Hem­mung der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung bei straf­ba­rem Bezug von Kin­der­geld

Unter­lässt es ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter, der fort­lau­fend Kin­der­geld bezieht, der Fami­li­en­kas­se den Weg­fall der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen mit­zu­tei­len und begeht er dadurch eine Steuer­ord­nungs­wid­rig­keit, so kann die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des nach­träg­lich auf­ge­ho­ben wer­den. Dabei ist der Ablauf der Fest­set­zungs­frist nach § 171 Abs. 7 AO bis zum Ein­tritt der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung, die erst mit der letzt­mals zu Unrecht erlang­ten Kin­der­geld­zah­lung beginnt, gehemmt.

Hem­mung der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung bei straf­ba­rem Bezug von Kin­der­geld

Die ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht­li­che Ver­fol­gung leicht­fer­ti­ger Steu­er­ver­kür­zun­gen ver­jährt in fünf Jah­ren (§ 384 AO). Sie beginnt, sobald die Hand­lung been­det ist; tritt ein zum Tat­be­stand gehö­ren­der Erfolg erst spä­ter ein, so beginnt die Ver­jäh­rung mit die­sem Zeit­punkt (§ 31 Abs. 3 OWiG).

"Hand­lung" war im Streit­fall das Unter­las­sen der Mit­tei­lung an die Fami­li­en­kas­se über den Weg­fall der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen (vgl. § 8 OWiG), das für die Wei­ter­ge­wäh­rung des Kin­der­gel­des bis zur letzt­ma­li­gen Zah­lung im Febru­ar 2011 kau­sal war. Der Erfolg der Hand­lung i.S. von § 31 Abs. 3 Satz 2 OWiG trat erst mit der letz­ten Aus­zah­lung ein 1.

Die­se Sicht­wei­se steht in Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Gewäh­rung fort­lau­fen­der Leis­tun­gen auf­grund einer (ein­zi­gen) betrü­ge­ri­schen Fal­scherklä­rung. Hier­nach ist ein Betrug nach § 263 StGB erst mit der letz­ten Leis­tungs­ge­wäh­rung i.S. von § 78a Satz 2 StGB been­det 2.

Dabei stellt nicht jede monat­li­che Aus­zah­lung eine been­de­te Ord­nungs­wid­rig­keit dar, was zur Fol­ge hät­te, dass mit der Been­di­gung auch die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung begän­ne. Das Finanz­ge­richt lei­tet sei­ne Ansicht aus dem im Kin­der­geld­recht gel­ten­den Monats­prin­zip des § 66 Abs. 2 EStG her, wonach das Kin­der­geld monat­lich vom Beginn des Monats an gezahlt wird, in dem die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, bis zum Ende des Monats, in dem die Vor­aus­set­zun­gen weg­fal­len. Damit habe die Fami­li­en­kas­se grund­sätz­lich die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für jeden Monat geson­dert zu prü­fen und über die Fest­set­zung zu ent­schei­den. Aller­dings lässt das Finanz­ge­richt dabei außer Acht, dass nach § 31 Abs. 2 Satz 2 OWiG alle durch die Hand­lung bewirk­ten Erfol­ge zu berück­sich­ti­gen sind und sich der Erfolg der unter­las­se­nen Mit­tei­lung über die Auf­ga­be des inlän­di­schen Wohn­sit­zes nicht in der Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des für den Monat erschöpft, für den es erst­mals zu Unrecht aus­ge­zahlt wur­de. Viel­mehr sind die Zah­lun­gen für die Fol­ge­mo­na­te wei­te­re "Erfol­ge".

Der ‑hier vor­lie­gen­de- Fall der unter­las­se­nen Mit­tei­lung über den Weg­fall der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen kann auch nicht mit einem Fall gleich­ge­setzt wer­den, in dem für jeden Monat ein neu­er Antrag gestellt wird, auf­grund des­sen das Kin­der­geld jeweils neu fest­ge­setzt wird. Denn mit einem neu­en Antrag wird eine neue Erklä­rung über das Vor­lie­gen der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen abge­ge­ben. Damit endet auch die Kau­sa­li­tät frü­he­rer Erklä­run­gen für spä­te­re Aus­zah­lun­gen. Dage­gen bleibt die ein­mal unter­las­se­ne Mit­tei­lung über den Weg­fall der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen auch für nach­fol­gen­de Aus­zah­lun­gen kau­sal.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Juni 2014 – III R 21/​13

  1. s. Lind­wurm, AO-Steu­er-Bera­ter 2012, 339[]
  2. BGH, Urteil vom 25.01.1978 – 3 StR 412/​77, BGHSt 27, 342, zum Ren­ten­be­trug; BGH, Beschlüs­se vom 02.05.2001 – 2 StR 149/​01, wis­tra 2001, 339, zum BAföG-Betrug; und vom 21.05.2008 – 5 StR 93/​08, wis­tra 2008, 348, zur Gewäh­rung einer Sub­ven­ti­on in meh­re­ren Teil­zah­lun­gen; s.a. Fischer, Straf­ge­setz­buch, 61. Aufl., § 78a Rz 9; Schmid in Leip­zi­ger Kom­men­tar zum Straf­ge­setz­buch, 12. Aufl., § 78a Rz 6; Stern­berg-Lie­ben/Bosch in Schönke/​Schröder, Straf­ge­setz­buch, 29. Aufl., § 78a Rz 4[]