Kin­der­geld für das inhaf­tier­te behin­der­tes Kind

Die Behin­de­rung eines Kin­des ist für des­sen Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt nicht ursäch­lich, wenn es sich in Unter­su­chungs- und anschlie­ßen­der Straf­haft befin­det, selbst wenn die Straf­tat durch die Behin­de­rung geför­dert wur­de.

Kin­der­geld für das inhaf­tier­te behin­der­tes Kind

Ein Anspruch auf Kin­der­geld für ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, besteht unter den wei­te­ren ‑hier nicht strei­ti­gen- Vor­aus­set­zun­gen nach § 62 Abs. 1 Nr. 1, § 63 Abs. 1 Satz 1 EStG u.a., wenn ‑was vor­lie­gend allein in Fra­ge kommt- die­ses wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten und die Behin­de­rung vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs ‑bei Ein­tritt der Behin­de­rung vor dem 1.01.2007 des 27. Lebens­jahrs (§ 52 Abs. 40 Satz 8 EStG)- ein­ge­tre­ten ist (§ 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG).

§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG stellt indes nicht allein dar­auf ab, dass ein Kind kör­per­lich, geis­tig oder see­lisch behin­dert ist. Viel­mehr muss es "wegen" sei­ner Behin­de­rung außer­stan­de sein, sich selbst zu unter­hal­ten.

Ein behin­der­tes Kind ist imstan­de, sich selbst zu unter­hal­ten, wenn es über eine wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit ver­fügt, die zur Bestrei­tung sei­nes gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darfs aus­reicht 1. Hier­an fehlt es, soweit die Behin­de­rung einer Erwerbs­tä­tig­keit ent­ge­gen­steht und das Kind kei­ne ande­ren Ein­künf­te und Bezü­ge hat 2.

Nach dem Wort­laut des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG muss ein kin­der­geld­recht­lich zu berück­sich­ti­gen­des Kind "wegen" sei­ner Behin­de­rung außer­stan­de sein, sich selbst zu unter­hal­ten; die Behin­de­rung muss somit ursäch­lich für die Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt sein 3.

Soweit hier­ge­gen vor­ge­braucht wird, § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG kön­ne nach sei­nem Wort­laut nicht dahin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass die Inhaf­tie­rung eines behin­der­ten Kin­des, das wegen sei­ner Behin­de­rung zum Selbst­un­ter­halt unfä­hig sei, die Kin­der­geld­ge­wäh­rung grund­sätz­lich aus­schlie­ße, ver­mag der Bun­des­fi­nanz­hof dem nicht zu fol­gen.

Wenn ein Kind nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG kin­der­geld­recht­lich (dann) zu berück­sich­ti­gen ist, wenn es "wegen" sei­ner Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten, ste­hen weder Wort­laut noch Wort­sinn die­ser Vor­schrift dem ent­ge­gen, dass ein behin­der­tes Kind kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­det, weil es schon auf­grund sei­ner Inhaf­tie­rung zum Selbst­un­ter­halt unfä­hig ist.

Für behin­der­te Kin­der, die auf­grund einer straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung unter­ge­bracht sind, besteht kein Anspruch auf Kin­der­geld nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG 4.

Denn in die­sen Fäl­len ist die Ursäch­lich­keit der Behin­de­rung für die Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt zu ver­nei­nen 5. Tre­ten ‑wie hier mit der Inhaf­tie­rung- ande­re, die behin­de­rungs­be­ding­te Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt inso­weit über­ho­len­de Ursa­chen hin­zu, ist Kin­der­geld selbst dann zu ver­sa­gen, wenn die Bege­hung der zur Inhaf­tie­rung füh­ren­den Straf­tat behin­de­rungs­be­dingt ist 6. Wäh­rend der Haft ist ein Kind unab­hän­gig davon, ob es behin­dert ist oder nicht, grund­sätz­lich außer­stan­de einer Erwerbs­tä­tig­keit nach­zu­ge­hen 7. In die­sen Fäl­len steht ‑wor­auf die Fami­li­en­kas­se zu Recht hin­weist- nicht die Behin­de­rung eines Kin­des der Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit zur Bestrei­tung des Lebens­un­ter­halts ent­ge­gen, son­dern die Inhaf­tie­rung.

Die Inhaf­tie­rung begrün­det eben­so wie eine all­ge­mei­ne Situa­ti­on auf dem Arbeits­markt oder ande­re Umstän­de, wie z.B. man­geln­de Mit­wir­kung bei der Arbeits­ver­mitt­lung oder Ableh­nung von Stel­len­an­ge­bo­ten, die zur Arbeits­lo­sig­keit des behin­der­ten Kin­des und damit zu des­sen Unfä­hig­keit zum Selbst­un­ter­halt füh­ren 8, kei­ne Berück­sich­ti­gung als Kind nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG.

Aus der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zur Aus­le­gung des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG, wonach ein in Unter­su­chungs­haft genom­me­nes Kind aus­nahms­wei­se wei­ter­hin als in Aus­bil­dung befind­lich zu behan­deln ist, wenn es die begon­ne­ne Aus­bil­dung in der Haft nicht fort­setzt 9, folgt nichts ande­res. Denn die­se Recht­spre­chung betrifft ande­re Sach­ver­hal­te.

Der BFH hat­te in sei­nem in BFH/​NV 2006, 2067 zu ent­schei­den­den Fall maß­geb­lich dar­auf abge­stellt, dass das sei­ner­zeit in Polen inhaf­tier­te Kind die Unter­bre­chung sei­ner Aus­bil­dung nicht zu ver­tre­ten hat­te, weil es letzt­lich vom Tat­vor­wurf frei­ge­spro­chen wor­den war 10.

Im Streit­fall hat das Kind mit der Tötung einer Per­son dage­gen eine Straf­tat began­gen, für die er rechts­kräf­tig zu einer Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt wur­de. Ein der­ar­ti­ger Sach­ver­halt ist unab­hän­gig von der sub­jek­ti­ven Sicht des Kin­des und des­sen Schuld­fä­hig­keit von vorn­her­ein nicht ver­gleich­bar mit dem Fall, über den der BFH in BFH/​NV 2006, 2067 befun­den hat 11.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 30. April 2014 – XI R 24/​13

  1. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le vom 04.11.2003 – VIII R 43/​02, BFHE 204, 120, BSt­Bl II 2010, 1046, unter II. 1.c; vom 23.02.2012 – V R 39/​11, BFH/​NV 2012, 1584, Rz 16; vom 08.08.2013 – III R 30/​12, BFH/​NV 2014, 498, Rz 15[]
  2. vgl. dazu BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 40/​98, BFHE 189, 449, BSt­Bl II 2000, 75, unter II. 1.b[]
  3. vgl. dazu auch Finanz­ge­richt Nürn­berg, Urteil vom 17.01.2008 – IV 352/​2005, nicht ver­öf­fent­licht ‑n.v.-, juris; FG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 12.01.2010 6 K 2465/​08, EFG 2010, 658[]
  4. vgl. dazu BFH, Beschlüs­se vom 25.02.2009 – III B 47/​08, BFH/​NV 2009, 929; vom 08.11.2012 – VI B 86/​12, BFH/​NV 2013, 371; fer­ner BFH, Urteil vom 23.01.2013 – XI R 50/​10, BFHE 240, 300, BSt­Bl II 2013, 916, Rz 19[]
  5. vgl. dazu BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2009, 929; in BFH/​NV 2013, 371[]
  6. vgl. dazu auch Finanz­ge­richt Rhein­land-Pfalz in EFG 2010, 658; Nie­der­säch­si­sches Finanz­ge­richt, Beschluss vom 28.11.2012 2 K 240/​12, EFG 2013, 787[]
  7. vgl. dazu Finanz­ge­richt Nürn­berg, Urteil vom 17.01.2008 – IV 352/​2005, n.v.[]
  8. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BSt­Bl II 2010, 1057, unter II. 1.a; vom 15.03.2012 – III R 29/​09, BFHE 237, 68, BSt­Bl II 2012, 892, Rz 13; Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen vom 22.11.2010 – IV C 4‑S 2282/​07/​0006 – 01, 2010/​0912635, BSt­Bl I 2010, 1346[]
  9. vgl. dazu BFH, Urteil in BFH/​NV 2006, 2067; fer­ner BFH, Urteil in BFHE 240, 300, BSt­Bl II 2013, 916[]
  10. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2006, 2067, unter II. 1.c[]
  11. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 240, 300, BSt­Bl II 2013, 916, Rz 18, m.w.N.[]