Kin­der­geld für EU-Uni­ons­bür­ger – und der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te

Die Erlaub­nis eines Bevoll­mäch­tig­ten zur Erbrin­gung von Rechts­dienst­leis­tun­gen auf dem Gebiet eines aus­län­di­schen Rechts sowie des Rechts der EU umfasst nicht die Ver­tre­tung von Uni­ons­bür­gern im Ver­fah­ren vor der Fami­li­en­kas­se wegen Kin­der­geld.

Kin­der­geld für EU-Uni­ons­bür­ger – und der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te

Ver­fah­ren betref­fend Kin­der­geld gehö­ren zu den Steu­er­sa­chen i.S. des § 80 Abs. 5 AO. Das Kin­der­geld ist als Steu­er­ver­gü­tung aus­ge­stal­tet (vgl. § 31 Satz 3 EStG). Auch soweit das Kin­der­geld nach § 31 Satz 2 EStG der För­de­rung der Fami­lie dient, stellt es kei­ne Sozi­al­leis­tung im for­mel­len Sinn dar, son­dern eine ein­kom­men­steu­er­recht­li­che För­de­rung der Fami­lie durch eine Sozi­al­zweck­norm1. Nur soweit Ansprü­che als rei­ne Sozi­al­leis­tun­gen nach dem Bun­des­kin­der­geld­ge­setz (BKGG) gel­tend gemacht wer­den, han­delt es sich um ein eige­nes Ver­fah­ren, für das der Rechts­weg zu den Sozi­al­ge­rich­ten gege­ben ist (§ 15 BKGG).

Nach § 3a Abs. 1 Satz 1 StBerG sind Per­so­nen, die in einem ande­ren Mit­glied­staat der EU oder in einem ande­ren Ver­trags­staat des Abkom­mens über den EWR oder in der Schweiz beruf­lich nie­der­ge­las­sen sind und dort befugt geschäfts­mä­ßig Hil­fe in Steu­er­sa­chen nach dem Recht des Nie­der­las­sungs­staa­tes leis­ten, zur vor­über­ge­hen­den und gele­gent­li­chen geschäfts­mä­ßi­gen Hil­fe­leis­tung in Steu­er­sa­chen auf dem Gebiet Deutsch­lands befugt. Der Umfang der Befug­nis zur Hil­fe­leis­tung in Steu­er­sa­chen im Inland rich­tet sich nach dem Umfang die­ser Befug­nis im Nie­der­las­sungs­staat (§ 3a Abs. 1 Satz 2 StBerG).

Nach § 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 RDG dür­fen natür­li­che und juris­ti­sche Per­so­nen sowie Gesell­schaf­ten ohne Rechts­per­sön­lich­keit, die bei der zustän­di­gen Behör­de regis­triert sind (regis­trier­te Per­so­nen), auf­grund beson­de­rer Sach­kun­de Rechts­dienst­leis­tun­gen in einem aus­län­di­schen Recht erbrin­gen. Ist das aus­län­di­sche Recht das Recht eines Mit­glied­staa­tes der EU, eines ande­ren Ver­trags­staa­tes des Abkom­mens über den EWR oder der Schweiz, darf auch auf dem Gebiet des Rechts der EU und des Rechts des EWR bera­ten wer­den (§ 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 2. Halb­satz RDG). Die Regis­trie­rung erfolgt auf Antrag und kann auf einen oder meh­re­re Teil­be­rei­che beschränkt wer­den (§ 10 Abs. 2 RDG).

Die Erlaub­nis nach dem RDG zur Erbrin­gung von Rechts­dienst­leis­tun­gen auf dem Gebiet eines aus­län­di­schen Rechts sowie des Rechts der EU steht der Zurück­wei­sung als Bevoll­mäch­ti­ger in Kin­der­geld­sa­chen nicht ent­ge­gen. Dabei kann offen blei­ben, inwie­weit das RDG über­haupt neben dem StBerG anwend­bar ist, weil nach § 1 Abs. 3 RDG Rege­lun­gen in ande­ren Geset­zen über die Befug­nis, Rechts­dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen, von dem RDG unbe­rührt blei­ben. Denn die Erlaub­nis des (hier: pol­ni­schen) Rechts­bei­stands, Rechts­dienst­leis­tun­gen auf dem Gebiet des pol­ni­schen Rechts sowie auf dem Gebiet des Rechts der EU und des Rechts des EWR zu erbrin­gen, umfasst nicht die Ver­tre­tung im Ver­fah­ren vor der Fami­li­en­kas­se wegen Kin­der­geld. Das Kin­der­geld­recht ist in §§ 31, 32, 62 ff. EStG gere­gelt und damit Teil des deut­schen Steu­er­rechts. Für das Ver­fah­ren sind die Vor­schrif­ten über die AO anzu­wen­den. Es kann dahin­ste­hen, ob das Kin­der­geld­recht, ins­be­son­de­re bei aus­län­di­schen Arbeit­neh­mern, über­wie­gend uni­ons­recht­li­che Bezü­ge auf­weist und der Rechts­bei­stand gera­de auf die­sem Rechts­ge­biet über beson­de­re Kennt­nis­se ver­fügt. Für die Ein­ord­nung eines Rechts­ge­biets ist die Rechts­na­tur der Anspruchs- und/​oder Ermäch­ti­gungs­grund­la­gen maß­geb­lich. Die Anspruchs­grund­la­gen für das Kin­der­geld sind in §§ 32, 62 ff. EStG gere­gelt. Uner­heb­lich ist, ob die­se Anspruchs­grund­la­gen durch das Uni­ons­recht eine beson­de­re Aus­ge­stal­tung erfah­ren und/​oder ob spe­zi­el­le Rechts­fra­gen im Zusam­men­hang mit den Anspruchs- oder Ermäch­ti­gungs­grund­la­gen nur mit­tels Aus­le­gung des Uni­ons­rechts beant­wor­tet wer­den kön­nen. Ande­ren­falls wären alle Rechts­fra­gen, die uni­ons­recht­li­che Bezü­ge auf­wei­sen, von der Erlaub­nis gedeckt. Der Bun­des­fi­nanz­hof muss nicht ent­schei­den, ob der Rechts­bei­stand zur Bera­tung befugt gewe­sen wäre, wenn deren Gegen­stand aus­schließ­lich Vor- oder Zwi­schen­fra­gen des pol­ni­schen Rechts, ggf. ein­schließ­lich sei­ner uni­ons­recht­li­chen Bezü­ge, gewe­sen wären.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Febru­ar 2018 – II R 3/​16

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 31.01.2007 – III B 167/​06, BFH/​NV 2007, 865 []