Kin­der­geld – und die feh­len­de Frei­zü­gig­keit von Uni­ons­bür­gern

Bei der Gewäh­rung von Kin­der­geld haben die Fami­li­en­kas­sen die hier­für erfor­der­li­che Frei­zü­gig­keit aus­län­di­scher Uni­ons­bür­ger zu unter­stel­len. Die Fest­stel­lung der feh­len­den Frei­zü­gig­keit, die den Kin­der­geld­an­spruch aus­schlie­ßen kann, obliegt aus­schließ­lich den Aus­län­der­be­hör­den, die Fami­li­en­kas­sen haben inso­weit kein eige­nes Prü­fungs­recht.

Kin­der­geld – und die feh­len­de Frei­zü­gig­keit von Uni­ons­bür­gern

Nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­te Aus­län­der erhal­ten Kin­der­geld nur, wenn sie über bestimm­te Auf­ent­halts­ti­tel nach dem Auf­ent­halts­ge­setz ver­fü­gen. Da die Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit von Bür­gern "neu­er" Mit­glied­staa­ten wie etwa im Fall von Bul­ga­ri­en und Rumä­ni­en für eine Über­gangs­zeit beschränkt war, war im vor­lie­gen­den Fall vom Bun­des­fi­nanz­hof zu ent­schei­den, ob Zwei­fel an der Frei­zü­gig­keits­be­rech­ti­gung den Kin­der­geld­an­spruch aus­schlie­ßen.

Dem zugrun­de lag der Fall eines bul­ga­ri­schen Staats­bür­gers, der seit März 2010 mit sei­ner Toch­ter in Ber­lin wohnt. In sei­nem Antrag auf Gewäh­rung von Kin­der­geld teil­te er mit, er sei nicht erwerbs­tä­tig und auch nicht in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sozi­al­ver­si­chert, son­dern wer­de von sei­ner Schwie­ger­mut­ter unter­hal­ten. Die Fami­li­en­kas­se lehn­te den Antrag ab und setz­te Kin­der­geld erst ab Mai 2012 fest, nach­dem der bul­ga­ri­sche Vater eine Frei­zü­gig­keits­be­schei­ni­gung erhal­ten hat­te.

Das Finanz­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg wies die Kla­ge ab, weil das Frei­zü­gig­keits­recht des bul­ga­ri­schen Vaters im Hin­blick auf den Kin­der­geld­an­spruch nicht unter­stellt wer­den kön­ne 1. Der Bun­des­fi­nanz­hof gab dage­gen der Kla­ge statt und ent­schied, dass bul­ga­ri­schen und rumä­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen unab­hän­gig von der für sie bis zum 31. Dezem­ber 2013 ein­ge­schränk­ten Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit ein allein aus der Uni­ons­bür­ger­schaft fol­gen­des Frei­zü­gig­keits­recht zusteht.

Die­ses Recht ent­fällt nur durch eine Fest­stel­lung der feh­len­den Frei­zü­gig­keit durch die zustän­di­ge Aus­län­der­be­hör­de (§ 5 Abs. 5, § 6 und § 7 des Geset­zes über die all­ge­mei­ne Frei­zü­gig­keit von Uni­ons­bür­gern). Die gemein­schafts­recht­li­che Frei­zü­gig­keit besteht zudem auch nach deut­schem Recht nicht nur für Arbeit­neh­mer, son­dern auch für nie­der­ge­las­se­ne selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­ti­ge, Emp­fän­ger von Dienst­leis­tun­gen, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge usw. Die förm­li­che Fest­stel­lung der feh­len­den Frei­zü­gig­keit obliegt dabei allein den Aus­län­der­be­hör­den.

Der bul­ga­ri­sche Vater erfüllt im hier ent­schie­de­nen Fall ‑abge­se­hen von der Frei­zü­gig­keits­be­rech­ti­gung- unstrei­tig die Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­set­zung von Kin­der­geld für sei­ne bei­den Kin­der: Er hat mit sei­nen bei­den Kin­dern einen gemein­sa­men Wohn­sitz im Inland (§ 62 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und § 63 Abs. 1 EStG) und er ist auf­grund der Zustim­mung sei­ner Ehe­frau der berech­tig­te Eltern­teil (§ 64 Abs. 2 EStG).

Der bul­ga­ri­sche Vater ist ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg- auch frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ter Aus­län­der und unter­liegt des­halb nicht den Ein­schrän­kun­gen des § 62 Abs. 2 EStG.

Das Finanz­ge­richt ist zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass der Vater als bul­ga­ri­scher Staats­bür­ger im Streit­zeit­raum inner­halb der EU frei­zü­gig­keits­be­rech­tigt war. Es hat wei­ter zutref­fend erkannt, dass die Bun­des­re­gie­rung in Über­ein­stim­mung mit Art. 1 Abs. 3 des Ver­tra­ges zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on und der Repu­blik Bul­ga­ri­en und Rumä­ni­en 2 und abwei­chend von den Art. 1 bis 6 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/​68 des Rates vom 15.10.1968 über die Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer inner­halb der Gemein­schaft für den Zeit­raum bis zum 31.12 2013 eine Beschäf­ti­gung von bul­ga­ri­schen und rumä­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen nach § 284 SGB III von einer Geneh­mi­gung der Bun­des­agen­tur für Arbeit abhän­gig gemacht hat. Dem trägt § 13 FreizügG/​EU Rech­nung, wonach das FreizügG/​EU für die­sen Zeit­raum Anwen­dung fin­den soll, wenn die Beschäf­ti­gung durch die Bun­des­agen­tur für Arbeit gemäß § 284 Abs. 1 SGB III geneh­migt wur­de.

Die­se Ein­schrän­kung bewirkt aber nicht, dass ein Uni­ons­bür­ger bei feh­len­der arbeits­recht­li­cher Geneh­mi­gung als nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ter Aus­län­der zu behan­deln ist. Denn jeder Uni­ons­bür­ger hat das Recht, sich im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten vor­be­halt­lich der in den Ver­trä­gen und in den Durch­füh­rungs­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Beschrän­kun­gen und Bedin­gun­gen frei zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten.

Für Ange­hö­ri­ge eines Mit­glieds­staa­tes gilt gemäß Art. 21 Abs. 1 AEUV ein von der Arbeit­neh­mer-Frei­zü­gig­keit unab­hän­gi­ges Frei­zü­gig­keits­recht, das allein aus der Uni­ons­bür­ger­schaft folgt und aus dem sich ein Auf­ent­halts­recht ergibt. Die­ses unmit­tel­bar anwend­ba­re sub­jek­tiv-öffent­li­che Recht steht den Uni­ons­bür­gern, und zwar auch den Ange­hö­ri­gen der Bei­tritts­staa­ten, die hin­sicht­lich des Zugan­ges zum Arbeits­markt Beschrän­kun­gen unter­la­gen, unab­hän­gig vom Zweck sei­ner Inan­spruch­nah­me zu 3. Das Auf­ent­halts­recht ent­fällt auch bei Ange­hö­ri­gen der zum 1.01.2007 bei­getre­te­nen Mit­glied­staa­ten Bul­ga­ri­en und Rumä­ni­en allein durch einen Ver­wal­tungs­akt nach § 5 Abs. 5, § 6 und § 7 FreizügG/​EU 4.

Die gemein­schafts­recht­li­che Frei­zü­gig­keit besteht zudem auch nach deut­schem Recht nicht nur für Arbeit­neh­mer, die einer Geneh­mi­gung bedür­fen (§ 2 Abs. 2 Nr. 1, § 13 FreizügG/​EU i.V.m. § 284 SGB III), son­dern nach § 2 Abs. 2 Nr. 2 ff. FreizügG/​EU auch für nie­der­ge­las­se­ne selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­ti­ge, Emp­fän­ger von Dienst­leis­tun­gen, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge usw. Die förm­li­che Fest­stel­lung der feh­len­den Frei­zü­gig­keit obliegt dabei allein den Aus­län­der­be­hör­den und den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten, nicht jedoch den Fami­li­en­kas­sen. Erst nach einer Fest­stel­lung des Nicht­be­stehens oder des Ver­lus­tes des Rechts nach § 2 Abs. 1 FreizügG/​EU fän­de gemäß § 11 Abs. 2 FreizügG/​EU das Auf­ent­halts­ge­setz Anwen­dung, so dass der Uni­ons­bür­ger einen Auf­ent­halts­ti­tel nach dem Auf­ent­halts­ge­setz benö­tigt, will er sich wei­ter­hin legal in Deutsch­land auf­hal­ten und Kin­der­geld bean­spru­chen (§ 62 Abs. 2 EStG). An einer der­ar­ti­gen Ent­schei­dung der Aus­län­der­be­hör­de fehl­te es hier.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 15. März 2017 – III R 32/​15

  1. FG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 22.04.2015 – 12 K 12140/​13[]
  2. ABl.EU vom 21.06.2005, Nr. L 157, S. 11[]
  3. BFH, Beschluss vom 27.04.2015 – III B 127/​14, BFHE 249, 519, BSt­Bl II 2015, 901[]
  4. BSG, Urteil in BSGE 113, 60, Rz 20, betref­fend Sozi­al­hil­fe für Schwan­ge­re; Sie­gers, HFR 2015, 953; Hart­mann, Der Ertrag-Steu­er-Bera­ter 2015, 358[]