Haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen zur Pfle­ge und Betreu­ung

Bei der Inan­spruch­nah­me haus­halts­na­her Dienst­leis­tun­gen zur Pfle­ge und Betreu­ung besteht kein Erfor­der­nis der Per­so­nen­iden­ti­tät zwi­schen Steu­er­pflich­ti­gem und gepfleg­ter oder betreu­ter Per­son. Aller­dings erfolgt kei­ne Steu­er­ermä­ßi­gung, wenn die Zah­lung an das Sozi­al­amt anstel­le des Heim­trä­gers erfolgt.

Haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen zur Pfle­ge und Betreu­ung

Im hier vom Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall stand einer Berück­sich­ti­gung nach § 33a Abs. 1 EStG (Auf­wen­dun­gen für den Unter­halt einer dem Steu­er­pflich­ti­gen gegen­über unter­halts­be­rech­tig­ten Per­son) ent­ge­gen, dass die Mut­ter der Toch­ter über ande­re – eige­ne – Ein­künf­te und Bezü­ge in einer Höhe ver­fügt hat, die gemäß § 33a Abs. 1 Satz 4 EStG auch bei Ein­be­zug der Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und des anrech­nungs­frei­en Betrags von 624 EUR zu einer voll­stän­di­gen Min­de­rung des dafür vor­ge­se­he­nen Höchst­be­trags geführt haben. Ein steu­er­min­dern­der Ansatz nach § 33 Abs. 1 EStG (zwangs­läu­fi­ge außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen) war nach Abzug der sich aus dem Gesamt­be­trag der Ein­künf­te der Toch­ter erge­ben­den zumut­ba­ren Eigen­be­las­tung (§ 33 Abs. 3 Satz 1 EStG) nur teil­wei­se mög­lich.

Auch konn­te im vor­lie­gen­den Fall für die Auf­wen­dun­gen nicht (mit dem nach § 33 Abs. 3 EStG nicht berück­sich­tig­ten Anteil) gemäß § 35a Abs. 2 EStG eine Steu­er­ermä­ßi­gung für die Inan­spruch­nah­me von haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen in Abzug gebracht wer­den.

Aller­dings ist ein sol­cher Abzug des durch den Ansatz der zumut­ba­ren Belas­tung nach § 33 Abs. 3 EStG nicht als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung berück­sich­tig­ten Teils der Auf­wen­dun­gen grund­sätz­lich mög­lich [1]. Auch sind die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Anwen­dung des § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG (Inan­spruch­nah­me von Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen) im Streit­fall erfüllt; an sei­ner gegen­tei­li­gen, in der münd­li­chen Ver­hand­lung geäu­ßer­ten vor­läu­fi­gen Rechts­auf­fas­sung – es sei für den Abzug bei der Toch­ter schäd­lich, dass nicht sie, son­dern ihre Mut­ter die Leis­tun­gen in Anspruch genom­men habe – hält das Gericht nicht fest. Das ergibt sich aus fol­gen­den Über­le­gun­gen:

Nach § 35a Abs. 2 Satz 1 EStG ermä­ßigt sich die tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er um 20% – höchs­tens 4.000 EUR – der Auf­wen­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen "für die Inan­spruch­nah­me von haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen". Die Steu­er­ermä­ßi­gung kann nach Satz 2 der Vor­schrift auch "für die Inan­spruch­nah­me von Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen sowie für Auf­wen­dun­gen, die einem Steu­er­pflich­ti­gen wegen der Unter­brin­gung in einem Heim oder zur dau­ern­den Pfle­ge erwach­sen", in Anspruch genom­men wer­den, soweit dar­in Kos­ten ent­hal­ten sind, die mit denen einer Hil­fe im Haus­halt ver­gleich­bar sind. Nach Auf­fas­sung der Finanz­ver­wal­tung steht die Steu­er­ermä­ßi­gung neben der pfle­ge­be­dürf­ti­gen Per­son (hier: der Mut­ter, Frau C) auch ande­ren Per­so­nen (hier: der Toch­ter) zu, wenn die­se für ent­spre­chen­de Pfle­ge- oder Betreu­ungs­leis­tun­gen auf­kom­men [2]. Dem lässt sich – anders als vom Gericht zunächst ange­nom­men – nicht ent­ge­gen­hal­ten, dass bei die­ser ande­ren Per­son begriff­lich von einer "Inan­spruch­nah­me" der Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen nicht die Rede sein kön­ne, weil sie nicht unmit­tel­bar ihr gegen­über erbracht wor­den sei­en. Denn der Gesetz­ge­ber geht in § 35a Abs. 4 Satz 1 EStG ("Die Steu­er­ermä­ßi­gung nach den Absät­zen 1 bis 3 kann nur in Anspruch genom­men wer­den, wenn … die Dienst­leis­tung … in einem in der Euro­päi­schen Uni­on oder dem Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum lie­gen­den Haus­halt des Steu­er­pflich­ti­gen oder – bei Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen – der gepfleg­ten oder betreu­ten Per­son aus­ge­übt oder erbracht wird.") in Bezug auf Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen selbst davon aus, dass der zur Steu­er­ermä­ßi­gung berech­tig­te "Steu­er­pflich­ti­ge" nicht mit der "gepfleg­ten oder betreu­ten Per­son" iden­tisch zu sein braucht.

Der Ansatz der Steu­er­ermä­ßi­gung schei­tert im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch dar­an, dass die Zah­lun­gen der Toch­ter an die Stadt­käm­me­rei der Stadt – X und damit nicht an den Cari­tas­ver­band als Heim­trä­ger und Leis­tungs­er­brin­ger erfolgt sind.

Nach § 35a Abs. 5 Satz 3 EStG ist es Vor­aus­set­zung für die Inan­spruch­nah­me der Steu­er­ermä­ßi­gung für haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen, dass der Steu­er­pflich­ti­ge für die Auf­wen­dun­gen eine Rech­nung erhal­ten hat und die Zah­lung auf das Kon­to des Erbrin­gers der Leis­tung erfolgt ist. Bei­de Punk­te sind im Streit­fall nicht gege­ben:

Zum einen ver­füg­te die Toch­ter nur über einen an sie gerich­te­ten Bescheid, durch den die Stadt – X sie zu Unter­halts­leis­tun­gen für ihre Mut­ter in Höhe von monat­lich 393 EUR her­an­zog. Die­ser Bescheid mag zwar inhalt­lich einer Rech­nung gleich­ste­hen. Mit ihm hat die Stadt – X jedoch nicht über etwai­ge von ihr erbrach­te haus­halts­na­he Dienst­leis­tun­gen, Pfle­ge- oder Betreu­ungs­leis­tun­gen abge­rech­net, son­dern für die von ihr an die Mut­ter gewähr­ten lau­fen­den Geld­leis­tun­gen nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch (SGB XII) – in Gestalt einer "Hil­fe zur Pfle­ge" – Rück­griff bei der Toch­ter als einer der Mut­ter gegen­über unter­halts­pflich­ti­gen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen genom­men. Es han­delt sich bei ihm mit­hin nicht – wie vom Gesetz ver­langt – um eine Rech­nung für Auf­wen­dun­gen, die der Toch­ter i. S. des § 35a Abs. 2 Satz 2 EStG aus Anlass der Inan­spruch­nah­me von Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen erwach­sen sind.

Außer­dem erfolg­ten die Zah­lun­gen der Toch­ter auf die­sen Bescheid nicht auf das Kon­to des Erbrin­gers der haus­halts­na­hen Pfle­ge- und Betreu­ungs­leis­tun­gen. Leis­tungs­er­brin­ger gegen­über der pfle­ge­be­dürf­ti­gen Mut­ter war näm­lich der Cari­tas­ver­band für – X e. V. als Heim­trä­ger des "Hau­ses D". Anders als von den Bevoll­mäch­tig­ten der Klä­ger im Ein­spruchs­ver­fah­ren gel­tend gemacht, wur­den des­sen Finan­zen und Bank­kon­ten auch nicht von der Stadt – X ver­wal­tet. Das Kon­to der Stadt­käm­me­rei X, auf das die Toch­ter ihre Zah­lun­gen erbracht hat, ist dem Cari­tas­ver­band nicht als des­sen eige­ne Bank­ver­bin­dung zuzu­rech­nen. Der Heim­trä­ger "Cari­tas­ver­band für – X e. V." ist eine selb­stän­di­ge Kör­per­schaft und eine eigen­stän­di­ge Rechts­per­sön­lich­keit, die mit der Kör­per­schaft "Stadt X" weder iden­tisch noch insti­tu­tio­nell ver­bun­den ist. Damit ist die Stadt­käm­me­rei auch nicht – wie vor­ge­tra­gen wur­de – der Sphä­re des Leis­tungs­er­brin­gers zuzu­ord­nen.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus der den Beklag­ten bin­den­den Ver­wal­tungs­an­wei­sung in Rz. 51 des BMF, Schrei­bens in BStBl I 2014, 75 , auf die sich die Klä­ger beru­fen. Zwar wird dort aus­ge­führt, dass die Inan­spruch­nah­me der Steu­er­ermä­ßi­gung durch den Steu­er­pflich­ti­gen auch mög­lich ist, wenn die haus­halts­na­he Dienst­leis­tung, Pfle­ge- oder Betreu­ungs­leis­tung oder die Hand­wer­k­erleis­tung, für die der Steu­er­pflich­ti­ge eine Rech­nung erhal­ten hat, von dem Kon­to eines Drit­ten bezahlt wor­den ist. Damit gemeint ist jedoch – wor­auf der Beklag­te zutref­fend hin­ge­wie­sen hat –, dass der die Pfle­ge- oder Betreu­ungs­leis­tung in Anspruch neh­men­de Steu­er­pflich­ti­ge die Steu­er­ermä­ßi­gung bean­spru­chen kann, auch wenn sie von einem Drit­ten gezahlt wur­de (sog. abge­kürz­ter Zah­lungs­weg). Dar­aus ist nicht der erwei­tern­de Schluss statt­haft, dass auch Leis­tun­gen auf das Kon­to eines Drit­ten – hier der Stadt­käm­me­rei der Stadt – X – die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 35a Abs. 5 Satz 3 EStG erfül­len.

Die für die Klä­ger nach­tei­li­ge Rechts­fol­ge – kei­ne Steu­er­ermä­ßi­gung wegen feh­len­der Zah­lung an den Leis­tungs­er­brin­ger – ergibt sich mit­hin unmit­tel­bar aus dem Wort­laut des Geset­zes. Zwar ist ein­zu­räu­men, dass die Beschrän­kun­gen des § 35a Abs. 5 Satz 3 EStG vom Gesetz­ge­ber in ers­ter Linie zur Bekämp­fung der Schwarz­ar­beit in Pri­vat­haus­hal­ten bestimmt [3] und damit für Kon­stel­la­tio­nen wie den Streit­fall nicht gedacht waren. Ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­sig sind sie des­halb jedoch noch nicht [4].

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 23. Dezem­ber 2014 – 6 K 2688/​14

  1. vgl. BMF, Schrei­ben in BStBl I 2014, 75, Rz. 32[]
  2. BMF, Schrei­ben in BStBl I 2014, 75, Rz. 10[]
  3. vgl. BT-Drs. 15/​91, S.19[]
  4. vgl. im Ein­zel­nen BFH, Ent­schei­dun­gen vom 20.11.2008 – VI R 14/​08, BFHE 223, 430, BStBl II 2009, 307, unter II. 1. b.; und vom 30.07.2013 – VI B 31/​13, BFH/​NV 2013, 1786, jeweils zur inhalts­glei­chen Vor­gän­ger­vor­schrift des § 35a Abs. 2 Satz 5 EStG i. d. F. bis zur Neu­fas­sung des § 35a EStG durch das Gesetz zur För­de­rung von Fami­li­en und haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen – Fami­li­en­leis­tungs­ge­setz, Fam­LeistG – vom 22.12 2008, BGBl I 2008, 2955, BStBl I 2009, 136[]