Kein häus­li­ches Arbeits­zim­mer im Zwei­fa­mi­li­en­haus

Die beruf­li­che Nut­zung der zwei­ten Woh­nung eines Zwei­fa­mi­li­en­hau­ses bei feh­len­dem inne­ren Zusam­men­hang mit dem Wohn­be­reich ist nach einem Urteil des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg kein häus­li­ches Arbeits­zim­mer und unter­liegt damit auch nicht den für häus­li­che Arbeits­zim­mer gel­ten­den Abzugs­be­schrän­kun­gen.

Kein häus­li­ches Arbeits­zim­mer im Zwei­fa­mi­li­en­haus

Nach § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 1 EStG kann ein Steu­er­pflich­ti­ger Auf­wen­dun­gen für ein häus­li­ches Arbeits­zim­mer nicht oder nur begrenzt (im Streit­jahr: 2.400,- DM) als Betriebs­aus­ga­ben abzie­hen, es sei denn, das Arbeits­zim­mer bil­det den Mit­tel­punkt der gesam­ten betrieb­li­chen und beruf­li­chen Betä­ti­gung (§ 4 Abs. 5 Satz 3 Halb­satz 2 EStG). Auf die­ser Grund­la­ge kann ein Steu­er­pflich­ti­ger Arbeits­zim­mer­auf­wen­dun­gen über die Gren­zen des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 2 EStG hin­aus nur gel­tend machen, wenn es sich nicht um ein „häus­li­ches“ Arbeits­zim­mer han­delt.

Der Begriff des häus­li­chen Arbeits­zim­mers ist im Gesetz nicht näher bestimmt. Der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs zufol­ge erfasst die Abzugs­be­schrän­kung einen Arbeits­raum, der sei­ner Lage, Funk­ti­on und Aus­stat­tung nach in die häus­li­che Sphä­re des Steu­er­pflich­ti­gen ein­ge­bun­den ist und vor­wie­gend der Erle­di­gung gedank­li­cher, schrift­li­cher oder ver­wal­tungs­tech­ni­scher Arbei­ten dient [1].

Ob ein Raum als häus­li­ches Arbeits­zim­mer anzu­se­hen ist, lässt sich nur auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de des Ein­zel­falls ent­schei­den [2]. Ist eine Zuord­nung zum Typus des häus­li­chen Arbeits­zim­mers nicht mög­lich, so sind die durch die beruf­li­che Nut­zung ver­an­lass­ten Auf­wen­dun­gen grund­sätz­lich unbe­schränkt als Wer­bungs­kos­ten gemäß § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG abzieh­bar. Nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen ist aber zusätz­lich erfor­der­lich, dass die betref­fen­den Räum­lich­kei­ten nahe­zu aus­schließ­lich beruf­lich genutzt wer­den [3].

In die häus­li­che Sphä­re ein­ge­bun­den ist ein sol­ches Arbeits­zim­mer regel­mä­ßig nur, wenn es sich in einem Raum befin­det, der zur pri­vat genutz­ten Woh­nung oder zum Wohn­haus des Steu­er­pflich­ti­gen ein­schließ­lich der Zube­hör­räu­me wie Abstell‑, Kel­ler- und Spei­cher­räu­me gehört [4]. Vor­aus­set­zung dafür ist, dass die für beruf­li­che Zwe­cke genutz­ten Räum­lich­kei­ten auf­grund der unmit­tel­ba­ren räum­li­chen Nähe mit den pri­va­ten Wohn­räu­men des Steu­er­pflich­ti­gen als gemein­sa­me Wohn­ein­heit ver­bun­den sind. Die­se Ver­bin­dung zu einer gemein­sa­men Wohn­ein­heit hat der Bun­des­fi­nanz­hof z.B. bei einem Arbeits­zim­mer im Kel­ler des vom Steu­er­pflich­ti­gen und sei­ner Fami­lie bewohn­ten Ein­fa­mi­li­en­hau­ses [5] oder in einem zur Woh­nung gehö­ren­den Hob­by­raum im Kel­ler eines Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses [6] bejaht.

Dem­ge­gen­über fehlt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs die für die Annah­me eines häus­li­chen Arbeits­zim­mers erfor­der­li­che inne­re, „häus­li­che“ Ver­bin­dung mit der pri­va­ten Lebens­sphä­re regel­mä­ßig, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus ‑zusätz­lich zu sei­ner pri­va­ten Woh­nung – noch eine wei­te­re Woh­nung voll­stän­dig als Arbeits­zim­mer nutzt [7]. Danach kann eine inne­re Ver­bin­dung zur häus­li­chen Sphä­re bei einem Mehr­fa­mi­li­en­haus nicht allein des­halb ange­nom­men wer­den, weil sich eine als Arbeits­zim­mer genutz­te Woh­nung in dem­sel­ben Haus und unter dem­sel­ben Dach wie die Pri­vat­woh­nung des Steu­er­pflich­ti­gen befin­det [8].

Viel­mehr kann sich die häus­li­che Sphä­re der Pri­vat­woh­nung auf eine zu beruf­li­chen Zwe­cken ange­mie­te­te wei­te­re Woh­nung im sel­ben Haus nur erstre­cken, wenn nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen bei wer­ten­der Betrach­tung auf­grund beson­de­rer Umstän­de ein inne­rer Zusam­men­hang zwi­schen bei­den Woh­nun­gen besteht. Einen sol­chen Zusam­men­hang hat der Bun­des­fi­nanz­hof aller­dings nur in Fäl­len ange­nom­men, in denen die Woh­nun­gen in unmit­tel­ba­rer räum­li­cher Nähe zuein­an­der lagen, etwa weil die als Arbeits­zim­mer genutz­ten Räu­me unmit­tel­bar an die Pri­vat­woh­nung angrenz­ten oder weil sie ihr auf der­sel­ben Eta­ge direkt gegen­über­la­gen [9].

Unter Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze han­delt es sich danach bei den von dem Klä­ger für beruf­li­che Zwe­cke ange­mie­te­ten Büro­räu­men um ein „außer­häus­li­ches“ Arbeits­zim­mer, das nicht unter die Abzugs­be­schrän­kung des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 1 EStG fällt. Nach der vor­zu­neh­men­den Wür­di­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­fal­les und der damit ver­bun­de­nen Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten bau­li­chen Gege­ben­hei­ten fehlt es nach der Über­zeu­gung des Finanz­ge­richts an einer Ein­bin­dung der Büro­räu­me im Ober­ge­schoss des Zwei­fa­mi­li­en­hau­ses in die häus­li­che Sphä­re der Klä­ger. Die Büro­räu­me im Ober­ge­schoss gehö­ren nicht zur Pri­vat­woh­nung der Klä­ger im Unter­ge­schoss. Sie befin­den sich außer­halb der Woh­nung der Klä­ger und sind auch durch kei­nen direk­ten Zugang mit den Wohn­räu­men der Klä­ger ver­bun­den. Die Ein­gangs­be­rei­che der bei­den Woh­nun­gen sind kom­plett von­ein­an­der getrennt. Allein der bestehen­de räum­li­che Zusam­men­hang (Wohn­räu­me und Büro­räu­me in einem Gebäu­de) reicht nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts auch bei einem Zwei­fa­mi­li­en­haus nicht aus, um die außer­halb des Wohn­be­reichs der Klä­ger lie­gen­den Räum­lich­kei­ten als häus­li­ches Arbeits­zim­mer zu behan­deln.

Hier­für spricht auch, dass die bei­den Woh­nun­gen durch den Abschluss getrenn­ter Miet­ver­trä­ge ange­mie­tet wur­den. Die als Büro­raum genutz­te Woh­nung im Ober­ge­schoss wur­de aus­schließ­lich von dem Klä­ger für sei­ne selb­stän­di­ge Tätig­keit als Erfin­der ange­mie­tet. Die Nut­zung der Zim­mer der Woh­nung als Büro­räu­me wur­de auch miet­ver­trag­lich ver­ein­bart.

Ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­am­tes kann auch auf­grund der bau­li­chen Gege­ben­hei­ten nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Klä­ger das Zwei­fa­mi­li­en­haus wie ein Ein­fa­mi­li­en­haus genutzt haben. Die als Büro­räu­me ange­mie­te­ten Wohn­räu­me im Ober­ge­schoss kön­nen durch ihre räum­li­che Tren­nung kei­ne gemein­sa­me Wohn­ein­heit mit der Pri­vat­woh­nung der Klä­ger im Erd­ge­schoss gebil­det haben. Es besteht kei­ner­lei Zugang von der Woh­nung im Erd­ge­schoss zu der Woh­nung im Ober­ge­schoss. Die Woh­nung im Ober­ge­schoss ver­fügt über einen eige­nen Ein­gang und einen eige­nen Trep­pen­auf­gang, der kei­ne Ver­bin­dung mit dem Ein­gangs­be­reich der Woh­nung im Erd­ge­schoss auf­weist. Auch ver­fü­gen die bei­den Woh­nun­gen über getrenn­te Strom­krei­se und eige­ne Was­ser­uh­ren. Die­se bau­li­che Gestal­tung steht daher einer ein­heit­li­chen Nut­zung zu Wohn­zwe­cken zumin­dest ent­ge­gen, wenn sie auch unter dem Gesichts­punkt eines ein­ge­schränk­ten „Wohn­kom­forts“ nicht gänz­lich aus­ge­schlos­sen ist.

Auch die Ansicht des Finanz­am­tes, von einer Eigen­stän­dig­keit kön­ne nur gespro­chen wer­den, wenn auch noch ande­re Par­tei­en das Mehr­fa­mi­li­en­haus nut­zen, teilt das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg vor dem Hin­ter­grund der oben ange­führ­ten BFH-Recht­spre­chung nicht. Danach kann sich die häus­li­che Sphä­re der Pri­vat­woh­nung auf eine zu beruf­li­chen Zwe­cken ange­mie­te­te wei­te­re Woh­nung im sel­ben Haus nur erstre­cken, wenn nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen bei wer­ten­der Betrach­tung auf­grund beson­de­rer Umstän­de ein inne­rer Zusam­men­hang zwi­schen bei­den Woh­nun­gen besteht. Von die­sem inne­ren Zusam­men­hang kann nach Ansicht des Senats nicht nur des­halb gespro­chen wer­den, weil das Zwei­fa­mi­li­en­haus nicht von „frem­den Drit­ten“ mit­ge­nutzt wird. Dies kann nur dann der Fall sein, wenn auch tat­säch­lich die Mög­lich­keit besteht, Kos­ten der pri­va­ten Lebens­füh­rung in den beruf­li­chen oder betrieb­li­chen Bereich zu ver­la­gern. Dies ist nur zu beja­hen, wenn die Woh­nun­gen in unmit­tel­ba­rer räum­li­cher Nähe zuein­an­der lagen, etwa weil die als Arbeits­zim­mer genutz­ten Räu­me unmit­tel­bar an die Pri­vat­woh­nung angren­zen oder sich auf einem Stock­werk befin­den. Die­se räum­li­che Nähe ist aber im Streit­fall auf­grund der bau­li­chen Gestal­tung nicht gege­ben.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 15. Mai 2009 – 10 K 3583/​08

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 19.09.2002 – VI R 70/​01,BFHE 200, 336, BStBl II 2003, 139; vom 16.10.2002 – XI R 89/​00, BFHE 201, 27, BStBl II 2003, 185; vom 13.11.2002 – VI R 164/​00, BFHE 201, 86, BStBl II 2003, 350; vom 20.11.2003 – IV R 30/​03, BFHE 204, 176, BStBl II 2004, 775; vom 22.11.2006 – X R 1/​05, BFHE 216, 110, BStBl II 2007, 304; vom 10.06.2008 – VIII R 52/​07, HFR 2009, 456; und vom 26.03.2009 – VI R 15/​07[]
  2. BFH, Urteil vom 16.10.2002 – XI R 89/​00, BFHE 201, 27, BStBl II 2003, 185[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 20.11.2003 – IV R 3/​02, BFHE 205, 46, BStBl II 2005, 203[]
  4. BFH, Urtei­le vom 23.09.1999 – VI R 74/​98, BFHE 189, 438, BStBl II 2000, 7; vom 16.10.2002 – XI R 89/​00, BFHE 201, 27, BStBl II 2003, 185[]
  5. BFH, Urteil vom 19.09.2002 – VI R 70/​01, BFHE 200, 336, BStBl II 2003, 139[]
  6. BFH, Urteil vom 26.02.2003 – VI R 130/​01, BFHE 202, 114, BStBl II 2004, 74[]
  7. BFH, Urtei­le vom 26.02.2003 – VI R 160/​99, BFHE 202, 101, BStBl II 2003, 515; und vom 18.08.2005 – VI R 39/​04, BFHE 211, 447, BStBl II 2006, 428[]
  8. vgl. im Ein­zel­nen: BFH, Urtei­le vom 26.02.2003 – VI R 124/​01, a.a.O.; und vom 18.08.2005 – VI R 39/​04, a.a.O.[]
  9. vgl. BFH, Urtei­le vom 26.02.2003 – VI R 124/​01, BFHE 202, 104, BStBl II 2004, 69; und vom 18.08.2005 – VI R 39/​04, a.a.O.[]