Kin­der­geld für das in Polen leben­de Kind

Einem pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, der in Deutsch­land einer selb­stän­di­gen Tätig­keit nach­geht und einen inlän­di­schen Wohn­sitz hat, steht nach einem Urteil des Finanz­ge­richts Müns­ter für sein min­der­jäh­ri­ges Kind, das gemein­sam mit der Ehe­frau in Polen lebt, Kin­der­geld zu.

Kin­der­geld für das in Polen leben­de Kind

Die Müns­te­ra­ner Finanz­rich­ter spra­chen dem pol­ni­schen Vater einen Anspruch auf vol­les inlän­di­sches Kin­der­geld zu. Eine Anrech­nung fik­ti­ven pol­ni­schen Kin­der­gel­des kommt, so das Finanz­ge­richt Müns­ter, eben­so wenig in Betracht wie die hälf­ti­ge Kür­zung des inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruchs.

Der deut­sche Kin­der­geld­an­spruch[↑]

Die per­sön­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­set­zung von Kin­der­geld gemäß § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG lie­gen vor. Der kla­gen­de Vater hat­te wäh­rend des Streit­zeit­raums einen inlän­di­schen Wohn­sitz i.S. des § 8 AO. Eben­so ist die min­der­jäh­ri­ge Toch­ter des Klä­gers als Kind i.S. des § 32 Abs. 1 EStG zu berück­sich­ti­gen, § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG. Es reicht aus, wenn – wie im Streit­fall – das Kind sei­nen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on hat, § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG. Polen ist seit dem 01.05.2004 Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on.

Die (fik­ti­ve) Anrech­nung pol­ni­schen Kin­der­gel­des[↑]

Eine Anrech­nung – fik­ti­ver – Fami­li­en­leis­tun­gen in Polen für die Toch­ter gemäß § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG ist aus­ge­schlos­sen. Nach die­ser Vor­schrift wird im Inland kein Kin­der­geld gezahlt, sofern für das Kind im Aus­land Kin­der­geld oder ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen bewil­ligt wer­den. Glei­ches gilt, wenn jene aus­län­di­schen Leis­tun­gen bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wären.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen des § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG sind im Streit­fall nicht gege­ben, wie das Finanz­ge­richt Müns­ter fest­stell­te:

Nach Art. 1 Nr. 2 Ziff. 1) und Art. 2 Ziff. 1) des Pol­ni­schen Geset­zes über Fami­li­en­leis­tun­gen vom 28.12.2003 1 wird Kin­der­geld als Fami­li­en­leis­tung an pol­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge gezahlt, und zwar unter ande­rem an die Eltern oder an den tat­säch­li­chen Betreu­er des Kin­des (Art. 4 Nr. 2). Aller­dings erfolgt die Zah­lung nur, soweit das monat­li­che Fami­li­en­ein­kom­men pro Fami­li­en­mit­glied höchs­tens PLN 504 beträgt (Art. 5 Nr. 1). Bei einer drei­köp­fi­gen Fami­lie beträgt das monat­li­che Pro-Kopf-Ein­kom­men PLN 1.512. Dies ent­spricht einem Umrech­nungs­be­trag von ca. 359 € (Stand: 15.10.2009).

Im kon­kre­ten, vom Finanz­ge­richt Müns­ter ent­schie­de­nen Rechts­streit hat­ten aber bereits die vom Klä­ger in den Jah­ren 2007 und 2008 erziel­ten Ein­künf­te aus Gewer­be­be­trieb im Inland die­se Gren­ze bei wei­tem über­schrit­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ist zu erklä­ren, dass weder der Klä­ger noch des­sen Ehe­frau in Polen Kin­der­geld für die Toch­ter bezo­gen haben und selbst bei einer ent­spre­chen­den Antrag­stel­lung nicht erhal­ten hät­ten. Glei­ches gilt zur Über­zeu­gung des Finanz­ge­richts Müns­ter auch dann, wenn sich die Höhe des monat­li­chen Fami­li­en­ein­kom­mens nach Maß­ga­be des Pol­ni­schen Geset­zes über Fami­li­en­leis­tun­gen nicht am jeweils aktu­el­len Jahr, son­dern am Vor­jahr ori­en­tie­ren wür­de. Der Klä­ger ging seit Novem­ber 2004 in Deutsch­land gewerb­li­chen Betä­ti­gun­gen nach (Tro­cken­bau, Akus­tik­bau, Abbruch­ar­bei­ten, Tape­zier- und Streich­ar­bei­ten, Putz­ar­bei­ten, Lackie­rer­hand­werk). Gemes­sen an den bekann­ten Ein­künf­ten für die Jah­re 2007 und 2008 liegt es nur nahe, dass der Klä­ger auch in den Vor­jah­ren ab 2005 der Höhe nach ver­gleich­ba­re Ein­künf­te erzielt hat; andern­falls wäre die Inkauf­nah­me ins­be­son­de­re des per­sön­li­chen Auf­wands für den ansons­ten in Polen wohn­haf­ten Klä­ger nicht nach­voll­zieh­bar. Jeden­falls dürf­te der Klä­ger auch in den Jah­ren 2005 und 2006 im Inland gewerb­li­che Ein­künf­te erzielt haben, die bei wei­tem die nied­ri­gen Ein­kom­mens­gren­zen des Pol­ni­schen Geset­zes über Fami­li­en­leis­tun­gen über­schrit­ten haben.

Kei­ne Kür­zung nach EU-Recht[↑]

Der somit nach deut­schem Recht gege­be­ne Anspruch auf Kin­der­geld ist nicht auf­grund der Rege­lun­gen in Art. 76 Abs. 1 und 2 Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 des Rates vom 14.06.1971 bzw. Art. 10 Abs. 1a Ver­ord­nung (EWG) 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 bzw. nach Art. 12 Abs. 2 Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 i. V. m. Art. 7 Abs. 1 Ver­ord­nung (EWG) 574/​72 zu kür­zen.

Denn zum einen unter­liegt der Klä­ger bereits nicht dem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich der Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71. Dies ergibt sich aus Art. 2 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EWG) i.V.m. Anhang I Teil I E Buchst. b) der Ver­ord­nung (EGW) 1408/​71. Hier­nach gilt als Selb­stän­di­ger i.S. des Art. 1 Buchst. a) Zif­fer i) ii) der Ver­ord­nung, wer eine Tätig­keit als Selb­stän­di­ger aus­übt und in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­che­rungs­pflich­tig ist. Der Klä­ger ist nicht in der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­che­rungs­pflich­tig. Die Vor­schrif­ten von § 2 SGB VI lie­gen nicht vor.

Zudem sind – unab­hän­gig vom per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 auch die sach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Kür­zung des inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruchs nicht erfüllt. Nach Art 76 Abs. 1 Ver­ord­nung (EGW) 1408/​71 ruht ein Anspruch auf die nach den Rechts­vor­schrif­ten eines Mit­glied­staats gemäß Art. 73 Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 geschul­de­ten Fami­li­en­leis­tun­gen bis zu dem in den Rechts­vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staats vor­ge­se­he­nen Betrag, wenn für ein und den­sel­ben Zeit­raum für ein und den­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in den Rechts­vor­schrif­ten des ande­ren Mit­glied­staats, in des­sen Gebiet die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen woh­nen, Fami­li­en­leis­tun­gen auf­grund der Aus­übung einer beruf­li­chen Tätig­keit vor­ge­se­hen sind. Wird in die­sem Mit­glied­staat kein Antrag auf Leis­tungs­ge­wäh­rung gestellt, so kann der zustän­di­ge Trä­ger des Mit­glied­staats, in dem der Anspruch ganz oder teil­wei­se ruht, Art. 76 Abs. 1 Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 anwen­den, als ob Leis­tun­gen in dem ande­ren Mit­glied­staat gewährt wür­den (vgl. Art. 76 Abs. 2 Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71). Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrif­ten sind im Streit­fall nicht erfüllt, weil für den Kl. auf­grund der Höhe der Ein­künf­te (Pro-Kopf-Ein­kom­men) in Polen kein Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen für Kin­der besteht. Die inso­fern zu berück­sich­ti­gen­de Kon­kurr­renz­si­tua­ti­on zwi­schen Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen – Kin­der­geld – aus zwei Staa­ten stellt sich dem­nach vor­lie­gend nicht.

Die Fest­set­zung von Kin­der­geld in Höhe der Hälf­te des gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Betrags lässt sich fer­ner nicht auf Art. 12 Abs. 2 Ver­ord­nung (EWG) 1408/​71 i.V.m. Art. 7 Abs. 1 Ver­ord­nung (EWG) 574/​72 stüt­zen. Art. 7 Abs. 1 Ver­ord­nung (EGW) 574/​72 sieht für den Fall, dass nach den Rechts­vor­schrif­ten von zwei oder mehr Mit­glied­staa­ten geschul­de­te Leis­tun­gen gegen­sei­tig gekürzt, zum Ruhen gebracht oder ent­zo­gen wer­den kön­nen, vor, dass Beträ­ge, die bei stren­ger Anwen­dung der in den Rechts­vor­schrif­ten der betref­fen­den Mit­glied­staa­ten vor­ge­se­he­nen Kürzungs‑, Ruhens- oder Ent­zie­hungs­be­stim­mun­gen nicht aus­ge­zahlt wer­den kön­nen, durch die Zahl der zu kür­zen­den, zum Ruhen zu brin­gen­den oder zu ent­zie­hen­den Leis­tun­gen geteilt wer­den.

Aller­dings lie­gen auch die­se Vor­aus­set­zun­gen im Streit­fall nicht vor: Man­gels Anspruchs des Klä­gers oder sei­ner Ehe­frau auf pol­ni­sches Kin­der­geld grei­fen kei­ne Rechts­vor­schrif­ten zwei­er Mit­glied­staa­ten ein, nach denen die geschul­de­ten Leis­tun­gen gegen­sei­tig gekürzt, zum Ruhen gebracht oder ent­zo­gen wer­den kön­nen. Viel­mehr besteht nur ein Kin­der­geld­an­spruch nach deut­schem Recht.

Finanz­ge­richt Müns­ter, Urteil vom 30. Novem­ber 2009 – 8 K 2866/​08 Kg

  1. Gesetz­blatt Nr. 228/​2003 Pos. 2255[]