf­ten aber vor­ent­hal­ten wur­de.

§ 24b EStG ist ver­fas­sungs­ge­mäß, ohne dass es dar­auf ankä­me, ob die Vor­schrift einer tat­säch­li­chen Mehr­be­las­tung Rech­nung trägt oder allein der sozia­len För­de­rung dient [3]. Sie soll aus­weis­lich der Geset­zes­ma­te­ria­li­en die höhe­ren Kos­ten für die eige­ne Lebens- bezie­hungs­wei­se Haus­halts­füh­rung der „ech­ten“ Allein­er­zie­hen­den abgel­ten. Der Gesetz­ge­ber hat dabei unter­stellt, dass die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Kin­der die Gestal­tungs­spiel­räu­me bei der All­tags­be­wäl­ti­gung ein­enge und ins­be­son­de­re bei gleich­zei­ti­ger Erwerbs­tä­tig­keit zu einer beson­de­ren wirt­schaft­li­chen Belas­tung füh­re, weil kei­ne Syn­er­gie­ef­fek­te auf­grund einer gemein­sa­men Haus­halts­füh­rung mit einer ande­ren erwach­se­nen Per­son genutzt wer­den könn­ten. Wegen man­geln­der Mobi­li­tät könn­ten höhe­re Kos­ten für den all­täg­li­chen Ein­kauf oder erhöh­te Kos­ten zur Deckung von Infor­ma­ti­ons- und Kon­takt­be­dürf­nis­sen sowie für gele­gent­li­che Dienst­leis­tun­gen Drit­ter ent­ste­hen [4].

Die­ser Geset­zes­zweck steht einer allein an den finan­zi­el­len Haus­halts­bei­trä­gen aus­ge­rich­te­ten Aus­le­gung des Begriffs der Haus­halts­ge­mein­schaft ent­ge­gen. Ein gemein­sa­mes Wirt­schaf­ten i.S. von § 24b Abs. 2 Satz 2 EStG kann daher sowohl dar­in bestehen, dass die ande­re voll­jäh­ri­ge Per­son zu den Kos­ten des gemein­sa­men Haus­halts bei­trägt, als auch in einer Ent­las­tung durch tat­säch­li­che Hil­fe und Zusam­men­ar­beit.

Der Begriff der Haus­halts­ge­mein­schaft wird nicht nur in § 24b EStG, son­dern z.B. auch in § 36 SGB XII i.d.F. bis 31.12.2010 bzw. § 39 SGB XII n.F. sowie § 9 Abs. 5 des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ver­wen­det. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt [5] und Tei­le der steu­er­recht­li­chen Lite­ra­tur [6] ver­tre­ten die Ansicht, ein „gemein­sa­mes Wirt­schaf­ten“ set­ze ein „Wirt­schaf­ten aus einem Topf“ vor­aus.

Dem ist indes­sen für § 24b EStG nicht zu fol­gen. Denn Syn­er­gie­ef­fek­te infol­ge des Zusam­men­le­bens kön­nen auch in ande­rer Wei­se als durch Kos­ten­bei­trä­ge erzielt wer­den, z.B. durch die gemein­sa­me Erle­di­gung der Haus­ar­beit, der Kin­der­be­treu­ung, der täg­li­chen Ein­käu­fe sowie der abwech­seln­den Anschaf­fung gemein­sam genutz­ter Gegen­stän­de.

Wenn eine Haus­halts­ge­mein­schaft die finan­zi­el­le Ent­las­tung des Eltern­teils durch die ande­re voll­jäh­ri­ge Per­son vor­aus­set­zen wür­de, müss­te der Ent­las­tungs­be­trag auch Eltern­tei­len gewährt wer­den, die mit einer wei­te­ren von ihnen finan­zi­ell unter­hal­te­nen Per­son (z.B. einem Groß­el­tern­teil ohne hin­rei­chen­de eige­ne Ein­künf­te) zusam­men­le­ben, sowie Eltern­tei­len in einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft oder einer ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner­schaft, in der der ande­re Part­ner kei­ne finan­zi­el­len Bei­trä­ge zu leis­ten ver­mag. Letz­te­res ist indes­sen aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen (§ 24b Abs. 2 Satz 3 EStG). Wür­de die Haus­halts­ge­mein­schaft eine finan­zi­el­le Ent­las­tung des Eltern­teils durch die ande­re voll­jäh­ri­ge Per­son vor­aus­set­zen, wäre es zudem ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­lich, den Ent­las­tungs­be­trag zusam­men­le­ben­den, ver­hei­ra­te­ten „Ein­ver­die­ner-Eltern“ vor­zu­ent­hal­ten.

Die sozi­al­recht­li­che Aus­le­gung ist zudem für § 24b EStG nicht maß­geb­lich, da das Bestehen einer Haus­halts­ge­mein­schaft dort Ansprü­che auf sozia­le Leis­tun­gen min­dert, was die Ver­mu­tung einer (teil­wei­sen) Bedarfs­de­ckung des Anspruch­stel­lers z.B. durch Unter­halts­leis­tun­gen vor­aus­setzt, wäh­rend § 24b EStG feh­len­de Syn­er­gie­ef­fek­te aus­glei­chen soll.

Allein­ste­hen­de Eltern sind meist durch die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für das Kind, den Erwerb und den Haus­halt in beson­de­rer Wei­se belas­tet. Ihre man­gels Arbeits­tei­lung oft umfang­rei­che zeit­li­che Inan­spruch­nah­me kann, wie auch in der Geset­zes­be­grün­dung aus­ge­führt, zu finan­zi­el­len Mehr­be­las­tun­gen füh­ren. Daher kön­nen sich für den Eltern­teil Haus­halts­er­spar­nis­se auch dar­aus erge­ben, dass die ande­re voll­jäh­ri­ge Per­son zeit­wei­se die Kin­der betreut und dem Steu­er­pflich­ti­gen dadurch Frei­räu­me eröff­net, dem Haus­halt für eine län­ge­re Dau­er fern zu blei­ben und wäh­rend­des­sen z.B. ratio­nel­ler und kos­ten­güns­ti­ger ein­zu­kau­fen. Ent­spre­chen­de Ent­las­tun­gen kön­nen sich auch durch die Tei­lung ande­rer Auf­ga­ben erge­ben, z.B. der Erle­di­gung der Küchen- und Gar­ten­ar­beit sowie der Beauf­sich­ti­gung von in der Woh­nung täti­gen Hand­wer­kern oder Ver­brauchs­ab­le­sern. Auf den Umfang der Hil­fe oder des Anteils an den im Haus­halt anfal­len­den Arbei­ten kommt es grund­sätz­lich nicht an.

An einer Haus­halts­ge­mein­schaft mit einer in der­sel­ben Woh­nung leben­den voll­jäh­ri­gen Per­son fehlt es mit­hin grund­sätz­lich nur dann, wenn die­se einen voll­stän­dig getrenn­ten Haus­halt führt oder wenn –z.B. beim Zusam­men­le­ben mit ein­kom­mens­lo­sen pfle­ge­be­dürf­ti­gen Ange­hö­ri­gen [7]– jed­we­de Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen durch den Drit­ten aus­ge­schlos­sen erschei­nen. Die Finanz­ge­rich­te sind im Rah­men der ihnen oblie­gen­den Tat­sa­chen- und Beweis­wür­di­gung (§ 118 Abs. 2 FGO) zudem nicht gehin­dert, an die Wider­le­gung einer Haus­halts­ge­mein­schaft von lang­jäh­rig zusam­men­woh­nen­den Ange­hö­ri­gen –hier Vater und Söh­ne– stren­ge­re Anfor­de­run­gen zu stel­len als z.B. an die Wider­le­gung einer Haus­halts­ge­mein­schaft mit wech­seln­den fami­li­en­frem­den Unter­mie­tern.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Juni 2012 – III R 26/​10

  1. BFH, Urteil vom 25.10.2007 – III R 104/​06, BFH/​NV 2008, 545, Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ange­nom­men; BVerfG, Beschluss vom 25.09.2009 – 2 BvR 266/​08[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 10.11.1998 – 2 BvR 1057/​91, 2 BvR 1226/​91 und 2 BvR 980/​91, BVerfGE 99, 216, BStBl II 1999, 182[]
  3. BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 22.05.2009 – 2 BvR 310/​07, BFH/​NV 2009, 1578 nur Leit­satz, HFR 2009, 1027[]
  4. vgl. BT-Drucks 15/​1751, S. 6; 15/​3339, S. 11[]
  5. z.B. BSG, Urteil vom 27.01.2009 – B 14 AS 6/​08 R, NZS 2009, 681[]
  6. z.B. Kröm­ker in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 24b EStG Rz 12[]
  7. vgl. Schmidt/​Loschelder, EStG, 31. Aufl., § 24b Rz 21, m.w.N.[]