Kin­der­geld für das voll­jäh­ri­ge Kind – und die Anfor­de­run­gen an die Suche einer Aus­bil­dungs­stel­le

Der Regis­trie­rung als Aus­bil­dungsu­chen­der kommt für den Anspruch auf Kin­der­geld kei­ne (ech­te) Tat­be­stands­wir­kung zu. Sie gilt des­halb als Indiz für das Bemü­hen des Kin­des um einen Aus­bil­dungs­platz auch dann nach Maß­ga­be des § 38 Abs. 4 SGB III n.F. fort, wenn die Agen­tur für Arbeit nach der ‑auch form­los mög­li­chen- Mel­dung des Kin­des die Regis­trie­rung ohne Grund wie­der löscht.

Kin­der­geld für das voll­jäh­ri­ge Kind – und die Anfor­de­run­gen an die Suche einer Aus­bil­dungs­stel­le

Die Mel­dung als Aus­bil­dungsu­chen­der ist nach § 38 Abs. 4 SGB III n.F. nicht mehr auf drei Mona­te beschränkt. Die Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung ist nach § 38 Abs. 4 SGB III n.F. durch­zu­füh­ren, bis die Aus­bil­dungs­su­che in Aus­bil­dung, schu­li­sche Bil­dung oder Arbeit mün­det oder sich die Ver­mitt­lung ander­wei­tig erle­digt oder solan­ge der Aus­bil­dungsu­chen­de dies ver­langt. Die Agen­tur für Arbeit kann die Ver­mitt­lung ein­stel­len, wenn der Aus­bil­dungsu­chen­de die ihm nach § 38 Abs. 2 SGB III n.F., der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung oder dem Ver­wal­tungs­akt nach § 37 Abs. 3 Satz 4 SGB III n.F. oblie­gen­den Pflich­ten nicht erfüllt, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben.

Nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG wird ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, beim Kin­der­geld berück­sich­tigt, wenn es noch nicht das 21. Lebens­jahr voll­endet hat, nicht in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis steht und bei einer Agen­tur für Arbeit im Inland als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist.

Zur Erfül­lung des letzt­ge­nann­ten Tat­be­stands­merk­mals genügt die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der; die übri­gen Merk­ma­le der Arbeits­lo­sig­keit i.S. des § 119 Abs. 1 SGB III (hier: in der bis 31.03.2012 gel­ten­den Fas­sung) wie Eigen­be­mü­hun­gen und Ver­füg­bar­keit brau­chen nicht nach­ge­wie­sen zu wer­den. Viel­mehr unter­stellt das Gesetz typi­sie­rend, dass die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 118 ff. SGB III (hier: in der bis 31.03.2012 gel­ten­den Fas­sung) vor­lie­gen 1.

Nach § 38 SGB III in der im Streit­zeit­raum maß­ge­ben­den n.F. gel­ten für die An- und Abmel­dung als Arbeit­su­chen­der fol­gen­de Grund­sät­ze:

  • Der Regis­trie­rung des Kin­des bei der Agen­tur für Arbeit kommt eben­so wie dem Ende der Regis­trie­rung (Abmel­dung) kei­ne (ech­te) Tat­be­stands­wir­kung zu. Ent­schei­dend ist viel­mehr die nach Maß­ga­be des § 38 SGB III n.F. tat­säch­lich zu beur­tei­len­de Mel­de­si­tua­ti­on 2.
  • Als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist, wer gegen­über der zustän­di­gen Agen­tur für Arbeit per­sön­lich die Tat­sa­che einer künf­ti­gen oder gegen­wär­ti­gen Arbeits­lo­sig­keit anzeigt 3.

Da kei­ne aus­drück­li­che steu­er­li­che Rege­lung besteht, wann die­ser durch die Mel­dung begrün­de­te Sta­tus ent­fällt, sind für das Kin­der­geld die Vor­schrif­ten des Sozi­al­rechts, hier ins­be­son­de­re § 38 SGB III, her­an­zu­zie­hen 4. § 38 Abs. 3 SGB III n.F. beschränkt die Pflicht zur Ver­mitt­lung des Arbeit­su­chen­den ‑im Gegen­satz zu § 38 Abs. 4 Satz 2 SGB III a.F. 5- nicht mehr auf drei Mona­te; sie besteht grund­sätz­lich unbe­fris­tet fort 6. Aller­dings kann die Agen­tur für Arbeit gegen­über dem Arbeit­su­chen­den, der ‑wie J- nicht unter § 38 Abs. 3 Satz 1 SGB III n.F. fällt (u.a. Nicht­leis­tungs­be­zie­her), die Ver­mitt­lung gemäß § 38 Abs. 3 Satz 2 SGB III n.F. ein­stel­len, wenn die­ser die ihm nach § 38 Abs. 2 SGB III n.F., der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung oder dem Ver­wal­tungs­akt nach § 37 Abs. 3 Satz 4 SGB III n.F. oblie­gen­den Pflich­ten nicht erfüllt, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben. Für die­sen Fall sieht § 38 Abs. 3 Satz 3 SGB III n.F. als neue "Sank­ti­on" den Aus­schluss von der Ver­mitt­lung für zwölf Wochen vor (sog. Ver­mitt­lungs­sper­re; BFH, Urteil in BFHE 245, 200, BSt­Bl II 2015, 29; Gagel/​Winkler, a.a.O., § 38 Rz 60).

Für ein über 18 Jah­re altes Kind, das das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat, besteht nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG außer­dem ein Anspruch auf Kin­der­geld u.a. dann, wenn das Kind eine Berufs­aus­bil­dung man­gels Aus­bil­dungs­plat­zes nicht begin­nen oder fort­set­zen kann.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung erfor­dert die Berück­sich­ti­gung eines Kin­des gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG, dass sich die­ses ernst­haft um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht 7. Dabei ist das Bemü­hen um einen Aus­bil­dungs­platz glaub­haft zu machen. Pau­scha­le Anga­ben, das Kind sei im frag­li­chen Zeit­raum aus­bil­dungs­be­reit gewe­sen, es habe sich stän­dig um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht oder sei stets bei der Agen­tur für Arbeit als aus­bil­dungsu­chend gemel­det gewe­sen, rei­chen nicht aus. Um einer miss­bräuch­li­chen Inan­spruch­nah­me des Kin­der­gel­des ent­ge­gen zu wir­ken, muss sich die Aus­bil­dungs­be­reit­schaft des Kin­des durch beleg­ba­re Bemü­hun­gen um einen Aus­bil­dungs­platz objek­ti­viert haben 8. Nach­ge­wie­sen wer­den kann das ernst­haf­te Bemü­hen um einen Aus­bil­dungs­platz z.B. durch eine Beschei­ni­gung der Agen­tur für Arbeit, dass das Kind als Bewer­ber um eine beruf­li­che Aus­bil­dungs­stel­le regis­triert ist 9.

Auch der Regis­trie­rung als Aus­bil­dungsu­chen­der kommt ‑eben­so wie der Regis­trie­rung als Arbeit­su­chen­der- aller­dings kei­ne (ech­te) Tat­be­stands­wir­kung zu. Sie gilt des­halb als Indiz für das Bemü­hen des Kin­des um einen Aus­bil­dungs­platz auch dann nach Maß­ga­be des § 38 Abs. 4 SGB III n.F. fort, wenn die Agen­tur für Arbeit nach der ‑auch form­los mög­li­chen- Mel­dung des Kin­des die Regis­trie­rung ohne Grund wie­der löscht 10.

Die Mel­dung als Aus­bil­dungsu­chen­der ist nach § 38 Abs. 4 SGB III n.F. ‑eben­so wie die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der- nicht mehr auf drei Mona­te beschränkt 11. Die Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung ist nach § 38 Abs. 4 SGB III n.F. viel­mehr durch­zu­füh­ren, bis die oder "der Aus­bil­dungsu­chen­de in Aus­bil­dung, schu­li­sche Bil­dung oder Arbeit ein­mün­det oder sich die Ver­mitt­lung ander­wei­tig erle­digt" (§ 38 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 SGB III n.F.) oder "solan­ge die oder der Aus­bil­dungsu­chen­de dies ver­langt" (§ 38 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 SGB III n.F.). Aller­dings kann die Agen­tur für Arbeit auch gegen­über dem Aus­bil­dungsu­chen­den die Ver­mitt­lung gemäß § 38 Abs. 4 Satz 2 i.V.m. § 38 Abs. 3 Satz 2 SGB III n.F. ein­stel­len, wenn die­ser die ihm nach § 38 Abs. 2 SGB III n.F., der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung oder dem Ver­wal­tungs­akt nach § 37 Abs. 3 Satz 4 SGB III n.F. oblie­gen­den Pflich­ten nicht erfüllt, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben.

Soweit der BFH in dem Urteil in BFHE 222, 343, BSt­Bl II 2009, 1005 ent­schie­den hat, das aus­bil­dungsu­chen­de Kind müs­se zumin­dest alle drei Mona­te gegen­über der Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung sein Inter­es­se an einer wei­te­ren Ver­mitt­lung von Aus­bil­dungs­stel­len kund­tun, ist die­se Recht­spre­chung noch zu § 38 SGB III a.F. ergan­gen und durch die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung des § 38 SGB III n.F., die im vor­lie­gen­den Fall anzu­wen­den ist, für den Streit­zeit­raum über­holt. § 38 Abs. 4 SGB III a.F. sah ‑wie oben dar­ge­legt wur­de- eine Ein­stel­lung der Arbeits­ver­mitt­lung nach drei Mona­ten vor. Zwar ord­ne­te § 38 Abs. 3 SGB III a.F. für Aus­bil­dungsu­chen­de ‑anders als § 38 Abs. 4 Satz 2 SGB III a.F. für Arbeit­su­chen­de- die Ein­stel­lung der Ver­mitt­lung durch Zeit­ab­lauf nicht aus­drück­lich an. Den­noch war wegen des offen­sicht­li­chen Zeit­be­zugs der Rege­lung zu ver­mu­ten, dass das Kind an der Ver­mitt­lung eines Aus­bil­dungs­plat­zes nicht mehr inter­es­siert sei, wenn es sich nach Auf­for­de­rung oder für einen län­ge­ren Zeit­raum nicht mehr beim Arbeits­amt gemel­det hat­te. Da § 38 SGB III n.F. selbst für die Arbeits­ver­mitt­lung die Ein­stel­lung durch blo­ßen Zeit­ab­lauf aus­drück­lich nicht mehr vor­sieht 12, gibt es auch für die Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung nach der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung kei­nen "offen­sicht­li­chen Zeit­be­zug" mehr, der die Ver­mu­tung recht­fer­ti­gen könn­te, dass das Kind an der Ver­mitt­lung eines Aus­bil­dungs­plat­zes nach Ablauf von drei Mona­ten seit sei­ner Mel­dung als Aus­bil­dungsu­chen­der nicht mehr inter­es­siert sei. Der blo­ße Zeit­ab­lauf führt nach § 38 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Alter­na­ti­ve 2 SGB III n.F. auch nicht dazu, dass sich die Ver­mitt­lung auto­ma­tisch ander­wei­tig erle­digt. Die­se Rege­lung erfasst als Auf­fang­tat­be­stand die Fäl­le, in denen der Suchen­de die Dienst­leis­tung der Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung nicht mehr in Anspruch nimmt oder die Suche nach einer Aus­bil­dung ein­stellt 13.

Hier­nach ist ist für die Berück­sich­ti­gung des Kin­des als ein sol­ches ohne Beschäf­ti­gung nicht die Regis­trie­rung als arbeits­los bei der Agen­tur für Arbeit maß­geb­lich. Das Kind ist mit­hin nicht allein man­gels Regis­trie­rung bei der Berufs­be­ra­tung der Agen­tur für Arbeit als Bewer­ber für einen Aus­bil­dungs­platz nicht gemäß § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG als Kind zu berück­sich­ti­gen.

Maß­geb­lich ist nach den oben dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen dem­ge­gen­über viel­mehr, ob das Kind ei der Agen­tur für Arbeit als arbeit­su­chend oder für den Streit­zeit­raum bis Sep­tem­ber 2010 als aus­bil­dungsu­chend gemel­det war.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Juni 2015 – VI R 10/​14

  1. BFH, Urtei­le vom 26.07.2012 – III R 70/​10, BFH/​NV 2012, 1971; und vom 19.06.2008 – III R 68/​05, BFHE 222, 349, BSt­Bl II 2009, 1008[]
  2. BFH, Urtei­le vom 10.04.2014 – III R 37/​12, BFH/​NV 2014, 1726; vom 26.07.2012 – VI R 98/​10, BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443, und in BFH/​NV 2012, 1971[]
  3. BFH, Urteil in BFHE 238, 126, BSt­Bl II 2013, 443; eben­so BSG, Urtei­le vom 07.10.2004 – B 11 AL 23/​04 R, BSGE 93, 209; und vom 19.01.2005 – B 11a/​11 AL 41/​04 R[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 222, 349, BSt­Bl II 2009, 1008, unter II. 2.b[]
  5. dazu BFH, Urteil in BFHE 222, 349, BSt­Bl II 2009, 1008, unter II. 2.b[]
  6. BFH, Urtei­le vom 10.04.2014 – III R 19/​12, BFHE 245, 200, BSt­Bl II 2015, 29; und vom 26.08.2014 – XI R 1/​13, BFH/​NV 2015, 15; Gagel/​Winkler, SGB III, § 38 Rz 58[]
  7. BFH, Urtei­le vom 19.06.2008 – III R 66/​05, BFHE 222, 343, BSt­Bl II 2009, 1005; vom 22.09.2011 – III R 30/​08, BFHE 235, 327, BSt­Bl II 2012, 411; und vom 26.08.2014 – XI R 14/​12, BFH/​NV 2015, 322[]
  8. BFH, Urtei­le in BFHE 222, 343, BSt­Bl II 2009, 1005, unter II. 1.b, und in BFHE 235, 327, BSt­Bl II 2012, 411[]
  9. BFH, Urtei­le in BFHE 222, 343, BSt­Bl II 2009, 1005, m.w.N., und in BFHE 235, 327, BSt­Bl II 2012, 411[]
  10. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 235, 327, BSt­Bl II 2012, 411; und vom 17.07.2008 – III R 95/​07, BFH/​NV 2009, 367[]
  11. eben­so Jütt­ner, in: Mutsch­ler/­Schmidt-De Caluwe/​Coseriu, SGB III, 5. Aufl., § 38 Rz 89[]
  12. dazu BFH, Urteil in BFHE 245, 200, BSt­Bl II 2015, 29[]
  13. Jütt­ner, in: Mutsch­ler/­Schmidt- De Caluwe/​Coseriu, a.a.O., § 38 Rz 87[]