Kin­der­geld eines nach Deutsch­land ent­sand­ten pol­ni­schen Arbeit­neh­mers

Einem aus­schließ­lich in Polen nicht­selb­stän­dig beschäf­tig­ten und dort sozi­al­ver­si­cher­ten, aber nach Deutsch­land ent­sand­ten Arbeit­neh­mers steht in Deutsch­land kein Kin­der­geld für sei­ne min­der­jäh­ri­gen Kin­der zu, wohl aber für voll­jäh­ri­ge, in Aus­bil­dung befind­li­che Kin­der.

Kin­der­geld eines nach Deutsch­land ent­sand­ten pol­ni­schen Arbeit­neh­mers

Der Arbeit­neh­mer ist zwar anspruchs­be­rech­tigt nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG. Nach die­ser Vor­schrift hat Anspruch auf Kin­der­geld, wer zwar kei­nen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland hat, aber nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird.

Im hier vom Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf ent­schie­de­nen Fall erfüllt der pol­ni­sche Arbeit­neh­mer die­se Vor­aus­set­zun­gen. Den nach § 1 Abs. 3 Satz 1 EStG erfor­der­li­chen Antrag hat der Arbeit­neh­mer mit Abga­be der Ein­kom­men­steu­er­erklä­run­gen 2004 bis 2006 gestellt. Die unbe­schränk­te Steu­er­pflicht ent­steht nach § 1 Abs. 3 Satz 1 2. Halb­satz EStG nur, soweit inlän­di­sche Ein­künf­te i. S. des § 49 EStG vor­lie­gen, wobei die Kon­junk­ti­on „soweit“ sowohl kon­di­tio­na­le Bedeu­tung hat als auch ein zeit­li­ches Moment beinhal­tet mit der Fol­ge, dass die inlän­di­schen Ein­künf­te den Beginn und das Ende der unbe­schränk­ten Steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG mar­kie­ren [1]. Fer­ner führt die Fik­ti­ons­be­schrän­kung ent­ge­gen der Ansicht der Arbeit­neh­me­rin auch nicht zu einer unbe­rech­tig­ten monat­li­chen Betrach­tungs­wei­se und Prü­fung. Die Fra­ge, ob die unbe­schränk­te Ein­kom­men­steu­er­pflicht nach § 1 Abs. 3 EStG fin­giert wer­den kann, hängt nach dem Wort­laut des § 1 Abs. 3 Satz 2 EStG von den Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen des Steu­er­pflich­ti­gen im gesam­ten Kalen­der­jahr ab; nur wenn die in die­ser Vor­schrift genann­ten rela­ti­ven und abso­lu­ten Ein­kunfts­gren­zen im Kalen­der­jahr ein­ge­hal­ten wer­den, ist das Wahl­recht des Steu­er­pflich­ti­gen nach § 1 Abs. 3 EStG eröff­net. Die Wir­kung des aus­ge­üb­ten Wahl­rechts beschränkt sich sodann aller­dings nach § 1 Abs. 3 Satz 1 EStG aus­drück­lich auf die inlän­di­schen Ein­künf­te; eine Besteue­rung des Welt­ein­kom­mens und damit des gesam­ten Jah­res­ein­kom­mens fin­det nicht statt [2]. Ent­spre­chend redu­ziert sich auch die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung.

Die min­der­jäh­ri­gen Kin­der des Arbeit­neh­mers („Q“, „L“ und „N“) sind gemäß § 63 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 32 Abs. 1 EStG steu­er­lich berück­sich­ti­gungs­fä­hig; der Sohn „X“, aus­weis­lich der vor­ge­leg­ten Beschei­ni­gung E 402 vom 06.08.2007 zumin­dest bis dahin in Aus­bil­dung, kann eben­falls als Kind berück­sich­tigt wer­den, § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG. Dass die Kin­der im streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum nicht in Deutsch­land leb­ten, son­dern in Polen, ist nach § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG für die Zeit seit Mai 2004 unmaß­geb­lich, weil Polen seit­dem Mit­glied der Euro­päi­schen Uni­on ist.

Ob der tat­be­stands­mä­ßig dem Grun­de nach bestehen­de Kin­der­geld­an­spruch nach dem EStG hier durch das euro­päi­sche Gemein­schafts­recht aus­ge­schlos­sen ist, kann vor­lie­gend für die strei­ti­gen Zeit­räu­me in 2004 und 2005 sowie eben­so – aller­dings nur bezo­gen auf die bei­den jün­ge­ren Kin­der – für 2006 dahin­ste­hen; der gel­tend gemach­te inlän­di­sche Kin­der­geld­an­spruch kann dem Arbeit­neh­mer inso­weit jeden­falls nicht zuge­spro­chen wer­den.

Das Kin­der­geld unter­fällt zwar dem sach­li­chen Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71. Beim Kin­der­geld han­delt es sich um eine Fami­li­en­leis­tung i. S. von Art. 4 Abs. 1 Buchst. h die­ser Ver­ord­nung [3].

Deren Art. 13 ff. bestim­men, wel­che Rechts­vor­schrif­ten auf inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on zu- und abwan­dern­de Erwerbs­tä­ti­ge anzu­wen­den sind. Die Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 bezwe­cken damit, dass die Betrof­fe­nen grund­sätz­lich nur dem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit eines ein­zi­gen Mit­glied­staats unter­lie­gen, um eine Kumu­lie­rung anwend­ba­rer Rechts­vor­schrif­ten und der sich dar­aus mög­li­cher­wei­se erge­ben­den Schwie­rig­kei­ten zu ver­mei­den [4].

Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Arbeit­neh­mer oder ein Selb­stän­di­ger dem per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung unter­fällt und wel­che Rechts­fol­gen sich je nach Fall­kon­stel­la­ti­on erge­ben, ist in der Recht­spre­chung der Finanz­ge­rich­te umstrit­ten und höchst­rich­ter­lich noch nicht geklärt.

Die VO gilt grund­sätz­lich auch für Arbeit­neh­mer (Art. 1 Buch­sta­be a, Art. 2 und Art. 73 der VO Nr. 1408/​71), die gegen min­des­tens ein Risi­ko der Sozi­al­ver­si­che­rung ver­si­chert sind. Die Mit­glied­staa­ten haben aber in Anhang I zu der VO den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich für Arbeit­neh­mer i.S. von Art. 1 Buchst. a der VO näher gere­gelt. In Anhang I Teil I. unter E. Buch­sta­be a)) wird aus­ge­führt, dass wenn ein deut­scher Trä­ger für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­dig ist, als Arbeit­neh­mer nur gilt, wer für den Fall der Arbeits­lo­sig­keit pflicht­ver­si­chert ist.

Teil­wei­se wird die Ansicht ver­tre­ten, dass die Rege­lung in Anhang I Teil I den all­ge­mei­nen per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO 1408/​71 aus­schließt. Besteht kei­ne inlän­di­sche Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht, ergibt sich nach die­ser Auf­fas­sung bereits dar­aus die Anwen­dung des deut­schen Kin­der­geld­rechts; man­gels Anwend­bar­keit der VO kommt ein Aus­schluss des inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruchs nicht in Betracht [5]. Folgt man die­ser Ansicht, beur­teilt sich die vor­lie­gen­de Kla­ge nach deut­schem Kin­der­geld­recht.

Teil­wei­se wird dage­gen die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die Vor­schrift in Anhang I Teil I ledig­lich eine Ein­schrän­kung ihres per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reichs hin­sicht­lich der Fami­li­en­leis­tun­gen dar­stel­le und inso­weit die Fra­ge, wel­che Rechts­vor­schrif­ten nach den Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 anzu­wen­den sind, vor­ran­gig zu prü­fen sei [6]. Die­se Ansicht kommt hier für den vor­lie­gen­den Sach­ver­halt zu der Anwend­bar­keit pol­ni­schen Rechts. Denn nach Art. 13 Abs. 1 Buch­sta­be a) der VO Nr. 1408/​71 gilt bei ent­sand­ten Arbeit­neh­mern, sofern die Ent­sen­de­dau­er zwölf Mona­te nicht über­schrei­tet (was für den hier kla­gen­den Arbeit­neh­mer betr. bei­de Ent­sen­de­zeit­räu­me nicht der Fall war) das Recht des Her­kunfts­staa­tes, mit­hin hier Polens (Fol­ge: Gel­tend gemach­ter Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld kommt nicht in Betracht).

Nach abwei­chen­der Auf­fas­sung ist indes der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 bereits dann eröff­net, wenn der Antrag­stel­ler über­haupt – sei es in Deutsch­land oder im Aus­land – der Sozi­al­ver­si­che­rung ange­hört hat. Er unter­liegt dann gemäß dem Aus­schließ­lich­keits­grund­satz in Art. 13 Abs. 1 Satz 1 der VO Nr. 1408/​71 den Rechts­vor­schrif­ten des­je­ni­gen Mit­glied­staa­tes, des­sen Sys­tem der sozia­len Sicher­heit er ange­hört [7]. Nach die­sen Grund­sät­zen wür­de der Arbeit­neh­mer dem pol­ni­schen Recht unter­lie­gen (Fol­ge: Gel­tend gemach­ter Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld kommt nicht in Betracht).

Nach den bei­den vor­ste­hend zuletzt dar­ge­leg­ten Rechts­an­sich­ten ist die Kla­ge somit bereits des­halb unbe­grün­det, weil nicht – wie bean­tragt – deut­sches Kin­der­geld­recht gilt, son­dern pol­ni­sches Recht maß­ge­bend ist. Der gel­tend gemach­te deut­sche Kin­der­geld­an­spruch ergä­be sich auch nicht aus den Grün­den des Urteils des EuGH in der Rechts­sa­che Bos­mann [8].

Aber auch nach der ande­ren Auf­fas­sung führt die Kla­ge nicht zum Erfolg. Denn bei feh­len­der Anwend­bar­keit des Gemein­schafts­rechts (son­dern deut­schen Rechts) beur­teilt sich die Kol­li­si­on zwi­schen inlän­di­schem Kin­der­geld­an­spruch und Anspruch auf pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen nach der Vor­schrift des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG. Danach wird Kin­der­geld nicht gezahlt, wenn für das Kind im Aus­land dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen gewährt wer­den oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung hät­ten gewährt wer­den müs­sen.

Der­ar­ti­ge Leis­tun­gen (pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen) hat der Arbeit­neh­mer im strei­ti­gen Zeit­raum über­wie­gend bezo­gen. Aus­weis­lich sei­ner eige­nen Anga­ben im Kin­der­geld­an­trag hat der Arbeit­neh­mer für alle vier Kin­der Kin­der­geld erhal­ten von Mai 2004 bis August 2005. Für die bei­den jün­ge­ren Kin­der „L“ und „N“ hat er dar­über hin­aus Fami­li­en­leis­tun­gen bestä­tigt betr. den Zeit­raum Sep­tem­ber 2006 bis August 2007. Ledig­lich für die bei­den älte­ren Kin­der „X“ und „Q“ erfolg­ten für 2006/​2007 kei­ne wei­te­ren Fami­li­en­leis­tun­gen, sodass für die­se Kin­der in den Ent­sen­de­mo­na­ten Okto­ber und Novem­ber 2006 kei­ne Kon­kur­renz­si­tua­ti­on besteht; letz­te­res beruh­te auf dem Errei­chen der nach pol­ni­schem Recht grds. maß­geb­li­chen Alters­gren­ze von 18 Jah­ren bzw. der Been­di­gung der Schul­aus­bil­dung.

Soweit der Anspruch in den oben genann­ten Zeit­räu­men bestand, schließt er – so bereits der Wort­laut des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG – den deut­schen Kin­der­geld­an­spruch ins­ge­samt aus.

Die Fami­li­en­leis­tun­gen in Polen sind mit den deut­schen Kin­der­geld­an­sprü­chen ver­gleich­bar i. S. von § 65 EStG. Dem steht ins­be­son­de­re nicht ent­ge­gen, dass die pol­ni­schen Leis­tun­gen erheb­lich gerin­ger sind als das deut­sche Kin­der­geld. Die Ver­gleich­bar­keit meh­re­rer kind­be­zo­ge­ner Leis­tun­gen rich­tet sich nicht nach der recht­li­chen Aus­ge­stal­tung des Anspruchs, son­dern nach wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten. Zur Ver­mei­dung von Dop­pel­leis­tun­gen kommt es ledig­lich dar­auf an, ob die zu ver­glei­chen­de Leis­tung wirt­schaft­lich die glei­che Ziel­rich­tung ver­folgt wie das Kin­der­geld [9]. Die Höhe der aus­län­di­schen Leis­tung ist für die Ver­gleich­bar­keit mit dem Kin­der­geld grund­sätz­lich nicht maß­ge­bend. Denk­bar ist zwar, dass bei ganz gering­fü­gi­gen aus­län­di­schen Leis­tun­gen auch die funk­tio­nel­le Ver­gleich­bar­keit ent­fällt [10]. Dies ist jedoch bei den pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tun­gen für in Polen leben­de Kin­der nicht der Fall. Dabei ist zu berück­sich­tig­ten, dass der Arbeit­neh­mer, des­sen Kin­der in Polen woh­nen, kei­ne gerin­ge­ren Leis­tun­gen erhält als ande­re pol­ni­sche Fami­li­en. Nach Auf­fas­sung des pol­ni­schen Gesetz­ge­bers rei­chen die dort gewähr­ten Fami­li­en­leis­tun­gen für einen Aus­gleich der kind­be­ding­ten Mehr­be­las­tun­gen aus [11].

Gemein­schafts­recht­li­che Vor­schrif­ten ste­hen der natio­na­len Rege­lung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG nach Ansicht des Sena­tes nicht ent­ge­gen. Außer­halb des Anwen­dungs­vor­rangs des Gemein­schafts- bzw. Uni­ons­rechts hat ein nach der VO Nr. 1408/​71 gera­de nicht zustän­di­ger Mit­glied­staat die Befug­nis zu bestim­men, ob und ggf. unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen er in die­sem Fall Fami­li­en­leis­tun­gen gewäh­ren will; eben­so muss er ent­schei­den dür­fen, ob und wie er berück­sich­ti­gen will, dass in einem ande­ren Staat ein Anspruch auf eine ver­gleich­ba­re Leis­tung besteht. Weil für den nicht zustän­di­gen Staat (hier: die Bun­des­re­pu­blik) im Hin­blick auf den Grund­satz der Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit nach Art. 39 EG (jetzt Art. 45 AEUV) schon kei­ne Ver­pflich­tung besteht, in einem sol­chen Fall über­haupt Fami­li­en­leis­tun­gen zu gewäh­ren, liegt in § 65 EStG kein Ver­stoß gegen die Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit. Der Anwen­dung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ste­hen vor­lie­gend auch kei­ne gemein­schafts- bzw. uni­ons­recht­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te ent­ge­gen. Der Arbeit­neh­mer wird als in der Bun­des­re­pu­blik nur kurz­zei­tig beschäf­tig­ter Arbeit­neh­mer ins­be­son­de­re nicht gegen­über hier nur vor­über­ge­hend Beschäf­tig­ten dis­kri­mi­niert. Denn die Situa­ti­on eines nur vor­über­ge­hend im Inland täti­gen Arbeit­neh­mers ist schon nicht ver­gleich­bar mit der Situa­ti­on eines im Inland nicht nur vor­über­ge­hend Beschäf­tig­ten. Anders als ein im Inland nicht nur vor­über­ge­hend Beschäf­tig­ter ver­langt er kei­nen Zutritt zum Arbeits­markt des Beschäf­ti­gungs­lan­des, da er nach Erfül­lung sei­ner Auf­ga­be in sein Her­kunfts- oder Wohn­sitz­land zurück­kehrt [12].

Einen Ver­stoß der Rege­lung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG gegen das Grund­ge­setz ver­mag das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf eben­falls nicht zu erken­nen.

Eine ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ungleich­be­hand­lung durch die Bestim­mung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG besteht nach Ansicht des erken­nen­den Sena­tes auch nicht zwi­schen den Bes­ser­ver­die­nen­den, bei denen die gebo­te­ne steu­er­li­che Frei­stel­lung für ein Kind im Rah­men des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs nach § 31 EStG regel­mä­ßig über die Gewäh­rung der Kin­der­frei­be­trä­ge erfolgt, und den gerin­ger Ver­die­nen­den, deren Frei­stel­lung in der Regel über das Kin­der­geld vor­ge­nom­men wird. Zwar wer­den für die ers­te Grup­pe von Steu­er­pflich­ti­gen die aus­län­di­schen Leis­tun­gen gemäß § 31 Satz 6 EStG ledig­lich ange­rech­net, wäh­rend bei der Fest­set­zung von Kin­der­geld die ver­gleich­ba­ren aus­län­di­schen Leis­tun­gen nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG zur gänz­li­chen Ver­sa­gung des inlän­di­schen Anspruchs füh­ren kön­nen. Im Rah­men des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs indes ist der „Anspruch auf Kin­der­geld“ maß­ge­bend und sind die aus­län­di­schen Leis­tun­gen gemäß § 31 Satz 5 EStG in die Ver­gleichs­rech­nung betr. Anspruch auf Kin­der­geld einer­seits und Aus­wir­kung der Frei­be­trä­ge ande­rer­seits ein­zu­be­zie­hen [13]. In Fäl­len mit vor­lie­gen­der Fall­kon­stel­la­ti­on wäre einer­seits im Hin­blick auf die Rege­lung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ein Anspruch auf Kin­der­geld (ggf. in vol­ler Höhe) zu ver­nei­nen. Da zugleich die pol­ni­schen Fami­li­en­leis­tun­gen eine nur gerin­ge Höhe auf­wei­sen, ergä­be die Ver­gleichs­rech­nung nach § 31 Satz 4 EStG typi­scher­wei­se, dass auch einem gerin­ger ver­die­nen­den Steu­er­pflich­ti­gen der Kin­der­frei­be­trag zu gewäh­ren wäre und somit die gel­tend gemach­te Ungleich­be­hand­lung mit Bes­ser­ver­die­nen­den bereits aus die­sem Grun­de aus­schie­de. Somit wird dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot, einen Ein­kom­mens­be­trag in Höhe des Exis­tenz­mi­ni­mums eines Kin­des steu­er­lich frei zu stel­len, im Rah­men der sog. Güns­ti­ger­prü­fung gemäß § 65 Absatz 1 EStG i.V.m. § 31 Satz 4 und 5 EStG Rech­nung getra­gen; die Rege­lung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ist sach­lich gerecht­fer­tigt. Nach die­ser gesetz­li­chen Kon­zep­ti­on der §§ 31, 65 EStG ent­schei­det erst und nur die Höhe des Kin­der­frei­be­tra­ges end­gül­tig dar­über, ob den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Ver­scho­nung des Exis­tenz­mi­ni­mums der Kin­der genügt wird; die Funk­ti­on des Kin­der­gel­des beschränkt sich inso­fern auf eine als vor­läu­fi­ger „Abschlag“ wir­ken­de Steu­er­ver­gü­tung [14].

Etwai­ge Benach­tei­li­gun­gen von Grenz­gän­gern gegen­über unein­ge­schränkt Kin­der­geld­be­rech­tig­ten sind zudem auf­grund der ander­wei­ti­gen Leis­tung und der Prak­ti­ka­bi­li­täts­an­for­de­run­gen an Kol­li­si­ons­re­geln bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten gerecht­fer­tigt. Zu dem Aspekt der ander­wei­ti­gen sozia­len Absi­che­rung (im Aus­land) tre­ten Grün­de der Ein­fach­heit des Rechts und des­sen Prak­ti­ka­bi­li­tät im Ver­wal­tungs­voll­zug, die die Kol­li­si­ons­norm des § 65 EStG eben­falls recht­fer­ti­gen [10].

Der Arbeit­neh­mer kann auch nicht ver­lan­gen, dass das Kin­der­geld nach dem EStG zu sei­nen Guns­ten zumin­dest in Höhe von 50% der gesetz­lich bestimm­ten Monats­be­trä­ge fest­ge­setzt wird.

Ein sol­cher Anspruch auf hälf­ti­ges Teil­kin­der­geld lie­ße sich im Wege der Ana­lo­gie allen­falls aus Arti­kel 12 Abs. 2 der VO Nr. 1408/​71 i. V. m. Arti­kel 7 Abs. 1 der DVO Nr. 574/​72 her­lei­ten. Die­se Ana­lo­gie wür­de indes­sen vor­aus­set­zen, dass auf­grund des Zusam­men­tref­fens von Leis­tungs­an­sprü­chen ver­schie­de­ner EU-Staa­ten eine Leis­tungs­kür­zung oder ein Leis­tungs­aus­schluss in den betref­fen­den Staa­ten (im Streit­fall: sowohl in Deutsch­land als auch in Polen) gedroht hät­te. Ein sol­che Kür­zung von Fami­li­en­leis­tun­gen war im Streit­fall jedoch nicht zu befürch­ten, da die mit den gemein­sa­men Kin­dern in Polen leben­de Ehe­frau des Arbeit­neh­mers in Polen für bei­de Kin­der jeden­falls im gesam­ten strei­ti­gen Zeit­raum noch die unge­kürz­ten Fami­li­en­leis­tun­gen erhal­ten hat [15].

Soweit der Arbeit­neh­mer Kin­der­geld­an­sprü­che für die bei­den älte­ren Kin­der „X“ und „Q“ betr.10.und Novem­ber 2006 gel­tend macht, bejaht das Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf dage­gen den Kin­der­geld­an­spruch: Inso­weit beur­teilt das Finanz­ge­richt die vor­lie­gen­de Kla­ge nach deut­schem Kin­der­geld­recht; hier­zu schließt er sich zu der Fra­ge der Anwend­bar­keit der VO 1408/​71 der oben genann­ten ers­ten Rechts­an­sicht an, dass der Arbeit­neh­mer hier bereits aus dem per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich aus­schei­det. Der Kin­der­geld­an­spruch nach §§ 62, 63 EStG ist inso­weit nicht nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG aus­ge­schlos­sen, weil dem Arbeit­neh­mer in dem genann­ten zwei­mo­na­ti­gen Umfang betr. die bei­den älte­ren Kin­der wegen Errei­chens der nach pol­ni­schem Recht maß­ge­ben­den Alters­gren­ze kein Anspruch auf pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen mehr zustand.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 13. Juli 2011 – 15 K 2520/​10 Kg

  1. FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 16.03.2010 – 10 K 1829/​09 Kg, Rev. BFH III R 27/​10; vom 27.04.2010 – 10 K 3402/​08 Kg, Rev. BFH III R 38/​10[]
  2. Hei­ni­cke in Schmidt, EStG, 30. Aufl.2011, § 1 Rdn. 70[]
  3. BVerfG, Urteil vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, BGBl I 2004, 2570[]
  4. EuGH, Urtei­le vom 20.05.2008, C–352/06, Bos­mann, HFR 2008, 877; vom 14.10.2010 – C‑16/​09, Schwem­mer, ABl.EU 2010, Nr. C 346, 8 Rz. 40; BFH, Urteil vom 07.04.2011 – III R 89/​08[]
  5. Hess. FG, Urteil vom 23.05.2007 – 3 K 3143/​06, EFG 2007, 1527; FG Köln, Urteil vom 21.01.2009 – 14 K 2020/​08, EFG 2009, 848; FG Müns­ter, Urteil vom 30.11.2009 – 8 K 2866/​08 Kg, EFG 2010, 731; FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 11.01.2010 – 7 K 4616/​08 Kg, Rev. BFH III R 83/​10; FG Baden-Würt­tem­berg vom 18.11.2008 4 K 4293/​08, Rev. BFH III R 96/​08; und vom 31.01.2011 12 K 928/​07, Rev. BFH III R 10/​11; vgl. auch BFH, Urteil vom 13.08.2002 – VIII R 54/​00, BFHE 200, 204, BStBl II 2002, 869: Auch der Gene­ral­staats­an­walt hat fest­ge­stellt, dass Arbeit­neh­mern und Selb­stän­di­gen das Recht auf Export der deut­schen Fami­li­en­leis­tun­gen nur dann gewährt wird, wenn der Berufs­tä­ti­ge der Soli­dar­ge­mein­schaft des deut­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tems ange­hört[]
  6. , FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 22.12.2008 10 K 404/​08 Kg, EFG 2009, 497, Rev. BFH III R 5/​09; vom 16.03.2010 – 10 K 1829/​09 Kg, Rev. BFH III R 27/​10; vom 27.04.2010 – 10 K 3402/​08 Kg, Rev. BFH III R 38/​10[]
  7. FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 24.09.2010 – 16 K 4953/​08 Kg, Rev. BFH III R 61/​10; vom 05.10.2010 – 16 K 3718/​08 Kg[]
  8. EuGH, Urteil vom 20.05.2008, C–352/06, HFR 2008, 877; kei­ne Anwen­dungs­be­stim­mung zuguns­ten des natio­na­len Rechts, vgl. hier­zu im ein­zel­nen FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 27.04.2010 – 10 K 3402/​08 Kg Rev. BFH III R 38/​10; vom 24.09.2010 – 16 K 4953/​08 Kg, Rev. BFH III R 61/​10[]
  9. vgl. BFH, Urteil vom 27.10.2004, VIII R 104/​01, BFH/​NV 2005, 341[]
  10. BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, BGBl I 2004, 2570[][]
  11. FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 11.01.2010 – 7 K 4616/​08 Kg, Rev. BFH III R 83/​10; vom 01.02.2011 – 10 K 1723/​08 Kg; FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 14.02.2011 – 10 K 91/​10[]
  12. BFH in sei­ner – noch anhän­gi­gen – EuGH-Vor­la­ge vom 21.10.2010 – III R 5/​09, BFHE 231, 183, BFH/​NV 2011, 360[]
  13. vgl. hier­zu Kanz­ler in Herrmann/​Heuer/​Raupach, EStG, § 31 Rdn. 36 ff.; Dürr in Frot­scher, EStG, § 31 Rdn. 47 ff.; Sel­der in Blü­mich, EStG, § 31 Rdn. 100 f.[]
  14. BVerfG, Beschluss vom 08.06.2004 – 2 BvL 5/​00, BVerfGE 110, 412, BGBl I 2004, 2570; vgl. auch FG Baden-Württemberg,Urteil vom 18.11.2008 – 4 K 4293/​08, EFG 2009, 264[]
  15. vgl. Hess. FG, Urteil vom 23.05.2007 – 3 K 3143/​06, EFG 2007, 1527; FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 18.11.2008 – 4 K 4293/​08, EFG 2007, 1527[]