Kin­der­geld für das voll­jäh­ri­ge, arbeits­un­fä­hi­ge Kind

Für die Berück­sich­ti­gung eines voll­jäh­ri­gen, nicht in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis ste­hen­den Kin­des beim Kin­der­geld ist erfor­der­lich, dass sich das Kind tat­säch­lich bei der Agen­tur für Arbeit als Arbeit­su­chen­der gemel­det und die Tat­sa­che sei­ner künf­ti­gen oder gegen­wär­ti­gen Arbeits­lo­sig­keit ange­zeigt hat 1. Die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der ist nicht allein des­halb ent­behr­lich, weil das voll­jäh­ri­ge, nicht in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis ste­hen­de Kind arbeits­un­fä­hig erkrankt ist; dies gilt jeden­falls dann, wenn das Kind tat­säch­lich nicht dar­an gehin­dert ist, sich bei der Agen­tur für Arbeit als Arbeit­su­chen­der zu mel­den.

Kin­der­geld für das voll­jäh­ri­ge, arbeits­un­fä­hi­ge Kind

Nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG wird ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, kin­der­geld­recht­lich berück­sich­tigt, wenn es noch nicht das 21. Lebens­jahr voll­endet hat, nicht in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis steht und bei einer Agen­tur für Arbeit im Inland als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist.

Zur Erfül­lung des letzt­ge­nann­ten Tat­be­stands­merk­mals genügt die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der; die übri­gen Merk­ma­le der Arbeits­lo­sig­keit i.S. des § 119 Abs. 1 des Drit­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch in der bis 31.03.2012 gel­ten­den Fas­sung 2 wie Eigen­be­mü­hun­gen und Ver­füg­bar­keit brau­chen nicht nach­ge­wie­sen zu wer­den. Das Gesetz unter­stellt typi­sie­rend, dass die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 118 ff. SGB III vor­lie­gen 3.

Als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist, wer gegen­über der zustän­di­gen Agen­tur für Arbeit per­sön­lich die Tat­sa­che einer künf­ti­gen oder gegen­wär­ti­gen Arbeits­lo­sig­keit anzeigt 4. Der Regis­trie­rung des arbeit­su­chen­den Kin­des und der dar­an anknüp­fen­den Beschei­ni­gung kommt kei­ne (ech­te) Tat­be­stands­wir­kung für den Kin­der­geld­an­spruch zu. Ent­schei­dend ist, ob sich das Kind im kon­kre­ten Fall tat­säch­lich bei der Arbeits­ver­mitt­lung als Arbeit­su­chen­der gemel­det bzw. die­se Mel­dung alle drei Mona­te erneu­ert hat 5.

Unter Her­an­zie­hung die­ser Grund­sät­ze ver­nei­te der Bun­des­fi­nanz­hof vor­lie­gend einen Kin­der­geld­an­spruch: Der Sohn R ist nicht nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG berück­sich­ti­gungs­fä­hig, da er sich im Streit­zeit­raum nicht bei einer inlän­di­schen Agen­tur für Arbeit als Arbeit­su­chen­der gemel­det hat.

Der Sohn ist einem als arbeit­su­chend gemel­de­ten Kind auch nicht des­halb gleich­zu­stel­len, weil er infol­ge sei­nes Arbeits­un­falls arbeits­un­fä­hig erkrankt war.

Gegen eine sol­che Gleich­stel­lung spricht zunächst der Wort­laut des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG ("gemel­det ist"), wonach es ent­schei­dend dar­auf ankommt, dass sich das Kind im kon­kre­ten Fall tat­säch­lich bei der Arbeits­ver­mitt­lung als Arbeit­su­chen­der mel­det 6.

Die durch den Arbeits­un­fall ver­ur­sach­te Arbeits­un­fä­hig­keit des Soh­nes stand einer Mel­dung als Arbeit­su­chen­der bei der Agen­tur für Arbeit nicht ent­ge­gen, weil die­se kei­ne Ver­füg­bar­keit vor­aus­setzt.

Für den Begriff des "Arbeit­su­chen­den" ist für das Kin­der­geld auf die Vor­schrif­ten des Sozi­al­rechts, hier auf § 15 Satz 2 SGB III, zurück­zu­grei­fen, da der in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG gebrauch­te Begriff des "Arbeit­su­chen­den" im Steu­er­recht nicht gere­gelt ist 7.

Gemäß § 15 Satz 2 SGB III sind Arbeit­su­chen­de Per­so­nen, die eine Beschäf­ti­gung als Arbeit­neh­mer suchen.

Im Rah­men der Arbeits­ver­mitt­lung ist jede Per­son als Arbeit­su­chen­der anzu­se­hen, die ‑ohne Rück­sicht dar­auf, ob und in wel­cher Höhe sie bis­her beschäf­tigt gewe­sen ist- gegen­über dem Arbeits­amt (jetzt Agen­tur für Arbeit) den Wil­len bekun­det, in der Zukunft auf dem Arbeits­markt eine Beschäf­ti­gung auf­zu­neh­men 8. Die Art der bis­he­ri­gen sowie der zukünf­tig ange­streb­ten Beschäf­ti­gung sind für die Eigen­schaft als Arbeit­su­chen­der ohne Bedeu­tung 9. Es genügt die Fähig­keit, irgend­ei­ne Arbeit auf dem Arbeits­markt aus­üben zu kön­nen 10. Der Annah­me und Füh­rung eines Arbeits­ge­su­ches steht es nicht ent­ge­gen, wenn das Leis­tungs­ver­mö­gen des Arbeit­su­chen­den ein­ge­schränkt oder vor­über­ge­hend auf­ge­ho­ben ist 11. Der Arbeit­su­chen­de muss als sol­cher grund­sätz­lich ver­mitt­lungs­fä­hig sein, nicht erfor­der­lich ist jedoch, dass er ver­füg­bar i.S. des § 119 Abs. 1 Nr. 3 SGB III ist 12.

Vor­lie­gend war der Sohn auch tat­säch­lich nicht dar­an gehin­dert, sich bei der Agen­tur für Arbeit als Arbeit­su­chen­der zu mel­den.

Eine abwei­chen­de Beur­tei­lung folgt auch nicht dar­aus, dass der Sohn im Streit­zeit­raum Ver­letz­ten­geld bezog, da das Ver­letz­ten­geld nicht dem Arbeits­lo­sen­geld gleich­zu­stel­len ist.

Nach der Recht­spre­chung des BFH dient zwar neben der Beschei­ni­gung der Mel­dung als Arbeit­su­chen­der durch die Agen­tur für Arbeit auch der Nach­weis der Arbeits­lo­sig­keit oder des Bezugs von Arbeits­lo­sen­geld nach dem SGB III als Nach­weis der Mel­dung als Arbeit­su­chen­der 13. Der Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld setzt jedoch u.a. vor­aus, dass sich der Arbeits­lo­se bei der Agen­tur für Arbeit arbeits­los gemel­det hat (vgl. § 118 Abs. 1 Nr. 2 SGB III, jetzt § 137 Abs. 1 Nr. 2 SGB III) und sich somit der Arbeits­ver­mitt­lung durch die Agen­tur für Arbeit zur Ver­fü­gung stellt. Eine sol­che Mel­dung ist für den Bezug von Ver­letz­ten­geld ‑jeden­falls, wenn die Arbeits­un­fä­hig­keit wäh­rend der Aus­übung einer Arbeits­tä­tig­keit ein­tritt- grund­säch­lich nicht erfor­der­lich.

Da sich der Sohn vor­lie­gend nicht bei der Agen­tur für Arbeit als Arbeit­su­chen­der gemel­det hat, kommt es auch nicht dar­auf an, ob eine etwai­ge Ver­wei­ge­rung der Regis­trie­rung eines sich als arbeit­su­chend mel­den­den Kin­des durch die Agen­tur für Arbeit einer Berück­sich­ti­gung i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG ent­ge­gen­steht. Denn Anknüp­fungs­punkt für eine kin­der­geld­recht­li­che Berück­sich­ti­gung ist der ver­wirk­lich­te und nicht ein hypo­the­ti­scher, nicht fest­ge­stell­ter Sach­ver­halt.

Der Hin­weis der Revi­si­on auf Abschn. A 13 Abs. 3 Satz 1 der DA-KG (Stand: 2014), wonach eine Berück­sich­ti­gung mög­lich ist, wenn das Kind wegen Erkran­kung nicht bei einer Agen­tur für Arbeit im Inland arbeit­su­chend gemel­det ist, führt zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung, da die DA-KG eine nor­min­ter­pre­tie­ren­de Ver­wal­tungs­an­wei­sung ist, wel­che die Gerich­te nicht bin­det 14.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 7. Juli 2016 – III R 19/​15

  1. Anschluss an BFH, Urtei­le vom 26.07.2012 – VI R 98/​10, BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443; und vom 18.06.2015 – VI R 10/​14, BFHE 250, 145, BSt­Bl II 2015, 940[]
  2. SGB III[]
  3. BFH, Urteil vom 18.06.2015 – VI R 10/​14, BFHE 250, 145, BSt­Bl II 2015, 940, Rz 18, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Urtei­le vom 26.07.2012 – VI R 98/​10, BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443, Rz 13, m.w.N., und in BFHE 250, 145, BSt­Bl II 2015, 940, Rz 21, m.w.N.[]
  5. BFH, Urteil in BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443, Rz 10, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. BFH, Urteil in BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443, Rz 10[]
  7. BFH, Urteil vom 07.04.2011 – III R 24/​08, BFHE 233, 44, BSt­Bl II 2012, 210, Rz 19[]
  8. BSG, Urteil vom 24.09.1974 – 7 RAr 51/​72, BSGE 38, 138, unter II.[]
  9. vgl. z.B. Becker in Eicher/​Schlegel, SGB III nF, § 15 Rz 36, 39, und Rade­ma­cher in Gemein­schafts­kom­men­tar zum Arbeits­för­de­rungs­recht ‑GK-SGB III‑, § 15 Rz 19, 22 f.[]
  10. vgl. BSG, Urteil vom 15.03.1967 7 RAr 19/​65, BSGE 26, 155, unter II.; und vom 23.03.1971 7 RAr 4/​68, Sozi­al­recht Nr 4 zu § 39 AVAVG, unter II., m.w.N.[]
  11. BSG, Urteil in BSGE 38, 138, unter II., m.w.N.; Becker in Eicher/​Schlegel, a.a.O., § 15 Rz 37, m.w.N.; Tim­me in Hauck/​Noftz, SGB III Arbeits­för­de­rung, K § 15 Rz 7, m.w.N., und Gutz­ler in Mutsch­ler/­Schmidt-De Caluwe/​Coseriu, Sozi­al­ge­setz­buch – III Arbeits­för­de­rung, Groß­kom­men­tar, 5. Aufl., § 15 Rz 18, m.w.N.[]
  12. vgl. BFH, Urteil in BFHE 233, 44, BSt­Bl II 2012, 210, Rz 20, m.w.N.[]
  13. BFH, Urteil vom 22.09.2011 – III R 78/​08, BFH/​NV 2012, 204, Rz 17, m.w.N., und BFH, Urteil in BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443, Rz 11[]
  14. z.B. BFH, Urteil vom 05.09.2013 – XI R 7/​12, BFHE 242, 399, BSt­Bl II 2014, 37, Rz 20, m.w.N.[]