Hei­leu­ryth­mie als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung

Auf­wen­dun­gen für eine hei­leu­ryth­mi­sche Behand­lung kön­nen als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen i.S. des § 33 ESTG zu berück­sich­ti­gen sein. Die Hei­leu­ryth­mie ist ein Heil­mit­tel i.S. der §§ 2 und 32 SGB V. Die medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on und damit die Zwangs­läu­fig­keit ent­spre­chen­der Auf­wen­dun­gen im Krank­heits­fall kann durch eine Ver­ord­nung eines Arz­tes oder Heil­prak­ti­kers nach­ge­wie­sen wer­den. Ein vor Beginn der Heil­maß­nah­me aus­ge­stell­tes amts­ärzt­li­ches Gut­ach­ten oder eine vor­he­ri­ge ärzt­li­che Beschei­ni­gung eines Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung ist hier­für – ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Finanz­be­hör­den – nicht erfor­der­lich.

Hei­leu­ryth­mie als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung

Für den Nach­weis der Zwangs­läu­fig­keit von krank­heits­be­ding­ten Auf­wen­dun­gen für Arz­nei, Heil- und Hilfs­mit­tel genügt es, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge eine Ver­ord­nung eines Arz­tes oder Heil­prak­ti­kers vor­legt (§ 64 Abs. 1 Nr. 1 ESt­DV). Abwei­chend hier­von muss der Nach­weis der Zwangs­läu­fig­keit in den abschlie­ßend gere­gel­ten Kata­log­fäl­len des § 64 Abs. 1 Nr. 2 ESt­DV durch ein vor Beginn der Heil­maß­nah­me oder dem Erwerb des medi­zi­ni­schen Hilfs­mit­tels aus­ge­stell­tes amts­ärzt­li­ches Gut­ach­ten oder eine vor­he­ri­ge ärzt­li­che Beschei­ni­gung eines Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung geführt wer­den. Ein sol­cher qua­li­fi­zier­ter Nach­weis ist bei­spiels­wei­se bei krank­heits­be­ding­ten Auf­wen­dun­gen für wis­sen­schaft­lich nicht aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­den, wie z.B. Frisch- und Tro­cken­zel­len­be­hand­lun­gen, Sauer­stoff, Chelat- und Eigen­blut­the­ra­pie (§ 64 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 Buchst. f ESt­DV), erfor­der­lich.

Nach der aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs han­delt es sich bei den Behand­lungs­me­tho­den der in § 2 Abs. 1 Satz 2 SGB V auf­ge­führ­ten beson­de­ren The­ra­pie­rich­tun­gen um wis­sen­schaft­lich aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­den. Der Bun­des­fi­nanz­hof zählt hier­zu aus­drück­lich die Homöo­pa­thie, Anthro­po­so­phie (mit dem Heil­mit­tel "Hei­leu­ryth­mie") und Phy­to­the­ra­pie. Dies fol­ge schon aus dem Umstand, dass Behand­lungs­me­tho­den, Arz­nei- und Heil­mit­tel der beson­de­ren The­ra­pie­rich­tun­gen vom Leis­tungs­rah­men der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nicht aus­ge­schlos­sen sei­en. Es genü­ge damit, wenn ledig­lich eine Ver­ord­nung eines Arz­tes oder Heil­prak­ti­kers vor­ge­legt wer­de.

Nach § 33 Abs. 1 EStG wird die Ein­kom­men­steu­er auf Antrag ermä­ßigt, wenn einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, glei­cher Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stands (außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung) erwach­sen. Zwangs­läu­fig erwach­sen dem Steu­er­pflich­ti­gen Auf­wen­dun­gen dann, wenn er sich ihnen aus recht­li­chen, tat­säch­li­chen oder sitt­li­chen Grün­den nicht ent­zie­hen kann und soweit die Auf­wen­dun­gen den Umstän­den nach not­wen­dig sind und einen ange­mes­se­nen Betrag nicht über­stei­gen (§ 33 Abs. 2 Satz 1 EStG). Ziel des § 33 EStG ist es, zwangs­läu­fi­ge Mehr­auf­wen­dun­gen für den exis­tenz­not­wen­di­gen Grund­be­darf zu berück­sich­ti­gen, die sich wegen ihrer Außer­ge­wöhn­lich­keit einer pau­scha­len Erfas­sung in all­ge­mei­nen Frei­be­trä­gen ent­zie­hen. Aus dem Anwen­dungs­be­reich des § 33 EStG aus­ge­schlos­sen sind dage­gen die übli­chen Auf­wen­dun­gen der Lebens­füh­rung, die in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums durch den Grund­frei­be­trag abge­gol­ten sind 1.

In stän­di­ger Recht­spre­chung geht der Bun­des­fi­nanz­hof davon aus, dass Krank­heits­kos­ten ‑ohne Rück­sicht auf die Art und die Ursa­che der Erkran­kung- dem Steu­er­pflich­ti­gen aus tat­säch­li­chen Grün­den zwangs­läu­fig erwach­sen. Aller­dings wer­den nur sol­che Auf­wen­dun­gen als Krank­heits­kos­ten berück­sich­tigt, die zum Zwe­cke der Hei­lung einer Krank­heit (z.B. Medi­ka­men­te, Ope­ra­ti­on) oder mit dem Ziel getä­tigt wer­den, die Krank­heit erträg­lich zu machen, bei­spiels­wei­se Auf­wen­dun­gen für einen Roll­stuhl 2.

Auf­wen­dun­gen für die eigent­li­che Heil­be­hand­lung wer­den typi­sie­rend als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung berück­sich­tigt, ohne dass es im Ein­zel­fall der nach § 33 Abs. 2 Satz 1 EStG an sich gebo­te­nen Prü­fung der Zwangs­läu­fig­keit dem Grun­de und der Höhe nach bedarf 3. Eine der­art typi­sie­ren­de Behand­lung der Krank­heits­kos­ten ist zur Ver­mei­dung eines unzu­mut­ba­ren Ein­drin­gens in die Pri­vat­sphä­re gebo­ten 4. Dies gilt aber nur dann, wenn die Auf­wen­dun­gen nach den Erkennt­nis­sen und Erfah­run­gen der Heil­kun­de und nach den Grund­sät­zen eines gewis­sen­haf­ten Arz­tes zur Hei­lung oder Lin­de­rung der Krank­heit ange­zeigt (ver­tret­bar) sind und vor­ge­nom­men wer­den 5, also medi­zi­nisch indi­ziert sind 6.

Die Zwangs­läu­fig­keit von krank­heits­be­ding­ten Auf­wen­dun­gen für Arz­nei, Heil- und Hilfs­mit­tel (§§ 2, 23, 31 bis 33 des Fünf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ‑SGB V-) hat der Steu­er­pflich­ti­ge durch eine Ver­ord­nung eines Arz­tes oder Heil­prak­ti­kers nach­zu­wei­sen (§ 64 Abs. 1 Nr. 1 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 7). In den abschlie­ßend gere­gel­ten Kata­log­fäl­len des § 64 Abs. 1 Nr. 2 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 8 ist der Nach­weis der Zwangs­läu­fig­keit durch ein vor Beginn der Heil­maß­nah­me oder dem Erwerb des medi­zi­ni­schen Hilfs­mit­tels aus­ge­stell­tes amts­ärzt­li­ches Gut­ach­ten oder eine vor­he­ri­ge ärzt­li­che Beschei­ni­gung eines Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung (§ 275 SGB V) zu füh­ren.

Ein sol­cher qua­li­fi­zier­ter Nach­weis ist ‑auf­grund der in § 84 Abs. 3f ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 ange­ord­ne­ten, ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­li­chen, rück­wir­ken­den Gel­tung des § 64 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 9 auch im Streit­jahr bei krank­heits­be­ding­ten Auf­wen­dun­gen für wis­sen­schaft­lich nicht aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­den, wie z.B. Frisch- und Tro­cken­zel­len­be­hand­lun­gen, Sauer­stoff, Chelat- und Eigen­blut­the­ra­pie (§ 64 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 Buchst. f ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011) erfor­der­lich.

Die Behand­lungs­me­tho­den der in § 2 Abs. 1 Satz 2 SGB V auf­ge­führ­ten beson­de­ren The­ra­pie­rich­tun­gen gehö­ren hier­zu jedoch nicht. Unter einer "beson­de­ren The­ra­pie­rich­tung" ist das umfas­sen­de, zur Behand­lung ver­schie­dens­ter Erkran­kun­gen bestimm­te the­ra­peu­ti­sche Kon­zept zu ver­ste­hen, das auf der Grund­la­ge eines von der natur­wis­sen­schaft­lich gepräg­ten "Schul­me­di­zin" sich abgren­zen­den, welt­an­schau­li­chen Denk­an­sat­zes grö­ße­re Tei­le der Ärz­te­schaft und wei­te Bevöl­ke­rungs­krei­se für sich ein­ge­nom­men hat 10. Zu die­sen The­ra­pie­rich­tun­gen sind jeden­falls die Homöo­pa­thie, Anthro­po­so­phie (mit dem Heil­mit­tel "Hei­leu­ryth­mie") und Phy­to­the­ra­pie 11 zu zäh­len. Um wis­sen­schaft­lich nicht aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­den i.S. des § 64 Abs. 1 Nr. 2 Satz 1 Buchst. f ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 han­delt es sich inso­weit nicht. Dies folgt schon aus dem Umstand, dass Behand­lungs­me­tho­den, Arz­nei- und Heil­mit­tel der beson­de­ren The­ra­pie­rich­tun­gen gemäß § 2 Abs. 1 Satz 2, § 34 SGB V vom Leis­tungs­rah­men der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nicht aus­ge­schlos­sen sind 12. Der Nach­weis der Zwangs­läu­fig­keit ent­spre­chen­der Auf­wen­dun­gen ist daher nicht gemäß § 64 Abs. 1 Nr. 2 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 durch ein vor Beginn der Heil­maß­nah­me oder dem Erwerb des medi­zi­ni­schen Hilfs­mit­tels aus­ge­stell­tes amts­ärzt­li­ches Gut­ach­ten oder eine vor­he­ri­ge ärzt­li­che Beschei­ni­gung eines Medi­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung (§ 275 SGB V) zu füh­ren, son­dern, sofern Auf­wen­dun­gen für Arz­nei, Heil- und Hilfs­mit­tel (§§ 2, 23, 31 bis 33 SGB V) in Rede ste­hen, nach § 64 Abs. 1 Nr. 1 ESt­DV i.d.F. des StVer­einfG 2011 und damit ledig­lich durch eine Ver­ord­nung eines Arz­tes oder Heil­prak­ti­kers nach­zu­wei­sen 13.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen bil­lig­te der Bun­des­fi­nanz­hof, dass die Hei­leu­ryht­mie ein Heil­mit­tel i.S. der §§ 2 und 32 SGB V ist. Denn es han­delt sich um eine ärzt­lich ver­ord­ne­te Dienst­leis­tung, die einem Heil­zweck dient oder einen Heil­erfolg sichern soll und nur von ent­spre­chend aus­ge­bil­de­ten, berufs­prak­tisch erfah­re­nen Per­so­nen erbracht wer­den darf 14. Eben­falls zutref­fend ist die Erkennt­nis. dass es nach dem SGB V den Kran­ken­kas­sen mög­lich ist, der­ar­ti­ge Leis­tun­gen zu über­neh­men.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Febru­ar 14 – VI R 27/​13

  1. u.a. BFH, Urteil vom 29.09.1989 – III R 129/​86, BFHE 158, 380, BSt­Bl II 1990, 418[]
  2. BFH, Urtei­le vom 17.07.1981 – VI R 77/​78, BFHE 133, 545, BSt­Bl II 1981, 711; vom 13.02.1987 – III R 208/​81, BFHE 149, 222, BSt­Bl II 1987, 427; und vom 20.03.1987 – III R 150/​86, BFHE 149, 539, BSt­Bl II 1987, 596[]
  3. BFH, Urtei­le vom 01.02.2001 – III R 22/​00, BFHE 195, 144, BSt­Bl II 2001, 543; und vom 03.12 1998 – III R 5/​98, BFHE 187, 503, BSt­Bl II 1999, 227, m.w.N.[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 195, 144, BSt­Bl II 2001, 543[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 18.06.1997 – III R 84/​96, BFHE 183, 476, BSt­Bl II 1997, 805[]
  6. BFH, Urteil vom 19.04.2012 – VI R 74/​10, BFHE 237, 156, BSt­Bl II 2012, 577[]
  7. Steu­er­ver­ein­fa­chungs­ge­setz 2011 ‑StVer­einfG 2011- vom 01.11.2011, BGBl I 2011, 2131[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le vom 06.02.2014 – VI R 61/​12, BFH/​NV 2014, 771; und vom 29.03.2012 – VI R 21/​11, BFHE 237, 93, BSt­Bl II 2012, 1174; Schmidt/​Loschelder, EStG, 33. Aufl., § 33 Rz 34; Gese­rich, Deut­sches Steu­er­recht 2012, 1490, 1493[]
  9. BFH, Urteil in BFHE 237, 156, BSt­Bl II 2012, 577[]
  10. BSG, Urteil vom 16.09.1997 – 1 RK 28/​95, BSGE 81, 54, 71 f.[]
  11. BSG, Urteil vom 22.03.2005 – B 1 A 1/​03 R, BSGE 94, 221[]
  12. BSG, Urteil in BSGE 94, 221[]
  13. vgl. Mel­ling­hoff in Kirch­hof, EStG, 13. Aufl., § 33 Rz 53; Gese­rich, DStR 2012, 1490, 1493[]
  14. vgl. BSG, Urteil in BSGE 94, 221; und BFH, Urteil vom 08.03.2012 – V R 30/​09, BFHE 237, 263, BSt­Bl II 2012, 623, betref­fend Hei­leu­ryht­mie als Heil­be­hand­lung i.S. des § 4 Nr. 14 des Umsatz­steu­er­ge­set­zes[]