Kin­der­geld für das arbeits­lo­se behin­der­te Kind

Für ein voll­jäh­ri­ges, arbeits­lo­ses, behin­der­tes Kind besteht ein Anspruch auf Kin­der­geld nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG, wenn die Behin­de­rung in erheb­li­chem Umfang mit­ur­säch­lich dafür ist, dass es kei­ne Arbeit fin­det und des­halb außer­stan­de ist, sei­nen Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten. Die Ent­schei­dung, ob eine erheb­li­che Mit­ur­säch­lich­keit gege­ben ist, ist unter Wür­di­gung der Umstän­de des ein­zel­nen Fal­les zu tref­fen [1].

Kin­der­geld für das arbeits­lo­se behin­der­te Kind

Ist kei­ne erheb­li­che Mit­ur­säch­lich­keit anzu­neh­men, besteht nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs ein Anspruch auf Kin­der­geld auch dann, wenn die Ein­künf­te, die das Kind aus einer –trotz der Behin­de­rung mög­li­chen– Erwerbs­tä­tig­keit erzie­len könn­te, nicht aus­rei­chen wür­den, sei­nen gesam­ten Lebens­be­darf (exis­ten­zi­el­len Grund­be­darf und behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­be­darf) zu decken.

Kin­der­geld­an­spruch für voll­jäh­ri­ge, behin­der­te Kin­der

Gemäß § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht für ein voll­jäh­ri­ges Kind unter wei­te­ren –hier nicht strei­ti­gen– Vor­aus­set­zun­gen ein Anspruch auf Kin­der­geld, wenn es wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs [2] ist ein behin­der­tes Kind außer­stan­de, sich selbst zu unter­hal­ten, wenn es sei­nen gesam­ten not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt nicht mit den ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den finan­zi­el­len Mit­teln bestrei­ten kann. Der exis­ten­zi­el­le Lebens­be­darf des behin­der­ten Kin­des setzt sich typi­scher­wei­se zusam­men aus dem all­ge­mei­nen Lebens­be­darf (Grund­be­darf), der sich an dem maß­geb­li­chen Jah­res­grenz­be­trag nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG ori­en­tiert, und dem indi­vi­du­el­len behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­be­darf. Wer­den die behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­auf­wen­dun­gen nicht im Ein­zel­nen nach­ge­wie­sen, kann der maß­geb­li­che Behin­der­ten-Pausch­be­trag nach § 33b Abs. 1 bis 3 EStG als Anhalt für den Mehr­be­darf die­nen.

Ursäch­lich­keit der Behin­de­rung für die Arbeits­lo­sig­keit

Ein behin­der­tes Kind kann sowohl wegen der Behin­de­rung als auch wegen der all­ge­mei­nen ungüns­ti­gen Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt oder wegen ande­rer Umstän­de (z.B. man­geln­der Mit­wir­kung bei der Arbeits­ver­mitt­lung, Ableh­nung von Stel­len­an­ge­bo­ten) arbeits­los und damit außer­stan­de sein, sich selbst zu unter­hal­ten. Ein Anspruch auf Kin­der­geld besteht nur dann, wenn die Behin­de­rung nach den Gesamt­um­stän­den des Ein­zel­fal­les in erheb­li­chem Umfang mit­ur­säch­lich dafür ist, dass das Kind nicht sei­nen (gesam­ten) Lebens­un­ter­halt durch eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit bestrei­ten kann [3].

Nicht ursäch­lich ist die Behin­de­rung in der Regel bei einem Grad der Behin­de­rung von weni­ger als 50. Bei einem Grad der Behin­de­rung von 50 –wie im Streit­fall– oder mehr müs­sen beson­de­re Umstän­de hin­zu­tre­ten, auf­grund derer eine Erwerbs­tä­tig­keit unter den übli­chen Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes aus­ge­schlos­sen erscheint. Ist im Aus­weis über die Eigen­schaft als schwer­be­hin­der­ter Mensch oder im Fest­stel­lungs­be­scheid das Merk­mal „H“ (hilf­los) ein­ge­tra­gen, kann grund­sätz­lich eine Ursäch­lich­keit ange­nom­men wer­den [3].

Als Indiz dafür, ob das Kind sei­nen Lebens­un­ter­halt durch eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit bestrei­ten kann, kom­men Fest­stel­lun­gen in ärzt­li­chen Gut­ach­ten –der Reha/SB-Stel­le der Agen­tur für Arbeit oder eines vom Gericht beauf­trag­ten ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen– in Betracht, in wel­chem Umfang das Kind nach Art und Schwe­re sei­ner Behin­de­rung in der Lage ist, eine Beschäf­ti­gung unter den übli­chen Bedin­gun­gen des für ihn in Betracht kom­men­den Arbeits­mark­tes aus­zu­üben [4].

Ein Indiz für eine Ver­mit­tel­bar­keit des behin­der­ten Kin­des auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt kann z.B. auch eine –nicht behin­de­rungs­spe­zi­fi­sche– Berufs­aus­bil­dung sein [5].

Steht das behin­der­te Kind der Arbeits­ver­mitt­lung der Agen­tur für Arbeit zur Ver­fü­gung und kann die Agen­tur in einem mit­tel­fris­ti­gen Zeit­raum kei­ne Stel­len­an­ge­bo­te benen­nen oder hat sich das behin­der­te Kind mit­tel­fris­tig mehr­fach erfolg­los bewor­ben, wird dies in der Regel gegen des­sen Ver­mit­tel­bar­keit spre­chen und somit dafür, dass die Behin­de­rung in erheb­li­chem Umfang mit­ur­säch­lich war für die man­geln­de Fähig­keit zum Selbst­un­ter­halt durch eige­ne Erwerbs­tä­tig­keit [6].

Fik­ti­ver Arbeits­lohn und über­schie­ßen­der Lebens­be­darf

Ist dage­gen die Behin­de­rung sei nicht in erheb­li­chem Umfang mit­ur­säch­lich dafür gewe­sen, dass das behin­der­te Kind kei­ne Arbeit gefun­den hat, so ist zu ermit­teln, wie hoch der tat­säch­li­che Lebens­be­darf (Grund­be­darf und behin­de­rungs­be­ding­ter Mehr­be­darf) gewe­sen ist und ob der in der Regel für eine Tätig­keit von 20 Wochen­stun­den gezahl­te Arbeits­lohn aus­ge­reicht hät­te, um den gesam­ten Lebens­be­darf zu finan­zie­ren.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 22. Okto­ber 2009 III R 50/​07

  1. Bestä­ti­gung von BFH, Urteil vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BFH/​NV 2009, 638[]
  2. BFH, Urteil vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BFH/​NV 2009, 638, unter II.1.a, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BFH/​NV 2009, 638[][]
  4. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BFH/​NV 2009, 638, unter II.2.a, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BFH/​NV 2009, 638, unter II.2.d[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 223, 365, BFH/​NV 2009, 638, unter 2.e[]