Kei­ne Anlauf­hem­mung bei Antrags­ver­an­la­gung

Bei Antrags­ver­an­la­gun­gen besteht kei­ne Anlauf­hem­mung für die Fest­set­zungs­ver­jäh­rung.

Kei­ne Anlauf­hem­mung bei Antrags­ver­an­la­gung

Besteht das Ein­kom­men nach § 46 Abs. 2 EStG ganz oder teil­wei­se aus Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit, von denen ein Steu­er­ab­zug vor­ge­nom­men wor­den ist, so wird eine Ver­an­la­gung nur unter den in § 46 Abs. 2 Nrn. 1 bis 8 EStG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen durch­ge­führt.

Nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG i.d.F. des Jah­res­steu­er­ge­set­zes 2008 (EStG n.F.) wird eine Ein­kom­men­steu­er-Ver­an­la­gung durch­ge­führt, wenn sie bean­tragt wird. Die –frü­he­re zusätz­li­che– Vor­aus­set­zung, dass der Antrag bis zum Ablauf des auf den Ver­an­la­gungs­zeit­raum fol­gen­den zwei­ten Kalen­der­jah­res zu stel­len war, ist ent­fal­len.

§ 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG n.F. ist gemäß § 52 Abs. 55j Satz 4 EStG i.d.F. des Steu­er­ver­ein­fa­chungs­ge­set­zes (StVer­ein­fG) 2011 erst­mals für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2005 anzu­wen­den und –hier ein­schlä­gig– in Fäl­len, in denen am 28. Dezem­ber 2007 über einen Antrag auf Ver­an­la­gung zur Ein­kom­men­steu­er noch nicht bestands­kräf­tig ent­schie­den ist. Letz­te­res trifft zu. Eine bestands­kräf­ti­ge Ableh­nung des Antrags der Klä­ge­rin auf Durch­füh­rung der Ein­kom­men­steu­er-Ver­an­la­gung für das Streit­jahr liegt nicht vor. Nach der Recht­spre­chung des Senats ist es nicht erfor­der­lich, dass der Antrag auf Ver­an­la­gung für Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me vor 2005 bereits vor dem 28. Dezem­ber 2007 bei den Finanz­be­hör­den ein­ge­gan­gen ist [1].

Im Streit­fall steht der Ver­an­la­gung gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG n.F. i.V.m. § 52 Abs. 55j Satz 4 i.d.F. des StVer­ein­fG 2011 jedoch der Ein­tritt der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung ent­ge­gen (vgl. Senats­ur­tei­le vom 14. April 2011 VI R 53/​10, BFHE 223, 311, BStBl II 2011, 746; VI R 77/​10, nicht ver­öf­fent­licht; VI R 86/​10, BFH/​NV 2011, 1515; vom 6. Okto­ber 2011 VI R 17/​11, BFH/​NV 2012, 551).

Die Fest­set­zungs­frist für Ein­kom­men­steu­er beträgt nach § 169 Abs. 2 Nr. 2 AO vier Jah­re. Sie beginnt mit Ablauf des Kalen­der­jah­res, in dem die Steu­er ent­stan­den ist (§ 170 Abs. 1 AO).

Der Ablauf der Fest­set­zungs­frist wird, wenn ledig­lich (den Lohn­steu­er­ab­zug unter­lie­gen­de) Ein­künf­te aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit erzielt wer­den, nicht nach § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO gehemmt, weil kei­ne Steu­er­erklä­rung ein­zu­rei­chen ist.

In einem sol­chen Fall besteht, wie auch § 25 Abs. 3 EStG i.V.m. § 56 der Ein­kom­men­steu­er-Durch­füh­rungs­ver­ord­nung deut­lich macht (a.A. Tor­möh­len in Korn, § 46 EStG Rz 35.1), kei­ne Pflicht zur Abga­be der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung. Der steu­er­pflich­ti­ge Bür­ger ist gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG n.F. ledig­lich berech­tigt, eine sol­che ein­zu­rei­chen, sofern er nicht vom Finanz­amt zur Abga­be der ein­schlä­gi­gen Erklä­rung auf­ge­for­dert wird, § 149 Abs. 1 Satz 2 AO. Im Fall einer Antrags­ver­an­la­gung kommt § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO nicht zur Anwen­dung [2], da eine Ver­pflich­tung zur Abga­be einer Steu­er­erklä­rung nicht aus § 25 Abs. 3 EStG abge­lei­tet wer­den kann.

Gleich­heits­recht­li­che Beden­ken hier­ge­gen bestehen nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht: Denn Art. 3 Abs. 1 GG ver­langt ledig­lich nach der Gleich­be­hand­lung näm­li­cher Sach­ver­hal­te. Zwi­schen Pflicht- und Antrags­ver­an­la­gung bestehen jedoch Sach­un­ter­schie­de, die eine unter­schied­li­che Behand­lung im Hin­blick auf eine Anlauf­hem­mung recht­fer­ti­gen. Denn die Anlauf­hem­mung des § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO soll nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ver­hin­dern, dass durch eine spä­te Ein­rei­chung der Steu­er­erklä­rung die der Finanz­be­hör­de zur Ver­fü­gung ste­hen­de Bear­bei­tungs­zeit ver­kürzt wird [3].

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat zwar in sei­nem Urteil vom 15. Janu­ar 2009 [4] ent­schie­den, dass der Anwen­dung des § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG n.F. für Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me vor 2005 auch eine Ver­jäh­rungs­frist nicht ent­ge­gen­steht. Dies betraf aller­dings nur den Son­der­fall, dass die Kla­ge ohne­hin auf der Grund­la­ge der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs [5] zu § 46 Abs. 2 Nr. 1 EStG a.F. erfolg­reich gewe­sen wäre. Denn die nega­ti­ve Sum­me der Neben­ein­künf­te hat­te dort den Betrag von 800 DM über­stie­gen. Der Bun­des­fi­nanz­hof hat­te dabei ins­be­son­de­re berück­sich­tigt, dass auf­grund sei­ner 2005 geän­der­ten Recht­spre­chung zu § 46 Abs. 2 EStG und der dar­auf fol­gen­den Reak­tio­nen des Gesetz­ge­bers viel­fach zeit­li­che Zufäl­lig­kei­ten dar­über mit­ent­schei­dend gewe­sen waren, ob Anträ­ge und Kla­gen auf Durch­füh­rung der Ein­kom­men­steu­er-Ver­an­la­gun­gen erfolg­reich sein konn­ten.

Soweit der Bun­des­fi­nanz­hof im Beschluss vom 22. Mai 2006 [6] eine „regel­mä­ßi­ge“ Fest­set­zungs­frist von sie­ben Jah­ren ange­nom­men hat, hält er dar­an nicht mehr fest.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Okto­ber 2012 – VI R 16/​11

  1. BFH, Urteil vom 12.11.2009 – VI R 1/​09, BFHE 227, 97, BStBl II 2010, 406[]
  2. Schmidt/​Kulosa, EStG, 31. Aufl., § 46 Rz 34; Till­mann in Herrmann/​Heuer/​Rau­pach, § 46 EStG Rz 67; Paetsch in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 46 Rz 65 ff.; Ban­ni­za in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 170 AO Rz 24[]
  3. BFH, Urteil vom 06.06.2007 – II R 54/​05, BFHE 217, 393, BStBl II 2007, 954, m.w.N.[]
  4. BFH, Urteil vom 15.01.2009 – VI R 23/​08, BFH/​NV 2009, 755[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 21.09.2006 – VI R 52/​04, BFHE 215, 144, BStBl II 2007, 45[]
  6. BFH, Beschluss vom 22.05.2006 – VI R 46/​05, BFHE 213, 536, BStBl II 2006, 820[]